Geschichte der Erwachsenenbildung

Die historischen Entwicklungen von der Nachkriegszeit bis zu den aktuellen Herausforderungen


Hausarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nachkriegszeit und Restauration
2.1 Ausgangslage
2.2 Erwachsenenbildung

3. Wirtschaftwunder
3.1 Ausgangslage
3.2 Erwachsenenbildung

4. Realistische Wende
4.1 Ausgangslage
4.2 Erwachsenenbildung

5. Reflexive Wende und zukünftige Herausforderungen
5.1 Ausgangslage
5.2 Erwachsenenbildung

6. Zusammenfassung und Reflexion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Seminar „Geschichte der Erwachsenenbildung und beruflichen Bildung“, welches Prof. Dr. Gerhard Drees im Wintersemester 2011/12 durchführte, wurde die historische Entwicklung der Erwachsenenbildung ab der Nachkriegszeit 1945 eingehend behandelt. Dafür gliederten sich die Teilnehmenden des Seminars in Gruppen auf und bearbeiteten eine jeweilige Epoche bis zur heutigen Zeit, um die Ergebnisse in der letzten Sitzung des Seminars den anderen Teilnehmern zu präsentieren. Zudem nahmen Zeitzeugen an den Seminarsitzungen teil, welche die Emotionen und Bedeutsamkeiten der jeweiligen Zeit authentisch vermittelten.

Die folgende Ausarbeitung soll einen Einblick in die Geschichte der Erwachsenenbildung von der Nachkriegszeit bis zur heutigen Zeit ermöglichen, um daraus ein Verständnis für die verschiedenen theoretischen Herangehensweisen, Paradigmen und aktuellen Herausforderungen zu erlangen. Dafür wird zuerst die allgemeine wirtschaftliche und politische Ausgangslage beschrieben, um auf Grundlage dessen die Entwicklungen der Erwachsenenbildung darzustellen. Einen Schwerpunkt bildet dabei die realistische Wende, da sich die Erwachsenenbildung zu dieser Zeit in einer bedeutenden Entwicklungsphase befand.

Im zweiten Kapitel werden die Nachkriegszeit und die Restaurationsphase behandelt. Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Wirtschaftswunder der 50er Jahre, woraufhin im vierten Kapitel die intensive Zeit der realistischen Wende beschrieben wird. Das fünfte Kapitel soll Aufschluss über die darauffolgende reflexive Wende sowie über die aktuellen Entwicklungen der Erwachsenenbildung geben. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und auf das pädagogische Selbstverständnis der Autorin in Bezug gesetzt.

2. Nachkriegszeit und Restauration

2.1 Ausgangslage

Nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur und des Zweiten Weltkrieges nach 1945 befand sich die Bevölkerung in Deutschland zu Beginn der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus in existenzieller Not. Die Städte und Wohnungen der Menschen waren zerstört und Grundnahrungsmittel waren zu einer äußerst knappen Ressource geworden. Das Leben wurde zu einem Kampf des täglichen Überlebens, da der Zweite Weltkrieg gesundheitlich schwerwiegende Folgen mit sich brachte aber auch die überwiegende Anzahl der Arbeitsplätze wegfiel. Die Bevölkerung musste Lernen mit einem derartigen Mangel an existenziellen Bedürfnissen umzugehen und den Weg in einen geordneten Alltag wiederfinden. Aufgrund der Aufteilung in die Besatzungszonen der Siegermächte England, USA, Frankreich und Sowjetunion, war der Wiederaufbau von 1945 bis 1949 im Wesentlichen von den Entscheidungen der Alliierten geprägt.[1] Die unterschiedlichen Vorstellungen und Herangehensweisen der USA und der Sowjetunion ließen die Siegermächte im wirtschaftlichen Wiederaufbau in Uneinigkeit geraten, woraufhin 1949 die Spaltung des deutschen Reichs in die BRD (Bundesrepublik Deutschland) und die DDR (Deutsche Demokatische Republik) vollzogen wurde.[2] Die Westalliierten orientierte sich dabei am „Marshallplan“ der USA, der das Ziel verfolgte, westliche Wirtschaftstrukturen zu integrieren und ein amerikanischen Absatzmarkt zu schaffen, während die Umstrukturierungen seitens der Sowjetunion, „auf die Etablierung einer Zentralverwaltungswirtschaft abzielten.“[3]

2.2 Erwachsenenbildung

Der Nachholbedarf an Bildung war flächendeckend und es wurde vor allem eine aufklärerische Funktion der Erwachsenenbildung verfolgt, die der Bevölkerung einen politischen und wirtschaftlichen Neuanfang ermöglichen sollte. Grundlage für die Behandlung Deutschlands bildete das „Potsdamer Abkommen“ vom 02. August 1945, das vor allem die Entnazifizierung Deutschlands zum Ziel hatte.[4] Dazu sollten verantwortliche Nationalsozialisten von ihren pädagogischen oder anderweitig einflussreichen Ämtern entledigt werden und in allen vier Sektoren wurden Volkshochschulen gegründet, da diese bereits in der Weimarer Republik die verbreiteteste Institution der Erwachsenenbildung darstellte und somit auf einer demokratischen Ausrichtung basierte. Mit Hilfe der Volkshochschulen sollten die rassistischen und faschistischen Denkmuster überwindet werden und politische Bildung für alle sozialen Milieus erreichbar gemacht werden, um damit die Umerziehung zum demokratischen und internationalen Denken zu ermöglichen. Zudem sollten die Volkshochschulen die Möglichkeit bieten durch den Krieg verpasste Schulabschlüsse nachzuholen, ohne die Berufstätigkeit zu unterbrechen und berufliche und politische Bildung zu vereinen. Die Bevölkerung war aufgrund ihrer Politikverdrossenheit allerdings misstrauisch gegenüber jeglicher Art der Belehrung und der Beherrschung geworden. Zudem unterschieden sich die Vorstellungen der Westalliierten und die der Sowjetunion im Hinblick auf die demokratischen Erziehungsprinzipien zu sehr, woraufhin eine gemeinsame Umerziehungspolitik scheiterte.[5]

Auch wenn alle vier Besatzungsmächte die Überwindung des nationalsozialistischen Gedankenguts unterstützten,wurdedie Erwachsenenbildung in der sowjetischenBesatzungszone zunehmend verstaatlicht und verschult. Es wurden einheitliche Lehrpläne ausgearbeitet und unter anderem auch als Pflichtveranstaltungen für die Bevölkerung angeboten. Daraufhin entwickelten sich die Volkshochschulen dessowjetischenSektors und die der weststaatlichen Besatzungszonen in unterschiedliche Richtungen, woraufhin der anfangs einheitliche Aufbau eines Volkshochschulwesens allmählich in eine Ost-West Orientierung gespalten wurde und es in den Zonen insgesamt zu unterschiedlichen Entwicklungen kam.[6] In Rückbezug auf die Weimarer Republik meldeten sich dazu einige kritische Stimmen von Volksbildnern aus der Zeit vor der nationalsozialistischen Diktatur, die mit den Zeitschriften „Denkendes Volk“ und „Freie Volksbildung“ publizistisch aktiv wurden. Allerdings war der Versuch die damalige Idee der emanzipatorischen Weimarer Volksbildung wiederzubeleben nicht sonderlich erfolgreich,da sie als idealistisch abgetan wurden.[7]

3. Wirtschaftwunder

3.1 Ausgangslage

Durch das amerikanische Engagement ist die Wirtschaft der 50er Jahre in der BRD von hohen Wachstumsraten geprägt. Durch die Amerikanisierung in wirtschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Hinsicht wuchs der Wohlstand, Arbeitsplätze wurden bis zur Vollbeschäftigung geschaffen und ein Facharbeitermangel festgestellt, der anfangs über den Zustrom aus der DDR aufgefangen werden konnte. Politisch wurde propagiert, dass sich die Entwicklungen durch die politisch gesteuerte Marktwirtschaft weiter fortsetzen. Die Bevölkerung konnte sich im Westen ihrem Nachholbedarf an Konsum hingeben. Angesichts der plötzlichen Verbesserungen der Lebensbedingungen entwickelte sich eine breite Akzeptanz für die kapitalistische Marktwirtschaft. Allerdings wurden vorherige Strukturen beinah unverändert wieder eingeführt und aufgrund des Arbeitermangels ehemalige Nationalsozialisten wieder in Schlüsselpositionen eingesetzt.[8] In der DDR wurde hingegen eine sozialistische Kulturrevolution propagiert, die auf Bescheidenheit und Konsumverzicht zum Wohle der Gemeinschaft ausgerichtet war und die Bevölkerung zu sozialistischen Menschen formen sollte.[9]

3.2 Erwachsenenbildung

Die Erwachsenenbildung wurde in der BRD von einem institutionellen Pluralismus geprägt, womit sie sich vom einheitlichen Schul- und Hochschulsektor unterschied. In der DDR wurde sie „zentralisiert, staatlich kontrolliert und der soziologischen Ideologie verpflichtet.“[10]

Allerdings blieb die Erwachsenbildung in der BRD zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs quantitativ unbedeutend und wurde als Konsumgut, welches vorrangig von intellektuellen Bürgern wahrgenommen wird, angesehen. Auch wenn die Bildung in allen Bevölkerungsschichten hohes Ansehen genoss, wurden die Möglichkeiten der Erwachsenenbildung weniger genutzt. Intern wurde der Aufbau der Erwachsenenbildung deshalb zunehmend als gescheiteter Neuanfang interpretiert, da ihr Freizeitangebote und das Fernsehen vorgezogen wurden und sie ihr Publikum nicht erreichte. Daraufhin wurden die Positionen und Ziele der Erwachsenenbildung theoretisch diskutiert und es sich weitestgehend mit den Fragen der Bewahrung kultureller Bedeutsamkeiten gegenüber der zunehmenden Konsumorientierung und mit der Klärung zum Verhältnis zu den Herausforderungen der Technik und der Ökonomie beschäftigt.[11] Damit fiel sie in eine idealistische Theoriediskussion über „gesellschaftsferne, philosophisch-anthropologische Erörterung ihres ‚Wesens‘ und ihrer ‚eigentlichen‘ Aufgabe zurück.“[12] In den 50er Jahren kann deshalb noch nicht die Rede von einer empirischen Theorieentwicklung in der Erwachsenenbildung die Rede sein, auch wenn mit der Untersuchchung Schulenbergs von 1955, welche sich auf eine Diskussion zur erwachsenenbildnerischen Beteiligung bezieht, bereits festgestellt wurde, dass unter Bildung nicht nur reines Wissen, sondern auch das Verständnis von Zusammenhängen verstanden wird.[13]

Zusammengefasst breitete sich in der BRD in den 50er Jahren ein relativer Wohlstand aus. Dieses Wachstum sollte weiter ausgebaut werden. Allerdings wurde der fortschrittliche Überlegenheitsanspruch durch den kalten Krieg und mit dem Sputnikschock im Oktober 1957 in Frage gestellt, da moderne nukleare Waffen der Sowjetunion bereits die USA hätten erreichen können. Die Angst vor einem Wirtschaftseinbruch begann sich langsam zu verbreiten. Hinzu kam, dass sich langsam ein Mangel an Fachkräften abzeichnete und mit dem Mauerbau im August 1961 der Arbeitskräftezustrom aus der DDR gestoppt wurde. Die wichtigen Aspekte der Erwachsenenbildung wurden somit nicht im Wirtschaftwunder begründet, sondern in dessen Ende.

4. Realistische Wende

4.1 Ausgangslage

In den sechziger Jahren entwickelte sich ein grundlegender Paradigmenwechsel, der auch die Erwachsenenbildung betraf. Der Bedarf an Facharbeitern konnte in der BRD nicht mehr gedeckt werden, woraufhin die westdeutsche Wirtschaft Gastarbeiter aus Südeuropa abwarb, die allerdings über ein niedrigeres Qualifikationsniveau verfügten. Zudem wurde festgestellt, dass die technische Entwicklung zu einem schnelleren Verfall des Wissens beitrug. Auch die Konkurrenz des internationalen Marktes verschärfte die wirtschaftliche Situation in Deutschland. Die Umstellung der Energiewirtschaft löste im Kohlebergbau eine Massenentlassung aus.

4.2 Erwachsenenbildung

Aufgrund der Rezession erfuhr die Erwachsenenbildung eine Aufwertung.[14] Einen Wendepunkt leitete dabei das 1960 erschienene Gutachten des deutschen Ausschusses für Erziehungs- und Bildungswesen ein. Die Erwachsenenbildung erschien in diesem Gutachten erstmals als dritter gleichberechtigter Bildungszweig neben Schule und Berufsbildung und verstand Bildung als individuelles Bemühen um höhere Erkenntnis, um sich selbst und gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen und um darin Handeln zu können.[15] „Das Gutachten überwand den lange Zeit postulierten Gegensatz zwischen einer soziokulturellen und politisch fokussierten Erwachsenenbildung einerseits und einem umfassenden, auch berufs- und aufstiegsorientierten Bildungsangebot andererseits.“[16] Die berufliche Bildung und die Erwachsenenbildung wurden damit nicht mehr weiter ausgeblendet, sondern in den Fokus für die Lösung der Probleme des Arbeitermangels und der politischen Umstände genommen. Vom Bildungsverständnis her hielt es an der Aufklärungsidee fest und setzte die Erwachsenenbildung mit den beruflichen Anforderungen der modernen Arbeitspolitik in Verbindung. Weiterhin diagnostizierte das Gutachten, dass die technologischen Entwicklungen in der BRD im internationalen Vergleich zu langsam seien.

Picht prognostiziert anhand dieser Entwicklungen eine deutsche Bildungskatastrophe. Er gab zu verstehen, dass Fachkräfte ausgebildet werden müssten, da der Wirtschaftaufschwung sonst ein jähes Ende nehme. Nach Picht bedrohte das Versagen der Bildung zudem das Bestehen der Gesellschaft. Überdies sollte die logische Folgerung nachvollzogen werden müssen, dass ein niedriger Bildungsstand der Auslöser für eine wirtschaftliche Krise sei. Pichts Lösung für die rezessiven Umstände lag darin, die fehlende Quantität an Arbeitern durch mehr Qualität auszugleichen und dafür mehr Abiturienten und Akademiker auszubilden. Ebenso wäre eine qualifizierende Weiterbildung der Arbeitskräfte nötig gewesen. Gerade in Zeiten des Wiederaufbaus wäre das Verständnis für die Bedeutung des Aufbaus des Bildungswesens nicht vorhanden gewesen, wobei dies besonders in Notsituation wichtig sei, da die Wirtschaft auf die Bildung der Bevölkerung aufbaue. Ein gutes Bildungssystem und Konsumverzicht wären damit die eigentlichen Bedingungen eines modernen Staates.[17]

Insgesamt entwickelte sich mit derartigen Ansichtsweisen Ende der 60er Jahre eine Hinwendung zur bildungsökonomischen Denkweise. Es sollte ein präventives staatliches Interventionskonzept geschaffen werden, dass den Staat in die Verantwortung der Erwachsenenbildung zieht, da die Unternehmen nur zögerlich neue Fachkräfte ausbildeten.

Folge dieses Paradigmenwechsels war eine politische Bildungsoffensive in Form von Gesetzesregelungen, Reformdebatten, Pläne und Empfehlungen, die auf Qualifikation, Flexibilität und Mobilität abzielte, um auf die modernen Anforderungen des Arbeitsmarktes reagieren zu können.[18] Die Pläne waren argumentativ auf die Notwendigkeit der Erwachsenenbildung und beruflichen Bildung ausgerichtet und „gekennzeichnet durch eine gewisse Planungseuphorie, Bildungsoptimismus und den Glauben an die Veränderbarkeit von Politik und Gesellschaft.“[19] Dies hatte die Professionalisierung und Institutionalisierung der Erwachsenenbildung zur Folge. Erste Lehrstühle mit dem Themenschwerpunkt Erwachsenenbildung wurden gegründet und im Jahre 1969 eine Diplomprüfungsordnung für Erwachsenenbildung verabschiedet, womit sie erstmals als eigenständige erziehungswissenschaftliche Disziplin anerkannt wurde. Dies ließ die Bildungsangebote expandieren, was eine soziale Gerechtigkeit und Berufsbildungsförderung ermöglichen sollte. Vor allem der deutsche Bildungsrat verdeutlichte in seinem „Strukturplan für das Bildungswesen“ (1970), dass der technische Fortschritt einen konstanten Wandel durch neue Erkenntnisse und Verfahrensweisen bringe, und dass die Weiterbildung in der Verantwortung der Gesellschaft stehe. Für die Erwachsenenbildung und die berufliche Bildung hatte dies die Konsequenz eine breite Masse der Bevölkerung erreichen zu müssen. Die Erwachsenenbildung vollzog in der BRD aufgrund der Gesetzesinitiativen und Planungsaktivitäten nun eine curriculare Systematisierung, wie sie in der DDR bereits vorzufinden war. Der Ausbau der Erwachsenenbildung wurde zunehmend mit Hilfe höherer finanzieller Ausstattung für das Bildungswesen realisiert.[20]

Da Bildung nun nicht mehr nur aus humanistischen Gründen, sondern auch in Bezug auf sozial- und arbeitsmarktpolitischen Interessen wahrgenommen werden sollte, wurden empirische Untersuchungen vorgenommen, die Aufschluss über die Akzeptanz der Bildung Erwachsener und ihre Teilnahmemotive bringen sollten. Aus der Göttinger Studie „Bildung und gesellschaftliches Bewußtsein“ (1966) ging im Wesentlichen hervor, dass die Weiterbildungsbeteiligung vorrangig vom Schulbildungsniveau abhing und die soziale Bildungsschere von der Erwachsenenbildung tendenziell weiter geöffnet wurde, und dass neben den kulturvollen Angeboten vielmehr berufsqualifizierende und praktisch verwertbare Inhalte erwartet wurden.

Ebenso waren psychologische Aspekte über das Lernen Erwachsener von Interesse. Herrschte zuvor die Annahme der „Adoleszenz-Maximum-Hypothese“ im Sinne von „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ begann sich mit den empirischen Untersuchungen des Leipziger Psychologen Hans Löwe langsam ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass das Erwachsenenlernen bis ins hohe Alter durchaus möglich ist und der Lernerfolg von Motivation und Aktivität gefördert wird. Pessimistische Konzepte über das Erwachsenenlernen konnten nach und nach empirisch widerlegt werden.

Die berufsbezogenen Interessen der Bevölkerung veränderten die Aufgaben der Erwachsenenbildung, wodurch die berufliche Bildung vermehrt in den Fokus genommen wurde. Damit der wirtschaftliche Aufschwung bestehen blieb, sollten sich die Inhalte der beruflichen Realität zuwenden und den Menschen die weitere Ausübung ihres Berufs ermöglichen. Auch Volkshochschulen entwickelten berufsbezogene Kursangebote. Die Weiterbildung der Menschen wurde zunehmend als Produktionsfaktor betrachtet, der den technischen Wandel und die Arbeitsorganisation unterstützt. Die Investition in die berufliche Qualifikation der Menschen wurde mit einem Anstieg des kollektiven und unternehmerischen Kapitals in Verbindung gebracht, weshalb auch Weiterbildungsangebote in Unternehmen entstanden. Dabei wurde die Humankapitalthese entwickelt: Die Gesellschaft ist so erfolgreich, wie die Qualifikation ihrer Teilnehmer.[21]

Gleichzeitig begann eine sozial-kritische Wende, dessen Anhänger die vorrangig bildungsökonomische Denkweise aufgrund der Anpassungsqualifizierung und technokratischen Entwicklungen kritisierten und im Gegensatz dazu eine Rückbesinnung auf die emanzipatorische politische Bildung forderten. Besonders die „kritische Theorie“ der Frankfurter Schule fand hier aufgrund ihrer marxistischen, aufklärerischen und analytischen Ideen ihren Anklang.[22] Aufsatzsammlungen von Adorno und Horkheimer kritisierten den sich ausprägenden Anpassungsgedanken an die westliche Welt, die hohe Konsumbereitschaft, die Ablenkung durch das Massenmedium Fernsehen sowie den damit zusammenhängenden Kulturverlust und trugen damit zur Auslösung der Studentenbewegung bei. Sie beschrieben den Umstand, dass die ökonomischen Mächte die Menschen gefügig machten, weil sie der Bevölkerung zwar Wohlstand einbrachten, ihr aber ein wahres Mitspracherecht entzögen:

„Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, die einerseits die Bedingungen für eine gerechtere Welt herstellt, verleiht andererseits dem technischen Apparat und den sozialen Gruppen, die über ihn verfügen, eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung. Der Einzelne wird gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert. […] Während der Einzelne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt. Im ungerechten Zustand steigt die Ohnmacht und Lenkbarkeit der Masse mit der ihr zugeteilten Gütermenge. […] Die Flut präziser Information und gestriegelten Amüsements witzigt und verdummt die Menschen zugleich.“ [23]

Dieser sozial-kritische Ansatz wollte die Ideologie und Schwächen der bildungsökonomischen Denkweise, wie sie beispielsweise von Picht propagiert wurde, aufdecken. Die Erwachsenenbildung sollte so organisiert werden, dass mündige und kritische Subjekte gebildet werden, die dann die Gesellschaft nach emanzipatorischen Gesichtspunkten umgestalten können. Nicht nur das Individuum und der Wirtschaftssektor sollten von der Bildung profitieren, sondern es wurde auch eine Veränderung des Gesellschaftssystems mittels emanzipatorischer und politischer Bildung angestrebt.[24] Auch außenpolitische Beweggründe, vor allem der Vietnamkrieg sowie die Aufrüstungsbedrohungen im kalten Krieg, leiteten gesellschaftskritische Kräfte ein und bildeten die Neuorientierung sich vom geistig-kulturellen Leitbild der USA zu verabschieden und sich politisch eher sozial-liberal zu orientieren.[25]

Für die der Erwachsenenbildung lässt sich zusammenfassen, dass mit der realistischen Wende Strukturen der beruflichen Weiterbildung geschaffen und die Weiterbildung als vierte Säule des Bildungswesens etabliert wurde, womit das Lernen zunehmend „als unabschließbare Notwendigkeit und als eine die gesamte Lebensspanne durchziehendes Kontinuum“[26] betrachtet wurde. Ebenso wurden Weiterbildungsgesetze und tarifvertragliche Regelungen getroffen, darunter vor allem das Ausbildungsförderungsgesetz (AfG) von 1969, die die individuelle und institutionelle berufliche Weiterbildung förderten, woraufhin auch erste betriebliche Weiterbildungssysteme entwickelt wurden.[27] Ebenso wurde die Möglichkeit zur Wahrnehmung von Bildungsangeboten durch den Akademisierungs- und Verrechtlichungs- und Institutionalisierungsschub und auf Grundlage dessen auch Arbeitsplätze in der Erwachsenenbildung geschaffen. Ein wichtiger Aspekt ist die damalige Entwicklung einer gesellschaftlichen Akzeptanz der Lernfähigkeit Erwachsener. Die psychologischen Forschungsbemühungen die das Lehr-Lern-Geschehen Erwachsener untersuchten, brachten zudem neue wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung neuer Lern- und Konzepttheorien der Erwachsenenbildung, wobei kognitivistische und konstruktivistische Ansätze, im Sinne von Lernen durch Erfahrungen und über Erkenntnisse, behavioristische Paradigmen, im Sinne von Reiz-Reaktions-Ketten, weitestgehend ablösten. Die hermeneutische Reflexion der Praxis während der Zeit des Wirtschaftswunders trat also zugunsten der Entwicklung von Empirie und entsprechender Reformen zurück. Innerhalb einer Dekade (1965-1975), zur Hochkonjunktur der realistischen Wende, entwickelte sich die Erwachsenenbildung zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, was zu einer wirtschafts- und systemwissenschaftlichen Auseinandersetzung führte, aber ebenso zur Wissenschaft von Methodik und Didaktik beitrug.[28] Vor allem geriet die zweckorientierte berufliche Bildung in den Fokus politischer Hinwendungen und erfuhr damit eine gesellschaftliche Aufwertung als Produktionsfaktor und als Weg zur sozialen Gerechtigkeit. Die Zeit der realistischen Wende war somit die Zeit der Expansion der Erwachsenenbildung und die Zeit einer wissenschafts- und politikorientierten Reform des Bildungswesens: „Wurde die Erwachsenenbildung der BRD in den 50er Jahren noch überwiegend als ein Ort kulturvoller und zweckfreier Freizeitgestaltung definiert, so wird sie jetzt politisch aufgewertet und in die staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik einbezogen.“[29]

[...]


[1] Vgl. Siebert 1999, S. 54

[2] Vgl. Siebert 1999, S. 57

[3] Olbrich 2001, S. 308

[4] Vgl. Olbrich 2001, S. 307

[5] Vgl. Siebert 1999., S. 55f.

[6] Vgl. Siebert 1999, S. 55f.

[7] Vgl. Siebert 1999, S. 56f.

[8] Vgl. Siebert 1999 , S, 57

[9] Vgl. Siebert 1999, S. 57f.

[10] Siebert 1999, S. 59

[11] Vgl. Siebert 1999, S. 59f.

[12] Dikau 1980, S. 20

[13] Vgl. Siebert 1999, S. 60

[14] Vgl. Siebert 1999, S. 60

[15] Vgl. Olbrich 2001, S. 354

[16] Olbrich 2001, S. 354

[17] Vgl. Picht 1964, S. 16-35

[18] Vgl. Olbrich 2001, S. 357-364

[19] Olbrich 2001, S. 364

[20] Vgl. Siebert 1999, S. 61-64

[21] Lombeck 2011, S. 225

[22] Siebert 1999, S. 63; vgl. Olbrich 2001, S. 352

[23] Horkheimer/Adorno 1969, S. 4

[24] Vgl. Dewe/Frank/Huge 1988, S. 73

[25] Vgl. Lehmann 1996, S. 167

[26] Arnold/Nolda/Nuissl 2010, S. 129

[27] Vgl. Olbrich 2001, S. 376

[28] Vgl. Dewe/Frank/Huge 1988, S. 94

[29] Siebert 1999, S. 62

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Geschichte der Erwachsenenbildung
Untertitel
Die historischen Entwicklungen von der Nachkriegszeit bis zu den aktuellen Herausforderungen
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
Geschichte der Erwachsenenbildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V437502
ISBN (eBook)
9783668777132
ISBN (Buch)
9783668777149
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erwachsenenbildung, Nachkriegszeit, Restauration, Geschichte, Wirtschaftwunder, Reflexive Wende, Geschichte der Erwachsenenbildung
Arbeit zitieren
Yasmin Krause (Autor:in), 2014, Geschichte der Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437502

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