Johann Heinrich Pestalozzi und die Bedeutung der Mutter in der Erziehung


Seminararbeit, 2016
47 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Johann Heinrich Pestalozzi im historischen Kontext

2. Johann Heinrich Pestalozzi: ein biographischer Abriss
2.1 Kindheit und Jugend in Zürich (1746-1768)
2.2 Neuhofjahre (1769-1798)
2.3 Stans und der Stanser Brief (1798-1799)
2.4 Burgdorf und Münchenbuchsee (1799-1804/05)
2.5 Yverdon (1804-1825)
2.6 Letzte Lebensjahre auf dem Neuhof (1825 – 1827)

3. Rousseau als Vorbild von Pestalozzi
3.1 Emile oder über die Erziehung

4. Die Entwicklung der pädagogischen Konzepte Pestalozzi´s

5. Pestalozzi´s „Nachforschungen“
5.1 Naturzustand
5.2 Gesellschaftlicher Zustand
5.3 Sittlicher Zustand

6. Erziehungsgeschichtlicher Hintergrund

7. Pestalozzis prägende Erziehungserfahrung

8. Pestalozzis Erziehungsversuche an seinem Sohn

9. Pestalozzis pädagogische Absichten
9.1 Sein Menschenbild
9.2 Pestalozzis Erziehungsverhältnis

10. Pestalozzis Erziehungsmethoden
10.1 Wohnstubenerziehung
10.2 Elementarmethode
10.3 Sittliche Erziehung
10.4 Die Methode in der Schule

11. Wie Gertrud ihre Kinder lehrt

12. Pestalozzi als Klassiker
12.1 19. Jahrhundert:
12.2 20. Jahrhundert:

13. Fazit

Literaturverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis:

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung der Mutter in der Erziehung bei Pestalozzi. Nach Pestalozzi ist die Mutter die erste und wichtigste Lehrerin ihrer Kinder. Sie legt die Grundsteine für deren spätere Bildung und Entwicklung. Sie ist Vermittlerin zwischen ihrem Kind und der Welt, in der es aufwächst. Er schreibt, dass die Mutter von ihrem Schöpfer selbst befähigt ist, die wichtigste Triebkraft in der Entwicklung des Kindes zu werden. Pestalozzi sieht die Mutterliebe als angeborenen, von Gott gegebenen Trieb, sich um das Wohlergehen seines Kindes zu sorgen und zu kümmern. In dieser Arbeit gehen wir unter anderem auf die drei Frauen in Pestalozzis Leben ein, die für sein Mutterbild ausschlaggebend waren. Seine Mutter vom Lande, die Magd der Familie und seine Ehefrau. Weiters wenden wir uns Pestalozzis Wohnstubenpädagogik und seinen Anleitungen für Mütter zu, die er in seinen Werken unter anderem „ Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ erörtert, um schließlich sein Idealbild der Mutter herauszuarbeiten.

Die zugrundeliegende Forschungsfrage dieser Seminararbeit lautet:

"Ist die Rolle der Mutter als Lehrmeisterin ihrer Kinder realistisch?"

Inhaltlich beschäftigt sich die Seminararbeit im ersten Teil mit der historischen Aufarbeitung des 18. Jahrhunderts um im Anschluss daran auf die Biografie von Johann Heinrich Pestalozzi einzugehen. Als Einstieg wird die Entwicklung von Pestalozzi´s pädagogischen Konzepten erläutert und ein Überblick über Rousseau als Vorbild von Pestalozzi, gegeben. Der zweite und größte Teil der Arbeit veranschaulicht zum einen den erziehungsgeschichtlichen Hintergrund, insbesondere seine persönlichen Erziehungserfahrungen sowie die Erziehungsversuche an seinem Sohn. Außerdem wird auf seine pädagogischen Ziele und das daraus resultierende Menschenbild eingegangen. In Anlehnung an die pädagogischen Absichten wird auf die Erziehungsmethoden, konkret auf die Elementarmethode, Wohnstubenerziehung, Sittliche Erziehung und die Methode in der Schule eingegangen. Pestalozzi´s Einfluss auf das 19. Und 20. Jahrhundert wird zum Abschluss im Kapitel „Pestalozzi als Klassiker“ dargelegt.

1. Johann Heinrich Pestalozzi im historischen Kontext

Um die Person Johann Heinrich Pestalozzi und seine Theorien besser verstehen zu können ist es notwendig, den historischen Kontext des 18. Jahrhunderts in Ansätzen zu beschreiben.

Johann Heinrich Pestalozzis Leben (1746-1827), fiel in eine der großen Umbruchsphasen der europäischen Geschichte. In der Wende von der Neuzeit zur Moderne kam es: zur Ablösung der feudalistischen Strukturen des 17. Jahrhunderts durch den Absolutismus, zur Emanzipation des Menschen durch die Aufklärung und in weiterer Folge zur Ausbildung demokratischer Strukturen in Staat und Gesellschaft (vgl. Thorn 2011, S.4). Der in weiten Teilen Europas vorherrschende Absolutismus verlieh den Herrschern uneingeschränkte Macht. Die Stände, der Klerus und der Adel wurden vollständig entmachtet und hatten kein Mitspracherecht. Dies gipfelte in Frankreich unter Ludwig XVI. (1754-1793) in die französischen Revolution (1789-1799) und deren europaweiten Auswirkungen (vgl. Schaake 2003, S.3). Das Bürgertum verlangte immer mehr nach Gleichberechtigung und Mitbestimmung und emanzipierte sich, durch die Zerschlagung der Ständegesellschaft in den bürgerlichen Revolutionen, und hatte so die Möglichkeit ihre Ziele von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ erstmals als Staatsform durchzusetzen. Die bürgerliche Gesellschaft entstand, welche gegen autokratische Willkür, gesetzliche Bestimmungen und verfassungsmäßige Kontrollen einführte (vgl. wissen.de 2016, o.S.). Im Bereich der Technik kam es immer mehr zu fortschrittlichen Entwicklungen, wie etwa durch die 1712 von Thomas Newcomen (1663-1729) entwickelte und von James Watt (1736-1819) verbesserte Dampfmaschine, welche die Grundlagen für das folgende industrielle Zeitalter legte (vgl. Sittauer 2015, S.6ff). Es kam zur Landflucht, da Fabriken und neue Dienstleistungsmöglichkeiten Arbeitsplätze fernab des ländlichen Raumes boten. Die dadurch zerbrochenen alten Traditionen von Dorfgemeinschaft und gegenseitiger Hilfe, führten dazu, dass sich die Menschen im 18. Jahrhundert neue Lebensräume suchen und neu organisieren mussten (vgl. Thorn 2011, S.5).

Im Europa des 18. Jahrhundert erlebten Musiker, Literaten und Dramatiker ihre Blüte wie: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Friedrich Schiller (1759-1805), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) bis hin zu Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Josef Hayden (1732-1809) und Ludwig van Beethoven (1770-1827) (vgl. Thole/Galuske/Gängler 2002, S.37).

Seit 1700 setzte sich in Europa und Nordamerika allmählich in vielen wissenschaftlichen Bereichen ein neues Denken durch, welches zur Erforschung von Naturerscheinungen und der kritischen Auseinandersetzung mit Staat und Religion führte. In der „Aufklärung“ galt die menschliche Vernunft als universelle Urteilsinstanz. Durch rationales Denken, sollten alle den Fortschritt behindernden Strukturen mit dem Ziel, die Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern, überwunden werden (vgl. Bachlechner/Benedikt/Graf/Niedertscheider/Senfter 2008, S.38f). Über 20 Kriege erschütterten während des 18. Jahrhunderts Europa, wovon auch die Schweiz nicht ausgenommen war, und so war Johann Heinrich Pestalozzi ständig mit Niedergang und Auflösung von Staatsordnungen konfrontiert, welche er immer wieder in seinen zahlreichen Schriften reflektierte (vgl. Martin 2008, o.S.).

Johann Heinrich Pestalozzi formulierte eine „Erziehung zur Armut“, was bedeutete: „den Armen zu helfen, die Chance welche in der Armut liegt zu nutzen, innere Kräfte und Anlagen zu entfalten umso zu einem menschlich, sittlichen Dasein zu gelangen“ (Müller 2008, S.131f). Er nahm sich besonders dem schrecklichen Schicksal der „Verdingkinder“ an, wie man damals Kinder wie Waisen, Halbwaisen oder Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen bezeichnete und später für eine „allgemeine Bildung für alle Menschen“ eintrat (vgl. Hugger 1998, S.107f).

2. Johann Heinrich Pestalozzi: ein biographischer Abriss

2.1 Kindheit und Jugend in Zürich (1746-1768)

Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Jänner 1746 als eines der sieben Kinder des Ehepaares Johann Baptist Pestalozzi und seiner Frau Susanna geborene Hotz am „Oberen Hirschgraben“ in der Wohnung seiner Eltern in Zürich geboren. Die Familie besaß das Stadtbürgerrecht, seit sein Großvater väterlicherseits Andreas Pestalozzi, Theologie studierte und Pfarrer von Höngg bei Zürich wurde. Zuvor durften die Vorfahren Pestalozzis, eine Kaufmanns- und Seidenhändlerfamilie, welche im 16. Jahrhundert aus Chiavenna, der italienischen Provinz Sondria nach Zürich einwanderten, keine öffentlichen Ämter bekleiden. Seine Mutter Susanna Hotz entstammte einer Arztfamilie aus Wädenswil am Zürichsee. (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.)

Alle sieben Kinder wurden in den ersten acht Ehejahren der Familie Pestalozzi geboren, von denen jedoch auch vier in derselben Zeit verstarben. Der Vater Johann Baptist Pestalozzi starb am 30. Juli 1751 mit nur 33 Jahren als Johann Heinrich gerade mal fünf Jahre alt war. Sein Großvater Andrea Pestalozzi übernahm die „väterliche Autorität“ und indem Johann Heinrich Pestalozzi ihn oft in Höngg besuchte und so die große Armut der Bevölkerung kennenlernte, hatte dieser starken Einfluss auf Pestalozzis Werdegang (vgl. Horlacher/Tröhler 2009, S.22).

Er, seine ältere Schwester Anna Barbara und sein jüngerer Bruder Baptist (ebd., S.18) wurden nach dem Tod des Vaters sehr von ihrem Onkel Johannes Hotz unterstützt, da die finanzielle Situation der Familie für die Mutter sehr belastend war. Obwohl die Familie sehr sparsam leben musste, entschied sich Susanna Pestalozzi, aufgrund der besseren Bildungschancen und des besseren Schulangebots für ihre Kinder, in Zürich zu bleiben (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). Die Kinder Pestalozzi wurden aufgrund der traumatischen Familienerlebnissen von der Mutter und der Magd des Hauses, Barbara Schmid (Babeli), in einer ängstlichen Fürsorge erzogen, welche Johann Heinrich als öde Langweile und Erfahrungseinschränkung später in einer Rückschau seiner Situation in einem Brief an Hans Konrad Escher 1804 dem damaligen helvetischen Kriegsminister darlegte .

In seiner Heimatstadt Zürich besuchte Johann Heinrich Pestalozzi von 1751 bis 1765 die Elementarschule um im Alter von acht Jahren in die Lateinschule Schola Abbatissana am Frauenmünster und dann die Schola Carolina am Großmünster zu wechseln. Mit 17 Jahren war er Student am Collegium Carolinum in Zürich, welches eine philologisch-theologische Hochschule war, da er ursprünglich, wie sein Großvater Andreas, Pfarrer werden wollte. Später wechselte er auf die Jurisprudenz und lernte während dieses Studiums den weit über die Grenzen Zürichs und der Schweiz hinaus bekannten Johann Jakob Bodmer (1698 – 1783) der Professor für Geschichte war, kennen (vgl. Arnscheid 2010, S.1).

Johann Jakob Bodmer hatte in der Studentenschaft viele Anhänger aus derer sich eine auserwählte Gruppe von Studierenden einmal wöchentlich in der Zunftstube der Gerber trafen. Auch Johann Heinrich Pestalozzi war seit 1763 Mitglied dieser „Helvetischen Gesellschaft“ zu Gerwe und in der Bewegung der „Patrioten“. Im Kreise dieser Gesellschaft, die auch den „Erinnerer“ als Zeitschrift herausgaben, wurden Denkweisen von alten und neuen Philosophen, besonders aber jene, durch die Aufklärung geprägten Gedanken, von Jean Jaques Rousseau diskutiert. Pestalozzi und seine Studienkollegen entwickelte, durch die Auseinandersetzung mit den Lebensidealen der einzelnen Philosophen, Gedanken über geläuterte Sitten in der Gesellschaft und Staat, gerechter Herrschaft, Gewaltenteilung und Beendigung der Ausbeutung der ärmeren Gesellschaft (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). Die Patrioten übten Kritik an die zur Oligarchie erstarrte Demokratie Zürichs, welche die Landbevölkerung unterdrückten und die Stadtbewohner führten in ihren Augen ein „verweichlichtes“ Leben (vgl. Liedtke 2001, S.214). Da die wenigen führenden Geschlechter der Stadt mächtig waren, führte jegliche Kritik, Gegenwehr gegenüber der Willkür der Mächtigen oder freie Meinungsäußerung zu Verfolgung und Verbannung. In den Schriften der Helvetischen Gesellschaft zur Gerwe im „Erinnerer“ wurde die damals bestehende selbstherrliche Regierungsweise der herrschenden Klasse angegriffen, die es aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades von Johann Jakob Bodmer nicht wagte Anklage gegen die Patrioten zu erheben. Jedoch hatten sich Pestalozzi und seine Studienkollegen, durch ihren Eifer für die Idee von gerechter Herrschaft und Staatsreform nicht nur bei den Bewohnern Zürichs unbeliebt gemacht, sonders verloren auch ihr Stadtbürgerrecht und ihr Anrecht auf ein öffentliches Amt. Johann Heinrich Pestalozzis erstes erhaltenes Werk „Agis“ erschien 1765 während dieser Zeit, worin er sehr geschickt Parallelen zu Zürich aufzeigte, indem er von den durch die herrschende und besitzende Aristokratie gescheiterten Reformversuchen des Spartanerkönigs Agis berichtete. Auch in seiner 1766 erschienenen Schrift „Wünsche“ erkannte man die kritische Ausrichtung Pestalozzis (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.).

Besonders von Jean Jaques Rousseaus Schriften aus dem Jahre 1762 „Gesellschaftsvertrag“ und „Emile“ war Pestalozzi angetan und wollte die Idee des Ideals eines natürlichen, tugendhaften Lebens umsetzen (vgl. Friedrich 2010, S.3). Als sein Freund, der Theologe Johann Kasper Blunschli, genannt Menalk (1743-1767) starb, und dieser ihm an seinem Sterbebett riet einen anderen Beruf einzuschlagen, sah Johann Heinrich dies als Zeichen um seine Idee eines natürlichen Lebens zu verwirklichen. So brach er mit 21 Jahren sein Studium vorzeitig ab und entschloss sich Bauer zu werden (vgl. Horlacher/Tröhler 2009, S.6) Während dieser Zeit lernte er auch die um acht Jahre ältere Anna Schultheß kennen, die ebenfalls mit Blunschli befreundet war. Wie ihm sein verstorbenen Freund Menalk geraten hatte, begann Pestalozzi 1767 eine landwirtschaftliche Lehre bei Johann Rudolf Tschiffeli (1716-1780), der einen Musterbetrieb im bernischen Kirchberg führte (vgl. Nickel 2002, S.4). Tschiffeli, war in der neuen landwirtschaftlichen Entwicklung federführend, indem er durch Düngung und durch Verzicht auf das Ruhejahr die traditionelle Dreifelderwirtschaft revolutionierte. Pestalozzi, der von Rousseaus positiven philosophischen Grundlagen der Landwirtschaft überzeugt war, gedachte in Tschiffelis Fußstapfen zu treten. Während seiner gesamten Lehrzeit bei Tschiffeli führten Johann Heinrich Pestalozzi und Anna Schultheß einen regen Briefwechsel, da sich Pestalozzi in Anna verliebt hatte, diese jedoch die Beziehung geheim halten mussten. In seinen Briefen an Anna erwähnte Pestalozzi jedoch jedes Mal, dass seine Lehre als Vorbereitung auf seine Tätigkeit zum Wohle des Volkes und der Endzweck seiner Unternehmung die Absicht sei zum Glück vieler seiner Nebenmenschen beizutragen (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S).

Anna Schultheß wurde am 09. August 1738 als einzige Tochter der reichen Kaufmannsfamilie Schultheß in Zürich geboren. Sie wurde von ihren Eltern sehr streng religiös erzogen und las täglich die Bibel (vgl. Reis 2013, o.S), sie absolvierte die für reiche Frauen damals übliche Schullaufbahn und erarbeitet sich durch die Mitarbeit im väterlichen Geschäft vielerlei Kenntnisse in Buchhaltung und Fremdsprachen (vgl. Horlacher/Tröhler 2009, S.9).

2.2 Neuhofjahre (1769-1798)

Nachdem Johann Heinrich Pestalozzi seine landwirtschaftliche Lehre nach nur neun Monaten für beendet hielt, kaufte er 1769 im Aargauer Dorf Birr 25 Kilometer von Zürich entfernt etwa 20 Hektar Land und Begann mit dem Bau des Neuhofs. Am 30. September 1769 heiratete er Anna Schultheß gegen den Willen ihrer Eltern, da diese gegen die Heirat mit einem armen Sohn einer Witwe waren. Anna Pestalozzi-Schultheß unterstützte Johann Heinrich von nun an bei seiner Arbeit, übernahm die Hauswirtschaft in Pestalozzis Kinderheimen und war Hausmutter in Stans, Burgdorf und Yverdon (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). Ein Jahr nach ihrer Hochzeit wurde 13. August 1770, ihr einziger gemeinsamer Sohn Hans Jakob geboren.

Hans Jakob „Jaqueli“, der den Namen nach Jean Jaques Rousseau erhielt, war Epileptiker wofür sich Anna Pestalozzi-Schultheß zeitlebens schuldig fühlte (vgl. Reis 2013, o.S).

Im Jahr 1771 bezog die junge Familie den Neuhof bei Birr, den sie zuvor nur mietweise bewohnt hatten. Johann Heinrich Pestalozzi wollte den Eltern von Anna unbedingt beweisen, dass er in der Lage war seine Pläne zu verwirklichen und begann am Neuhof ein landwirtschaftliches Unternehmen. Kurz nach seiner Hochzeit mit Anna kündigte jedoch Annas Onkel, der Bankier Schultheß, den Kredit und Missernten in den Jahren 1771 und 1772, die in ganz Europa auftraten, führten dazu, dass Pestalozzis landwirtschaftliches Unternehmen scheiterte und über die junge Familie große Armut hereinbrach (vgl. Nickel 2002, S.4). Durch die Umstellung auf Viehwirtschaft und Versuche mit Baumwollverarbeitung in Heimarbeit versuchte Pestalozzi sein Unternehmen vor dem Ruin zu retten, was jedoch erfolglos blieb. So gründete Pestalozzi 1774 gemeinsam mit seiner Frau Anna auf dem Gut Neuhof eine Armenanstalt, die ebenfalls scheiterte und die Schulden konnten nur durch Landverkauf und der Unterstützung von Annas Familie abgetragen werden (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). Nach den Misserfolgen in Land- und Viehwirtschaft und dem endgültigem Scheitern der Armenanstalt konnte nur noch der Basler Stadtschreiber Isaak Iselin (1728-1782) ein Freund und Förderer Pestalozzis, diesen aufmuntern indem er an Pestalozzis schriftstellerische Fähigkeiten appellierte (vgl. Horlacher/Tröhler 2009, S. 85 f).

In den Jahre 1780 bis 1798 verfasste Johann Heinrich Pestalozzi zahlreiche Werke, wie:

„Abendstunden eines Einsiedlers“, die 4 Teile von „Lienhard und Gertrud“, „Über Gesetzgebung und Kindermord“, „Nachforschungen“ und „Fabeln“ und „Ja oder Nein?“

2.3 Stans und der Stanser Brief (1798-1799)

Als im März 1798 französische Truppen im Rahmen der französischen Revolution in die Schweiz einmarschierten und Bern besetzten zerbrach die Alte Eidgenossenschaft. Die neue Verfassung der „Helvetischen Republik“ wurde ausgerufen (vgl. Gruner/Woyke 2007, S.186).

In der Hoffnung auf Unterstützung bot Johann Heinrich Pestalozzi der neuen Regierung seine Dienste zur „Verbesserung der Erziehung und der Schulen des einfachen Volkes“ (PSB 4, S.15) an, wodurch die fünfköpfige Exekutive der neuen Regierung ihm einen größeren Geldbetrag für die Errichtung einer Anstalt bewilligte. Aufgrund der verstärkten innenpolitischen Spannungen verzögerte sich jedoch für Pestalozzi die Verwirklichung eines Institutes. Die Verfassung der Helvetischen Republik hatte aus der ehemaligen Schweiz einen Einheitsstaat mit teilweise beliebig gezogenen Grenzen gemacht, gegen die sich die Bevölkerung wehrte. Dieser Gegenwehr begegnete die Executive der Helvetischen Republik mit der Drohung des Einmarsches französischer Truppen wodurch die Bevölkerung, besonders aus Angst um die freie Ausübung ihres römisch-katholischen Glaubens, sich fügte. Im kleinen Kanton Nidwalden widersetzten sich dennoch die Menschen der neuen Regierung wodurch die französischen Truppen einmarschierten, das Land besetzten, Dörfer raubten, plünderten und in Brand steckten. Diesem Massaker fiel auch der Hauptort Stans zum Opfer (vgl. Gruner/Woyke 2007, S.187f). Johann Heinrich Pestalozzi, der im Zuge seiner Zusammenarbeit mit der Helvetischen Republik Herausgeber des „Helvetische Volksblatt“ war und den Einmarsch der französischen Truppen für öffentlich gut befunden hatte, war über das massive Blutvergießen und der sinnlosen Zerstörung des Ortes Stans entsetzt. Er sah somit den Beschluss der Regierung, in Stans eine Anstalt für verwaiste Kinder zu eröffnen und ihm die Leitung dieser Einrichtung zu übertragen, als Wiedergutmachung. Johann Heinrich Pestalozzi hatte jedoch nicht mit solch feindlicher Einstellung der Bevölkerung ihm gegenüber gerechnet, die auf zwei Ursachen beruhte. Erstens war Pestalozzi Protestant in der völlig katholischen Innerschweiz und zweitens war er Anhänger der Helvetischen Republik und somit war es nur der katholische Pfarrer Businger, der auf der Seite Pestalozzis stand und ihn unterstützte (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S). Am 14. Jänner 1799 wurden die ersten Kinder von Pestalozzi im Stanser Kapuzinerkloster aufgenommen, deren Zahl nach nur sechs Wochen bereits über 80 betrug. Der damals 52jährige Pestalozzi betreute die Kinder zusammen mit einer Magd und war voller Hoffnung, seine pädagogischen Ideen der letzten 20 Jahre endlich in die die Praxis umsetzen zu können (vgl. Dietrich 1998, S.84). Endlich am Ziel seiner Wünsche angekommen schrieb er seiner Frau Anna, die sich bei ihrer langjährigen Freundin Gräfin Franziska Romana von Hallwil (1758-1836) aufhielt:

"Jetzt kann die Frage, was mein und Euer Schicksal sein werde, nicht mehr lange zweifelhaft sein. Ich unternehme eine der größten Ideen des Zeitpunkts. Hast Du einen Mann, der nicht mißkannt (sic) worden, sondern der Verachtung und der Wegwerfung wert ist, mit der man ihn allgemein behandelt, so ist für uns keine Rettung; bin ich aber unrichtig beurteilt und das wert, was ich selber glaube, so hast Du bald Hilfe und Rat von mir zu erwarten." (PSB 4, S.18).

In Stans legte Pestalozzi seinen Fokus auf die sittliche Erziehung der Kinder und der Entwicklung ihrer sittlichen Kräfte. Dabei bediente er sich eines Drei-Stufen-Models an dessen Fundament die Erzeugung einer sittlichen Grundstimmung durch Befriedigung der primären Bedürfnisse stand. An zweiter Stufe sollte nach der Gemütsebene das Tun des Sittlichen in Form des Guten erlernt und so den Kindern zur Gewohnheit werden. Erst dann wurde die dritte Stufe eingeübt, was das Sprechen über Sittlichkeit zum Inhalt hatte damit die Kinder auf diese Weise einen rationalen Begriff von sittlicher Lebensweise entwickeln konnten. In dieser dreistufigen Entwicklung war das Bestreben Pestalozzis, die Verbindung von Fühlen (Herz), Handeln (Hand) und Denken (Kopf), gut zu erkennen. Des Weiteren war Pestalozzi bestrebt ethisches Verhalten nicht, wie der damaligen aufklärerischen Philosophie entsprochen, über rationales Denken sondern über emotionales Empfinden zu verankern (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). Bereits in seiner Arbeit in Stans waren seine, durch Rousseau geprägten, Grundüberzeugungen, dem „Haschen der Natur nach ihrer eigenen Entwicklung Handbietung zu leisten“ und „den Gang der Natur“ in seinen Unterrichtsmethoden zu erkennen (vgl. Salzborn 2014, S.36). Die Umsetzung in Form des Schulunterrichts war jedoch ein deutlicher Kontrast zu den heutigen Vorstellungen. So fand eigentlicher Schulunterricht morgens in der Zeit zwischen sechs und acht Uhr und spät am Nachmittag und abends zwischen vier und acht Uhr statt, wobei die übrige Zeit dazu verwendet wurde um der Arbeit und der handwerklicher Ausbildung nachzugehen. Pestalozzi hatte die Absicht praktisches Wissen in Verbindung zu bringen mit gedächtnismäßigem Lernen von Grundwissen. Aufgrund von Zeit und anderen Ressourcenmängel war es ihm jedoch nur im Ansatz möglich diese anspruchsvolle Arbeit umzusetzen (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.).

Aufgrund der Kriegsereignisse beanspruchten die Franzosen das Kloster indem Pestalozzi mit seiner Anstalt untergebracht war als Militärhospital. Daraufhin musste Johann Heinrich Pestalozzi am 09. Juni 1799, bereits nach nur sechs Monaten, seinen so hoffnungsvoll begonnenen Versuch einer praktischen pädagogischen Tätigkeit, in Stans wieder abbrechen (vgl. Dietrich 1998, S.84). Die sich in Stans befundenen Kinder wurden großteiles ihren Verwandten übergeben und 22 Kinder wurden vom Pfarrer Businger übernommen. Als Pestalozzi Stans verließ war er physisch wie auch psychisch überarbeitet und litt sehr unter dem plötzlichen Abbruch seiner Tätigkeit. Deshalb nahm er das sich ihm gebotenen Angebot einer einige Wochen dauernden Erholung im Gurnigelbad im Bernder Oberland an und nutzte dort die Zeit, um seine Erfahrungen in Stans in seinem „Brief an seinen Freund über meinen Aufenthalt in Stans“ zu Papier zu bringen. Der „Stanser Brief“ zählt unter anderem zu den bedeutendsten pädagogischen Texten Pestalozzis in denen er von seinen Anfangsschwierigkeiten in Stans über die häusliche und öffentliche Erziehung, die drei Stufen der sittlichen Erziehung bis hin zur Verbindung von Unterricht und Industriearbeit schreibt (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.).

Die Anfangsschwierigkeiten in Stans aufgrund der Vorbehalte der Bevölkerung gegen Pestalozzi, einem Mitarbeiter der Helvetischen Regierung und einem Reformator in einem katholischen Ort, und den erschütterten Kriegsereignissen schildert Pestalozzi folgt:

"Außer dem nötigen Geld mangelte es übrigens an allem, und die Kinder drängten sich herzu, ehe weder Küche noch Zimmer noch Betten für sie in Ordnung sein konnten. Das verwirrte den Anfang der Sache unglaublich. Ich war in den ersten Wochen in einem Zimmer eingeschlossen, das keine 24 Schuh ins Gevierte hatte. Der Dunstkreis war ungesund, schlechtes Wetter schlug noch dazu, und der Mauerstaub, der alle Gänge füllte, vollendete das Unbehagliche des Anfangs. […] Diese Leute hatten noch nie einen Reformierten in irgendeinem öffentlichen Dienst, will geschweigen als Erzieher und Lehrer ihrer Kinder, in ihrer Mitte wohnen und in Tätigkeit gesehen, und der Zeitpunkt begünstigte das religiöse Mißtrauen im innigsten Zusammenhang mit dem politischen Zittern, Zagen und zum Teil Heucheln, das damals mehr als je, solange Stans steht, an der Tagesordnung war" (PSW 13, S.5 und S.8-9).

Pestalozzis Aussagen zum Unterricht in Verbindung zur Industriearbeit, über das Helfen der Kinder untereinander und der Elementarisierung des ersten Unterrichts waren:

"Überhaupt achtete ich das Lernen als Wortsache in Rücksicht auf die Worte, die sie lernen mußten (sic), und selbst auf die Begriffe, die sie bezeichneten, für ziemlich unwichtig. Ich ging eigentlich darauf aus, das Lernen mit dem Arbeiten, die Unterrichts- mit der Industrieanstalt zu verbinden und beides ineinander zu schmelzen. […] Die Menge und Ungleichheit der Kinder erleichterten meinen Gang. So wie das ältere und fähigere Geschwister unter dem Auge der Mutter den kleineren Geschwistern leicht alles zeigt, was es kann, und sich froh und groß fühlt, wenn es also die Mutterstelle vertritt, so freuten sich meine Kinder, das, was sie konnten, die anderen zu lehren. Ihr Ehrgefühl erwachte, und sie lernten selber doppelt, indem sie das, was sie wiederholten, andere nachsprechen machten. So hatte ich schnell unter meinen Kindern selbst Gehilfen und Mitarbeiter. [ … ] Jener Zeitpunkt nähert sich, sobald wir die Unterrichtsmittel so vereinfachen werden, daß (sic) jede Mutter ohne fremde Hilfe selber lehren und dadurch zugleich immer selbst lernend fortschreiten kann " [...]. (PSW 13, S.26, S.29 f)

Erneut war Pestalozzis Vorhaben, eine ganzheitliche Erziehung der Armen umzusetzen gescheitert und in einem der Stanser-Texte schrieb Pestalozzi über seinen tragischen Abbruch:

„Freund! Ich erwache abermals aus meinem Traum, sehe abermals mein Werk zernichtet und meine schwindende Kraft unnütz verschwendet. Aber so schwach, so unglücklich mein Versuch war, so wird es jedem menschenfreundlichen Herzen wohltun, sich einige Augenblicke ob demselben zu verweilen und die Gründe zu überlegen, die mich überzeugen, daß (sic) eine glückliche Nachwelt den Faden meiner Wünsche sicher da wieder anknüpfen wird, wo ich ihn lassen mußte (sic)“ […]. (PSW 13, S.1).

2.4 Burgdorf und Münchenbuchsee (1799-1804/05)

Im Berner Oberland, wo Pestalozzi zur Kur war, dachte er „bei diesem Anblick, mehr an das übel unterrichtete Volk als an die Schönheit der Aussicht“ (PSW 13, S.191) und beschloss im Alter von 53 Jahren, Lehrer zu werden. Ein Beruf der zur damaligen Zeit verachtet und schlecht bezahlt war (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). So schrieb Johann Henrich Pestalozzi in „Wie Gertraud ihre Kinder lehrt“ dem Hauptwerk indem er seine eigens entwickelte Unterrichtsmethode begründete:

"Unsere unpsychologischen Schulen sind wesentlich nichts anderes als künstliche Erstickungsmaschinen von allen Folgen der Kraft und der Erfahrung, die die Natur selber bei ihnen [den Kindern] zum Leben bringt. [...] Aber stelle dir doch einen Augenblick wieder das Entsetzen dieses Mordes vor. Man läßt (sic) die Kinder bis ins fünfte Jahr im vollen Genuß (sic) der Natur; [ …] Und nachdem sie also fünf ganze Jahre diese Seligkeit des sinnlichen Lebens genossen, macht man auf einmal die ganze Natur um sie her vor ihren Augen verschwinden; stellt den reizvollen Gang ihrer Zwanglosigkeit und ihrer Freiheit tyrannisch still; wirft sie wie Schafe in ganze Haufen zusammengedrängt in eine stinkende Stube; kettet sie Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre unerbittlich an das Anschauen elender, reizloser und einförmiger Buchstaben und an einen mit ihrem vorigen Zustand zum rasend werden abstechenden Gang des ganzen Lebens.“ [...] (PSW 13, S.198-199).

Der helvetische Erziehungsminister Stampfer war unterdessen auf Pestalozzi und seine Methode des Erlernens von Lesen und Schreiben aufmerksam geworden. Da im neuen Staat eine einheitliche Lehrerausbildung fehlte, wollte Stampfer Johann Heinrich Pestalozzi die Leitung einer neu errichteten Lehrerbildungsanstalt übertragen. Pestalozzi lehnt ab, da er seine Erfahrungen des Lehrens lieber mit kleinen Kindern machen wollte und so wurde Stampfers Sekretär Johann Rudolf Fischer (1772-1800) Seminardirektor von Schloss Burgdorf. Als dieser im Jahre 1800 verstarb übernahm Johann Heinrich Pestalozzi die von Fischer geleitete Ausbildungsanstalt. Somit war der Grundstein für Pestalozzis Erziehungsinstitut in Burgdorf gelegt, welches aus einer Knabenschule, einem Pensionat für auswärtige Schüler, einem Lehrerseminar, einem Waisenhaus und einer Armenschule bestand (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.). In seiner Schrift „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“, die 1801 veröffentlicht und Pestalozzi als großen Erzieher und Erneuerer der Volksschulen in Europa bekannt machte, fasste Pestalozzi seine didaktischen Grundvorstellungen rückblickend zusammen (vgl. Foellmer 2007, S.33).

Johann Heinrich Pestalozzi hatte tüchtige Mitarbeiter und wurde von der Helvetischen Regierung großzügig unterstützt. Von allen Gegenden kamen Zöglinge und die Erziehungsanstalt Burgdorf wurde zu einer Pflichtstation der damals in Mode gekommenen Bildungsreisen in die Schweiz und Italien. Als am 15. August 1801 Pestalozzis einziger Sohn Hans Jakob verstarb, übersiedelte dessen überlebende Frau mit ihrem gemeinsamen Sohn Gottlieb nach Burgdorf, wenig später zog auch seine Frau Anna nach Burgdorf und die Jahre 1802/03 zählten zu den glücklichsten in Pestalozzis Leben (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier: 2016, o.S.).

Allerdings wurde dieses Glück von politischen Ereignissen überschattet da Napoleon Bonaparte (1769-1821) im Sommer 1802 seine Truppen aus der Schweiz abzog und der Bürgerkrieg erneut aufflammte. Auf Aufforderung der Stadt Zürich und auch des Ortes Burgdorf wurde Johann Heinrich Pestalozzi im Winter 1802/03 als Abgeordneter nach Paris geschickt um dort an der neuen Verfassung Helvetiens mitzuarbeiten. Diese scheiterte und die Helvetische Republik mit ihrer Zentralregierung zerbrach im März 1803. Anstelle der Helvetischen Regierung trat wieder die alte Verfassung der einzelnen Kantone und Pestalozzi war auf das Wohlwollen der damaligen Regierung in Bern angewiesen (vgl. Natorp 2013, S.29). Diese verlangte von Pestalozzi eine Räumung seines Institutes im Schloss Burgdorf bereits mit 1. Juli 1804, damit der damalige Berner Oberamtmann dort seine neue Residenz errichten konnte. Pestalozzi übersiedelte somit im Sommer 1804 in das verfallene Kloster Münchenbuchsee in dessen Nähe Philipp Emanuel von Fellenberg (1771-1844) eine Erziehungsanstalt leitete. Dieser leitete seine Einrichtung mit großem organisatorischem und ökonomischem Talent und so hatten Mitarbeiter von Pestalozzi die Idee die beiden Anstalten miteinander zu verbinden, da Johann Heinrich Pestalozzi nicht über diese Geschicke Fellenbergs verfügte. Die Fusion hielt nicht lange, da sich Pestalozzi und Fellenberg überwarfen und Johann Heinrich Pestalozzi sah sich nach einem Neuanfang um, welcher auf Schloss Yverdon sein sollte (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S.).

2.5 Yverdon (1804-1825)

Im Kanton Waadt standen aufgrund der Revolutionsereignisse Schlösser leer. Von Johann Heinrich Pestalozzis pädagogischem Ruhm beeindruckt, bot die Berner Regierung das Schloss Yverdon (deutsch: Iferten), welches zuerst als zweite Niederlassung von Münchenbuchsee in Planung gewesen war, Pestalozzi an, um dort ein neues Institut zu eröffnen. Somit wurde 1804 das Institut auf Schloss Yverdon eröffnet und im Jahre 1806 um ein Töchterinstitut neben dem Schloss erweitert, da Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet wurden (vgl. Buol 1976, S.18). Rasch wurde das Institut in Yverdon berühmt. Besonders in Deutschland und vor allem in Preußen war man von Pestalozzis pädagogischer Arbeit angetan, aber auch in Frankreich, Italien, Spanien, England, Russland und Übersee schätzte man seine Erziehungsmethoden sehr (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier: 2016, o.S.). Pestalozzi erhiehlt jedoch in Europa mehr Aufmerksamkeit als in seinem eigenen Land. Sogar außerhalb der Schweiz schickten angesehenen Familien ihrer Kinder nach Yverdon in das Internat und so waren in der Blütezeit des Institutes von 166 Zöglingen nur 78 aus der Schweiz (vgl. Ofenbach 2006, S.132).

Die Institutsleitung in Yverdon, die aus einer Kommission bestand, der neben Pestalozzi noch vier weitere Mitarbeiter angehörten, bestellte für jedes Unterrichtsfach einen Oberaufseher und kümmerte sich um die finanziellen Angelegenheiten. Trotz guter SchülerInnenzahl hatte das Institut jedoch ständig mit ökonomischen Problemen zu kämpfen, da Pestalozzi oft Kinder von armen Eltern unentgeltlich aufnahm oder zu geringe Pensionspreise festsetzte. Buchführung oder Haushaltspläne wurden nicht geführt und die Lehrer erhielten nur Unterkunft und Verpflegung für ihre Arbeit. Außerdem arbeitete die Institutsdruckerei ständig mit Verlusten, die abgedeckt werden mussten (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S).

Im Jahre 1805 besuchte Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) erstmals sein pädagogische Vorbild Pestalozzi in Yverdon, da Fröbel an der Perstalozzi-Musterschule in Frankfurt am Main als Erzieher tätig war und die Ideen von Pestalozzi näher kennenlernen wollte. Die Eindrücke für Friedrich Fröbel von Pestalozzi und seiner Unterrichtsmethode waren ambivalent, was dieser auch in seinen eigenen Schreiben zum Ausdruck brachte (vgl. Heiland/Neumann 2003, S.53 ff).

Das Mindestalter der Zöglinge in Yverdon lag bei sieben Jahren, Kinder die älter als 11 Jahre alt waren wurden nicht mehr aufgenommen. Die SchülerInnen blieben bis zum 15. Lebensjahr in Yverdon und konnten noch als Seminaristen oder Unterlehrer vom 16. bis zum 20. Lebensjahr dort verbleiben. In Gruppen wurde der Unterrichtsstoff erarbeitet und SchülerInnen die etwas begriffen hatten, wurden als LehrerInnen ihrer Mitschüler eingesetzt. Die Unterrichtszeit erstreckte sich auf 60 volle Stunden die Woche, wobei, da es sich beim Institut um eine Versuchsschule handelte, der Stundenplan nicht immer gleich war. Ferien gab es nicht, dafür standen oft wochenlange SchülerInnenwanderungen am Programm, wo die Zöglinge die Alpen und das umliegende Ausland erkundeten, Fauna und Flora kennenlernten, sich mit Orts- und Reisebeschreibung und Landkarten studieren auseinandersetzten. Unterrichtet wurde von Mathematik, Formenlehre, Zeichnen, Geschichte, Geographie über deutsche und französische Sprache, Latein, Gesang, Religion, Naturkunde bis hin zu Buchhaltung und Briefschreibung. Großen Wert legte Pestalozzi auch auf Hand- und Gartenarbeit und das Erlernen des Umgangs mit Werkzeugen. Die Zöglinge arbeiteten in der Schreinerwerkstätte, der Buchdruckerei, der Drechslerei und wurden in der Kleintierzucht unterrichtet. Sport und Spiel war regelmäßig am Stundenplan und im nahe gelegenen See lernten die Kinder schwimmen und im Winter eislaufen. Pestalozzi wollte, dass alle im Institut wie in einer Großfamilie zusammenleben, so unterrichteten die Unter- und Oberlehrer die SchülerInnen nicht nur sondern aßen, schliefen und lebten mit den Zöglingen zusammen (vgl. Kuhlemann/Brühlmeier 2016, o.S).

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Johann Heinrich Pestalozzi und die Bedeutung der Mutter in der Erziehung
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
47
Katalognummer
V439336
ISBN (eBook)
9783668799622
ISBN (Buch)
9783668799639
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johann, heinrich, pestalozzi, bedeutung, mutter, erziehung
Arbeit zitieren
Stefanie Seebacher (Autor), 2016, Johann Heinrich Pestalozzi und die Bedeutung der Mutter in der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439336

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