Erotik hinter Klostermauern. Darstellungen von Nonnen in den Mären des 13. und 15. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
26 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gender Studies

3. Historischer Abriss

4. Das Klischee der Geistlichen in Mären

5. Analyse
5.1 Die lüsterne Nonne in Das Nonnenturnier
5.2 Die körperliche Notwendigkeit in Gold und zers und Die Nonne im Bade
5.3 Die naive Nonne in Der Guardian und Der Sperber

6. Auswertung und Fazit

Abbildungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Beschäftigt man sich mit weiblichen Geistlichen in der Märendichtung wird man feststellen, dass sich die aktuelle themenrelevante Forschung und Literatur hauptsächlich mit männlichen Klerikern befasst. Einer der Gründe mag wohl sein, dass diese in den Mären dominieren und häufiger aufgegriffen werden. Insgesamt 115 Mären beschäftigen sich mit dem mittelalterlichen Klerus, aber in nur 13 von diesen werden Nonnen zu handelnden Akteurinnen. In sieben treten sie als Haupt- oder Nebenfigur auf.

Diese Arbeit wird die Darstellung von Nonnen in den Mären in besonderem Hinblick auf Erotik und den Umgang mit Sexualität behandeln. Ich möchte die Fragen beantworten, wie die Nonnen dargestellt werden und wie sie selbst, sowie ihre Umwelt auf ihren Umgang mit Sexualität reagieren. Wie ist insbesondere die erwartete Reaktion beim Rezipienten? Weiterhin möchte ich historisch ergründen, warum das zentrale Thema in Nonnenmären Sex und Erotik ist, aber diese im Gegensatz zu Mären, in denen Mönche auftreten, so spärlich gesät sind. Diese Wenigen lassen sich in Kategorien einteilen, die ich vorstellen möchte und in die ich die Mären, mit denen ich arbeiten möchte, eingeordnet habe. Deutlich sollen hier die unterschiedlichen, beinah gegensätzlichen Darstellungen der Nonnen werden, die in den Mären konstruiert werden.

Für meine Analyse habe ich mich für die vier Mären des 15. Jahrhunderts entschieden, in denen Nonnen vertreten sind. Dazu gehören Das Nonnenturnier, Gold und zers und Die Nonne im Bade. Hinzuziehen möchte ich das bekannte Märe Der Sperber aus dem 13. Jahrhundert.

Diese Arbeit knüpft an ein genderrelevantes Seminar an. Ich möchte daher mit einem kurzen Abriss der Gender Studis beginnen. Da ich die Ansicht vertrete, dass ein Text nie außerhalb seiner Zeit steht und um die genannten Fragen hinreichen beantworten zu können, wird der Analyse eine kurzer Darstellung der Rahmenbedingungen der mittelalterlichen Lebenswelt vorangehen.

Alle Titel der verwendeten Mären, sowie Auszüge daraus wurden in dieser Arbeit kursiv gesetzt.

2. Gender Studies

Die Gender Studies gehen aus dem US amerikanischen Feminismus der 1970er Jahre hervor. Auf den kleinsten Nenner gebracht bezeichnen diese die kulturwissenschaftliche Forschung zur Geschlechterdifferenzierung. Sie beobachten und untersuchen unter anderem ob und wie Gesellschaft Geschlechter unterscheidet und wie die Definition und Differenz hergestellt wird.

Seit der Frauen- und Geschlechterforschung in den 80er Jahren wird zwischen „sex“, dem biologischen Geschlecht, und „Gender“, dem sozialen Geschlecht, deutlich unterschieden. Bahnbrechend war damals die Erkenntnis, dass Unterscheidungen zwischen Frauen und Männern nicht nur aufgrund körperlicher Unterschiede, sondern vor allem in Bezug auf soziale Ausprägungen zu erklären sind. Die Vorstellung über Frauen und Männer unterliegt einem kulturellen Wandel und wird historisch beeinflusst.

Einen Anstoß zur Verknüpfung dieser noch jungen Fachrichtung mit der germanistischen Mediävistik gaben zum größten Teil Judith Butler und Thomas Laqueur. Um die Anwendbarkeit ihrer Theorien kreisen die aktuellen Diskussionen in der germanistischen Mediävistik. Butler erklärte die Performativität der sozialen Geschlechtsidentität im Zusammenhang mit den biologischen Gegebenheiten des menschlichen Körpers. Geschlechterunterschiede werden nach ihr nicht biologisch vorgegeben, sondern allein durch Sprache künstlich erzeugt. Falsch verstanden wird ihre Theorie, wenn man annimmt, „Butler mache die Unterscheidung zwischen sex und gender überflüssig und halte beide Kategorien für frei verfügbar, sozusagen frei im Diskurs schwebend und jederzeit umgestaltbar. Sie verweist jedoch ausdrücklich auf die Machtfülle normativer Zuschreibungen und fordert explizit eine in der Geschichte der Körper codierte Geschichte der geschlechtlichen Differenz.“[1]

Laqueur machte mit der medizinhistorischen Sichtweise deutlich, dass im Mittelalter die Vorstellung eines Ein-Geschlecht-Modells vorherrschte. Nach dieser Vorstellung sind Mann und Frau prinzipiell ein und das gleiche, Frauen wurden nur als eine minderwertige Ausführung des Mannes verstanden. Schon damals existierte ein androzentrisches Weltbild und ein Patriarchat.

Joan Cadden stellte in ihrer Studie „The Meanings of Sex Difference in the Middle Ages“ fest, dass im Mittelalter nicht strikt zwischen sex und gender unterschieden wurde und soziale Rollen zur Beschreibung von biologischen Geschlechtern zu Hilfe genommen wurden.

Simon Gaunt geht ferner davon aus, dass Machtstrukturen und Hierarchien durch spezifische Konstruktionsweisen von Weiblichkeit und Männlichkeit sowohl naturalisiert aber auch unterlaufen werden können.

Wie man sehen kann, gibt es einige Theorien und Forschungsansätze zu den Gender Studies in der Mediävistik. In meiner Arbeit möchte ich nicht nur berücksichtigen, ob Geschlecht in den ausgewählten Texten konstruiert wird, sondern auch wie dies geschieht.

2. Historischer Abriss

Ein Text steht nie außerhalb seiner Zeit. Das heißt, literarische Werke spiegeln immer einen Teil der jeweiligen Realität war, in der sie entstanden sind. Daher wird es für die Analyse in dieser Arbeit nötig sein, soziale und kulturelle Gegebenheiten miteinzubeziehen und sich mit der historischen Figur der Geistlichen im Mittelalter auseinanderzusetzen.

Das 14. und 15. Jahrhundert wird in der Forschung zunehmend als eine Krisenzeit bezeichnet. Da dieser Begriff allerdings ein „intaktes“ Hochmittelalter evoziert, schlägt Marga Stede vor : „[...] vom Spätmittelalter als einer Zeit des Epochenwandels zu sprechen.“[2] Dieser Epochenwandel ist allumfassend und erstreckt sich auf alle Bereiche des menschlichen Daseins. Folgend werde ich die wichtigsten historischen Ereignisse dieser Zeit kurz skizzieren, in denen die Geistlichen den Unmut der Gläubigen erregten.

In Folge des Investiturstreits von 1075 bis 1122 verlor das Papsttum an Bedeutung und musste sich neuen Herausforderungen stellen, da die fortlaufende Urbanisierung die Struktur der Gesellschaft und das Leben jedes einzelnen zunehmend veränderte. Fehlende Bereitschaft war zum größten Teil das Problem, warum sich die Kirche nur schwer in die neuen gesellschaftlichen Ordnungen einfügen wollte. Der Klerus profitierte von den wirtschaftlichen Veränderungen der neuen Lebensart in den Städten, doch eine vollständige Integration sah er nicht vor. Das Bürgerrecht anzunehmen, hätte weniger positive als negative Konsequenzen für sie bedeutet, da dies eine enorme Einschränkung der klerikalen Privilegien bedeutet hätte. Sie forderten auch weiterhin von der Steuerpflicht befreit zu bleiben und weigerten sich, die städtische Rechtsprechung anzuerkennen. Adlige Würdenträger waren weder bereit noch fähig dazu, die Interessen des Bürgertums zu vertreten und wurde für die Seelsorge der Stadtgemeinde als wenig geeignet angesehen. Diesen teilweise scheiternden, gesellschaftlichen Umstrukturierungen war nur eine von vielen Missständen in dieser Zeit. Hinzu kommen Hungersnöte, Dürre, Viehseuchen und Naturkatastrophen. Der Höhepunkt wird mit dem Eintreten der Beulenpest erreicht. Ein Drittel der Gesamtbevölkerung Europas fällt dem Schwarzen Tod zum Opfer.

Die allgegenwärtige Todesgegenwart in der Zeit der Pest hätte eine intensive Ausübung der kirchlichen Amtsträgern gefordert. Doch wurde besonders in dieser Zeit die Seelsorge massiv vernachlässigt, da die Kleriker beispielsweise den Todeskranken das Sakrament oder die Teilnahme an ihrer Beisetzung verweigerten. Die Menschen, die vergebens auf religiöse Unterstützung warteten, gründeten neue Bruderschaften wie die Celliten oder den Geißlerorden, um ihrem Heilsbedürfnis selbstständig nachkommen zu können.

Den Investiturstreit überwunden, spitzt sich die Lage 1378 wieder zu als Urban VI. den Papststuhl bestieg und als Italiener in Rom residieren wollte. Die französischen Kardinäle fürchteten um ihren Einfluss und wählen Clemens VII. zum Gegenpapst, der seinen Sitz in Avignon hatte. Dieses so genannte große abendländische Schisma währte bis 1417. Die Staaten Europas nahmen an dieser Trennung teil und versuchten die jeweilige Oboedienz zu erweitern. 1409 tagt das Konzil von Pisa, man versucht die Konflikte zu lösen, allerdings erfolglos, da ein dritter Papst gewählt wird. Erst das Konstanzer Konzil, das Johannes XXIII. 1414 unter dem deutschen König Sigismund einberuft, bringt eine Lösung mit sich. Der Anspruch der drei Päpste auf den Heiligen Stuhl wird nichtig gemacht und 1417 wird einstimmig der römische Kardinal Odo Colonna zum Papst gewählt.

Auch nach der Überwindung dieses Konflikts bleibt das Weltbild der Menschen tief erschüttert und die Kirche bildet keine tragende Säule mehr.

Damit einher geht der Antiklerikalismus. Dieser bezeichnet innerhalb von Religionsgemeinschaften eine Position antielitärer Motivation, die sich gegen den Klerus richtet. Außerhalb von Religionsgemeinschaften richtet sich Antiklerikalismus gegen den Klerus stellvertretend für die gesamte Religionsgemeinschaft, der er zugehört, beziehungsweise gegen ihr Bekenntnis.

3. Das Klischee der Geistlichen in den Mären

Mit den historischen Umständen wuchs das kritische Bewusstsein der Zeitgenossen und sie wurden für die Missstände sensibilisiert. Sie scheuten nicht mehr davor, diese auch in Literatur zu verarbeiten. Dazu kommt der wachsende Mut der Autoren, menschliche Schwächen mittels satirischer Technik auf Autoritäten wie den Klerus zu übertragen und dadurch die reale Distanz zum ersten Ordo in der spätmittelalterlichen Wirklichkeit in der Fiktion zu verringern. Geistliche werden nur in den seltensten Fällen als würdige Vertreter ihres Amtes dargestellt und werden stattdessen als Sünder charakterisiert, die die selbst gepredigten Verhaltensregeln nicht imstande sind zu befolgen. Neben Habgier, Korruption und Hochmut, ist Sittenlosigkeit eines der besonders schwerwiegenden Frevel mit denen Geistliche in der Literatur des Mittelalters belegt werden.

Castitate non inbute,

sed immundus corde et cute,

animarum pro salute missam cantas, o pollute,

plenus sorde, plenus mendis

ad altare manus tendis

quem contempnis, quem offendis,

concubinam dum ascendis. [3]

So steht es in der Carmina Burana geschrieben, die im 11. bis 12. Jahrhundert von überwiegend anonymen Dichtern verfasst wurde und zu den wichtigsten Sammlungen der Vagantendichtung zählt. Sie zeigt deutlich, dass die Furcht vor Verunreinigung durch sexuelle Akte auch immer Mittelalter stark präsent war. „Die Sexualität war für die Kirche eine animalische Komponente des menschlichen Seins, die die Vernunft ausschaltete und lediglich in der Ehe als unumgängliche Voraussetzung für die Erzeugung von Nachkommenschaft geduldet wurde“[4] und dies allerdings auch nur, wenn sie frei von Lust war. Gemäß Paulus` Ansicht: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“[5] führte Papst Innozenz II im Jahr 1139 das priesterliche Pflichtzölibat ein: „Auf dem zweiten Laterankonzil verbot er nicht nur die Klerikerehe, sondern erklärte auch gleichzeitig alle noch existierenden Ehegemeinschaften von Geistlichen für ungültig“[6]

Die Zölibatsdiskussionen an sich werden in den Mären nicht explizit aufgegriffen, sie thematisieren dafür aber die Folgeerscheinungen der obligatorischen Ehelosigkeit des Priesterstandes. Es geht in diesen weniger um die Suche nach Liebe als um die Befriedigung des reinen sexuellen Triebes.

Dass der Geistliche als Liebhaber und Bettgefährte besonders geschätzt wird, schreibt Beine ihm aufgrund seiner erotische Bildung, sexuellen Ausdauer, körperlichen Vorzüge und animalischen Triebhaftigkeit[7] zu.

Ähnliches gilt für Nonnen um die es in dieser Arbeit gehen soll. Die Unberührtheit und sexuelle Unschuld ist das weibliche Pendant zum Zölibat der Priester. In der altchristlichen Ständeordnung stehen sie vor den Witwen und Ehefrauen, was ein Grund dafür sein mag, dass viele junge Frauen nach dem Mangel an Männern aufgrund der Kreuzzüge freiwillig ins Kloster gingen. Die Motivation war also nicht ausschließlich immer religiös bestimmt, denn ein Leben

als Nonne bot den Frauen wirtschaftliche Sicherheit, soziale Geborgenheit und Selbstständigkeit. Zeitgenossen und männliche Geistliche sehen in Nonnen weniger Diener Gottes und die damit verbundenen Verpflichtungen, sondern die Vorrangstellung eines Lebens in Keuschheit. Das typische Idealbild einer Nonne und das mittelalterliche Klosterleben charakterisiert Der Sperber:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das vorbildliche Zusammenleben von Nonnen ist geprägt von dem täglichen Gottesdienst, so wie das Herstellen von Kutten oder anderem. Klösterliche Isolation wird hier besonders hervorgehoben und zeigt, dass sie ihr Kloster unter normalen Umständen nicht verlassen dürfen. Dies erklärt die meist weltfremde und naive Reaktion auf Konfrontation mit ihrer eignen Sexualität.[8] Trotz ihrer Unschuld werden die Nonnen in den meisten Mären als attraktive Frauen beschrieben, denen die klassischen Minneattribute zugeschrieben werden und sie somit erotisieren. Die meisten Mären, die sich mit Nonnen befassen, thematisieren demnach sexuelle Verfehlungen jener.

Obwohl des strengen Keuschheitsgelübdes und Zölibats hielten sich nur die wenigstens Mönche und Nonnen daran. Klerikerehen, die seit 1139 natürlich als Konkubinat galten, waren dennoch noch über Jahrhunderte hinweg alltäglich. Zwar war die Beziehung zu Frauen mit Bußgeld zu bezahlen, diese stellte jedoch eine beachtliche Einnahmequelle für die Kirche dar. Das Zölibat wurde von einigen Pfaffen zwar als Eheverbot interpretiert, sie sahen darin aber nicht ein generelles Verbot für fleischliches Vergnügen.

[...]


[1] Zit. Schmitt, Kerstin: Poetik der Montage. Figurenkonzeption und Intertexualität in der Kudrun, in: Philologische Studien und Quellen, Band 174, Berlin 2002, S. 27.

[2] Zit. Stede, Marga: Schreiben in der Krise. Die Texte des Heinrich Kaufringers, Trier 1993, S. 296.

[3] Nicht vom Geist der Keuschheit erfüllt, sondern unrein, innerlich und äußerlich, so singst du die Messe für das Heil der Seelen: ein Befleckter! Voller Schmutz, voller Fehler, streckst du die Hände zum Altar hin. Wen verachtest du, wen beleidigst du, wenn du dich auf die Konkubine legst?

[4] Zit. Beine, Birgit: Die Wolf in der Kutte. Geistliche in den Mären des deutschen Mittelalters, Bielefeld 1999, S. 117.

[5] Vgl. z.B. Ex. 19, Lev. 22, 3-10.

[6] Vgl. Beine, Birgit: Der Wolf in der Kutte. Geistliche in den Mären des deutschen Mittelalters, Bielefeld 1999, S. 120.

[7] Vgl. ebd., S. 123 ff.

[8] Dieses Kriterium wird auch oft von Mönchen aufgegriffen, s. in „Das Häslein“, in dem ein Mönch glaubt mit einem Hasen schwanger geworden zu sein.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Erotik hinter Klostermauern. Darstellungen von Nonnen in den Mären des 13. und 15. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V439580
ISBN (eBook)
9783668822962
ISBN (Buch)
9783668822979
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erotik, mediävistik, kloster, literatur, religion, Sperber, mären, nonnenturnier
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Erotik hinter Klostermauern. Darstellungen von Nonnen in den Mären des 13. und 15. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439580

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