Die ambivalente Darstellung der Großstadt Berlin in der expressionistischen Lyrik. "Berlin II" von Georg Heym und "Gesänge an Berlin" von Alfred Lichtenstein


Hausarbeit, 2017

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Historischer und soziokultureller Hintergrund
1.1. Der Expressionismus - ein Epochenumriss
1.2. Die Entwicklung der deutschen Großstadtlyrik
1.3. Die Metropole Berlin

2. Georg Heyms Berlin II
2.1. Zum Autor
2.2. Berlin II
2.3. Analyse des Aufbaus
2.4. Analyse der sprachlichen Ebene
2.4.1. Personalität, Raum- und Zeitdimension
2.4.2. Sprachstil
2.4.3. Mittel zur Bildlichkeit
2.5. Interpretation

3. Alfred Lichtensteins Gesänge an Berlin
3.1. Zum Autor
3.2. Gesänge an Berlin
3.3. Analyse des Aufbaus
3.4. Analyse der sprachlichen Ebene
3.4.1. Personalität, Raum- und Zeitdimension
3.4.2. Sprachstil
3.4.3. Mittel zur Bildlichkeit
3.5. Interpretation

Abschließende Bemerkung

Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Oh Berlin, du bunter Stein, du Biest[1]
Alfred Lichtenstein

Es ist zwischen 1910 und 1920, Deutschland befindet sich in einer Phase des industriellen Umbruchs, die Ende des 19. Jahrhunderts von England auf das europäische Festland übergreift. Industrialisierung, Tech­nisierung, Bürokratisierung und Urbanisierung bestimmen nachhaltig die Gesellschaft. Schließlich bildet sich auch in Deutschland die erste Metropole, die sich mit anderen Großstädten wie Paris und London messen kann: Berlin. Obgleich die Großstadt bereits im Naturalismus zentrales Thema der deutschen Lyrik darstellt und auch in moderneren Gedichten immer wieder als Inspiration gilt, so sind es dennoch die Expressionisten, die Berlin, das Zentrum der Moderne, am häufigsten als Motiv ihrer Lyrik aufgreifen.

Die Stadt Berlin wird dabei nicht selten als Repräsentant aller hochindustrialisierter Großstädte Deutschlands gebraucht, doch es finden sich auch Gegenbeispiele, die den individuellen Charakter der heute so beliebten Stadt bereits im Expressionismus hervorheben. Beide Sichtweisen und auch die gene­reile Ambivalenz gegenüber der Großstadt, lassen sich anhand der beiden Gedichte Berlin II von Georg Heym und Alfred Lichtensteins Gesänge an Berlin anschaulich kontrastieren.

Aus der Perspektive zweier expressionistischer Autoren, die als bezeichnend für den Expressionismus gelten, wird neben der zwiespältigen Darstellung der Großstadtmetropole Berlin auch ein klassisch ex­pressionistisches Phänomen aufgezeigt: die Heterogenität. Beide Lyriker, in Berlin aufgewachsen oder zu­mindest dort für lange Zeit wohnend, nähern sich der Thematik auf unterschiedliche Weise.

Mittels einer diachronen Analyse wird einerseits auf die Spezifika beider Gedichte eingegangen, ande­rerseits werden der Kontext der expressionistischen Epoche sowie ihre Merkmale einbezogen, um anhand der beiden exemplarischen lyrischen Werke auf allgemeine Tendenzen in der expressionistischen Groß­Stadtlyrik rückzuschließen. Um Bezug auf den soziokulturellen und historischen Hintergrund sowie auf die Charakteristika der einzelnen Autoren nehmen zu können, wird zunächst ein Überblick über die expressi­onistische Bewegung geboten, anschließend die Entwicklung der Großstadtlyrik Umrissen, ebenso die Ent­stehung Berlins als Großstadtmotiv und schließlich eine kurze Biographie der Autoren gegeben, bevor es zur Analyse des jeweiligen Gedichts übergeht. Durch den diachronen Aufbau wird jeder Vergleichspunkt in der zweiten Untersuchung, also die von Lichtensteins Gesänge an Berlin in Gegenüberstellung zu Heyms Berlin II analysiert. Aufgrund der Fülle an möglichen Untersuchungsaspekten wird sich hier lediglich auf diejenigen beschränkt, die zur abschließenden Interpretation der Berlindarstellung notwendig sind.

1. Historischer und soziokultureller Hintergrund

1.1. Der Expressionismus - ein Epochenumriss

Ihr bevorzugtes Genre war das Gedicht, ihre Lieblingslandschaft die Großstadt. Die deutschen Expressionisten zogen singend in den Krieg und starben jung.[2]

Diese Beschreibung der expressionistischen Autoren ist ebenso vage wie treffend. Selbst nach einer Jahr­zehnte andauernden Forschung gesteht Richard Brinkman 1980, dass der״Begriff ,Expressionismus', seine Bedeutung, sein Geltungsbereich [...] immer noch eine Plage" sei (Brinkmann; 1980; 1) und schildert eine nicht endende Problematik bei der Definition des so selbstverständlich verwendeten Begriffs Expressio­nismus. Ursprünglich aus dem Lateinischen (Expressio; Dt.: Ausdruck) dient er heute im Kontext der deut­sehen Literatur und auch der Weltliteratur als Bezeichnung einer literaturgeschichtlichen Epoche des frü­hen 20. Jahrhunderts, die gewöhnlich auf die Jahre zwischen 1910 und 1920 (,das expressionistische Jahr- zehnť), teilweise auch bis 1925 datiert wird. (Vgl. Bogner; 2007; 222f.)

Im deutschsprachigen Raum erscheint der Begriff Expressionismus erstmals 1911, wobei er zunächst ausschließlich die ersten gegenimpressionistischen Entwicklungen der französischen Malerei bezeichnet. Kurt Hiller[3] verwendet ihn erstmals im Zusammenhang mit der deutschen Literatur, indem er die Expres­sionisten als die ״Clique [...], die sich, in Berlin, gegenwärtig für die neue Generation hält" charakterisiert und damit die Mitglieder des Neuen Clubs[4] und des später aus ihm hervorgehenden Neopathetischen Cabarets meint. Ein Jahr später, initiiert durch einen Artikel von Walter Serner[5] in der Zeitschrift Die Ak- tion[6] 1912, wird unter ihm ein gar internationales Phänomen verstanden. (Vgl. Anz; 1994; 142) Richtig durchsetzen kann er sich schließlich während des Krieges, indem sich der Expressionismus als Sammelbe­griff für die unterschiedlichen und teils konkurrierenden jüngsten Entwicklungen in den Künsten zwischen 1910-1920 manifestiert.

Dass allerdings der Versuch einer Definition letztendlich zu keinem eindeutigen Ergebnis führt, liegt zum einen an der generellen Schwierigkeit bei der Klassifikation literaturgeschichtlicher Epochen, zum anderen gehören die meisten Expressionisten, sei es in der Malerei oder in der Literatur, dieser Epoche nur temporär an. Als sich die Bewegung nach und nach auflöst, sie als verbraucht und überholt gilt, wen­den sich einstige Anhänger der Bewegung schnell neuen Stilrichtungen zu. Ebenfalls erschwert werden diese Versuche durch die Koexistenz vieler anderer, noch nicht ganz abgeschlossener Tendenzen wie u. a. dem Naturalismus oder dem noch wirksamen Ästhetizismus. Schlussendlich lässt es sich jedoch ebenso gut mit der simplen ״Gleichzeitigkeit des Ungleichen" (ebd.; 144) innerhalb der expressionistischen Bewe­gung begründen.

Trotzdem gelten einige stilistische, thematische und auch lebensphilosophische Merkmale als charak­teristisch für die Epoche und lassen ein zumindest grobes, richtungsweisendes Muster erkennen. Der größte Konsens besteht in der betonten Abgrenzung vom Klassizismus, vom bürgerlichen Humanismus, vom sozial unverbindlichen Ästhetizismus und ganz besonders vom Impressionismus. Die Expressionisten stehen für eine neue Vitalität gegen die dekadente und bürgerliche Erstarrung ihrer Vorgänger. (Vgl. ebd.; 143-146) Vordenker, die diese ideologische Basis stark beeinflussen und die allgemeine Wahrnehmung von Wirklichkeit verändern, sind der viel rezipierte Philosoph Friedrich Nietzsche, der den Vitalismus so­wie den Nihilismus vertritt, Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie, der Begründer der Psychoana­lyse Sigmund Freud und Arthur Schopenhauer. (Vgl. Bogner; 2007; 223)

Durch die radikal traditions-, kultur- und gegenwartskritische Position kritisieren die Expressionisten in erster Linie den Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland verspätet einsetzenden, dafür aber umso schneller fortschreitenden Industrialisierungs- und Modernisierungsprozess. Gleichermaßen verurteilen sie das wilhelminische Bürgertum, die Repräsentanten der veralteten, traditionsbehafteten Welt, die es nach einem apokalyptischen Ende oder einem zerstörerischen Krieg zu ersetzen gelte. Großstadt, Bürger­tum und Krieg sind die wohl am häufigsten wiederkehrenden Themen in den expressionistischen Künsten. (Vgl. ebd; 222f.) Gepaart mit der neuen Motivik des Hässlichen, des Ekels, der Angst und des Wahnsinns, werden die bis dato vorherrschenden Schönheitskonzepte abgelöst, und mittels Abstraktion und über­treibung auf eine möglichst starke Wirkung abgezielt. In der Literatur bedeutet dies: Aufbrechen bisher¡- ger sprachlicher und ästhetischer Normen, sei es durch die Auflösung grammatikalischer Regeln wie bei Carl Einsteins literarischen Werken oder durch den Bruch mit dem klassischen fünfaktigen Dramenaufbau, an dessen stelle Z.B. bei Georg Kaiser eine unzusammenhängende Abfolge von Szenen tritt. (Vgl. ebd; 223)

Die Blütezeit des Expressionismus ist ein kurzes aber dichtes Kapitel der Literaturgeschichte und wird schon ab 1916 durch den Dadaismus abgelöst, der selbst aus dem Expressionismus hervorgeht, ihn über­spitzt und letztlich überwindet. Die im Expressionismus so beliebten Themen und Positionen scheinen vielen Lyrikern obsolet und so bleiben viele ehemalige expressionistische Schriftsteller weiterhin aktiv, wenden sich aber neuen literarischen Mitteln und Gattungen zu. Dies bedeutet 1925 schließlich das Ende des Expressionismus und der Beginn der Neuen Sachlichkeit. (Vgl. Bogner; 2007; 223) Trotz des Beginns einer neuen Epoche und das Aufkommen neuer Ausdrucksweisen, so ist eine Gemeinsamkeit geblieben: die Großstadt als immer wieder auftauchendes Motiv. Wie genau sich die Lyrik um die Großstadt über die verschiedenen Epochen hinweg entwickelt hat, wird im nächsten Unterkapitel behandelt.

1.2. Die Entwicklung der deutschen Großstadtlyrik

Die Dichtung über die großen Städte Europas ist keineswegs ein expressionistisches, sondern vielmehr ein epochenübergreifendes Phänomen, das von Beginn an eng an die industrielle Entwicklung des Landes geknüpft ist. Die verspätete Industrialisierung in den 1880er Jahren in Deutschland führt daher auch zu einer Verzögerung in der Entstehung der deutschen Großstadtlyrik. (Vgl. Rothe; 1973; 5) Während sich die Dichter in der Weltstadt Paris bereits seit Charles Baudelaire, dem ersten Großstadtlyriker der Weltli­teratur, rege mit dem Thema Großstadt und ihrer zwiespältigen Wirkung auseinandersetzen, so entstehen in Deutschland zur selben Zeit vergleichsweise wenige Großstadtgedichte. (Vgl. Wende; 2013; 16)

Erst mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 und der nun beginnenden Verstädterung bil­det sich eine mit der französisch- und englischsprachigen Literatur vergleichbare deutsche Bewegung. Zu­nächst sind es die Naturalisten, die sich von den bisherigen traditionellen Inhalten der deutschen Lyrik wie Liebe, Natur und Gott lossagen, um sich neuzeitigeren Aufgaben zu widmen. (Vgl. ebd.; 17-20) Im Fokus stehen dabei die rabiate Reproduktion des Wirklichen, die detailgenaue Darstellung der Auswirkungen auf das Individuum im Kontext der Urbanisierung und dabei primär die Vereinsamung des Einzelnen in der Vermassung der Städte. (Vgl. Wende; 2013; 20) Die sprunghafte und planlose Expansion deutscher Städte ist mit einem enormen ökonomischen sowie sozialen Elend verbunden. (Vgl. Rothe; 1973; 5) Die Gesellschaft, die sich trotz aller Missstände weiterhin in Richtung der Großstädte bewegt, kämpft mit schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen, Alkoholismus, mangelnder ärztlicher Versorgung und Pros­titution, was sich auch in der zeitgenössischen Literatur wiederspiegelt. (Vgl. Wende; 2013; 20)

Gleichzeitig zeichnen andere naturalistische Lyriker ein konträres Bild vom städtischen Leben. In Julius Harts Gedicht ״Auf der Fahrt nach Berlin" bedeutet die Stadt zwar einerseits bedrückende ״dunkle Mas­sen", doch im selben Atemzug spricht er begeistert vom ״wilde[n] Leben", von ״Tanz und üpp'gem Reigen" und resümiert schließlich: ״Zusammen liegt hier Tod und Lebenslust" (Hart). Diese Gefühlsambivalenz ge­genüber der Großstadt sollte sich auch in den Nachfolgergenerationen als ein wesentlicher Bestandteil der deutschsprachigen Lyrik durchsetzen.

Mit der Jahrhundertwende tritt zu der bis dahin dominierenden naturalistisch-positivistischen Objek­tivität eine neue Wahrnehmungsperspektive hinzu. Das subjektive Empfinden und Erfahren rückt in den Mittelpunkt. Die aufkommende Dichtung orientiert sich nicht mehr an der nüchternen Wiedergabe des Ersichtlichen, sondern an der seelischen Innenwelt des einzelnen Menschen und illustriert die Träume und Fantasien, die durch das urbane Leben hervorgerufen werden. Diese antinaturalistische Bewegung der 1890er Jahre, splittert sich wiederum in unzählige weitere Ausrichtungen auf, dazu gehören u. a. der Ästhetizismus, der Impressionismus und der Jugendstil. (Vgl. Wende; 2013; 22f.) Insbesondere die Impres­sionisten versuchte sich in meist ästhetischen Momentaufnahmen, die ein weitaus harmonischeres Mei­nungsbild der Großstadt darstellen. Die in den vergangenen Jahrzehnten so deutlich hervorgehobenen problematischen Aspekte des Stadtlebens werden im Impressionismus weitestgehend vernachlässigt.

Wolfgang Rothe bezeichnet die impressionistische Großstadtlyrik aufgrund der Verharmlosung und Fehl­darstellung sogar als ״den absoluten Tiefpunkt innerhalb der bisherigen Geschichte dieses Genres" (Rothe; 1973; 13).

Im Expressionismus hingegen erlebt sie eine erneute Hochphase, in der mehr Gedichte über das ur­bane Leben verfasst werden als je zuvor. Trotz der nun wiederkommenden schonungslosen Darstellung des Hässlichen und Angsteinflößenden der Stadt, distanziert sich die expressionistische Lyrik strikt von der des Naturalismus. (Vgl. ebd.; 13) Die Expressionisten sind sich der absoluten Abhängigkeit des Subjekts und der Relativität aller Wirklichkeitsempfindungen bewusst und bemühen sich um eine möglichst ex­pressive Darbietung des innerlich Erlebten. (Vgl. Wende; 2013; 26) Unter ihnen herrscht ein kollektives Bedürfnis nach Rebellion, nach dem Schockierenden und Grotesken, nach Weltuntergangsvisionen und einer grundlegen Erneuerung des bisher Bestehenden. Parallel dazu werden die Verlockungen der Stadt, ihre Anziehungskraft auf die Menschen nicht unberücksichtigt gelassen, sondern stellen einen ebenso wichtigen Teil ihrer Lyrik dar. Die Komplexität der Großstädte und der Versuch der Darstellung des gleich­zeitigen Nebeneinanders verschiedenster Ereignisse führt bei den Expressionisten zu einer fragmentari­schen Bildsprache, die die Grenzen der Darstellbarkeit markiert. (Vgl. ebd.; 27)

Um 1925 weicht die sprachliche Dekomposition und Komplexität expressionistischer Lyrik der kom­plett entgegengesetzten Neuen Sachlichkeit. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit streben eine möglichst große Verständlichkeit und Anwendbarkeit ihrer Werke an, ihre Dichtung wird daher oft als ״Gebrauchs- lyrik" tituliert (Wende; 2013; 29), denn ״der Arbeiter soll in den Stand gesetzt werden, die intellektuellen Leistungen der Gemeinschaft zu verfolgen" (Tucholsky; 1975; 108).

Ein vorzeitiges Ende findet die Geschichte der Großstadtlyrik im Jahr 1933. Das Dritte Reich unter der nationalsozialistischen staatlichen und ideologischen Führung lehnt die Großstadtlyrik strikt ab, denn sie sei ״jüdisch" und damit ״undeutsch". Die streng zensierte NS-Literatur soll sich stattdessen möglichst der Natur zu widmen. (Vgl. Rothe; 1973; 25) Großstadtgedichte, die zu jener Zeit entstehen, sind selten oder stammen von ins Exil geflüchteten Dichtern, die mit ihr ihre Erinnerungen an ihre Heimatstadt oder ihre Erfahrungen in den fremden Städten der Asylländer beschreiben. (Vgl. Wende; 2013; 30)

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegen die einst so lebendigen Städte in Schutt und Asche. Die Kriegs- und Exilrückkehrer verarbeiten ihren Verlust und ihre Trauer um die verlorene Heimat in ihren Werken, die man lange Zeit unter Trümmerliteratur oder Poesie des Kahlschlags zusammenfasst. (Vgl. Schnell; 2013; 496) Doch die Nachkriegszeit ist ebenso ein Aufbruch in eine neue Zeit. Viele kleinere, nicht verbindliche und heterogene Tendenzen kommen auf, darunter Z.B. die propagandistische und stark beschönigte Großstadtlyrik der DDR oder die politisierte Lyrik der 68er. Auch heute noch Stehen die großen Städte immer wieder im Blickfeld deutscher Schriftsteller und gelten weiterhin als ein wichtiger Impulsgeber in der Lyrik. (Vgl. Wende; 2013; 30-36) Das wohl beliebteste Großstadtsujet in der deutschen Literatur ist Berlin.

1.3. Die Metropole Berlin

Die Stadt Berlin wird mit der Reichsgründung 1871 genau das, wonach die Intellektuellen Deutschlands gesucht hatten: ein politisches und kulturelles Zentrum. Vor der Reichsgründung hat Berlin nur knapp 900.000 Einwohner, kein Vergleich zu den längst etablierten Metropolen Paris und London. Doch mit Be­ginn des Kaiserreichs entwickelt sich die Stadt rasant zum Dreh- und Angelpunkt künstlerischer und lite­rarischer Bewegungen. Intellektuelle aus ganz Deutschland zieht es in die Hauptstadt und so steigt die Einwohnerzahl um die Jahrhundertwende bereits auf über 2 Millionen. Heute zählt Berlin mehr als 4 Mil­Nonen Einwohner und wirkt anziehender denn je auf all diejenigen, die dem Leben der Provinz entfliehen wollen. (Vgl. Stephan; 2013; 422) Flüchteten Anfang des 20. Jahrhunderts noch ganze Gruppen naturalis­tischer Künstler aus der schnell wachsenden Hauptstadt, kommt es mit dem expressionistischen Jahrzehnt zu einer regelrechten Migration junger Literaten nach Berlin, für die die Stadt zu einer entscheidenden Inspirationsquelle wird. (Vgl. Harder; 2006; 47)

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die literarische Moderne ihre Wurzeln in Berlin hat. Neben der Keimzelle des deutschen Expressionismus, dem Neuen Club, entstehen auch die bekanntesten expressio­nistischen Zeitschriften (z.B. Der Sturm, Die Aktion) in Berlin, dem Zentrum des Verlagswesens. (Vgl. Haefs; 2000; 440f.) ״Berlin war für uns verrucht, verderbt, großstädtisch, anonym, riesig, zukunftsträchtig, lite­rarisch, politisch, malerisch [...] kurz und gut - Höllenpfuhl und Paradies in einem. [...] ,Dort liest man Gedichte in Cabarets vor. Dort druckt man alles, was neu und modern ist.'", wie es der österreichische Schriftsteller Hans Flesch-Brunningen beschrieb und damit stellvertretend für viele junge Intellektuelle in der Hauptstadt sprach (Zitat nach Raabe; 1965; 135).

Natürlich ist damals nicht jeder Befürworter der Großstadt, im Gegenteil, Berlin hat zahlreiche Gegner. Dies führt Anfang des 20. Jahrhunderts sogar zu politischen und literarischen Auseinandersetzungen zwi- sehen der ,Metropole' und der ,Provinz', zwischen den sogenannten ,Asphaltliteraten' (Alfred Döblin, Heinrich Mann u.a.) und den ,Dichtern des total platten Landes' (Will Vesper, Hans F. Blunck u.a.). Der Konflikt wird anfänglich über ihre jeweiligen Zeitschriften ausgetragen, in denen sie sich über die anderen Literaten auslassen. Die Tragweite dieser Feindschaft wird deutlich, als sie später sogar die Preußische Dichter-Akademie erreicht, eine angesehene Institution, die entscheidend an der Evaluation und Kanoni- sierung deutscher Lyrik mitwirkt. Der jahrelange Kampf zwischen den beiden künstlerischen Koalitionen endet schließlich erst 1933 mit dem Verbot der modernen Großstadtlyrik durch das NS-Regime und dem Sieg der ״Heimatkunst" und des ״Provinzialismus". (Vgl. Stephan; 2013; 422) Dieser Konflikt wird auch in den nun folgenden Gedichtanalysen bei der jeweiligen Interpretation eine Rolle spielen.

2. Georg Heyms Berlin II

Nachdem der historische und soziokulturelle Kontext sowie wichtige Entwicklungen der deutschen Groß­Stadtlyrik und der hier im Mittelpunkt stehenden Großstadt Berlin erläutert wurde, geht es nun zur Un­tersuchung der beiden ausgewählten Gedichte über. An erster stelle der Analyse steht Georg Heyms Ge­dicht Berlin II, bevor in einer vergleichenden Untersuchung das Gedicht Gesänge an Berlin von Alfred Lieh- tenstein genauer betrachtet wird. Bei beiden Gedichten wird zuvor ein kurzer Abriss der Biographie des Autors und des Entstehungshintergrunds ihrer jeweiligen lyrischen Werke gegeben.

2.1. Zum Autor

Georg Heym gehört jenen Autoren an, die die Stadt Berlin zum Subjekt ihrer Werke gemacht haben. Der spätere Schriftsteller wird am 30. Oktober 1887 in Hirschberg (Niederschlesien) (vgl. Dietz; 2010; 329) als ältestes Kind des Staatsanwalts Hermann Heym und seiner Frau Jenny geboren. Seine ersten Lebensjahre verbringt er in Hirschberg und beschreibt diese Zeit in einem Brief von 1911 an seinen Verleger Ernst Rowohlt folgendermaßen: ״Meine Kindheit verging in einer schlesischen Bergstadt wie alle Kindheiten, langweilig und träumerisch". (Vgl. Schünemann; 1993; 17)

1892 verlässt die Familie die schlesische Bergstadt und zieht mehrere Male um, bevor sie 1900 schließ­lieh in Berlin-Schöneberg sesshaft wird. Zu dieser Zeit hatte Georg Heym bereits einige Gedichte verfasst. 1907 beginnt er auf Wunsch seines Vaters ein Jurastudium, zunächst in Würzburg und Jena, später in Berlin, das er allerdings nie ganz abschließt und sich stattdessen in einem Seminar der Orientalistik ein­schreibt. Seine Berufsvorstellung: entweder Offizier oder Dragoman[7]. (Vgl. ebd. 64f.)

In Berlin trifft er auf Mitglieder einer Gruppe junger Literaten und wird durch sie in den Neuen Club eingeführt, wo er sich mit anderen expressionistischen Schriftstellern austauscht. Als Angehöriger des en­geren Kreises des Clubs beeinflusst diese Zeit Heyms Entwicklung entscheidend. Er publiziert eine Reihe von Texten und verfolgt währenddessen weiterhin seine Zukunftspläne (er bewarb sich Z.B. beim Elsässi- sehen Infanterie-Regiment). Bevor er jedoch einen seiner Pläne in die Tat Umsetzen kann, stirbt er beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, beim Versuch seinen Freund Ernst Baleké zu retten, der ins Eis eingebro­chen war. (Vgl. ebd.; 65; Dietz; 2010; 329)

Heym hinterließ rund 500 lyrische, einige prosaische und wenige dramatische Werke, die sich durch neuartige Metaphern und Themen auszeichnen, die den Vorstellungen und Tabus des Bürgertums voll­ends widersprachen. Die Titel seiner Gedichte wie Der Selbstmörder (1911) und Die Dämonen der Städte (1910) deuten die als befremdlich und gleichzeitig innovativ empfundenen Themen bereits an. Zu dem Bürgertum, die ״Vertreter von Traditionen und Konventionen, für die er keinerlei Verständnis aufbringen kann, weil sie ihn auf die verschiedenste Weise seiner Freiheit berauben" (Dietz; 2010; 329) gehörten offenbar u. a. Johann Wolfgang Goethe, die Sozialdemokratie und sein Vater, ein konservativer Staatsan-walt, die er in diversen Zitaten kritisiert. Für Heym sind es die Vertreter der französischen Moderne wie Baudelaire oder der französische Abenteurer und Dichter Arthur Rimbaud, die ihm als Vorbilder dienen. (Vgl. ebd.; 329)

[...]


[1] Vgl. Rothe; 1973; 141f.

[2] Bauer, 2010, s. 505

[3] Publizist, Schriftsteller und revolutionärer Pazifist, geboren In Berlin 1885 und gestorben In Hamburg 1972.1912 Herausgeber der expr. Anthologie Der Kondor und 1909 Mitbegründer des Neuen Clubs. (Vgl. Brockhaus; 2001; s. 77f.)

[4] 1909-1914 ein Verein junger Künstler, Insbesondere expressionistischer Literaten, der u. a. von Kurt Hiller gegründet wurde und Schriftsteller wie Ernst Blass, Georg Heym oder Friedrich Koffka zu seinen Mitgliedern zählte. (Vgl. Bruns, 1998, s. 350-354)

[5] 1889-1942. österreichischer Schriftsteller, der ab 1912 Essays für die expr. Zeitschrift Die Aktion schrieb. Später wandte er sich dem Dadaismus zu und gehörte, nach seiner Emigration In die Schweiz, zum Kreis des Züricher Dadaismus. (Vgl. Herkt, 2010, s. 767)

[6] Eine politisch-literarische, nach dem Ersten Weltkrieg primär llnkspolltlsche Wochenzeitschrift, die neben dem Sturm die bedeu­tendste des Expressionismus darstellte und zwischen 1911 und 1933 von Franz Pfemfert herausgegeben wurde, u. a. publizierten In Die Aktion Schriftsteller und Lyriker wie Carl Einstein, Gottfried Benn, Georg Heym und Else Lasker-Schüler. (Vgl. Herkt, 2010, s. 20)

[7] Ein Reiseführer und Dolmetscher für den Nahen Osten.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die ambivalente Darstellung der Großstadt Berlin in der expressionistischen Lyrik. "Berlin II" von Georg Heym und "Gesänge an Berlin" von Alfred Lichtenstein
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V441028
ISBN (eBook)
9783668796430
ISBN (Buch)
9783668796447
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred Lichtenstein, Georg Heym, Berlin Gedicht, Berlin II, Gesänge an Berlin, Großstadt, Berlin, Expressionismus
Arbeit zitieren
Sophie-Eileen Gierend (Autor), 2017, Die ambivalente Darstellung der Großstadt Berlin in der expressionistischen Lyrik. "Berlin II" von Georg Heym und "Gesänge an Berlin" von Alfred Lichtenstein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441028

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die ambivalente Darstellung der Großstadt Berlin in der expressionistischen Lyrik. "Berlin II" von Georg Heym und "Gesänge an Berlin" von Alfred Lichtenstein



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden