Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom - Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung (Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutscher Zeiten)


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005
16 Seiten

Leseprobe

Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom

Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung

(Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutscher Zeiten)

Von Richard Albrecht

[Vorbemerkung

Was folgt ist der Text der mit [Zwischenüberschriften] versehenen Druckfassung meines Radioessay zum ersten Jahrestag der deutsch-deutschen Staatsvereinigung [3. Oktober 1990], gesendet vom WDR Köln, WDR III, Reihe "Am Abend vorgestellt", 3. Oktober 1991; Erstdruck in LILI-Korrespondenz [Mainz], 1. Jg. 1991, H. 6/Sept.-Okt. 1991, 38-52; erweiterte Druckfassung in: Zentralblatt für Sozialversicherung, Sozialhilfe und Versorgung" [Sankt Augustin], 40. Jg. 1992, Heft 2/Febr. 1992, 41-46 ; nach dieser der folgende Text, dem außer Zwischenüberschriften auch aktualisierendes Nachwort ("Postscript") beigefügt wurde.

Der Beitrag sollte bereits vor zwei Jahren, im Herbst 2003, auf einer Konferenz aktualisiert vorgetragen werden. Leider schade: der als Beiträger eingeladene Autor konnte an der Konferenz am 3.-5. Oktober 2003 aus finanziell-gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Sein Beitrag war, etwas gekürzt, im Tagungs"reader" so angekündigt worden (Konferenzmaterial, ed. Evelyn Preuss, Berlin 2003, 83)

Dr.habil. Richard Albrecht, Ph.D., ist Sozialpsychologe, Bürgerrechtler und Editor des unabhängigen online-Magazins für Menschen- und Bürgerrechte http://rechtskultur.de [rechtskulturaktuell]. Letzte Buchveröffentlichung: "StaatsRache" (München: GRIN Verlag für akademische Texte, 2005). Korrespondenzadresse: Richard Albrecht, Wiesenhaus, D.53902 Bad Münstereifel; e-Post bitte an / please, mailto: rechtskultur@web.de

"Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung

Erneuter Versuch nach zwölf Jahren...

„Zugegeben: Daß mein damaliger Radioessay für den WDR Köln, der als Beitrag zum ersten Jahrestag der deutsch-deutschen Staatsvereinigung zum/am 3.10.1991 erarbeitet/gesendet wurde, faktisch ein Anti-Offe-Dokument wurde...war weder beabsichtigt noch absehbar. Als Autor hatte ich lediglich versucht, einerseits an eigne früh(er)e wissenschaftliche Hinweise zur "versteckten Gesellschaft" der DDR anzuschließen und andererseits eine kultursoziologische Perspektive zur (so der Untertitel) "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutscher Zeiten" zu unterfüttern.

Wie erinnerlich: Damals, Anfang der 90er Jahre, war in der (bundes-) deutschen politischen Linken bis in den "alten Tanker" SPD mit seinem damaligen Steuermann Oskar Lafontaine (als Kanzlerkandidat 1990) hinein die Position des prominenten Soziologen Claus Offe in gewisser Weise Allgemeingut: Es handelte sich, so dieser deutsche ´ mainstream´, um den blanken Anschluß eines "völlig unerwartet" untergegangenen deutschen Staates an einen anderen (DIE ZEIT 14.12.1990).

Demgegenüber versuchte ich im Anschluß an soziologische ´Klassiker´ wie Weber, Simmel und Sombart (erwerbs-) wirtschaftliche Prozesse der deutsch-deutschen Staatsvereinigung in ihren damals, vor zwölf Jahren, weitgehend vernachlässigten kulturalen Dimensionen zu erinnern und soziologisch zu begründen...sicherlich voller Illusionen über einen möglichen ´dritten Weg´ zwischen Markt und Plan bzw. privatwirtschaftlicher Erwerbsgesellschaft und staatsdirigistischer Planökonomie.

Gern würde ich in Form eines kurzen Impulsreferats (ca. 20 ´) z.B. im Block "Zurück zur Vergangenheit" die Spur meines damaligen Beitrag in doppelter Erweiterung aufnehmen und neu diskutieren: Einmal was die m.E. noch immer uneingelöste kulturale Perspektive betrifft. Und zum anderen mit Blick auf die generelle Offenheit aller gesellschaftlich-geschichtlichen Prozesse (anthropologischer Imperativ).

Wie angedeutet, geht es weder um ´Recht haben´ noch um ´Recht bekommen´. Sondern um nochmalige und erweiterte politikhistorisch-kultursoziologische Hinweise auf bereits vor zwölf Jahren erkennbare Entwicklungen ... zwölf Jahre später..."

(Vortragsprospect Berlin, Humboldt-Universität, 3.-5. Oct. 2003: East Germany Revisited/Second East German Studies Conference - Überhaupt ist vieles viel verschiedener/2. Konferenz zur DDR-Forschung)]

Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom

Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung

(Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutscher Zeiten)

[Ossie - Wessie...]

In der neuen deutschen Frage gab und gibt es Verwirrnisse, die anhalten. Und die nun vor allem innerdeutsche Irritationen geworden sind. Dafür stehen Ossie und Wessie. Als oberflächliche Chiffren. In den neuen Wessie-Ossie-Witzen drucken sich - wie noch in allen spontan-alltäglichen Entäußerungsformen - immer auch wirkliche Befindlichkeiten, Konflikte, Widersprüche aus[1]. Neue deutsche Fremdheiten im Witz und als Witz. In dem, beispielsweise wenn die Mauer wieder gefordert wird, sich uneingestandene Wünsche und verborgene Befürchtungen spiegeln. Sozial Tabuiertes ist nach wie vor nur im Medium des Witzes und damit unterhalb der Medienschwelle mitteilbar.

Verwirrend und irritierend waren auch erste ernst zu nehmende umfragedemoskopische Befunde aus der noch existierenden DDR. Es schien als waren vierzig Jahre teilstaat-deutsche Entwicklung, Gesellschaft, Politik, Kultur spurlos an denen, die drüben lebten, vorübergegangen. Denn was die erste „seriöse" Umfrage der Mannheimer Forschungstelle für Gesellschaftliche Entwicklungen zur neuen deutschen Befindlichkeit im heutigen Beitrittsgebiet - den fünf neuen Bundesländern - zutage brachte, verwies auf einen unheimlichen Konservatismus: Die sogenannten deutschen Sekundärtugenden feierten fröhlich' Urständ'. Zur Sprache kamen Tugenden wie Fleiß, Ordnung Disziplin, Vorwärtskommen, Tüchtigkeit, aber auch Gesetz und Ordnung, Nationalstolz. Und schließlich Stolz; auf die deutsche Geschichte. Dazu der verständliche Wunsch nach Lebensgenuß durch materiellen Wohlstand und hohen Lebensstandard. Kein Wunder, daß im Vergleich zur alten Bundesrepublik die durchschnittliche allgemeine Zufriedenheit auch noch Monate nach der staatlichen Vereinigung geringer war[2].

[Kühlschrank-These, Clockwork-Orange-Syndrom, Wagenburgeffekt]

Der Berliner Schriftsteller Peter Schneider wollte die in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland ausgeprägten Mentalitäten Werthaltungen und Lebenstugenden im Schnellschuß mit Hilfe seiner Kühlschrank-Theorie erklären[3]. Schien es doch, als wären ganz herkömmliche altdeutsche Haltungen vierzig Jahre lang - wie im Kühlfach - eingefroren und als sich die staatliche Vereinigung abzuzeichnen begann - plötzlich wieder ab- und aufgetaut. Und wer sich nach Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zum 1. 7. 1990 und der damit unumkehrbar gemachten staatlichen Vereinigung in der Noch-DDR umsah und umhörte, mochte diesen Eindruck haben: Hier wirkt das von Anthony Burgess satirisch beschriebene Clockwork-Orange-Syndrom... so, als wären dieselben Menschen, wie vom Großen Bruder umgepolt, nun über Nacht um 180 Grad gewendet worden[4]. Nun sollte der Marsch in die Marktwirtschaft zu sofortigem Wohlstand für alle nebst Reise- und Bewegungsfreiheit und nicht zuletzt Aufstiegsmöglichkeiten führen. Es schien als wollten sich viele DDRler wie auf Kommando umstellen. Die Clokwork-Orange-Tendenz erfuhr, oft aggressiv, wer als Wessi im Gespräch auch auf in den alten Bundesländern ungelöste gesellschaftliche Probleme wie Erwerbslosigkeit und Armut oder die ökologische Frage hinwies.

Jahrzehntelange volkseigene Erfahrung freilich läßt sich nicht so einfach aus den Kleidern bügeln. Insofern ist bei allem Umstellungswillen immer schon ein teils wehmütiger, teils rabiater Wagenburg- oder Trutzburg-Effekt präsent. Zumal vierzig Jahre Deutsche Demokratische Republik auch Abgeschottetheit bedeuteten und das allseits beliebte Werbefernsehen-West eine künstliche Bilderwelt der Konsumgesellschaft transportierte.

Die unverkennbaren Tendenzen des ersten Jahres nach der sogenannten sanften deutschen Novemberrevolution können mit den griffigen Formeln über eingefrorene Werte, umgepolte Menschen und Trutzburg-Mentalitäten dennoch nicht erklärt werden. Und noch weniger werden Kühlschrank-Theorie, Clockwork-Orange-Syndrom und Wagenburg-Effekt dazu beitragen können, eine Entwicklung auf den Weg zu bringen, die Widersprüche, Konflikte und wechselseitige Fremdheiten in einem neuen geschichtlichen Prozeß überwinden soll und kann. Denn während es in den alten Bundesländer Tendenzen zur Zwei-Drittel-Gesellschaft[5], also zunehmende innergesellschaftliche Spaltung in Wohlstand und Verarmung in den achtziger Jahren gab, schufen der 1. 7. 1990 und der 3. 10. 1990 tatsächlich die Konturen einer realen deutschen Zwei-Drittel-Gesellschaft. Mit einer entscheidender Besonderheit: Daß sich die Mehrheit des wirtschaftlich und kulturell schlechtergestellten Drittels nun auch regional, nämlich in den fünf neuen Ländern, ballt. Zugleich wird es im Prozess der marktwirtschaftlichen Erneuerung, für den es auf absehbare Zeit keine Alternative geben wird, lange, vielleicht fünfzehn bis zwanzig Jahre, vielleicht noch länger, dauern, bis annähernd gleichwertige Lebensbedingungen erreicht werden. Freilich wird es auch in der ehemaligen DDR Beitrittsgewinner geben. Und die werden sich wiederum unter den gegebenen Umstanden und ihre teils alten, teils neuen Anforderungen auf sei’s wirtschaftlich, sei's politisch Erfolgreiche aus Ost und West -und jeweils unterschiedlich - verteilen.

[„Kolonialisierung der Lebenswelt]

Vor zehn Jahren hat der Sozialphilosoph Jürgen Habermas versucht, in Form einer soziologischen Gegenwartsdeutung den Prozeß der beschleunigten Modernisierung und die ihn grundlegend begleitenden Irritationen durch Systemanforderungen als Kolonialisierung der Lebenswelt zu beschreiben:

„Für die Analyse von Modernisierungsprozessen ergibt sich die globale Annahme, daß eine fortschreitende rationalisierte Lebenswelt von immer komplexer werdenden formal organisierten Handlungsbereichen wie Ökonomie und Staatsverwaltung zugleich entkoppelt und in Abhängigkeit gebracht wird. Diese auf eine Mediatisierung der Lebenswelt durch Systemimperative zurückgehende Abhängigkeit nimmt in dem Maße die sozialpathologischen Formen einer inneren Kolonialisierung an, wie kritische Ungleichgewichte in der materiellen Reproduktion nur noch um den Preis von Störungen der symbolischen Reproduktion der Lebenswelt (das heißt von ,subjektiv' erfahrenen identitätsbedrohenden Krisen oder Pathologien) vermieden werden können."

Wenn diese Tendenz richtig gedeutet ist, dann gilt die These umso mehr für Prozesse, die in der ehemaligen DDR und von früheren Bürgerinnen und Bürgern der DDR zu bewältigen sind. Denn erstens waren dort - Stichworte Nischengesellschaft und kleine Gemeinschaften - stärker als im sowohl wirtschaftlich entwickelteren als auch gesellschaftlich .zunehmend individualisierten deutschen Westen konventionelle und wenig differenzierte alltagsweltliche Orientierungen und Handlungsweisen wirksam. Zweitens ist der Entwicklungs- und Modernisierungsprozeß in Form und Tempo bis heute wirtschaftlich, politisch und kulturell überwiegend von außen bestimmt - Stichworte Treuhand, Polit- und Verwaltungsimporte. Und drittens gibt es im Vergleich zur Gesellschaft der alten Bundesrepublik - Stichworte Große Koalition, wirtschaftspolische Dynamik, aber auch Studentenbewegung - mehr als zwei Jahrzehnte sowohl systembezogenen als auch lebensweltlichen Modernisierungsrückstand.

[...]

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Details

Titel
Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom - Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung (Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutscher Zeiten)
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V43729
ISBN (eBook)
9783638414623
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kühlschrank-Theorie, Clockwork-Orange-Syndrom, Grenzen, Annäherung, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Zeiten)
Arbeit zitieren
Dr. Richard Albrecht (Autor), 2005, Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom - Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung (Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutscher Zeiten), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43729

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