Generalisierte politische Einstellungen bei psychiatrischen Patienten mit und ohne Migrationshintergrund


Bachelorarbeit, 2018

42 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Abstract

Eine persönliche Befragung von N = 51 psychiatrischen Patienten mit und ohne Migrationshintergrund zeigte Unterschiede bei generalisierten Einstellungen zwischen den beiden Gruppen. Bei Patienten mit Migrationshintergrund wurde eine höhere Sozialer Dominanzorientierung festgestellt und ein geringeres Vertrauen in das Gesundheitswesen. Auch auf einer Subskala des Right-Wing Autoritarianism, der Autorären Unterwürfigkeit, lagen sie höher als die Gruppe ohne Migrationshintergrund. Bei der Conspiracy Mentality gab es keine signifikante Differenz. Die erwartete negative Korrelation zwischen Conspiracy Mentality und Medical Trust wurde nicht bestätigt.

Für die gesamte Patientengruppe wurde eine Korrelation zwischen Right-Wing Authoritarianism und den Big Five Eigenschaften Gewissenhaftigkeit und Offenheit erwartet, die ebenfalls nicht signifikant wurde. Allerdings bestätigte sich der angenommene negative Zusammenhang zwischen dem Big Five-Faktor agreeableness und der Sozialen Dominanzorientierung. Wie zu erwarten, waren die Werte auf dem Big Five-Faktor Neurotizsmus für die Patienten signifikant erhöht. Explorativ ergaben sich für die Patienten ebenfalls bedeutsame Unterschiede auf den Faktoren Extraversion und Gewissenhaftigkeit, hier lagen die Werte der Patienten unter denen der Zufallsstichprobe.

Keywords: Migrationshintergrund, generalisierte Einstellungen, RWA, SDO, Conspiracy Mentality, Medical Trust, psychiatrische Patienten

Abstract

Face-to-face interviews with N = 51 psychiatric patients showed differences in generalized (political) attitudes between the two groups: with and without migratory background. Patients with migratory background scored significantly higher on Social Dominance Orientation and trusted less in German health system. On one subscale of Right-Wing Authoritarianism, Authoritarian Submission, they were also above the group without migratory background. On the Conspiracy Mentality-Scale there was no difference between the two groups. A negative correlation between Conspiracy Mentality and Medical Trust could not be confirmed. A correlation between the Big Five-factors openness and conscientiousness and RWA could also not be validated but the negative correlation between Social Dominance Orientation and the Big Five factor agreeableness was for the whole group indorsed. As expected patients showed higher levels of neurotizism. Exploratory there were lower levels of conscientiousness and openness found, compared to a random sample.

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer und empirischer Hintergrund
2.1 Definition Einstellungen
2.2 Generalisierte Einstellungen
2.2.1 Right-Wing-Authoritarianism und Social Dominance Orientation.
2.2.3 Das Konzept der Conspiracy Mentality.
2.2.4 Medical Trust.
2.3 Persönlichkeitseigenschaften: Big Five Modell
2.4 Fragestellung und Hypothesen
2.4.1 Hypothesen: Einstellungen.
2.4.2 Hypothesen: Big Five Eigenschaften.

3 Methode
3.1 Stichprobe
3.2 Untersuchungsdesign
3.3 Erhebungsinstrumente
3.3.1 Nationaler Migrationsfragebogen.
3.3.2 Big Five: BFI-10.
3.4.3 Right-Wing Authoritaritriaism: KSA-3.
3.4.4 Social Dominance Orientation: SDO-4.
3.4.5 Conspiracy Mentality: CMQ.
3.4.6 Medical Trust.
3.4 Geräte und Untersuchungsdurchführung

4 Ergebnisse
4.1 Migrationshintergrund vs. gesellschaftspolitische Einstellungen
4.1.1 RWA, SDO, CM, Medical Trust und Migrationshintergrund.
4.1.3 Exkurs Medical Trust: Analyse der Subskala Heilmethoden und konkrete
4.2 Big Five Persönlichkeitseigenschaften
4.2.1 RWA vs. Gewissenhaftigkeit und Offenheit.
4.2.2 Big Five: Patienten vs. Zufallsstichprobe.

5. Diskussion

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Menschen mit Migrationshintergrund (MH) machten 2016 laut Statistischem Bundesamt (Statistisches Bundesamt 1, 2017) rund 22,6% der Bevölkerung aus, etwa 52% davon haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Es liegt auf der Hand, dass es sich bei diesen um eine sehr heterogene Gruppe hinsichtlich der Herkunftsländer, des kulturellen Hintergrunds, der Altersgruppen usw. handelt und es daher schwierig ist, Rückschlüsse auf die Gruppe als Ganze zu ziehen. Schlagzeilen wie „34 Prozent der AfD-Wähler haben einen Migrationshintergrund“ (Gesell, Badische Zeitung, 2016) überraschen den gesellschaftspolitisch interessierten Leser zunächst, genauso wie die Meldung „Flüchtlinge teilen deutsche Wertvorstellungen“ (Migazin, 2016) den Rezipienten verwundert, – wenn auch in einer anderen Richtung. Wie sieht es also tatsächlich aus, welche Einstellungen herrschen vor? Gibt es überhaupt messbare Gruppenunterschiede bei so weitgefassten Konstrukten wie Personen mit Migrationshintergrund ?

In dieser Arbeit geht es im weitesten Sinne um Vertrauen als einer Basis menschlichen Zusammenlebens. Gleichgültig, ob man einen Brief in den Briefkasten wirft oder eine E-Mail elektronisch verschickt, ob man eine Pauschalreise bucht oder sich ein Busticket in den Anden kauft, - ganz zu schweigen von persönlichen Beziehungen, - die Basis unseres Miteinanders ist ein gewisses Maß an Vertrauen. Aber gerade das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen, „die Politik, die Medien“ etc., scheint in weiten Teilen der Bevölkerung zu schwinden, befeuert u.a. von den Möglichkeiten der neuen Informationstechnologien.

Vor diesem Hintergrund befasst sich die Psychologie schon länger mit dem Phänomen der Verschwörungstheorien, allerdings nicht mit deren Inhalten, sondern mit Persönlichkeitsvariablen, die mit dem verstärkten Glauben an diese einhergehen. Es finden sich eine Reihe von Überschneidungen zwischen dieser Neigung und rechtskonservativen politischen Einstellungen (Imhoff und Bruder, 2014). Da persönliche Einstellungen, ebenso wie persönliche Eigenschaften, Verhalten in einem gewissen Rahmen vorhersagen und erklären können, sind sie, nicht nur in gesellschaftlichem Rahmen, sondern auch im therapeutischen Bereich von Bedeutung. So fand eine US-amerikanische Studie über Ebola (Earnshaw, Bogart, Klompas, & Katz, 2016), dass, je weniger die Teilnehmer dem Gesundheitssystem vertrauten, sie desto mehr Verschwörungstheorien zum Thema anhingen, weniger die Quarantänemaßnahmen unterstützten und weniger bereit gewesen wären, bei Erkrankungsverdacht ärztliche Hilfe aufzusuchen. Auch gab es in der Studie bedeutsame Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen hinsichtlich der untersuchten Konstrukte.

In der vorliegenden Arbeit wurde eine Gruppe psychiatrischer Patienten hinsichtlich verschiedener sozialpsychologischer Konstrukte befragt. Damit gibt es zwei Perspektiven, unter denen die Fragestellung beleuchtet werden kann: zum einen den Aspekt Migrationshintergrund, zum anderen den des Patientenstatus. In der Literatur finden sich viele Beiträge dazu, wie generalisierte Einstellungen der Bevölkerungsmehrheit ihre Haltung gegenüber Einwanderern und Minoritäten beeinflussen, eher wenig jedoch darüber, welche Einstellungen die Menschen mit Migrationshintergrund, die hier leben, haben. Im Folgenden soll untersucht werden, ob es Unterschiede gibt und, wenn ja, welche Unterschiede es bei diesen beiden Gruppen hinsichtlich dieser Fragestellung gibt. Um ein umfassenderes Bild zu bekommen, wird darüber hinaus untersucht, inwieweit die Patientenstichprobe als Ganze in ihren Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen mit Werten aus der Durchschnittsbevölkerung vergleichbar ist. Grundsätzlich unterscheiden sich Personen mit und ohne MH nicht wesentlich bezüglich des Auftretens psychiatrischer Erkrankungen (Glaesmer, Wittig, Brähler, Martin, Mewes, & Rief, 2009; Koch, Hartkamp, Siefen, & Schouler-Ocak,2008), nur in ambulanten Einrichtungen scheinen sie proportional häufiger um Hilfe nachzusuchen (Schouler-Ocak, Bretz, Hauth, Heredia Montesinos, Koch, Driessen & Heinz, 2010).

2 Theoretischer und empirischer Hintergrund

Das Kapitel beginnt mit Definitionen des hier verwendeten Einstellungsbegriffs. Anschließend werden die erhobenen Konstrukte vorgestellt und in einen Zusammenhang eingeordnet. Zum Schluss werden die daraus entwickelten Hypothesen zusammengefasst.

2.1 Definition Einstellungen

Einstellungen sind ein zentrales Forschungsgebiet in der Sozialpsychologie, weil sie beeinflussen, wie die Welt wahrgenommen wird und wie Menschen sich verhalten. In „The Psychology of Attitudes“ definieren Eagly und Chaiken (1993) Einstellungen als „a psychological tendency that is expressed by evaluating a particular entity with some degree of favor or disfavor“. Einstellungen können sich in ihrer Stärke und Richtung (Valenz) unterscheiden. Jeder Stimulus, der auf einer Positivitätsdimension bewertet werden kann, lässt sich begrifflich als Einstellungsgegenstand fassen. (Haddock & Maio, 2007). Mit einer Ergänzung formulieren Zimbardo und Gerrig (2003) den Begriff Einstellung: „Eine erlernte [Hervorhebung v. Verf.] Neigung, Klassen von Gegenständen oder Menschen in Abhängigkeit von den eigenen Überzeugungen und Gefühlen günstig oder ungünstig zu bewerten.“ Einstellungen unterscheiden sich vom Konzept der Eigenschaft - trait -, wie es hier verwendet wird, insofern, als dass Eigenschaften als konstante, überdauernde und spezifische Arten des Verhaltens definiert werden. Sie können entlang eines Kontinuums gemessen werden und ebenfalls sowohl zur Beschreibung von Personen als auch in bestimmtem Rahmen zur Vorhersage zukünftigen Verhaltens genutzt werden.

Einstellungen haben eine affektive, eine kognitive und eine Verhaltenskomponente, zu denen es eine Reihe von Theorien gibt. Die affektive Komponente speist sich aus den Gefühlen und Emotionen, die mit einem Einstellungsgegenstand verbunden sind. Diese Verbindungen können durch bekanntere Mechanismen wie klassische Konditionierung oder Persuasion mit den Einstellungen verknüpft sein, aber z.B. auch durch subliminales Priming (Kunst-Wilson & Zajonc, 1980), - bei dem Bilder kurz unter der Wahrnehmungsschwelle dargeboten werden, die dann die Einstellung zu folgenden Bildern verändern, - oder dem Mere-Exposure-Effekt (Zajonc, 1968), der zeigen konnte, dass einfach die wiederholte Darbietung von Reizen, die Einstellung zu ihnen positiv verändert. Bei der kognitiven Komponente stehen die Gedanken, Überzeugungen und die Eigenschaften, die mit einem Gegenstand verbunden werden, im Vordergrund. So z.B. im Erwartung-mal-Wert-Ansatz von Fishbein und Ajzen (1975), bei dem die Einstellung gegenüber einem Gegenstand aus der Summe der subjektiven Erwartungen und dem Wert, den man diesen beimisst, errechnet werden kann. Bei der Verhaltenskomponente geht es um zeitlich zurückliegendes Verhalten gegenüber dem Einstellungsgegenstand. Nach der Theorie von Bem (1972) haben Menschen nicht immer Zugang zu ihren eigenen Einstellungen und schließen daher häufig wie ein außenstehender Beobachter von ihren Handlungen auf ihre Einstellungen. Eine wichtige Frage innerhalb der Einstellungsforschung ist, ob positive und negative Einstellungen zwischen der affektiven, der kognitiven und der Verhaltenskomponente ein- oder zweidimensional organisiert sind. Auch zur Funktion von Einstellungen gibt es verschiedene Theorien. Mit unterschiedlicher Gewichtung spielen darin die Punkte Bewertung eines Gegenstands - im Sinne von Informationsorganisation - (u.a. um im Alltag schneller Urteile fällen zu können), soziale Anpassung und Externalisierung eine Rolle. Zudem wird zwischen starken und schwachen Einstellungen unterschieden und zwischen instrumentellen Einstellungen und Wertausdruckseinstellungen. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten Einstellungen zu messen: explizite Einstellungsmaße, bei denen Personen direkt aufgefordert werden, über eine eigene Einstellung nachzudenken und zu berichten und implizite Einstellungsmaße, bei denen Einstellungen erfasst werden, ohne dass die Befragten direkt um eine verbale Einschätzung gebeten werden. Beide Methoden funktionieren gut, um menschliches Verhalten vorherzusagen und zu verstehen. Doch beide haben Vor- und Nachteile: bei den expliziten Befragungen gibt es neben methodischen Herausforderungen häufig das Problem der sozialen Erwünschtheit, während implizite Befragungen technisch viel aufwändiger durchzuführen sind und ihre Reliabilität mitunter angezweifelt wird. Die vorliegende Untersuchung verwendet ein explizites Verfahren, die Selbstauskunft.

2.2 Generalisierte Einstellungen

2.2.1 Right-Wing-Authoritarianism und Social Dominance Orientation.

Das Konstrukt Autoritarismus geht zurück auf das Werk „The Authortarian Personality“ (1950) von T. W. Adorno, E. Frenkel-Brunswik, D. Levinson & N. Sanford (zitiert nach Altemeyer, 1988). Es wurde eingeführt um konservative und menschenfeindliche Einstellungen und Vorurteile, Intergruppenkonflikte und Diskriminierung beschreiben und erklären zu können. Die darin entwickelte F-Skala beschreibt eine Persönlichkeitsstruktur, die besonders anfällig ist für faschistische Ideologien und Abwertung von Fremden und versucht diese quantitativ erfassen. Sie beinhaltet die folgenden neun Dimensionen: Konventionalismus, Autoritäre Unterwürfigkeit, Autoritäre Aggression, Anti-Intrazeption, Aberglaube und Stereotypie, Machtdenken und Kraftmeierei, Destruktivität und Zynismus, Projektivität, Sexualität. Hierauf wird später noch einmal Bezug genommen. Aufgrund inhaltlicher und psychometrischer Mängel wurde die Skala von Anfang an stark kritisiert. Altemeyer (1981, 1996) überarbeitete das Konstrukt und fand dabei die drei Skalen Autoritäre Aggression, Autoritäre Unterwürfigkeit und Konventionalismus ausreichend, um das Persönlichkeitsmerkmal messen zu können (zitiert nach Beierlein, Asbrock, Kauff & Schmidt, 2014). Auch benannte er das Konstrukt klar als Right-Wing -Authoritarianism, um der Kritik entgegenzuwirken, dass der Begriff Autoritarismus ideologisch gefärbt sei und eventuellen Left-Wing -Authoritarianism nicht miterfasse. Heute ist die RWA-Skala als Messinstrument etabliert, auch wenn z.B. die eindimensionale Konstruktion kritisiert wird und die Unterschiede zwischen den einzelnen Subskalen als bedeutsam erachtet werden (Duckitt, Bizumic, Krauss, & Heled, 2010). Deshalb werden sie in der vorliegenden Arbeit sowohl gemeinsam als auch getrennt betrachtet.

Unter Sozialer Dominanzorientierung (SDO) wird das Ausmaß verstanden, in dem eine Person Hierarchien zwischen Gruppen befürwortet. Das Konzept ist im Rahmen der Theorie der Sozialen Dominanz entstanden (Pratto, Sidanius, Stallworth, & Malle, 1994, Sidanius & Pratto, 1999, v. Collani, 2002). Sie geht von der Beobachtung aus, dass in allen Gesellschaften gruppenbasierte soziale Hierarchien zu finden sind, aufgrund derer bestimmte Gruppen mehr Vorzüge und Privilegien genießen als andere. Es wird angenommen, dass Gesellschaften versuchen, Gruppenkonflikte zu minimieren, indem sie einen Konsens über Ideologien herstellen, die die Überlegenheit einer Gruppe über andere legitimieren. Auch scheint die Ausbildung von Gruppenunterschieden – über eine Spezifizierung von gesellschaftlichen Aufgaben - zu Evolutionsvorteilen geführt zu haben. Das Konzept der SDO wurde als psychologische Variable eingeführt und bezeichnet eine generalisierte politische Einstellung gegenüber hierarchischen Beziehungen zwischen zwei oder mehreren sozialen Gruppen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Personen, die größere soziale Dominanz befürworten, auch hierarchieverstärkende Ideologien wie z.B. Rassismus, Ethnozentrismus und Sexismus bevorzugen und mehr zu Vorurteilen neigen, während Personen, die niedriger auf der Skala liegen, eher hierarchieschwächenden Ideologien und politischen Einstellungen (Demokratie, Menschenrechte u.ä.) befürworten (Stellmacher, Sommer & Brähler, 2003). In einer Metastudie verglichen Fischer, Hanke und Sibley (2012) das Niveau von SDO in 27 verschiedenen Ländern, unter anderem Deutschlands, Russlands und der Türkei. Die größte Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland bilden Menschen aus Russland; ihre Werte für SDO betrugen in der genannten Studie M = 45.50, SD = 7.82. Die zweitgrößte Gruppe sind Menschen türkischer Abstammung mit SDO-Werten von M = 28.17 und SD = 7.85, während die Werte für Deutsche bei M = 17.79 und SD = 4.50 liegen.[1] Der Mittelwert für alle 27 Länder lag bei 25.78 mit einem 95% Konfidenzintervall von 25.66 bis 25.90.

Die beiden Konstrukte RWA und SDO überlappen in bestimmten Bereichen, aber unterscheiden sich auch partiell, insbesondere in der Weltsicht ihrer Anhänger wie Perry, Sibley & Duckitt (2013) zeigen konnten. Während Menschen mit hohen Werten auf der RWA-Skala die Welt als einen gefährlichen und bedrohlichen Ort sehen, ist sie für Personen mit hoher SDO vor allen von unbarmherzigem Wettbewerb geprägt. Trotz dieser inhaltlichen Differenzen korrelieren die Werte beider Skalen meist mittel bis hoch. Die umfangreichen und belastbaren Daten aus der Metastudie von Fischer et al. (2012) lassen erwarten, dass die SDO-Mittelwerte der Stichprobe mit MH höher liegen werden als die der Stichprobe ohne MH (Hypothese 1.a). Dies ist aufgrund der engen Zusammenhänge (Duriez & van Hiel, 2002) ebenfalls für die Werte auf der RWA-Skala zu vermuten (Hypothese 1.b).

2.2.3 Das Konzept der Conspiracy Mentality.

Verschwörungstheorien versuchen komplexe Ereignisse im Zusammenhang mit mächtigen Gruppen zu erklären, die im Hintergrund heimlich Komplotte schmieden (Imhoff & Bruder 2014), bzw. „a conspiracy theory can generally be counted as such if it is an effort to explain some event or practice by reference to the machinations of powerful people, who attempt to conceal their role (at least until their aims are accomplished)” (Sunstein & Vermeule, 2009). Die Neigung, an diese Art von Theorien zu glauben, ist bei Personen unterschiedlich stark ausgeprägt, Moscovici (1987) führt hierfür den Begriff Conspiracy Mentality (CM) ein. Imhoff und Bruder (2014) konnten zeigen, dass die CM als eine generalisierte politische Einstellung betrachtet werden kann, ähnlich etablierten Konzepten wie RWA und SDO. Sie ist zeitlich relativ stabil und ergänzt die beiden z.B. bei der Vorhersage von Vorurteilen und der Erklärung von rechtsradikalen und misanthropischen Einstellungen. Es gibt statistisch konsistente moderate Übereistimmungen zwischen den beiden und der Conspiracy Mentality, - der maßgebliche Unterschied zu ihnen liegt in der Wahrnehmung von Macht, bzw. von als machtvoll wahrgenommenen gesellschaftlichen Gruppen. Während die bedingungslose Unterordnung unter Autoritäten ein zentraler Bestandteil des RWA ist und die Legitimation und Akzeptanz von Macht bei der SDO eine Rolle spielt, misstrauen Anhänger von Verschwörungstheorien mächtigen Gruppen und Institutionen. Die Reduktion der ursprünglichen F-Skala mit neun Subskalen auf nur noch drei Subskalen führte u.a. zum Wegfall der Projektivity-Skala (Beispielitem: „Most people don´t realize how much our lives are contolled by plots hatched in secret places“). Imhoff (2015) argumentiert, dass diese Wahrnehmung von Macht einer modernen, ultrarechten, nationalistischen Identität, die sich im aktuellen Diskurs als subversiv und anti-establishment stilisiert, in mancher Hinsicht mehr gerecht wird als die althergebrachte Sichtweise einer traditionsgeleiteten, unterwürfigen und staatstreuen rechtskonservativen Haltung. In der früheren Forschung wurde unter anderem vermutet, dass eine Ursache für den Glauben an Verschwörungstheorien war, dass sie eine einfache Erklärung für oft komplexe Ereignisse in der Welt boten. Heute ist ein großer Teil der Theorien selber so komplex, dass diese Argumentation nicht mehr zur alleinigen Erklärung ausreicht. Ein aktuell viel diskutierter und statistisch belegbarer Faktor, der mit erhöhter CM einhergeht, ist ein wahrgenommener Kontrollverlust. Menschen haben eine intrinsische Motivation, ihr Leben und ihre Umgebung als von ihnen kontrollierbar wahrzunehmen und je mehr sie das Gefühl haben, diese Kontrolle zu verlieren, desto mehr versuchen sie dieses Gefühl zu kompensieren. Imhoff (2015) argumentiert auch, dass das Individuum, indem es die Verschwörung meint zu durchschauen und einen Feind identifiziert, eine Selbstermächtigung erfährt, während die Attribuierung auf Glück oder Pech das Gefühl der Machtlosigkeit verstärken würde. Als eine potentielle Quelle für Gefühle von Unsicherheit und Machtlosigkeit kann man beispielsweise die finanzielle Zukunft oder die Arbeitssituation sehen. Zahlen zeigten hier zwar keine großen, aber beständige, signifikante Zusammenhänge z.B. zwischen der Art des Arbeitsvertrags und der Höhe der CM. Personen ohne oder mit befristeten Arbeitsverträgen scoren höher auf der CM-Skala als Personen mit festen Arbeitsverträgen. Auch die Einschätzung der persönlichen und gesellschaftlichen finanziellen Entwicklung kann als Indikator für Kontrollempfinden herangezogen werden. Hier neigen Personen mit positiver Einschätzung ihrer eigenen oder Deutschlands finanzieller Zukunft signifikant weniger zu Conspiracy Mentality als solche, die diese negativ beurteilen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich wenig konsistente Zusammenhänge zu Geschlecht, Bildungsniveau oder Berufszweigen finden, aber bedeutsame Zusammenhänge mit Anomie, Minoritätenstatus, allgemeinem Vertrauen (Goertzel, 1994) und zudem mit Autoritarismus, Machtlosigkeit, external locus of control, Feindseligkeit und Selbstwertgefühl bei Abalakina-Paap, Stephan, Craig & Gregory (1999). Vorangegangene Forschung zeigte (Gray, 2010; Pipes 1996; zitiert n. Bruder et al. 2013), dass Verschwörungstheorien anscheinend besonders im Nahen Osten weit verbreitet sind. Auch fanden aktuell Earnshaw et al. (2016) in den USA bei ihrer Untersuchung von Verschwörungstheorien bezüglich des Ebola-Virus, dass sich Angehörige von ethnischen Minderheiten signifikant von weißen/ European-Americans unterschieden und Verschwörungstheorien deutlich häufiger unterstützten, wobei schwarze/ African-Americans dabei noch einmal höher lagen als latino/ Hispanic-Americans.[2] Es ist klar, dass Migranten in der Bundesrepublik einen Minderheitenstatus haben. Darüber hinaus kann angenommen werden, dass das Leben in einer Gesellschaft, deren Kultur sich von der eigenen unterscheidet, also die Migrations- oder gar Fluchterfahrung von Personen mit MH in Deutschland, u.a. auch zu einer Art der Verunsicherung und Gefühlen von Kontrollverlusts führen kann, die in soziologischer und psychologischer Hinsicht Ähnlichkeiten mit dem in US-amerikanischen Studien häufig untersuchten Minoritätenstatus aufweist. Mit Hinblick auf diese Überlegungen wird in Hypothese 1c angenommen, dass Menschen mit Migrationshintergrund höhere Werte auf der CM-Skala erzielen als Personen ohne MH.

2.2.4 Medical Trust.

Interpersonelles Vertrauen wird von Rotter (1971) als „an expectancy held by an indivdual or a group that the word, promise, verbal or written statement of another individual or group can be relied on“ definiert. Im medizinischen Bereich, der in besonderem Maße von zwischenmenschlicher Interaktion geprägt ist, spielt dementsprechend Vertrauen eine sehr große Rolle. Es hat Einfluss auf den Umfang und die Art der Nutzung des medizinischen Angebots, die Inanspruchnahme und Kontinuität der Behandlung, bei der Einnahme von Medikamenten und sogar auf den selbstberichteten Gesundheitsstatus (Ozawa & Sripad, 2013). Vertrauen zu operationalisieren und zu quantifizieren ist aufgrund der Vielschichtigkeit des Konzepts schwierig und immer vom spezifischen Kontext, um den es geht, abhängig (Goudge & Gilson, 2005). Zur Messung von Medical Trust gibt es zurzeit kein allgemein anerkanntes, validiertes Verfahren für den deutschsprachigen Raum, weshalb hier eine eigene Skala entworfen wurde. Sie besteht aus zwei Subskalen, von denen die erste, mit neun Items, sich in erster Linie auf das deutsche Gesundheitssystem im Allgemeinen bezieht, und der zweite Teil, mit vier Items, mehr auf die konkrete Behandlung und Heilmethode, bzw. auf die Behandlungssituation. Die oben erwähnten Verschwörungstheorien, die sich auf Krankheiten wie HIV-Infektionen oder Ebola-Fieber beziehen, werden in der US-amerikanischen Forschung als eine Form des Medical Mistrust betrachtet. Menschen, die dort Minoritäten angehören, hingen stärker dem Glauben an die betreffenden Theorien an. Es soll hier untersucht werden, ob sich in den beiden Patientengruppen – mit und ohne Migrationshintergrund – ebenfalls Unterschiede im Grad des Vertrauens finden. Es wird in Hypothese 1d postuliert, dass die Gruppe mit MH weniger Vertrauen in das Gesundheitswesen hat als die Gruppe ohne MH und dass höhere Werte auf der CM Skala mit niedrigeren Werten bei Medical Trust einhergehen.

2.3 Persönlichkeitseigenschaften: Big Five Modell

Das Modell der Big Five Persönlichkeitsdimensionen wurde entwickelt, oder auch entdeckt, um menschliche Eigenschaften - traits - besser quantifizierbar zu machen und ist zurzeit das am weitesten verbreitete Modell zur Erfassung der Gesamtpersönlichkeit. Es enthält die fünf Faktoren Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit, die aus einem langen Entwicklungsprozess hervorgegangen sind. Dieser Prozess basiert auf der sogenannten „Sedimentationshypothese“, die besagt, dass sich zentrale Wesenszüge und Unterschiede zwischen Menschen als Eigenschaftsbegriffe in der Alltagssprache niedergeschlagen haben. Nach ersten Anläufen in Deutschland von Klages (1926) und Baumgarten (1933) hierzu passende Eigenschaftsbegriffe zu sammeln, extrahierten Allport und Odbert (1936) (alle drei Studien zitiert nach John, Angleitner & Ostendorf, 1988) fast 18000 persönlichkeitsbezogene Ausdrücke aus Webster´s Dictionary. In den Vierzigern reduzierte Cattell (1943, 1946) diese weiter, indem er zunächst Synonyme und seltene Begriffe aussonderte, mithilfe von Peer-Ratings auf der verbleibenden Wörterliste Interkorrelationen der verbleibenden Begriffe berechnete und daraus 35 Begriffscluster erstellte. Nachdem Eysenck (Eysenck et al. 1985) in seiner Forschung bereits drei relativ stabile Dimensionen, - Extraversion, Neurotizismus und Psychotizismus - der Persönlichkeitsmessung ausmachen konnte, fanden Costa & McCrae (1992) eine Skala von fünf Faktoren, deren Robustheit durch wiederholte Faktorenanalysen bestätigt wurde und Grundlage der heute verwendeten Big Five ist. Ihre Allgemeingültigkeit konnte auch für andere Sprachfamilien als die anglo-germanische repliziert werden (McCrae & Costa, 1997).

[...]


[1] “To make the means comparable, reported means were converted to POMP scores (percent of maximum possible score; Cohen, Cohen, Aiken, & West, 1999). The converted scores have a theoretical range between 0 and 100 and have the advantage of conveying immediate meaning and allowing direct comparisons of scores across studies and populations. Standard deviations of all mean scores were rescaled accordingly.“ (Fischer et al., 2012)

[2] Hierfür werden u.a. mit Medizinskandale in der Vergangenheit der USA verantwortlich gemacht. Noch aktuell ist die Erinnerung an die Tuskegee-Syphilis-Studie, bei der von 1932-1972 erkrankten Schwarzen eine Behandlung verweigert wurde um den Verlauf der Krankheit bis zum Tode zu studieren (Shavers, Lynch, & Burmeister, 2000).

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Generalisierte politische Einstellungen bei psychiatrischen Patienten mit und ohne Migrationshintergrund
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Psychologisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
42
Katalognummer
V439150
ISBN (eBook)
9783668792241
ISBN (Buch)
9783668792258
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die face-to-face Befragung von 51 psychiatrischen Patienten war recht aufwändig und wurde gewissenhaft durchgeführt. Sie könnte anderen - interessierten - Kommilitonen viel Zeit und Arbeit ersparen.
Schlagworte
Migrationshintergrund, generalisierte Einstellungen, RWA, SDO, Conspiracy Mentality, Medical Trust, psychiatrische Patienten, BFI, Big Five, politische Einstellungen
Arbeit zitieren
Angelika von Holdt (Autor), 2018, Generalisierte politische Einstellungen bei psychiatrischen Patienten mit und ohne Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439150

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Generalisierte politische Einstellungen bei psychiatrischen Patienten mit und ohne Migrationshintergrund



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden