Die Arbeit befasst sich mit dem Identitätsbildungsprozess des Individuums in einer durch die Vergangenheit stark prägende zeitgenössischen Gesellschaft. Dabei wird der Umstand klar hervorgehoben, wie bestimmte Vergangenheitserfahrungen an der Identitätskonstruktion der österreichischen Juden erheblich teilhaben. Damit wird festgestellt, dass Identität nicht etwas Statisches ist, und auch, dass sowohl glückliche als auch unglückliche Ereignisse hier von großem Belang sind.
Inhaltsverzeichnis
KAPITEL 0: EINLEITUNG
0.1. Thema der Forschung
0.2. Motivation zur Wahl des Themas
0.3. Ziel und Erkenntnisinteresse
0.4. Das Problem und der aktuelle Erkenntnisstand
0.5. Die Fragestellungen
0.6. Forschungsleitende Thesen, theoretische Basis und methodisches Vorgehen
0.7. Zum Aufbau der Arbeit
KAPITEL 1: IDENTITÄTSBILDUNG IN INTERAKTION MIT DER VERGANGENHEIT
1.1. Begriffsbestimmung
1.1.1. Kultur
1.1.2. Identität
1.1.3. Alterität
1.1.4. Repräsentation
1.1.5. Erinnerung
1.1.6. Gedächtnis
1.1.7. Globalisierung
1.2. Subjekt und Identitätsbildung
1.2.1. Identitätsformen
1.2.1.1. Identitätsauffassung der Aufklärung: klare Selbstwahrnehmung des Subjekts
1.2.1.2. Identitätsauffassung aus soziologischer Hinsicht: Subjekt in Interaktion mit den Anderen
1.2.1.3. Identitätsauffassung der Postmoderne: ein zerstreutes Subjekt
1.2.2. Erinnerung und Identität
1.2.2.1. Erinnerung und Trauma
1.2.2.2. Erinnerung und Selbstbild
Exkurs: Vergangenheitsbewältigung und Identität in der österreichischen Gesellschaft.
KAPITEL 2: HELDENPLATZ ALS INSZENIERUNG HISTORISCH KULTURELLER UNTERSCHIEDE
2.1. Zum Autor und dessen Werk
2.1.1. Zum Autor
2.1.2. Zum Werk Heldenplatz
2.1.2.1. Heldenplatz als modernes Drama
2.1.2.1.1. Die formalen Besonderheiten des Werkes
2.1.2.1.2. Die Ritualisierung im Bernhards Werk „Heldenplatz“
2.1.2.2. Zur Handlung im Werk
2.1.2.3. Figuren und Figurenkonstellation
2.1.2.3.1. Zur Figurencharakterisierung
2.1.2.3.1.1. Die Elterngeneration
2.1.2.3.1.2. Die Kindergeneration
2.1.2.3.1.3. Die Hausangestellten
2.1.2.3.2. Zur Figurenkonstellation
2.2. Zur Inszenierung des kulturell Anderen im Werk
2.2.1. Zum Konzept ‚kulturell Andere‘
2.2.2. Darstellung der verschiedenen kulturellen Gruppen
2.2.2.1. Die Juden
2.2.2.2. Die Österreicher
2.2.2.3. Die Engländer
2.2.2.4. Die Franzosen
2.2.2.5. Die Eritreaer
2.3. Zu Verhältnissen zwischen dargestellten kulturellen Gruppen
2.3.1. Der Rassismus oder Ausschluss
2.3.1.1. Das Bild der Juden
2.3.1.2. Das Bild der Österreicher
2.3.2. Die Integration
2.3.2.1. Aus der Perspektive der Österreicher
2.3.2.2. Aus der Perspektive der Juden
KAPITEL 3: IDENTITÄTSBILDUNG AUS DER ERINNERUNG AN VERGANGENHEITSERFAHRUNGEN
3.1. Zur Rekonstruktion des jüdischen Bewusstseins in Heldenplatz
3.1.1. Diskriminierung und Ausgrenzung
3.1.2. Verfolgung und Vernichtung
3.1.3. Angst und Flucht
3.2. Identitätskonstruktion in Interaktion mit den Österreichern
3.2.1. Geschichte, Erinnerung und Identitätsbildung
3.2.2. Aus der Perspektive der Eltern
3.2.2.1. Josef Schuster
3.2.2.2. Robert Schuster
3.2.2.3. Hedwig Schuster
3.2.3. Aus der Perspektive der Kinder
KAPITEL 4: DAS JÜDISCHE KULTURELLE GEDÄCHTNIS ALS BILDUNGS- UND BEWAHRUNGSMEDIUM IHRER IDENTITÄT
4.1. Literatur als Medium des kulturellen Gedächtnisses
4.1.1. Heldenplatz als kultureller Text
4.1.2. Der Mythos im Heldenplatz
4.2. Zum kulturellen Gedächtnis der jüdischen Figuren im Heldenplatz
4.2.1. Zur Bestimmung des Begriffs „kulturelles Gedächtnis“
4.2.2. Der Heldenplatz im Werk als Erinnerungsort
4.2.3. Selbstmord und kollektive Identität der Juden
4.2.4. Zum Trauma von Figuren im Werk
ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht den Prozess der Identitätsbildung jüdischer Figuren in Thomas Bernhards Theaterstück „Heldenplatz“. Ziel der Forschung ist es, aufzuzeigen, wie das kulturell Andere im Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit als Spiegel für die eigene Identitätsfindung und Selbstwahrnehmung fungiert. Dabei wird analysiert, wie historische Ereignisse und kollektives Gedächtnis die Konstruktion einer jüdischen Identität in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft beeinflussen.
- Interaktion zwischen jüdischen Identitätsentwürfen und österreichischer Vergangenheit
- Rolle der Erinnerung und des Gedächtnisses bei der Identitätskonstruktion
- Die Funktion von Literatur als Medium des kulturellen Gedächtnisses
- Analyse der Figurenkonstellation und der Inszenierung des kulturell Anderen
- Die symbolische Bedeutung des Heldenplatzes als Erinnerungsort
Auszug aus dem Buch
2.1.2.1.1. Die formalen Besonderheiten des Werkes
Ausgehend von seiner Form gehört Thomas Bernhards Werk „Heldenplatz“ zur Gattung Drama. Die Gattungsspezifizität dieses Werkes ist in dessen Gliederung zu beobachten, denn es besteht aus drei Szenen. Akte gibt es überhaupt nicht. Von dieser Gliederung aus ist es schon schwierig, dieses Stück mit klassischen Theaterstücken zu vergleichen. Das von dem Verlag Suhrkamp 1988 veröffentlichte Werk gehört also zum modernen Drama. Die Figurenrede im Werk entspricht keiner traditionellen Versform, sie wird eher in eine freie Versform gestaltet, woraus ein freier Rhythmus entsteht. Dies lässt sich durch Robert Schusters Rede beweisen:
Ich bin immer lieber mit dem Taxi gefahren / und nie vor das Haus / ich hab mich immer vor dem Burgtheater absetzen lassen / um dann zu Fuß durch den Volksgarten zu gehen / das ist schon viele Jahrzehnte so.
Von diesem Auszug aus lässt sich die Tatsache begründen, dass die Figurenrede zuerst in Prosa gestaltet worden ist, und danach in Versform angeordnet, und optisch zu rhythmischen Einheiten gegliedert ist. Dadurch wird eine klagende, traurige, beziehungsweise passive und subversive Wirkung auf den Leser übertragen, der das Stück manchmal als eine jüdische Auseinandersetzung mit den Österreichern bzw. der österreichischen Gesellschaft und der Welt im Allgemeinen rezipiert. Indem man diese Behauptung von Robert Schuster in ernst nimmt „In Europa ist es ganz gleich wo der Jude hingeht / er wird überall gehasst“ (S. 90), dann könnte darunter verstanden werden, dass der Jude – zumindest aus der Perspektive des Stücks – sowohl nach einer Selbstbestimmung sucht, die seine Stabilität in dieser Umgebung gewährleisten soll, als auch eine total subversive Rolle in der Gesellschaft zu spielen hat, da er dazu nicht gehört.
Zusammenfassung der Kapitel
KAPITEL 0: EINLEITUNG: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Identitätsbildung ein, erläutert die Motivation für die Themenwahl und definiert die Forschungsziele sowie die methodische Vorgehensweise.
KAPITEL 1: IDENTITÄTSBILDUNG IN INTERAKTION MIT DER VERGANGENHEIT: Das Kapitel bietet eine theoretische Auseinandersetzung mit Grundbegriffen wie Identität, Kultur, Gedächtnis und Globalisierung, um das Fundament für die anschließende Analyse zu legen.
KAPITEL 2: HELDENPLATZ ALS INSZENIERUNG HISTORISCH KULTURELLER UNTERSCHIEDE: Hier erfolgt die werkimmanente Analyse, wobei der Fokus auf der Figurenkonstellation und der Inszenierung des kulturell Anderen liegt, um die gesellschaftliche Konstellation der Entstehungszeit zu verdeutlichen.
KAPITEL 3: IDENTITÄTSBILDUNG AUS DER ERINNERUNG AN VERGANGENHEITSERFAHRUNGEN: Dieses Kapitel rekonstruiert das jüdische Bewusstsein im Stück, indem traumatische Erfahrungen wie Diskriminierung, Verfolgung und Selbstmord als identitätsstiftende Elemente untersucht werden.
KAPITEL 4: DAS JÜDISCHE KULTURELLE GEDÄCHTNIS ALS BILDUNGS- UND BEWAHRUNGSMEDIUM IHRER IDENTITÄT: Abschließend wird das Werk als kultureller Text analysiert, der als Medium für das kulturelle Gedächtnis fungiert und so zur Bewahrung der jüdischen Identität beiträgt.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Heldenplatz, Identitätsbildung, kulturelles Gedächtnis, Erinnerung, Österreichische Gesellschaft, Jüdische Identität, Antisemitismus, Vergangenheitsbewältigung, Nationalsozialismus, Trauma, Selbstmord, interkulturelle Studien, Alterität, Postdramatisches Theater.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Konstruktion jüdischer Identität in Thomas Bernhards Theaterstück „Heldenplatz“ unter Berücksichtigung des kollektiven Gedächtnisses und der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf Identitätstheorien, der Rolle des kulturellen Gedächtnisses, der Literatur als Medium der Erinnerungsarbeit und der soziologischen Analyse der Figurenbeziehungen im Stück.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie jüdische Figuren im Stück durch die Auseinandersetzung mit historischen Traumata und der Interaktion mit der Mehrheitsgesellschaft ihre eigene kulturelle Identität formen und behaupten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet einen strukturalistischen und literatursoziologischen Ansatz, ergänzt durch Gedächtnistheorien von Jan und Aleida Assmann, um das Werk in seinen komplexen interkulturellen Zusammenhängen zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen zur Identität geschaffen, gefolgt von einer detaillierten Analyse des Dramas, insbesondere der Figurenkonstellation und der Inszenierung des kulturell Anderen, sowie der Rolle von Trauma und Erinnerung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Identitätsbildung, kulturelles Gedächtnis, Antisemitismus, Vergangenheitsbewältigung, Trauma, Selbstmord und das Konzept des kulturell Anderen.
Warum spielt der „Heldenplatz“ als Ort im Stück eine solche Rolle für die jüdische Identität?
Der Heldenplatz fungiert im Werk als „Erinnerungsort“ und „traumatischer Ort“, der untrennbar mit dem Nationalsozialismus und der Rede Hitlers von 1938 verknüpft ist, wodurch er für die jüdischen Figuren ständig die unbewältigte Vergangenheit präsent hält.
Wie bewertet die Arbeit den Selbstmord des Professors im Stück?
Der Selbstmord wird nicht als bloße persönliche Handlung interpretiert, sondern als ein im kulturellen Gedächtnis verankertes, oft „erzwungenes“ Mittel der Verweigerung gegenüber einer als unerträglich wahrgenommenen rassistischen Umwelt.
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- Giresse Macaire Teikeu Takougang (Author), 2018, Erinnerung und Selbstauffassung. Untersuchung der Identität österreichischer Juden in Thomas Bernards "Heldenplatz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437665