Die Rolle des Umstandes in Kleists Werk „Die Marquise von O...“ im Bezug auf Inhalt und Textstruktur


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorarbeit: Erfassen des Begriffes „Umstand“
2.1 Semantik: concret
2.2 Semantik: abtract
2.3 Struktur und Bewegungspotenzial

3. Herbeiführung des Umstandes im Werk (Phase I)
3.1 Ausgangspunkt mit Forderungen
3.2 Passivität und Niedersinken
3.3 Bewegung durch Auslassung
3.4 Zwischenfazit: Der Umstandsbegriff in Phase I des Werks

4. Bewegung im Umgang mit dem Umstand als stehendes Element
4.1 Wandel von Umstand zu Zustand
4.2 Agieren des Grafen
4.3 Bewegung im Familienkonstrukt
4.4 Zwischenfazit: Der Umstandsbegriff in „Phase II“ des Werks

5. Folgen des Umstandes (Phase III)
5.1 Versuch aktiver Beeinflussung des Umstandes
5.2 Umstandsabhängige Folgen
5.3 Zwischenfazit: Der Umstandsbegriff in „Phase III“ des Werks

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wollte man den Texten Kleists eine favorisierte Dynamik attestieren, so wäre diese sicher als Vertikalbewegung nach unten zu beschreiben. […] Mal mit tragischem, mal mit komischem Ausgang kämpft das Personal gegen die Gesetze der Schwerkraft; und auch dem wohl berühmtesten Gedankenstrich der Weltliteratur (Die Marquise von O...) geht ein „Niedersinken“ voraus.“[1]

Beim Lesen der Texte Heinrich von Kleists ist es wohl kaum möglich, nicht dem Sog unglaublicher Sprachgewalt zu verfallen. Bald wird der Leser erkennen, dass das Element der Dynamik innerhalb der Sprache hierfür verantwortlich ist. Etwa im „Erdbeben von Chili“ sind stetiges Fallen und Stürzen zu beobachten. Die Semantik des Zufalls durchflutet jenes Werk.

Auch in der Erzählung „Die Marquise von O...“ sind die Vertikalbewegungen äußerst markant; jedoch nicht in Verbindung mit dem Begriff des Zufalls, sondern nunmehr des Umstandes stehend. Diese Tatsache lässt folgende Untersuchungen zu: Zunächst ist auffällig, dass der Zufall aufgrund des durch Schwerkraft bedingten Prozesses des Fallens eindeutig der benannten Vertikalbewegung nach unten zuzuordnen ist. Zeichnet sich währenddessen der Umstand nicht durch eben Gegenteiliges, nämlich ein stehendes, in sich ruhendes Element aus? Es soll hierbei der Frage nachgegangen werden, weshalb der Text dennoch so auffallend von Dynamik geprägt ist.

Weiterhin soll nach der Verbindung zwischen der im Folgenden entwickelten horizontalen Struktur des Umstandes und den im Text vorzufindenden vertikalen Bewegungen geforscht werden.

Um eine Grundlage zur Nachvollziehbarkeit jener Problematik zu schaffen, wird der sich anschließenden Ausführung ein Überblick über die semantische Vielfalt des Umstandes vorausgehen. Das zentrale Interesse der Arbeit widmet sich jedoch folgender These:

In Kleists Werk „Die Marquise von O...“ haben sämtliche inhaltliche Bewegungen sowie die Textstruktur den Begriff des Umstandes zur Ursache.

Jene Analyse soll dem chronologischen Fortgang der vom Umstand eingenommenen Elemente folgend durchgeführt werden. Eine Einschränkung bezüglich jener Chronologie ist insofern anzumerken, als dass sie in dieser Form auch im Originaltext vorliegt und stellenweise vom Umstand so bedingt ist.

2. Vorarbeit: Erfassen des Begriffes „Umstand“

2.1 Semantik: concret

Der Begriff des Umstandes entstand zunächst aus der Bezeichnung des Umstehenden beziehungsweise beschrieb „das, was herumsteht“[2] In erster Linie traf die Bezeichnung auf Menschen zu. Auf diese Art und Weise gelangte der Begriff auch in die Rechtssprache. Die Gerichtsgemeinde stand um das Geschehen herum, ihre Meinung hatte Einfluss auf das vom Schöffen vorgeschlagene Urteil. So konnte es vorkommen, dass die Umstehenden milde gestimmt waren. Unter der Formulierung mildernder Umstände ist dieser Prozess bis heute im Sprachgebrauch.

2.2 Semantik: abtract

Die Weite des semantischen Horizonts zeigt sich jedoch erst, werden auch die abstrakten Bedeutungselemente des Begriffs betrachtet. Zunächst bezeichnet Umstand „die merkmale, die einen begriff näher bestimmen“[3]. Interessant ist hierbei die Beobachtung, dass benannte mildernde Umstände sich im Laufe der Geschichte von der concret Seite des Begriffes zur Verwendung im abstrakten Sinne wandelten. So kann der Umstand Bezeichnendes für Beschaffenheit oder Eigenschaften einer Sache werden. Auch meint er, in Verbindung mit einer Rede oder einem Schriftstück stehend, den Zusammenhang, in dem eine Textstelle steht. In Bereich der religiösen Sprache steht Umstand in enger Verbindung zur Sünde. Paradoxerweise wird eine Schwangerschaft hingegen umhüllend als gesegneter Leibesumstand bezeichnet.

Somit wird eine weitere Verwendungsmöglichkeit des Begriffs deutlich; als synonyme Bedeutung von Lage, Situation oder auch Verhältnis (im Synonymwörterbuch nachsehen!!!). Neben einer Schwangerschaft können Umstände (Vermögens-)verhältnisse oder auch das allgemeine Befinden des Körpers ausdrücken.

Umständlichkeit drückt hingegen Mühe oder Aufwand aus. Übertriebene Genauigkeit oder eine Herangehensweise an eine Sache, die das Erreichen des angestrebten Ziels eher erschwert, kennzeichnen den Bedeutungsinhalt des Wortes. Redewendungen wie „Machen Sie bitte nur keine Umstände[...]!“[4] oder „Ohne alle Umstände mit etwas beginnen.“[5] zeigen exemplarisch die oft unbewusste und doch sehr hoch frequentierte Anwendung im Alltag.

„Wenn es die Umstände erlauben...“[6] zeigt die Forderungen oder Bedingungen, die Umstände an sich binden. Umstand kann also auch als Einzelbegriff, Gesichtspunkt oder Anzeichen gewertet werden. Er ist „häufig hinweis auf etwas, das im voraufgehenden bestimmter genannt wurde oder im nachfolgenden näher auseinandergesetzt wird.“[7]

2.3 Struktur und Bewegungspotenzial

Um die Struktur des Begriffs Umstand entwickeln zu können, muss die Wechselwirkung mit der Umgebung, dem Umstehenden bewusst gemacht werden. Das Präfix um- weist auf die Einflüsse von mehreren Seiten auf einen bestehenden Zustand hin. Das stehende, in der Gegenwart existierende Element des Umstandes könnte als Tatsache, Gegebenheit oder Aspekt bezeichnet werden. Im Werk „Die Marquise von O...“ soll die Schwangerschaft den zentralen Aspekt darstellen. Jenes Element ist von bestimmten Verhältnissen umgeben. Hierbei ist eine chronologische Dreiteilung möglich:

1. Was geschah, sodass dem Umstand die Grundlage der Möglichkeit zur Entstehung geboten werden konnte?
2. Welche Auswirkungen hat der Umstand zum Zeitpunkt seiner Existenz und wie wird ihm entgegengetreten?
3. Welche Konsequenzen entstehen aus dem Umstand?

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend könnte Umstand wie folgt beschrieben werden: Es besteht eine Gegebenheit, die aus den Ergebnissen umstehender (vergangener) Ereignisse resultiert, eine bestimmte Rolle im Gefüge jetziger Verhältnisse einnimmt, sowie zukünftige Ereignisse bedingt.

Die Bewegung im Werk kann dementsprechend angeordnet werden. Die drei oben aufgeführten, den Umstand umstehenden Punkte definieren den Umstand als solchen und stehen mit ihm in (wechselseitiger) Beziehung. In der dem Zeitstrahl entsprechenden horizontalen Anordnung gelten sie als fixiert. In sich hat jedoch jeder dieser Aspekte Bewegungen aufzuweisen, da sie neben Sichtweisen und Gegebenheiten auch Prozessgrößen wie Handlungen und Ereignisse beinhalten können.

Die Bewegung ist demnach nicht im zentralen Punkt des Werks, der Schwangerschaft der Marquise, zu suchen, da jene das stehende Element des Umstandes bildet.

3. Herbeiführung des Umstandes im Werk (Phase I)

3.1 Ausgangspunkt mit Forderungen

Die Zeitungsbekanntmachung am Anfang der Erzählung steht im Widerspruch zu dem sonst chronologischen Ablauf der Geschehnisse, bestimmt jedoch die Struktur des Werks. Auffallend klar wird die Situation der Marquise, sowie deren Absicht beschrieben. Bereits in jenem ersten Abschnitt wird der Begriff des Umstandes in verschiedener Verwendungsweise eingeführt. So in Zeile acht „dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei“[8] im Sinne einer unwissentlichen Schwangerschaft, sowie kurz darauf „beim Drang unabänderlicher Umstände“ (S. 3)[9]. In beiden Fällen werden die Bedingungen sichtbar, die der Umstandsbegriff an sich knüpft.

Da die Struktur des Umstandes mit einer Ursache beginnt und erst dieser die Tatsache folgt, ist in den Fall die Notwendigkeit ersichtlich, zeitlich zu jener Ursache zurückzukehren. Dass die Schwangerschaft eine Ursache haben muss, scheint selbstverständlich. Der Drang, dennoch genauere Umstände dessen zu erfahren, ist auf den Inhalt der Anzeige zurückzuführen. Zusätzlich wird die Ungewöhnlichkeit explizit betont: „Die Dame, die einen so sonderbaren, den Spott der Welt reizenden Schritt […] tat“ (S.3).

Allein durch die gezielte Verwendug des Umstandsbegriffs in dieser Passage wird schließlich die gesamte Textstruktur gefordert; von einem in der Vergangenheit liegenden Ereignis kontinuierlich fortschreitend zu jener, im Anfangsabsatz beschriebenen, Tatsache der Schwangerschaft.

3.2 Passivität und Niedersinken

Wird für Umstand das Synonym der Situation verwendet, so findet eine Situationsüberführung von vorherigen Verhältnissen in die jetzt bestehende Tatsache statt. Welcher Art die Bewegungen jenes Prozesses sind, soll im Folgenden untersucht werden.

Die beiden entscheidenden Merkmale, die Passivität sowie die Vertikalbewegung nach unten, sind in folgendem Satz erfasst: „Man schleppte sie in den hinteren Schlosshof, wo sie eben, unter den schändlichsten Misshandlungen zu Boden sinken wollte, als […] ein russischer Offizier erschien“ (S. 4). Auch wenn es im beschriebenen Moment der Handlung noch nicht der Graf selbst war, der die Bewegung durchführte, so ist doch offensichtlich, dass sie nicht von der Marquise ausging, sondern jene zum passiven Part des Prozesses wird. Das zu Boden sinken verdeutlicht die absolute Hilflosigkeit der Dame. Schließlich ist es dann doch der Graf persönlich, der sie weg führt (vgl. S.5). Wieder handelt die Marquise nicht aktiv, auch wenn dem entgegengehalten werden könnte, dass sie nun die Möglichkeit der Verweigerung gehabt hätte. Ihre Zustimmung gab sie jedoch nicht, in den neuen, die Schwangerschaft zum Ergebnis habenden, Umstand geführt zu werden, sondern lediglich weg von diesem Ort, an welchem sie beinahe den Soldaten zum Opfer gefallen wäre. Das erneute Niedersinken, welches „völlig bewusstlos“ (S.5) erfolgte, kennzeichnet jegliche Abgabe von Kontrolle während des Vorgangs, der einen neuen Umstand zur Folge hatte.

Durch diese Passagen wird dementsprechend die klare Verbindung zwischen der Horizontalität der Umstandsstruktur sowie der Vertikalbewegung nach unten deutlich. So ist diese erste Phase, die Umstandsherbeiführung, in sich beweglich und lässt eben wegen jenes, mit Kontrollabgabe verbundenen, Niedersinkens erst die folgenden Phasen des Umstandes zu.

3.3 Bewegung durch Auslassung

„[...] dem wohl berühmtesten Gedankenstrich der Weltliteratur (Die Marquise von O...) geht ein 'Niedersinken' voraus“[10].

Grundlage für die folgende Betrachtung bildet die Erkenntnis, dass nicht nur Bewegung räumlicher, sondern auch zeitlicher Art vorliegen kann. Diese beiden Aspekte vereint der bedeutende Gedankenstrich im Werk. Der sexuelle Akt zwischen dem Graf und der Marquise, der entscheidende, die Tatsache der Schwangerschaft auslösende Punkt, ist lediglich durch eine Auslassung gekennzeichnet, dem ein „Hier -“[11], welches im Syntagma des Satzes entweder als lokale Angabe oder temporale Bestimmung in der Geschehensabfolge angesehen werden kann, vorausgeht. Hier macht der Graf Anstalten, „einen Arzt zu rufen“ (S.5)[12]. Aus dem Satz herausgelöst könnte jenes Wort jedoch auch in Verbindung mit dem Gedankenstrich den Zeitpunkt der Vergewaltigung bestimmen.

Der Sprung unbestimmter zeitlicher Dauer befindet sich innerhalb eines Satzes, ist nicht einmal durch einen Absatz gekennzeichnet. Der Absatz wenige Zeilen später (S.5, Zeile 13-14) kennzeichnet hingegen einen Ortswechsel. Einziges weiteres Anzeichen auf das zuvor Geschehene gibt die Formulierung, „der russische Offizier, sehr erhitzt im Gesicht“ (S.5) würde aus dem Haus hervortreten, zurück in den Kampf kommend.

Die beiden Kennzeichnungen, der Gedankenstrich sowie der Absatz, ermöglichen also einen undefinierbaren zeitlichen Raum, in welchem die Ursache des Umstandes liegt.

3.4 Zwischenfazit: Der Umstandsbegriff in Phase I des Werks

Auffällig ist die Art und Weise der Verwendung des Umstands; so wird dem Leser gleich zu Beginn die semantische Vielfalt des Begriffs präsentiert. Er liegt sowohl im Sinne der Schwangerschaft vor, als auch in Form einer bestehenden Situation, die bestimmte Ursachen fordert, jedoch auch Folgen an sich bindet (von diesen eine die Zeitungsbekanntmachung der Marquise bildet). Als sich der Graf „unter diesen Umständen“ (S.7) empfiehlt, beschreiben die Umstände hier eher Verhältnisse.

Auch wird die Einheit von der Horizontalität des Umstands und Vertikalbewegung nach unten eindrücklich belegt. Das Zusammenspiel beider Aspekte ermöglicht die weiteren Phasen des Umstandes. Die Behauptung, der Umstand bedinge Bewegungen, wurde hier bereits auf verschiedenste Weisen bestätigt; durch Textstruktur, immer wiederkehrende Vertikalbewegungen sowie in Form von Auslassungen.

[...]


[1] Tina-Karen Pusse: Sturz und Fall, in Kleist Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, hg. von Ingo Breuer 2009 Stuttgart, S. 367

[2] Umstand, http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GU04170#XGU04170, 26.07.2016, 13:00 Uhr

[3] Ebenda.

[4] Dudenredaktion (Hg.): Redewendungen, Wörterbuch der deutschen Idiomatik, 4. Auflage, Berlin.

[5] Umstand, der: http://www.duden.de/rechtschreibung/Umstand, 26.07.2016, 14.20 Uhr.

[6] Ebenda.

[7] Umstand:http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&lemid=GU04170&hitlist=&patternlist=&mode=Gliederung, 26.07.2016, 14:27 Uhr.

[8] Heinrich von Kleist: Die Marquise von O..., durchgesehene Ausgabe 2004, Reclam, Stuttgart, S.3

[9] Ebenda. [im Folgenden direkt im Text gekennzeichnet, da zitiertes Werk bestehen bleibt].

[10] Breuer: Kleist Handbuch, S. 367

[11] Kleist: Die Marquise von O..., S. 5

[12] Ebenda. [im Folgenden direkt im Text gekennzeichnet, da zitiertes Werk bestehen bleibt]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Umstandes in Kleists Werk „Die Marquise von O...“ im Bezug auf Inhalt und Textstruktur
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V435277
ISBN (eBook)
9783668776418
ISBN (Buch)
9783668776425
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Marquise von O..., Umstand, Struktur, Inhalt, Zufall, Bewegung
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die Rolle des Umstandes in Kleists Werk „Die Marquise von O...“ im Bezug auf Inhalt und Textstruktur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435277

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