Der Ovidische Mythos Pygmalion handelt von einem Mann, der sich aus Elfenbein eine Statue in Form einer Frau bildet und sich in diese verliebt. Obwohl die misogyne Haltung des Ovidischen Pygmalion wohl seine hervorstechendste Eigenschaft ist, handelt der Pygmalion-Stoff beim genaueren Hinsehen doch eher, in Eva Kormanns Worten, "von Philogynie, von Frauenverehrung – oder besser: von der Liebe zu Traumfrauen".
Der Wunsch des mythologischen Pygmalion nach einer Frau, die seiner Idealvorstellung entspricht, bleibt auch im 19. Jahrhundert Thema zahlreicher Bearbeitungen. Infolge einer Pädagogisierung des Pygmalion-Stoffs werden jedoch keine Statuen mehr zum Leben erweckt, sondern reale Frauen zu idealen Gattinnen erzogen: Die „Körperformung“ wird zur „Seelenformung“. Das Material für ihr Vorhaben finden die meist wohlhabenden, angesehenen Männer in den Frauen der unteren sozialen Schichten. Die dort herrschende Ungebildetheit bietet dem Mann „reichlich Gelegenheit, diese vermeintliche Leere phantasmatisch zu füllen. Er idealisiert die Geliebte als ein Wesen, das anders als er selbst vom verderblichen Einfluss der Gesellschaft verschont“ blieb. Die daraus entstehenden „Erziehungsehen“ nehmen jedoch nur selten einen glücklichen Ausgang, weitaus häufiger enden sie in Tragödien.
In Karl Leberecht Immermanns Novelle "Der Neue Pygmalion" (1829) und der Erzählung Regine (1881) von Gottfried Keller liegt das Hauptaugenmerk auf der Pädagogisierung des Pygmalion-Stoffs: Unter falschem Vorwand bringt Baron Werner die Försterstochter Emilie an sein Schloss, um sie zu seiner Ehefrau zu erziehen. Trotz einiger Komplikationen nähern sie sich einander an und schlussendlich liegt „die Erzogne […] dem Erzieher im Arme“. „Fast märchenhaft“ beginnt dagegen die Erzählung von Erwin und Regine. Das Glück des Anfangs verliert sich in der Ehe jedoch rasch, bis Erwin zuletzt „die Schöne und im Tode schwere Gestalt auf den Knieen“ hält.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Leitfrage, wie die Erziehungsversuche derart unterschiedlich enden können. Den theoretischen Ausgangspunkt bildet dabei die Erziehungslehre nach Jean-Jacques Rousseau (Kapitel 2), da beide Werke Parallelen zu seinem Konzept aufweisen. Es ist hierbei nicht das Ziel, Rousseaus Pädagogik umfassend wiederzugeben, sondern die für die anschließende Analyse relevanten Aspekte hervorzuheben und dabei insbesondere die Erziehung der Frau zu betrachten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rousseaus Erziehungskonzept
2.1 Die Erziehung des Mannes: „Wozu nützt das?“
2.2 Die Erziehung der Frau: „Welchen Eindruck wird es machen?“
3 Auslöser der Erziehung
3.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
3.2 Keller: Regine
3.3 Vergleich
4 Die Erziehung der Frauenfiguren
4.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
4.1.1 Baron Werner
4.1.2 Die Lehrer
4.1.3 Tante Cordula
4.2 Keller: Regine
4.2.1 Die Gelehrtenwitwe
4.2.2 Erwin Altenauer
4.2.3 Die Parzen
4.3 Vergleich
5 Die Rückkehr der Männer
5.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
5.2 Keller: Regine
5.3 Vergleich
6 Die Funktion der Kunst
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht vergleichend die pädagogischen Erziehungsversuche in Karl Leberecht Immermanns Novelle „Der Neue Pygmalion“ und Gottfried Kellers Erzählung „Regine“. Ziel ist die Beantwortung der Leitfrage, warum diese Erziehungsprojekte so unterschiedlich enden und ob das Pygmalion-Ideal in der Rolle des Erziehers zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist.
- Analyse der Erziehungskonzepte im Lichte von Jean-Jacques Rousseaus Pädagogik.
- Untersuchung der Motive und Auslöser für das männliche Erziehungsvorhaben.
- Vergleich der angewandten Erziehungsmethoden und der Rolle beteiligter Lehrerfiguren.
- Die Funktion der Kunst (Bilder und Statuen) als Katalysator oder Hemmnis der Handlung.
- Einordnung der Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Zwänge des 19. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
3.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
Im Neuen Pygmalion bleibt eine Verbindung zum Ovidischen Mythos schon im Titel aufrechterhalten. Die Ergänzung um das Adjektiv neu verdeutlicht aber, dass der Mythos dem Autor nur als Basis dient. Dieser „neue Pygmalion“ (P 318) lebt, wie sein mythologisches Vorbild, allein, denn „das Verderbnis des [weiblichen] Geschlechts ist zu groß, die Verbildung zu ungeheuer“ (P 279). Während der Ovidische Pygmalion seinen Frauenhass noch mit den „von Natur“ schlechten Anlagen der Frauen begründet, sieht Werner die Frauen von der Gesellschaft durch Bildung verdorben. Seine Tante Cordula drängt ihn zur Heirat, da er sich schon „in den Dreißigen“ (P 271) befindet und sie in der Nachbarstochter Luciane eine geeignete Frau sieht. Werner kann sich jedoch nicht für Luciane erwärmen, denn sie verkörpert für ihn jene Verbildung, die er verabscheut. Als konkreter Auslöser seiner Verachtung kann Luciane somit mit den Propoetiden Pygmalions gleichgesetzt werden. Werner vermisst an Frauen wie Luciane den Teil von „Unbeschreiblichkeit […], welcher Männer und Frauen erst zu anziehenden Erscheinungen macht“ (P 272). Sein Idealbild der Frau ist „wie ein ewiges und unergründliches Rätsel“ (P 272). Nichtsdestotrotz sehnt er sich nach einer Ehefrau, denn das Leben ohne „ist ganz leer und elend“ (P 273), erhofft sich jedoch „die Heilung seiner Schmerzen sichrer und bequemer finden“ (P 278).
Die weibliche Hauptperson wird durch eine Zeichnung des Malers Sterzing eingeführt (vgl. P 275), die Werner vollkommen fasziniert und ihn den ganzen Abend an die abgebildete Emilie denken lässt (vgl. P 275f.). Nachts „reifte in dem Baron [der] unerwartete[ ] Entschluß“ (P 278) sich seine Idealfrau selbst zu erziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Pygmalion-Stoffs im 19. Jahrhundert und Einleitung in die Leitfrage zur Pädagogisierung des Mythos bei Immermann und Keller.
2 Rousseaus Erziehungskonzept: Analyse der theoretischen Grundlagen nach Rousseau, insbesondere der Differenz zwischen der Erziehung des Mannes und der Frau.
3 Auslöser der Erziehung: Untersuchung der Beweggründe der Protagonisten Werner und Erwin, ihre jeweiligen Auserwählten zu erziehen.
4 Die Erziehung der Frauenfiguren: Detaillierte Betrachtung der pädagogischen Methoden, der Lehrerrollen und der Entwicklung von Emilie und Regine.
5 Die Rückkehr der Männer: Analyse der Interaktionen nach der Rückkehr der Männer und der dramatischen Zuspitzung der Handlung.
6 Die Funktion der Kunst: Erörterung der Rolle von Malern und Kunstwerken als treibende Kräfte des Schicksals der Hauptfiguren.
7 Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfrage hinsichtlich des Scheiterns des erzieherischen Pygmalion-Anspruchs.
Schlüsselwörter
Pygmalion, Erziehung, Rousseau, Pädagogik, Immermann, Keller, Geschlechterrollen, Idealisierung, Bildungsroman, Literaturwissenschaft, Frauenbild, Emanzipation, Mythos, Sozialkritik, Realitätsverlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das klassische Pygmalion-Motiv – die Erschaffung einer Idealgestalt durch einen Mann – in der Literatur des 19. Jahrhunderts adaptiert und pädagogisiert wurde, um gesellschaftliche Erziehungsideale zu kritisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rousseausche Erziehungslehre, das Spannungsfeld zwischen idealisierten Vorstellungen und der gesellschaftlichen Realität sowie die Rolle der Frau als „Zögling“ bürgerlicher Männer.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Gründe für das unterschiedliche Ende der Erziehungsversuche in Immermanns „Der Neue Pygmalion“ und Kellers „Regine“ aufzuzeigen und zu klären, warum das Modell des männlichen Erziehers in diesen Werken scheitert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanent arbeitet und diese mit zeithistorischen pädagogischen Konzepten (Rousseau) sowie mythologischen Vergleichen (Ovid) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ausgangslage der männlichen Protagonisten, die spezifischen Erziehungsmethoden, die Bedeutung externer Einflüsse wie der Kunst und der sozialen Umgebung sowie das Scheitern der jeweiligen Beziehungskonstrukte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Pygmalion, Erziehung, Rousseau, Pädagogik, Frauenbild, Geschlechterrollen, Idealisierung sowie die literarische Analyse von Immermann und Keller.
Warum ist Regines Ende tragisch, während Emilies Entwicklung als positiver wahrgenommen wird?
Emilie gelingt durch die Unterstützung Dritter eine eigenständige Entwicklung zur Persönlichkeit, während Regine durch Erwins Fixierung auf Äußerlichkeiten in eine soziale Isolation und letztlich in den Suizid getrieben wird.
Welche Rolle spielt der Zufall für das Schicksal der Figuren?
Der Zufall agiert in beiden Werken als entscheidender Katalysator: Er führt Erwin zu den Bildern, die sein Misstrauen nähren, und ermöglicht Emilie entscheidende Einsichten, die ihr Schicksal zum Guten wenden.
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- Caroline Harsch (Author), 2014, Pygmalion als Erzieher - zum Scheitern verurteilt? Vergleich der Erziehungsversuche "Der neue Pygmalion" von Karl Leberecht Immermann und "Regine" von Gottfried Keller, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437815