Durch die verschiedenen internationalen Bilanzskandale, z.B. Parmalat, haben die Kapitalgeber ihr Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Rechnungslegungsinformationen verloren. Auch der Bankrott bekannter amerikanischer Firmen löste die Vertrauenskrise aus. Die Bilanzskandale resultierten aus der Verschleierung der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage des betroffenen Unternehmens. So wurde durch die Ausnutzung bilanzpolitischer Maßnahmen, die unkorrekte Angabe von Unternehmensdaten und einer widerrechtlichen Anwendung von Bilanzierungsregeln die Finanzlage besser dargestellt, als sie in Wirklichkeit war. Um das Vertrauen der Investoren wiederaufzubauen, bedarf es einer Institution, die die Einhaltung der Rechnungslegungsstandards durchsetzt. In den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) sowie in Großbritannien (GB) existiert bereits eine solche Enforcementinstanz. So wurde 1990 in GB das Financial Reporting Review Panel (FRRP) in das Leben gerufen und bereits Anfang der dreißiger Jahre in Amerika die Securities and Exchange Commission (SEC) gegründet. Anlässlich der Unternehmenszusammenbrüche wie z.B. von Enron und Worldcom wurde der Durchsetzungsmechanismus der SEC um den Sarbanes-Oxley Act of 2002 (SOA) erweitert. Das Gesetz richtet sich an alle Unternehmen, die an der amerikanischen Börse notiert sind, d.h. auch an deutsche Firmen. Allerdings besteht in Deutschland eine sog. Enforcement-Lücke, das bedeutet es wurde noch keine Durchsetzungsinstitution etabliert. Die Notwendigkeit einer Enforcementinstanz in Deutschland resultiert nicht nur aus der Unterbindung von Bilanzverstößen, sondern auch im Hinblick auf die Vereinheitlichung der Rechnungslegungsnormen innerhalb der Europäischen Union (EU). Ab dem 01.01.2005 müssen alle kapitalmarktorientierten Unternehmen ihre Konzernabschlüsse nach IAS/IFRS aufstellen. Aufgrund dessen ist für die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit ein glaubwürdiges deutsches Enforcement-Modell nötig.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Notwendigkeit eines Enforcement-Systems
2.1. Das Prinzipal-Agent-Problem
2.2. Anforderungen an ein wirksames Enforcement
3. Übersicht und Vergleich bestehender Enforcement-Modelle
3.1. Großbritannien - Durchsetzung durch eine privatrechtliche Instanz
3.1.1. Financial Reporting Review Panel - Institutionelle Grundlagen
3.1.2. Verfahrensablauf und Kontrollpolitik
3.1.3. Sanktionsmöglichkeiten des FRRP
3.2. Vereinigte Staaten von Amerika - Kontrolle durch eine staatliche Instanz
3.2.1. Securities and Exchange Commission - Institutionelle Grundlagen
3.3.2. Verfahrensablauf und Kontrollpolitik
3.2.2. Sanktionsmöglichkeiten der SEC
3.3. Lösungsvorschlag zur Errichtung einer Enforcementstelle in Deutschland
3.3.1. Die Modifizierung des derzeitigen Kontrollsystems
3.3.2. Das Verfahren nach dem Entwurf des Bilanzkontrollgesetzes
3.3.2.1. Eine privatrechtliche Kontrollinstanz auf der ersten Stufe
3.3.2.2. Eine staatliche Sanktionsinstanz auf der zweiten Stufe
4. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Notwendigkeit von Durchsetzungsmechanismen (Enforcement) für die Rechnungslegung, um das Vertrauen der Kapitalgeber nach internationalen Bilanzskandalen zu stärken. Dabei wird analysiert, wie unterschiedliche Enforcement-Modelle in Großbritannien und den USA ausgestaltet sind, um daraus Erkenntnisse für die Implementierung eines Enforcement-Systems in Deutschland abzuleiten.
- Prinzipien der Prinzipal-Agent-Theorie im Kontext der Rechnungslegung
- Vergleich privatrechtlicher versus staatlicher Kontrollinstanzen
- Analyse der Kontrollpolitik und Sanktionsmöglichkeiten des FRRP (Großbritannien)
- Untersuchung der Durchsetzungsmechanismen der SEC (USA)
- Struktur und Funktionsweise des Enforcement nach dem deutschen Bilanzkontrollgesetz (BilKoG)
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Verfahrensablauf und Kontrollpolitik
Das FRRP verfolgt eine reaktive Kontrollpolitik. Demnach leitet es nur eine Untersuchung ein, wenn ihm Hinweise von Unternehmen, Privatpersonen oder aus der Wirtschaftspresse zugehen. Insofern erfüllt das Panel die Beschwerdefunktion. Zudem erhält Panel von der London Stock Exchange Informationen über Testatseinschränkungen. Durch diese Vorgehensweise hat das FRRP geringe Kosten zu verzeichnen. Jedoch entspringt aus der reaktiven Durchsetzungspolitik das Problem der Informationsasymmetrien, denn die Aufdeckungswahrscheinlichkeit wird von den Mitteilungen und somit von den Informanten beeinflusst. Demzufolge hat das Unternehmen den Anreiz, die Zahl der unternehmensinternen Personen zu minimieren oder sie zu animieren Informationen nicht weiterzuleiten. Ferner besteht das Problem, dass dem Panel Hinweise verborgen bleiben, weil z.B. die Investoren Unregelmäßigkeiten, aufgrund der Befürchtung den Aktienkurs negativ zu beeinflussen, nicht melden. Ein weiterer Nachteil ist von dem Konkurrenzdenken unter den Unternehmen geprägt. Unter Ausnutzung der Presse kann eine Gesellschaft das rivalisierende Unternehmen nachteilig beeinträchtigen. Die Folgekosten, sog. indirekte Kosten, werden von dem betroffenen Unternehmen getragen. Insgesamt ist die Präventivwirkung aufgrund der reaktiven Strategie gering einzustufen.
Nachdem das Panel erste Hinweise erhalten hat, wird eine panel group, bestehend aus fünf ehrenamtlichen Mitgliedern, gegründet. Die Gruppe tritt mit dem Unternehmen und dessen Abschlussprüfer in Kontakt. Dabei ist die Kompetenz des Panels eingeschränkt, d.h. es hat kein Auskunfts-, Einsichts- und Zeugenvernehmungsrecht. Infolgedessen beruht die Stellungnahme der Gesellschaft zu den Bilanzierungsfehlern auf einer freiwilligen Basis. Billigt das FRRP die Erklärung, wird das Verfahren eingestellt. Falls das Panel Unregelmäßigkeiten aufdeckt, kann es dem Unternehmen eine Fehlerkorrektur empfehlen. Sobald die Gesellschaft Korrekturmaßnahmen einleitet, wird der Sachverhalt über eine Pressemitteilung veröffentlicht. Weil das FRRP privatrechtlich organisiert ist, kann es keine Sanktionsmaßnahmen, wie z.B. Bußgelder, verhängen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Arbeit beleuchtet die durch Bilanzskandale ausgelöste Vertrauenskrise am Kapitalmarkt und begründet die Notwendigkeit einer Enforcement-Instanz für Deutschland.
2. Notwendigkeit eines Enforcement-Systems: Es wird theoretisch dargelegt, wie Informationsasymmetrien zwischen Managern, Abschlussprüfern und Investoren entstehen und welche funktionalen Anforderungen an ein Enforcement-System zur Qualitätssicherung bestehen.
3. Übersicht und Vergleich bestehender Enforcement-Modelle: Dieses zentrale Kapitel analysiert die Strukturen, Verfahren und Sanktionsmöglichkeiten in Großbritannien (FRRP) und den USA (SEC) sowie den spezifischen Lösungsansatz des deutschen Bilanzkontrollgesetzes.
4. Ergebnisse: Die Ergebnisse fassen die Wirksamkeit der untersuchten Modelle zusammen und betonen die Bedeutung proaktiver Elemente sowie effektiver Sanktionen für ein funktionierendes Enforcement-System.
Schlüsselwörter
Enforcement, Rechnungslegung, Prinzipal-Agent-Theorie, Bilanzkontrollgesetz, BilKoG, Financial Reporting Review Panel, FRRP, Securities and Exchange Commission, SEC, Wirtschaftsprüfung, Kontrollpolitik, Sanktionen, Abschlussprüfer, Kapitalmarkt, Corporate Governance
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Durchsetzung (Enforcement) von Rechnungslegungsstandards, um die Qualität der Finanzberichterstattung zu sichern und das Vertrauen der Anleger zu stärken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die ökonomische Begründung der Kontrolle durch die Prinzipal-Agent-Theorie, der Vergleich zwischen britischen und amerikanischen Systemen sowie die Umsetzung des Bilanzkontrollgesetzes in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, auf Basis eines internationalen Vergleichs zu bewerten, wie ein wirksames Enforcement-System in Deutschland ausgestaltet sein muss, um eine hohe Präventivkraft und Qualitätssicherung zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse bestehender Enforcement-Modelle anhand existierender Literatur sowie institutioneller Grundlagen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die institutionellen Rahmenbedingungen, die Verfahrensabläufe (reaktiv vs. proaktiv) sowie die Sanktionsmechanismen der betrachteten Enforcement-Instanzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Enforcement, Bilanzkontrollgesetz, Abschlussprüfer, Sanktionen, Rechnungslegung und Vertrauenskrise.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Abschlussprüfers zwischen den Systemen?
Während in Großbritannien und Deutschland der Prüfer nicht direkt als Untersuchungsgegenstand im Fokus steht, betrachtet die US-amerikanische SEC den Wirtschaftsprüfer explizit als Teil des Enforcement-Prozesses mit direkten Sanktionsmöglichkeiten.
Welche Funktion hat die "adverse Publizität" als Sanktion?
Die Veröffentlichung von Rechnungslegungsfehlern soll durch Reputationsverlust und negative Kursreaktionen einen abschreckenden Effekt auf Unternehmen und Vorstand ausüben.
- Quote paper
- Melanie Marek (Author), 2005, Enforcement im internationalen Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43683