Pygmalion als Erzieher - zum Scheitern verurteilt? Vergleich der Erziehungsversuche "Der neue Pygmalion" von Karl Leberecht Immermann und "Regine" von Gottfried Keller


Bachelorarbeit, 2014
36 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rousseaus Erziehungskonzept
2.1 Die Erziehung des Mannes: „Wozu nützt das?“
2.2 Die Erziehung der Frau: „Welchen Eindruck wird es machen?“

3 Auslöser der Erziehung
3.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
3.2 Keller: Regine
3.3 Vergleich

4 Die Erziehung der Frauenfiguren
4.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
4.1.1 Baron Werner
4.1.2 Die Lehrer
4.1.3 Tante Cordula
4.2 Keller: Regine
4.2.1 Die Gelehrtenwitwe
4.2.2 Erwin Altenauer
4.2.3 Die Parzen
4.3 Vergleich

5 Die Rückkehr der Männer
5.1 Immermann: Der Neue Pygmalion
5.2 Keller: Regine
5.3 Vergleich

6 Die Funktion der Kunst

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Ovidische Mythos Pygmalion handelt von einem Mann, der sich aus Elfenbein eine Statue in Form einer Frau bildet und sich in diese verliebt. Obwohl die misogyne Haltung des Ovidischen Pygmalion wohl seine hervorstechendste Eigenschaft ist, handelt der Pygmalion-Stoff beim genaueren Hinsehen doch eher „von Philogynie, von Frauenverehrung – oder besser: von der Liebe zu Traumfrauen.“[1] Der Wunsch des mythologischen Pygmalion nach einer Frau, die seiner Idealvorstellung entspricht, bleibt auch im 19. Jahrhundert Thema zahlreicher Bearbeitungen. Infolge einer Pädagogisierung des Pygmalion-Stoffs werden jedoch keine Statuen mehr zum Leben erweckt, sondern reale Frauen zu idealen Gattinnen erzogen: Die „Körperformung“[2] wird zur „Seelenformung“[3]. Das Material für ihr Vorhaben finden die meist wohlhabenden, angesehenen Männer in den Frauen der unteren sozialen Schichten. Die dort herrschende Ungebildetheit bietet dem Mann „reichlich Gelegenheit, diese vermeintliche Leere phantasmatisch zu füllen. Er idealisiert die Geliebte als ein Wesen, das anders als er selbst vom verderblichen Einfluss der Gesellschaft verschont“[4] blieb. Die daraus entstehenden „Erziehungsehen“[5] nehmen jedoch nur selten einen glücklichen Ausgang, weitaus häufiger enden sie in Tragödien.

In Karl Leberecht Immermanns Novelle Der Neue Pygmalion (1829)[6] und der Erzählung Regine (1881)[7] von Gottfried Keller liegt das Hauptaugenmerk auf der Pädagogisierung des Pygmalion-Stoffs: Unter falschem Vorwand bringt Baron Werner die Försterstochter Emilie an sein Schloss, um sie zu seiner Ehefrau zu erziehen. Trotz einiger Komplikationen nähern sie sich einander an und schlussendlich liegt „die Erzogne […] dem Erzieher im Arme“ (P 317). „Fast märchenhaft“[8] beginnt dagegen die Erzählung von Erwin und Regine. Das Glück des Anfangs verliert sich in der Ehe jedoch rasch, bis Erwin zuletzt „die Schöne und im Tode schwere Gestalt auf den Knieen“ (R 122) hält.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Leitfrage, wie die Erziehungsversuche derart unterschiedlich enden können. Den theoretischen Ausgangspunkt bildet dabei die Erziehungslehre nach Jean-Jacques Rousseau (Kapitel 2), da beide Werke Parallelen zu seinem Konzept aufweisen. Es ist hierbei nicht das Ziel Rousseaus Pädagogik umfassend wiederzugeben, sondern die für die anschließende Analyse relevanten Aspekte hervorzuheben und dabei insbesondere die Erziehung der Frau zu betrachten. Kapitel 3 beinhaltet kurze Charakterisierungen der Hauptfiguren und Erörterungen wie es zum jeweiligen Erziehungsvorhaben kommt. Den Methoden der Erziehung und den auftretenden Lehrerfiguren widmet sich Kapitel 4, wonach in Kapitel 5 die Situation nach der Rückkehr der Männer betrachtet wird. Im Fokus stehen hierbei die Veränderungen der Charaktere sowie weitere Komponenten, die neben der Erziehung Einfluss auf die Handlung nehmen. In allen Kapiteln werden an den entsprechenden Stellen Parallelen zum Ovidischen Mythos hervorgehoben. An die Betrachtung der Funktion der Kunst in Kapitel 6 schließt sich zuletzt das Fazit mit der Beantwortung der Leitfrage an:

Muss Pygmalion in der Rolle des Erziehers scheitern?

2 Rousseaus Erziehungskonzept

1762 schreibt Jean-Jacques Rousseau mit Emil Oder Über die Erziehung[9] ein pädagogisches „Gedankenexperiment“[10]. Ziel des Werkes ist der Entwurf einer neuen Erziehungsmethode, die sich an den individuellen Fähigkeiten des Kindes orientiert. Rousseau fasst den Entschluss zu seinem Erziehungswerk, da die damals üblichen Methoden „immer den Erwachsenen im Kind [suchen], ohne daran zu denken, was es ist, ehe es ein Erwachsener ist“ (E 8); ein Vorgehen, das er für problematisch hält. Der Grundgedanke der Rousseauschen Erziehung beruht auf der „Idee der natürlichen Entwicklung“[11], was bedeutet, dass sich die Erziehung nach dem Kind richten soll und nicht umgekehrt. Um sein Konzept zu demonstrieren, erfindet Rousseau den Schüler Emil und setzt sich selbst in die Rolle des idealen Erziehers (vgl. E 29). Emil definiert er als „einen reichen Zögling“ (E 31), der nur „mit ganz durchschnittlichen Geistesgaben“ (E 30) ausgestattet ist. Im Verlauf des Textes erzieht Rousseau Emil nach seinen Vorstellungen bis dieser Sophie – fiktive Repräsentantin der ideal erzogenen Frau – kennenlernt und heiratet.

2.1 Die Erziehung des Mannes: „Wozu nützt das?“

Bei der Erziehung wirken drei Komponenten auf Emil ein:

Die innere Entwicklung unserer Fähigkeiten und Kräfte ist die Erziehung durch die Natur; der Gebrauch, den man uns von dieser Entwicklung machen lehrt, ist die Erziehung durch die Menschen; erwerben wir aber eigene Erfahrung durch die Gegenstände, die uns beeindrucken, so ist das die Erziehung durch die Dinge (E 12, Hervorhebung v. V.).

Nur wenn alle Komponenten zusammenwirken, kann die Erziehung glücken (vgl. E 12f.). Um die Entwicklung der Fähigkeiten durch die Natur zu ermöglichen, soll Emil sich in seiner Kindheit – die von Rousseau zeitlich nicht begrenzt wird – stets wie ein Kind verhalten (vgl. E 69). Die wichtigste Regel der Rousseauschen Erziehung „heißt nicht: Zeit gewinnen, sondern: Zeit verlieren!“ (E 80), aus welchem Grund Emil und sein Erzieher auch auf dem Land leben, um Emil von verfrühten Einflüssen fernzuhalten. Es gilt, dass „Problem der Verfrühung“[12] zu vermeiden, ein Phänomen, dass auftritt, wenn zu früh begonnen wird Kinder zu unterrichten. Diese sind Rousseau zufolge noch gar nicht in der Lage richtig zu verstehen und so lernen sie nur auswendig, was ihnen vorgesagt wird. Daran macht Rousseau auch den Unterschied zu anderen Methoden deutlich, denn „das Wissen des eurigen [Kindes ist] gedächtnismäßig, das des meinigen aber mit dem Verstand erfaßt“ (E 379).

Um Emils Entfaltung seiner Natur zu gewährleisten, muss jede Entwicklung von innen heraus entstehen und darf nicht durch äußere Zwänge auferlegt werden. Dies wird ermöglicht durch den „Grundsatz der indirekten Erziehung“[13], wobei Emil von seinem Erzieher gelenkt wird, ohne sein Eingreifen zu bemerken:

Erhaltet das Kind allein in der Abhängigkeit von den Dingen, so werdet ihr es stets naturgemäß erziehen. Setzt seinen unberechtigten Willensäußerungen nie andere als physische Hindernisse und nur solche Strafen entgegen, die aus den verkehrten Handlungen selbst hervorgehen und derer es sich bei Gelegenheit wieder erinnert. Ihr braucht ihm das Böse nicht zu verbieten, es genügt, wenn ihr es daran hindert (E 70).

Es ist somit Aufgabe des Erziehers, im Hintergrund zu bleiben und die Welt des Zöglings lediglich zu beeinflussen, jedoch nicht direkt einzugreifen. Aus diesem Grund nennt Rousseau den „Meister dieser Wissenschaft lieber Erzieher als Lehrer, weil er weniger zu unterrichten, als zu leiten hat. Er soll keine Vorschriften geben, er soll sie finden lassen“ (E 30). Emil lernt sowohl durch seine Erfolge als auch durch sein Scheitern und wird „durch die bloße Macht der Dinge und Umstände gefügig und folgsam“ (E 78). Der Erzieher soll dem Kind so ähnlich wie möglich – im (unmöglichen) Idealfall sogar selbst noch ein Kind – sein, so dass sie alle Entwicklungen gemeinsam durchleben können. Anstelle eines Lehrers hätte Emil somit einen Vertrauten, der seine Entwicklung zwar begleitet, jedoch keinen für Emil erkennbaren Einfluss auf sie nimmt (vgl. E 29f.).

Erst wenn Emils indirekte Vorbildung zu einem selbstständigen, freien Menschen abgeschlossen ist[14], wird er in herkömmlichen Fächern unterrichtet.[15] „Inhaltlich betrachtet unterscheidet sich […] Emils Bildung nicht sonderlich von der damals für gebildete Edelleute üblichen“[16]. Der Unterschied liegt in der Art die Lehrstoffe zu vermitteln, wie Rousseau anhand eines Beispiels zeigt: Der Erzieher erläutert Emil „die Lage des Waldes nördlich von Montmorency“ (E 191) bis dieser fragt, wozu dieses Wissen eigentlich nütze und der Erzieher das Thema abbricht. Am nächsten Tag verlaufen sie sich so sehr im Wald, dass Emil schon hungrig und müde wird und zu weinen beginnt. Schlussendlich gelingt es ihm jedoch anhand seines Wissens über die Lage des Waldes und dem Stand der Sonne Montmorency zu finden, wo sie essen können. Als Emil die Stadt erblickt, ruft er aus: „Die Himmelskunde ist doch zu etwas nütze“ (E 193). Emils Unterricht ist also einzig und allein dem Nutzen des Gelernten unterworfen. Die Frage „Wozu nützt das?“ (E 189) soll immer wieder gestellt werden und nur wenn sie zufriedenstellend beantwortet wird, bleibt das Thema Bestandteil des Unterrichts.

Rousseaus Erziehung beinhaltet zwar keine erkennbare Systematik, doch will er auch keine Wilden erziehen. Es ist Ziel seiner Erziehung dafür zu sorgen, daß er [= Emil] sich im Strudel des sozialen Lebens weder durch die Leidenschaften noch durch die Meinungen der Menge fortreißen läßt, daß er mit eigenen Augen sieht, mit eigenem Herzen fühlt und daß ihn keine Autorität außer derjenigen seiner eigenen Vernunft beherrscht (E 285f.).

Emil soll in erster Linie zu einem freien, eigenständig denkenden Menschen reifen, ganz nach der Maxime: „Sei du selbst – nur dann bist du eins mit dir, wahr, frei.“[17]

2.2 Die Erziehung der Frau: „Welchen Eindruck wird es machen?“

Obwohl Rousseau nicht explizit darauf hinweist, dass die bisher beschriebene Erziehung sich nur auf Jungen bezieht, so wird dennoch im fünften Kapitel deutlich, „daß das Kind, dessen glückliches Heranwachsen zur Selbstständigkeit uns vorgeführt wurde, nur das männliche Kind sein kann“[18]. Die Erziehung der Frau unterscheidet sich von der des Mannes, da sie von der Natur mit vollkommen anderen Fähigkeiten ausgestattet ist. So sei es „töricht, über die Vorzüge oder die Gleichwertigkeit der Geschlechter zu streiten“ (E 414), da beide „gemäß [ihrer] Sonderveranlagung die Zwecke der Natur“ (E 414) erfüllen und „die Eigenschaften des Mannes in der Frau auszubilden und ihre eigenen zu vernachlässigen […] zu ihrem Schaden“ (E 421) wäre.

Durch das „Gesetz der Natur“ (E 414)[19] besteht eine Hierarchie, welche die Abhängigkeit der beiden Geschlechter voneinander bestimmt: „Die Männer hängen von den Frauen ab wegen ihren Begierden, die Frauen aber von den Männern ihrer Begierden und ihrer Bedürfnisse wegen. Wir [= die Männer] könnten viel leichter ohne sie, als sie ohne uns“ (E 422). Aufgrund dieser Abhängigkeit „muß alle Erziehung der Frauen auf die Männer bezogen sein“ (E 423). Dies entspricht der Natur der Frau, denn sie ist „besonders dazu geschaffen […], dem Manne zu gefallen“ (E 414), was sich schon an den kleinen Mädchen zeigt, die sich herausputzen, um Komplimente zu erhalten (vgl. E 423). Aus diesem Grund sind die meisten Mädchen Rousseau zufolge nur wenig daran interessiert lesen oder schreiben zu lernen, während sie mit Vergnügen nähen: „Sie kommen sich schon erwachsen vor und denken mit Freude daran, daß diese Talente ihnen eines Tages dazu dienen können, sich herauszuputzen“ (E 427).

Doch auch „Frauen müßen viele Dinge lernen, aber nur diejenigen, die zu wissen es sich schickt“ (E 422), wobei ihr Unterricht anderen Regeln folgt als der Emils. Während dieser verstehen soll, müssen Frauen nur akzeptieren: „Die Vernunft der Frauen ist eine praktische Vernunft; sie hilft ihr sehr leicht die Mittel zu finden, zu einem bekannten Ziele zu gelangen, läßt sie aber das Ziel selbst nicht finden“ (E 439). Rousseau zufolge ist es Frauen nicht möglich Zusammenhänge selbst zu erschließen, denn „das Erforschen […] ist nicht Sache der Frauen. Ihre Studien müssen sich alle auf das Praktische beziehen; es ist ihre Sache, die Prinzipien anzuwenden, die der Mann gefunden hat“ (E 439). Vor allem im Unterricht der Religion, welcher in „Form des vortragenden Unterrichts, nicht aber in Frage und Antwort“ (E 440) abgehalten wird, zeigt sich diese Ansicht. Denn wenn schon Jungen „nicht imstande sind, sich einen richtigen Begriff von der Religion zu bilden“ (E 439), dann geht die Thematik mit Sicherheit „über das Verständnis der Mädchen hinaus[ ]“ (E 439). Verena Ehrich-Haefeli bezeichnet diese Art der Erziehung als eine „Entwertung der Frau“[20], wobei „die Finalität all ihres Lernens […] das Wohlgefallen des zukünftigen Gatten [ist], und es stellt sich bei allem vorneweg die Frage, was und wieviel sich verträgt mit der Simplizität, die dem Mädchen ansteht.“[21]

Hauptbestandteil der Erziehung der Frau ist es, das richtige Maß zu finden:[22] Zwar soll sie sich herausputzen, aber gleichzeitig immer eine Natürlichkeit bewahren, da „der wahre Triumph der Schönheit darin besteht, durch sich selbst zu glänzen“ (E 432). Auch für das Ausbilden weiterer Talente soll sie nicht zu viel Zeit verschwenden, aber dennoch ihren Mann ausreichend mit ihnen erfreuen können (vgl. E 436). Außerdem soll sie lernen gute Gespräche zu führen, wobei aber nur „die angenehmen Dinge das Hauptthema des Gesprächs“ (E 437) sind. Insbesondere ist es wichtig als ideale Gastgeberin aufzutreten, so dass die Gäste ihres Mannes sich stets wohl fühlen (vgl. E 447).

Während die Erziehung der Jungen also unter der Prämisse des Nutzens steht, ist die einzig relevante Frage bei der Erziehung der Mädchen: „Welchen Eindruck wird es machen?“ (E 437). Der Mann muss sein Verhalten nur vor sich selbst rechtfertigen, die Frau dagegen ist von der Meinung anderer abhängig. So ist es nach Rousseau auch weniger wichtig, ob die Frau ihrem Mann tatsächlich treu ist, als „daß sie von ihrem Ehemann, von ihren Verwandten und von jedermann dafür gehalten wird“ (E 418).

Um der Frau die Akzeptanz ihrer Abhängigkeit zu erleichtern, rät Rousseau, ihr den eigenen Willen abzugewöhnen, indem man sie oft in ihrem Tun unterbricht und auffordert sich etwas anderem zuzuwenden. „Aus dieser gewohnheitsmäßigen Gebundenheit ergibt sich das fügsame Wesen, dessen die Frauen ihr ganzes Leben hindurch bedürfen, da sie immer entweder einem Manne oder den Urteilen der Männer unterworfen sind und es ihnen niemals erlaubt ist, sich über diese Urteile hinwegzusetzen“ (E 430). Während der Erzieher bei Emil also im Hintergrund bleibt, greift er bei Frauen aktiv ein. Diese „Dressur zur Disponibilität“[23] ist Rousseau zufolge kein tatsächlicher Zwang, da „sie ja nur die natürliche Neigung [der Frau] unterstützt“ (E 430). Doch auch Rousseau räumt ein, „daß die Pflichten ihres Geschlechts leichter einzusehen, als zu erfüllen sind“ (E 450). Mann und Frau ergänzen sich, da sie unterschiedliche Fähigkeiten in die Beziehung bringen (vgl. E 452). Dabei soll die Frau ihren Mann still unterstützen, anstatt sich in den Vordergrund zu drängen, denn „nur die Närrinnen machen viel Lärm um sich, weise Frauen machen kein Aufsehen“ (E 455). Dieses „naturgewollte Dressurprogramm“[24] rechtfertigt Rousseau mit der Beschaffenheit des Menschen: „Im Namen der Natur definiert der Mann die Frau als Zierat seiner gesellschaftlichen und individuellen Existenz.“[25]

Mit der fiktiven Sophie gibt Rousseau in seinem Werk ein Beispiel der ideal erzogenen Frau: Sophie ist „von guter Herkunft und gutem Charakter“ (E 460), ihr Geist ist „weniger scharf als durchdringend[ ]“ (E 460) und sie ist nicht fehlerfrei, doch „selbst aus ihren Fehlern versteht sie Vorteile zu ziehen.“ (E 460). Wie alle Frauen mag sie Schmuck, doch „sie liebt nicht, was glänzt, sondern was kleidet“ (E 460). Sophie hat Talente, vergeudet aber nicht viel Zeit damit sich in ihnen zu üben (vgl. E 461). Das Einzige „was man sie mit größter Sorgfalt hat lernen lassen, das sind die weiblichen Handarbeiten“ (E 461), welche ihr viel Vergnügen bereiten. Außerdem kennt sie sich mit den Preisen und Qualitäten von Lebensmitteln aus, hilft ihrer Mutter bei finanziellen Angelegenheiten und unterstützt auch die Dienstboten bei ihrer Arbeit (vgl. E 461). Zwar tut sie nicht alles gerne, widerspricht jedoch nie, wenn es von ihr verlangt wird (vgl. E 461f.). Auch hatte sie „von Natur aus“ (E 462) ein Laster – sie war dem guten Essen mehr verfallen, als es sich ziemt – „aber sie ist genügsam geworden durch Gewöhnung, und jetzt ist sie es aus tugendhafter Haltung“ (E 462). Durch die Erziehung ihrer Mutter wurde sie „sittsam und zurückhaltend“ (E 463) und „leidet geduldig das ihr von anderen zugefügte Unrecht“ (E 464). So soll es Rousseau zufolge sein, denn „die Frau ist geschaffen, gegenüber dem Mann nachgiebig zu sein und sogar seine Ungerechtigkeiten zu ertragen“ (E 464). In Sophie findet Emil sein ideales Gegenstück, da sie beide, ihrem Geschlecht angepasst, nach dem Rousseauschen Konzept erzogen worden sind.

3 Auslöser der Erziehung

3.1 Immermann: Der Neue Pygmalion

Im Neuen Pygmalion bleibt eine Verbindung zum Ovidischen Mythos schon im Titel aufrechterhalten. Die Ergänzung um das Adjektiv neu verdeutlicht aber, dass der Mythos dem Autor nur als Basis dient.[26] Dieser „neue Pygmalion“ (P 318) lebt, wie sein mythologisches Vorbild, allein, denn „das Verderbnis des [weiblichen] Geschlechts ist zu groß, die Verbildung zu ungeheuer“ (P 279). Während der Ovidische Pygmalion seinen Frauenhass noch mit den „von Natur“[27] schlechten Anlagen der Frauen begründet, sieht Werner die Frauen von der Gesellschaft durch Bildung verdorben.[28] Seine Tante Cordula drängt ihn zur Heirat, da er sich schon „in den Dreißigen“ (P 271) befindet und sie in der Nachbarstochter Luciane eine geeignete Frau sieht. Werner kann sich jedoch nicht für Luciane erwärmen, denn sie verkörpert für ihn jene Verbildung, die er verabscheut.[29] Als konkreter Auslöser seiner Verachtung kann Luciane somit mit den Propoetiden Pygmalions gleichgesetzt werden.[30] Werner vermisst an Frauen wie Luciane den Teil von „Unbeschreiblichkeit […], welcher Männer und Frauen erst zu anziehenden Erscheinungen macht“ (P 272). Sein Idealbild der Frau ist „wie ein ewiges und unergründliches Rätsel“ (P 272). Nichtsdestotrotz sehnt er sich nach einer Ehefrau, denn das Leben ohne „ist ganz leer und elend“ (P 273), erhofft sich jedoch „die Heilung seiner Schmerzen sichrer und bequemer finden“ (P 278).

Die weibliche Hauptperson wird durch eine Zeichnung des Malers Sterzing eingeführt (vgl. P 275)[31], die Werner vollkommen fasziniert und ihn den ganzen Abend an die abgebildete Emilie denken lässt (vgl. P 275f.). Nachts „reifte in dem Baron [der] unerwartete[ ] Entschluß“ (P 278) sich seine Idealfrau selbst zu erziehen:

Nein, ich wähle mir den reinen unentweihten Stoff; die zärtlichste Sorge, die liebevollste Aufmerksamkeit soll daraus die Schöpferin meiner Zufriedenheit mir erziehn. So erkieset sich der Künstler den schneeweißen Marmor und formt daraus das Bild, welches nachher der Gegenstand seiner eignen Anbetung wird. Glücklicher Mann, dem es gelingt, in seiner Geliebten sein Werk zu schaun; welche Tage werden ihm mit dem dankbaren Geschöpfe seiner Wahl verfließen!“ (P 279).

[...]


[1] Eva Kormann: Pygmalions Geschöpfe. Misogynie, Traumfrauen und belebte Statuen. Köln, Weimar, Wien 2008, S. 59.

[2] Holger Pöschl: ‚Erotische Pädagogik‘ oder die ‚liebevoll bildende Hand‘ des Mannes. Der Pygmalion-Stoff als poetisches Modell der Geschlechterbeziehung im 19. Jahrhundert: Immermann, Keller, Shaw. Marburg 1999, S. 10.

[3] Ebd.

[4] Albrecht Koschorke, Nacim Ghanbari, Eva Eßlinger, Sebastian Susteck und Michael Thomas Taylor: Vor der Familie. Grenzbedingungen einer modernen Institution. München 2010, S. 186.

[5] Ebd., S. 187.

[6] Karl Immermann: Der neue Pygmalion. In: Karl Immermann. Werke in fünf Bänden. Unter Mitarb. von Hans Asbeck, Helga-Maleen Gerresheim, Helmut J. Schneider und Hartmut Steinecke hg. von Benno von Wiese. Bd. 1: Gedichte, Erzählungen, Tulifäntchen, Kritische Schriften. Frankfurt a. M. 1971, S. 270–318. Im Folgenden wird unter Angabe der Seitenzahl nach der Sigle P zitiert. Immermanns Werk erschien erstmals 1823. In seiner Zweitfassung von 1829, auf welche ich mich in der vorliegenden Arbeit beziehe, wurden fast 200 Stellen verändert. „Zu den deutlichsten Veränderungen gehören diejenigen, die den irrationalen Überschwang und die Neigung zur Idylle abschwächen und die Skepsis in Richtung auf Kellers Lösung vertiefen“ (Manfred Windfuhr: Immermanns erzählerisches Werk. Zur Situation des Romans in der Restaurationszeit. Giessen 1957, S. 46.).

[7] Gottfried Keller: Regine. In: Gottfried Keller. Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Hg. unter der Leitung von Walter Morgentaler im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe. Bd. 7: Das Sinngedicht. Sieben Legenden. Zürich 1998, S. 56–127. Im Folgenden wird unter Angabe der Seitenzahl nach der Sigle R zitiert. Regine ist Teil des Novellenzyklus Das Sinngedicht, in welchem Reinhart und Luciane sich im Wechsel Geschichten zum Thema Liebe erzählen. Die Binnenerzählungen können sowohl unter Einbezug der Rahmenhandlung als auch für sich stehend analysiert werden.

[8] Henrich Brockhaus: Kellers ‚Sinngedicht‘ im Spiegel seiner Binnenerzählungen. Bonn 1969, S. 25.

[9] Jean-Jacques Rousseau: Emil Oder Über die Erziehung. Vollständige Ausgabe. In neuer deutscher Fassung besorgt von Josef Esterhues. 3. durchges. Aufl. Paderborn 1963. Im Folgenden wird unter Angabe der Seitenzahl nach der Sigle E zitiert.

[10] Martin Rang: Rousseaus Lehre vom Menschen. Göttingen 1959, S. 363.

[11] Ebd., S. 335.

[12] Ebd., S. 340.

[13] Ebd., S. 339.

[14] Rousseau bezeichnet den ersten Teil der Erziehung als „rein negativ“ (E 80), denn das Kind soll in dieser Zeit in nichts unterwiesen werden, sondern sich nur entfalten.

[15] Rousseau nennt in Emil Oder Über die Erziehung nur Beispiele seiner Erziehung und keinen vollendeten Bildungsplan. Es wird davon ausgegangen, dass Rousseau neben den aufgeführten Fächern auch weitere für relevant hielt (vgl. Rang: Rousseaus Lehre vom Menschen, S. 390.).

[16] Rang: Rousseaus Lehre vom Menschen, S. 391.

[17] Otto Vossler: Rousseaus Freiheitslehre. Göttingen 1963, S. 169.

[18] Verena Ehrich-Haefeli: Rousseaus Sophie und ihre deutschen Schwestern. Zur Entstehung der bürgerlichen Geschlechterideologie. Berlin/New York 1995, S. 130.

[19] Rousseau leitet dieses Gesetz aus der Rollenverteilung beim Geschlechtsverkehr ab: „In der Vereinigung der Geschlechter ist eines wie das andere für den gemeinsamen Zweck tätig, aber nicht in der gleichen Weise. Daraus ergibt sich der erste bestimmbare Unterschied zwischen den moralischen Beziehungen des einen und des anderen. Das eine muß aktiv und stark, das andere passiv und schwach sein; das eine muß notwendigerweise ‚wollen‘ und ‚können‘; es genügt, wenn das andere wenig Widerstand leistet“ (E 414).

[20] Ehrich-Haefeli: Rousseaus Sophie und ihre deutschen Schwestern, S. 132.

[21] Ebd., 133.

[22] Vgl. ebd., S. 141f.

[23] Ebd., S. 135.

[24] Ebd., S. 128.

[25] Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt a. M. 1979, S. 177.

[26] Vgl. Pöschl: ‚Erotische Pädagogik‘, S. 35f.

[27] Publius Ovidius Naso: Metamorphosen. Epos in 15 Büchern. hg. u. übersetzt von Hermann Breitenbach. Zürich 1958, V. 245. Pygmalion war „empört ob der Menge der Laster des Weibergeschlechtes“ (ebd., V. 244) und lebt aus diesem Grund allein. Auslöser seines Frauenhasses sind die Propoetiden, die ersten Prostituierten des Altertums (vgl. Annegret Dinter: Der Pygmalion-Stoff in der europäischen Literatur. Rezeptionsgeschichte einer Ovid-Fabel. Heidelberg 1979, S. 17), die „verbrecherisch lebten“ (Publius Ovidius naso: Metamorphosen, V. 243).

[28] Vgl. Kormann: Pygmalions Geschöpfe, S. 68.

[29] Luciane, „dieses gebildete Frauenzimmer“ (P 282), wie Immermann sie ironisch betitelt, „hat viel gelernt“ (P 272), „musiziert, zeichnet, tanzt sehr gut und wird gewiß nie von dem Gleise der Tugend weichen“ (P 272). „Der Text spart […] nicht mit ironischen Seitenhieben, um Lucianes Bildungsbeflissenheit als falsch und albern zu entlarven“ (Pöschl: ‚Erotische Pädagogik‘, S. 37). Ein Beispiel hierfür ist ein Essen, bei dem Luciane, „da sie sich vorgesetzt hatte heute besonders klug zu erscheinen, gerade heute besonders albern [war], und [sie] peinigte Wernern mit einer Masse von Notizen über die Gegenden, aus denen er eben kam“ (P 297), womit sie ihn langweilt.

[30] Vgl. Pöschl: ‚Erotische Pädagogik‘, S. 37.

[31] Mit der genaueren Bedeutung des Bildes befasst sich Kapitel 6.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Pygmalion als Erzieher - zum Scheitern verurteilt? Vergleich der Erziehungsversuche "Der neue Pygmalion" von Karl Leberecht Immermann und "Regine" von Gottfried Keller
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
36
Katalognummer
V437815
ISBN (eBook)
9783668785151
ISBN (Buch)
9783668785168
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pygmalion, erzieher, scheitern, vergleich, erziehungsversuche, karl, leberecht, immermann, regine, gottfried, keller
Arbeit zitieren
Caroline Harsch (Autor), 2014, Pygmalion als Erzieher - zum Scheitern verurteilt? Vergleich der Erziehungsversuche "Der neue Pygmalion" von Karl Leberecht Immermann und "Regine" von Gottfried Keller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437815

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