Im Folgenden sollen die von Bismarck verfolgten politischen Ziele und ihre Umsetzung bei den einzelnen Versicherungen beleuchtet werden, bevor anschließend das Gelingen seines Vorhabens beurteilt wird.
Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums von Bismarcks Geburt wurde seiner im Frühjahr 2015 mit einem Festakt gedacht. In diesem Kontext erschienen zahlreiche Zeitungsartikel, welche das Leben und Werk des Politikers beleuchteten, darunter lobende, aber auch durchaus kritische. So fragte Josef Joffe: Wo ist Bismarck?
Der Herausgeber der ZEIT beklagt in dem Artikel, dass die Deutschen Bismarcks Leistungen nicht genug zu würdigen wüssten, und verweist unter anderem auf die Sozialgesetzgebung des Reichskanzlers, welche Vorbild für die westliche Welt gewesen sei. Auch Altbundeskanzler Gerhard Schröder erklärte, in einem Interview zum Jubiläum befragt, dass Otto von Bismarck der Schöpfer der sozialen Sicherungssysteme sei und daher durchaus Sozialdemokratisches bewirkt habe – auch wenn er dies nicht im Sinn hatte. Doch welche Motive Bismarcks waren dann bei der Sozialgesetzgebung maßgeblich?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die politische Ausgangslage Bismarcks
3. Bismarcks Motive zur Sozialgesetzgebung
4. Die Umsetzung der Sozialgesetzgebung
4.1 Das Unfallversicherungsgesetz
4.2 Das Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter
4.3 Das Gesetz betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung
5. Bilanz der Bismarck’schen Sozialpolitik
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die politischen Beweggründe und das strategische Kalkül Otto von Bismarcks bei der Einführung der Sozialgesetzgebung im späten 19. Jahrhundert, um zu analysieren, inwieweit seine machtpolitischen Ziele erreicht wurden.
- Analyse der machtpolitischen Motivation Bismarcks (Erhalt der Monarchie und Bekämpfung der Sozialdemokratie)
- Untersuchung der Doppelstrategie aus "Zuckerbrot und Peitsche"
- Betrachtung der parlamentarischen Widerstände und Gesetzgebungsprozesse
- Bewertung der kurz- und langfristigen Auswirkungen der Sozialversicherungssysteme
- Einordnung Bismarcks als "Erfinder des Sozialstaates" im historischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Bismarcks Motive hinsichtlich der Sozialgesetzgebung
Bismarcks Motive hinsichtlich der Sozialgesetzgebung gingen jedoch noch weit darüber hinaus, denn er wollte nicht nur die Bedeutung der Sozialisten, sondern aller Parteien verringern: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“, begründete Bismarck die Einführung der Sozialversicherung. Folglich bestand sein Hauptziel darin, unter den Arbeitern eine stärkere Staatsbindung zu erzeugen, um den bisherigen Einfluss der Parteien zu reduzieren – er wollte um jeden Preis in der für ihn schwierigen parlamentarischen Situation die Monarchie sowie die eigene Macht erhalten und wählte den Paternalismus als Weg. Bismarck mag bei der Sozialgesetzgebung auch ethisch-moralische Antriebe gehabt haben, wie der Historiker Lothar Gall bemerkt, doch die Hauptgründe waren politischer Natur. Ihm war bewusst, dass das Leben der Arbeiter von Armut, Krankheit, Wohnungsnot und Ausbeutung geprägt war und der daraus resultierende Unmut der Sozialdemokratie Zulauf verschaffte.
Er wollte die Arbeiterschicht also wieder mit der Monarchie versöhnen und sie für den Staat gewinnen, um die staatliche Macht im Volk neu zu fundieren. Doch hierfür musste er eine Art sozialer Monarchie schaffen und folglich die Sozialversicherung unter staatliche Kontrolle stellen, denn nur so würde er seiner Meinung nach den Parteien ihre Grundlage entziehen können. Doch ebendiese Parteien sollten die Durchführung von Bismarcks Plänen erschweren, denn sie verzögerten den Gesetzgebungsprozess erheblich und wirkten auf den Entwurf der Sozialversicherung in einer Weise ein, die Bismarcks Zielen zuwiderlief.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema anlässlich des 200-jährigen Bismarck-Jubiläums und Formulierung der Forschungsfrage nach den Motiven des Kanzlers.
2. Die politische Ausgangslage Bismarcks: Analyse der parlamentarischen Schwierigkeiten und der Bedrohung durch die Sozialdemokratie, die zur Doppelstrategie aus Sozialistengesetz und Sozialreform führte.
3. Bismarcks Motive zur Sozialgesetzgebung: Darstellung des Ziels, die Arbeiterschaft durch staatliche Fürsorge an die Monarchie zu binden und den Einfluss der Parteien zu schwächen.
4. Die Umsetzung der Sozialgesetzgebung: Detaillierte Betrachtung der drei zentralen Versicherungsgesetze und der damit verbundenen politischen Auseinandersetzungen im Reichstag.
5. Bilanz der Bismarck’schen Sozialpolitik: Kritische Würdigung der Diskrepanz zwischen kurzfristigem Scheitern der machtpolitischen Absichten und langfristiger Bedeutung für den modernen Sozialstaat.
Schlüsselwörter
Otto von Bismarck, Sozialgesetzgebung, Sozialstaat, Sozialversicherung, Monarchie, Reichstag, Sozialdemokratie, Paternalismus, Unfallversicherung, Krankenversicherung, Invaliditätsversicherung, Staatsbindung, Sozialistengesetz, Proletariat, Geschichte des 19. Jahrhunderts
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe der Bismarckschen Sozialgesetzgebung und bewertet, ob der Reichskanzler damit seine innenpolitischen Ziele erreichen konnte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Machtpolitik Bismarcks, der Umgang mit der aufstrebenden Sozialdemokratie und die historische Genese der ersten deutschen Sozialversicherungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Motiv Bismarcks zu entlarven, der die Sozialreform primär als Instrument zur Stärkung der Monarchie und zur Schwächung der politischen Opposition nutzte.
Welche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Quellen- und Literaturanalyse, die den Gesetzgebungsprozess und zeitgenössische sowie historische Einordnungen betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Implementierung der Unfall-, Kranken- sowie Invaliditäts- und Altersversicherung und die Widerstände der verschiedenen politischen Parteien im Reichstag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sozialstaat, Paternalismus, Sozialistengesetz, Bismarck, Monarchie und staatliche Kontrolle.
Wie effektiv war die Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“?
Die Strategie blieb ambivalent: Während Bismarck die Sozialdemokratie nicht schwächen konnte, schuf er unbeabsichtigt die Fundamente für ein stabiles soziales Sicherungssystem.
Warum konnte Bismarck seine machtpolitischen Ziele langfristig nicht erreichen?
Obwohl er materielle Verbesserungen für Arbeiter einführte, blieb das Vertrauen in den Staat gering, während die soziale Schere weiter aufging und die Sozialisten bei Wahlen dennoch zulegten.
Welchen Stellenwert nimmt die Invaliditäts- und Altersversicherung ein?
Sie gilt als dritte Säule der Sozialreform und war insofern eine Neuerung, als sie erstmals breitere Bevölkerungsschichten abdeckte und einen kleinen staatlichen Zuschuss vorsah.
- Arbeit zitieren
- Eileen Nagler (Autor:in), 2016, Bismarck als Erfinder des Sozialstaates. Seine Ziele und deren Umsetzung bei der Sozialgesetzgebung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441000