Die Konstruktion von Stereotypen in der interkulturellen Kommunikation

Eine Untersuchung anhand von Darstellungen der Kultur Brasiliens in deutschen Reiseführern


Masterarbeit, 2018

82 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis I

1 EINLEITUNG
1. 1 Problemstellung und Relevanz der Arbeit
1. 2 Zielvorstellungen
1. 3 Konzeption der Arbeit und methodische Vorgehensweise

2 DIE KONSTRUKTION VON STEREOTYPEN
2. 1 Definition und Begriffserklärung
2. 2 Begriffsabgrenzung und Vorurteil
2. 3 Bedingungen und Faktoren für die Bildung und den Erhalt von Stereotypen
2. 3. 1 Entstehung und Struktur von Stereotypen
2. 3. 2 Methodische Konstruktion und Kontinuität von Stereotypen
2. 4 Formen von Stereotypen
2. 4. 1 Explizite Stereotype und implizite Stereotype
2. 4. 2 Nationenbilder und nationale Stereotype

3 ZUR FUNKTION VON STEREOTYPEN
3. 1 Kognitive Funktion
3. 2 Soziokulturelle Funktion
3. 3 Verbreitung von Stereotypen
3. 4 Gefahr und Abbau von Stereotypen

4 ZUR SOZIOLOGIE DER IDENTITÄT
4. 1 Identitätsbildung und kollektive Identität
4. 2 Eigen- und Fremdwahrnehmung
4. 2. 1 Im Allgemeinen
4. 2. 2 Fremdkonstruktionen und Xenophobie
4. 2. 3 Praxisfeld Tourismusbranche
4. 3 Kulturbegriff und die Rolle der Kunst
4. 4 Interkulturelle Kompetenz und Kommunikation

5 DER UNTERSUCHT RAUM: BRASILIEN
5. 1 Brasilien im Überblick
5. 1. 1 Ethno-geografische Grundlagen
5. 1. 2 Historisches und Kolonialisierung
5. 1. 3 Wirtschaft und politische Situation
5. 1. 4 Brasilianisches Bewusstsein/Gesellschaft
5. 2 Nationale Identität Brasiliens
5. 2. 1 Säulen der Identität
5. 2. 2 Symbole der Identität
5. 3 Die deutsch-brasilianischen Beziehungen

6 DAS UNTERSUCHTE MEDIUM: REISEFÜHRER
6. 1 Typologie und Kategorisierung des Reiseführers
6. 2 Aufgabe und Stellenwert
6. 3 Der ideale Reiseführer
6. 3. 1 Anforderungen an Reiseführer aus der Sicht des Verbrauchers
6. 3. 2 Merkmale eines guten Reiseführers aus kulturtouristischer Sicht

7 QUALITATIVE ANALYSE
7. 1 Methodische Vorgehensweise
7. 2 Analyse des dargestellten Brasilienbildes – MARCO POLO
7. 2. 1 Äußere Gestaltung und Aufbau
7. 2. 2 Bildanalyse
7. 2. 3 Textanalyse
7. 3 Analyse des Vergleichsgegenstandes – POLYGLOTT
7. 3. 1 Äußere Gestaltung und Aufbau
7. 3. 2 Bildanalyse
7. 3. 3 Textanalyse
7. 4 Schlussbetrachtung / Diskussion

8 FAZIT
8 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1 Einleitung

1. 1 Problemstellung und Relevanz der Arbeit

Zur Zeit findet ein großer Wandel in der Forschung bezüglich der Funktion von Stereotypen statt. Wo anfangs noch ideologisch kritisiert wurde, dass Stereotypisierung Ausgrenzung und Diskriminierung fördere, so wird sich heute mehr auf ihre Funktion in der Kommunikation konzentriert: Stereotype formen Bilder vom Gegenüber und uns selbst, die jeder Kommunikation voraus sind: sie beeinflussen und führen die Konversation oder schränken diese ein. Diese Bilder entstehen nicht nur in einer konkreten Kontaktsituation sondern werden schon früh sozial und medial geprägt. In Bezug auf die Entstehung von Nationenbildern und die Kommunikation im interkulturellen Kontext spielen vor allem Medien eine große Rolle, die im direkten Zusammenhang mit einer Reise in fremde Länder stehen. Hieraus entstand die Idee, Reiseführeranalysen durchzuführen, da diese häufig mehrfach und von mehreren Personen gelesen werden und somit eine hohe Reichweite haben. Aus den Leseranalysen 2016 zu Reisemedien des MairDuMont Verlages ging hervor, dass fast 80% der Reiseführer vor einer Reisebuchung gekauft werden. Damit leisten sie einen erheblichen Beitrag zur Entscheidung für eine Reise und sind ebenso meinungs- und bildungsprägend. Das Thema dieser Arbeit auf Reiseführer über Brasilien einzuschränken, liegt vor allem an persönlichen Interessen der Verfasserin und rührt primär von mehrfachen Aufenthalten im Norden Brasiliens, in Natal. Aufgrund des alltäglichen Kontakts mit BrasilianerInnen und den initiierten Bildern der fremden Kultur in Deutschland stehen die unterschiedlichen Formen der Stereotypisierungen im Mittelpunkt des Forschungsfeldes. Das Erforschen dieses Untersuchungsgegenstandes kann auch zum Vertiefen der persönlichen interkulturellen Kompetenz beitragen, die im Rahmen zukünftiger Berufsfelder oder privater Unternehmungen von großer Bedeutung sind. Gerade für die Reiseführerbranche und den Erhalt ihrer Authentizität ist es unumgänglich, sachlich fundiertes Wissen über fremde Kulturen zu vermitteln und dieses nicht als selbstverständlich vorauszusetzen. Daher beschäftigt sich diese Arbeit mit dem Stellenwert und der Aufgabe von Reiseführern als Vermittlungsinstanz zwischen Kulturen am Beispiel Brasiliens. Stereotypisierte Bilder und Texte haben einen großen Einfluss auf die Einstellung und Erwartungshaltung der Menschen. Gerade generalisierte Reiseführer ohne persönliche Berichte bergen einen psychologischen Allgemeingültigkeitswert und tragen somit eine große Verantwortung für den interkulturellen Austausch.

1. 2 Zielvorstellungen

Ende der Neunziger Jahre bemühte sich die UNESCO, stereotypische Beschreibungen und provozierende Informationen aus Reiseführern zu entfernen:

„In den nächsten Jahren will sie Reiseführer aller Art nach falschen oder fragwürdigen Darstellungen und Formulierungen durchforsten. Verleger, Autoren und Leser sollen so sensibilisiert - und die Mängel bei künftigen Publikationen möglichst vermieden werden.“ (Finetti 1996)

20 Jahre nach diesem Projekt soll sich erneut mit der Frage nach Stereotypen in Reiseführern beschäftigt werden. Inwiefern das Vorhaben gelungen ist und ob sich immer noch viele stereotypische Darstellungen finden lassen, die die interkulturelle Kommunikation stören könnten, soll Gegenstand dieser Arbeit werden. Dabei soll keine Bewertung von negativ oder positiv aufgeladenen Stereotypen erfolgen oder Ersatzbezeichnungen gefunden werden. Vielmehr soll es sich zur Aufgabe gemacht werden, eine qualitative Übersicht darüber zu geben, wie das Brasilienbild in den ausgewählten Beispielen dargestellt wird. Gerade in Bezug auf Brasilien halten sich viele Klischees („Brasilien, Land der Zukunft“, „Land des Sambas“ u.a., vgl. Frech/Grabendorff 2013:236) weshalb sich der untersuchte Raum Brasilien besonders eignet und ein großes mediales und touristisches Interesse besteht. Nicht zuletzt bedingt durch die zwei großen Sportereignisse, die Fifa WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, die weltweit verfolgt wurden. Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, herausfinden, ob die beiden Untersuchungsgegenstände aus Sicht der heutigen Forschung eine Hilfestellung bei der interkulturellen Kommunikation leisten können. Es soll sich mit den Fragen beschäftigt werden, welches Brasilienbild vermittelt und wie Stereotype in deutschen Reiseführern konstruiert werden, und dies vor allem hinsichtlich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die in der Darstellung von Stereotypen in den beiden Beispielen auftauchen. Im Weiteren wird untersucht, worauf diese zurückzuführen sind. Abschließend soll der Einfluss von Stereotypen auf das Kulturbild Brasiliens und deren Folgen für die interkulturelle Kommunikation näher bestimmt werden.

1. 3 Konzeption der Arbeit und methodische Vorgehensweise

Die Arbeit basiert methodisch auf einer vergleichenden Inhaltsanalyse der zwei Reiseführer MARCO POLO und POLYGLOTT. Sie gehören in die Kategorie Einsteiger-Reiseführer und eignen sich durch ihre große Reichweite besonders gut für die qualitative Analyse. Die Aufmerksamkeit dieser Arbeit wird darauf fokussiert, welche sprachlichen und visuellen Mittel die Autoren und Illustratoren der Reiseführer von MARCO POLO und von POLYGLOTT für die jeweiligen Stereotypisierungen verwenden und inwiefern sie darauf hinweisen, wenn sie sich an Klischees bedienen. Dazu wird zunächst der Begriff des Stereotyps näher untersucht: Der erste theoretische Teil widmet sich dazu einigen Definitionserklärungen und Begriffsabgrenzungen, verschiedenen Formen von Stereotypen und ihrer Bildung. Im dritten Kapitel der Arbeit wird sich mit den verschiedenen Funktionen von Stereotypen befasst und mit der Frage, welche Vor- und Nachteile sie bieten. Anschließend soll geklärt werden wie interkulturelle Kompetenz unter den Faktoren der Identität und der Eigen- und Fremdwahrnehmung gewertet wird. Diesbezüglich folgt ein Abriss für den touristischen Kontext und der spezifischen Gefahr der Fremdheit für die interkulturelle Kommunikation. Danach werden der Kulturbegriff und die Fähigkeit zur interkulturellen Kompetenz näher beleuchtet, um einen allgemeinen Eindruck darüber zu geben, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen und welchen Anteil Reiseführer zu gelungener Kommunikation beitragen. Nach diesem ersten Theorieblock wird der untersuchte Raum Brasilien vorgestellt. Es werden kulturhistorische Gründe für das Brasilienbild und die Bildung von Stereotypen, die in Deutschland bekannt sind, gesucht und anhand der politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Situation des Landes dargelegt. Der Hauptteil, die qualitative Inhaltsanalyse wird mit einer Vorstellung des Mediums Reiseführer eingeleitet. Zunächst folgt ein kurzer Abriss zu seiner Geschichte und ein Überblick darüber, welche Aufgaben und welchen Stellenwert es für die Tourismusbranche, die Rezipienten und die Kulturvermittlung haben. Es folgen Einblicke in den Forschungsstand, wie ein „idealer“ Reiseführer – aus der Sicht der Verbraucher und der Kulturvermittler - gestaltet sein müsste. Abschließend folgt die inhaltliche Analyse der Reiseführer und eine vergleichende Abschlussbetrachtung.

2 Die Konstruktion von Stereotypen

2. 1 Definition und Begriffserklärung

Der Begriff „stereotypisch“ entstammt dem griechischen Wort „στερεός“(stereós) für „fest, haltbar, räumlich“ und „τύπος“(týpos), für „-artig“. (DUDEN 2007) Aus der Übersetzung erschließt sich die Neigung zur Starrheit des Stereotyps. In Lexika wie „Wahrig“ und dem „DUDEN Fremdwörterbuch“ wird vor allem dieser Aspekt weitestgehend betont, wobei auch auf die „ständige Wiederkehr“ verwiesen wird. Andere Begriffserklärungen, wie die im „Volkslexikon“, betonen, Stereotypen seien „leer, abgedroschen und formelhaft“. Das Lexikon für Psychologie „DORSCH“ verbindet laut Definition das Stereotyp mit dem menschlichen Verhalten, das „einheitlich und wenig variabel in einer best. Konfliktsituation hervorgerufen [und] kaum durch Gründe oder Umstände zu ändern“ ist. Im soziologischen Ansatz wird das Stereotyp als „schematisierte, auf relativ wenige Orientierungspunkte reduzierte, längerfristige unveränderte und trotz neuer und sogar gegenteiliger Erfahrungen starre, verfestigte Vorstellung über spezifische Wesen- und Verhaltensmerkmale anderer Menschen oder Menschengruppen, Organisations- und sonstiger sozialer Beziehungsformen, Zusammenhänge oder Verursachungsfaktoren“ (Hillmann 2007: 861) beschrieben. Stereotypen sind demnach in erster Linie Generalisierungen von Situationen und Gegenständen, die wie eine Formel oder Schablone auf verschiedene Menschen und Gruppierungen übertragen werden und in dieser Form beständig bleiben. Sie lassen sich demnach nur schwer durch Informationen oder Wissen verändern und bleiben in ihren Eigenschaften bestehen. Sie existieren als festgefahrene Vorstellungen und Erwartungen in der Wirklichkeitswelt des Menschen und dienen dazu, Komplexität und Vielschichtigkeit von Charakteren, Ereignissen oder Dingen aufzulösen. Stereotype und stereotypes Denken sind also „für die Führung und Wahrnehmung des sozialen Lebens bequemer als [eine] rationale Lebenssicht.“ (Silbermann 1993:26) Sie dienen als Orientierung in kognitiven Abläufen und Gesprächen, weshalb sie in mehreren Generationen und Gesellschaftsschichten bekannt sind und ein häufiges Aufkommen in der Alltagskommunikation aufweisen. Das Stereotypisieren von Gruppen oder auch von Nationen, womit sich diese Arbeit näher befassen wird, gibt zusätzlich einen Aufschluss über das kategorisierende Verhalten von Menschen: Eine einzige Eigenschaft reiche somit für manche aus, um eine Reihe von Zuschreibungen zu machen und weitreichende Schlüsse zu ziehen. (vgl. ebd.) So unumgänglich wie dienlich, helfen uns also Stereotypen im Umgang mit Menschen, denn nichts liegt mehr in unserer Natur, als mit Emotionen und Werten andere Lebensweisen und Verhalten im Alltag zu bewerten. Mit Logik und Wissenschaft haben Stereotypen demnach wenig zu tun. (vgl. Bogardus 1950:287) Formen von Stereotypen lassen sich in gesellschaftsbezogene und geschlechtsspezifische Gruppen einteilen oder auch in Bezug auf den Bildungsstand, das Aussehen oder die Religion, da sie in unterschiedlichen Kontexten vorkommen und dort Verwendung finden. Für den Verlauf dieser Arbeit werden ausschließlich diese sozialen Stereotype näher betrachtet, da sie in direktem Zusammenhang mit den Nationenbildern stehen, die bei Reisen ausschlaggebend für das Wir-Gefühl sind. Soziale Stereotype können als soziale Schemata beschrieben werden, die die Verarbeitungen von Informationen vereinfachen und Identitäten bestärken (z.B. Macrae, Milne & Bodenhausen 1994). Das bedeutet, dass Nationalitäten in Gruppen eingeteilt werden und diese innerhalb der sozialen Kategorien an bestimmte Inhalte geknüpft sind, die den Mitgliedern der jeweiligen Gruppe zugesprochen werden. Wenn Äußerungen, implizit oder explizit, diese Inhalte nach außen vermitteln, so handelt es sich um eine stereotype Zuschreibung. (vgl. Quasthoff 1987:786)

2. 2 Begriffsabgrenzung und Vorurteil

« La raison, le jugement, viennent lentement, les préjugés accourent en foule. »[1]

Jean-Jacques Rousseau

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden Begriffe wie Stereotyp, Klischee und Vorurteil häufig gleichgesetzt. Um den Gegenstand der Arbeit richtig zu erfassen, wird versucht zu klären, welche Unterscheidungen notwendig sind, damit im weiteren Verlauf einheitliche Bedeutungen definiert sind. Dieses Kapitel befasst sich daher mit der Annäherung an eine Begriffsabgrenzung der Stereotypen. Ein häufig verwendetes Synonym ist das Klischee, das sich durch seine Häufigkeit definiert: Es enthält einen relativen Wahrheitsgehalt, da es „in der Regel aus der Verallgemeinerung tatsächlicher Merkmale hervorgeh[t].“ (Silbermann 1993:25) Wenn ein Klischee allerdings so vorgetragen wird, als sei es unwiderlegbar oder ein wissenschaftlich fundierter Fakt, entsteht ein Vorurteil. Als Abgrenzungsmerkmal zum Stereotyp sieht Rudi Holzberger eine reine Weiterentwicklung - ein Klischee bildet sich demnach, wenn stereotype Vorstellungen erhalten und weitergetragen werden; sie benötigen jedoch eine entsprechende Disposition beim Empfänger um Widerhall zu erfahren. (vgl. Holzberger 1995:437) Stereotype Denkweisen können folglich in den Köpfen einzelner Menschen entstehen, während Klischees von zutreffenden Gruppen oder mehreren Menschen generalisiert werden müssen. Daran anschließend entsteht ein Image oder ein Ruf über eine bestimmte Nation, eine ethnische oder soziale Gruppierung oder sonstige gesellschaftliche Gruppen.

Die Definition eines Vorurteils hingegen gestaltet sich etwas komplexer: Zu einem Vorurteil zählt ein Vorurteilsträger, also derjenige, der mit Vorurteilen behaftet ist, und ein Gegenstand, dem er seine Eigenschaften zuspricht. (vgl. Metzger 1976:15) Diese sind nicht immer offensichtlich und können lediglich zugeschrieben sein und nur in der Vorstellung des Vorurteilsträgers existieren. Es ist somit „ein vorgefaßtes Urteil, das positiv oder negativ gefühlsmäßig unterbaut ist, das nicht unbedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmen muß, und an dem, ungeachtet aller Möglichkeiten der Korrektur, festgehalten wird.“ (Karsten 1978:5) Sowohl Stereotypen als auch Vorurteile unterscheiden sich von ihrem Oberbegriff, der Meinung. Diese ist ebenso durch ein Überzeugtsein geprägt, das nicht durch Kenntnis bekräftigt wird. Die meisten Ansichten und Anschauungen von der Welt beruhen auf einer Meinung, da ihr in den wenigsten Fällen fundiertes Wissen zugeschrieben werden kann. Was Stereotype als auch Vorurteile von ihr unterscheidet ist das bewusste Weglassen oder Verändern von bekannten Eigenschaften. (vgl. Metzger 1976:29) Das ist beispielsweise der Fall bei der stereotypen Annahme „Deutsche legen einen großen Wert auf das Einhalten von Deadlines“. Vielleicht beruht diese Aussage auf der Meinung, dass ein deutscher Arbeitskollege besonders akribisch und pünktlich ist. Durch die Generalisierung der Aussage wird die Meinung über den Arbeitskollegen zur stereotypischen Äußerung über eine ganze nationale Gruppe. Sind hingegen unpassende Eigenschaften und Merkmale, solche also, die nicht in das vorgefertigte Bild passen, zu signifikant für das Auftreten und die Wahrnehmung der Person, so werden sie häufig als Zufall oder Ausnahme gekennzeichnet. Das wäre der Fall, wenn die Aussage, dass Deutsche einen großen Wert auf das Einhalten von Deadlines legen nicht widerrufen wird, obwohl bekannt ist, dass ein anderer Arbeitskollege deutscher Herkunft nachlässig und ungenau arbeitet. Hieraus entsteht eine unbewusste Verteidigung der eigenen Annahmen, denen gewisse Emotionen vorausgehen. Je resistenter die Meinung gegen Informationen ist, desto stärker neigt sie dazu, radikale Definitionen zu formen, die mit unterschiedlichsten Methoden verteidigt werden. Lassen sich also vorgefertigte, vereinfachte Meinungen und Vorstellungen nicht durch neue Erkenntnisse ändern und werden sie durch negative oder positive Gefühle und Entscheidungen beeinflusst, so handelt es sich nicht mehr um ein Stereotyp, sondern um ein Vorurteil (vgl. ebd.). Es ist demnach tiefer im Bewusstsein verankert und bereits emotionaler konstatiert. Es reduziert, ebenso wie ein Stereotyp, Menschen-/gruppen) oder Objekte auf wenige Informationen, die als entsprechend repräsentativ angesehen werden. Auch das Wort „Vorurteil“ selbst ist bereits mit einem Vorurteil belastet: Es wird sehr negativ konnotiert und steht für eine einseitige, unfaire und auch festgefahrene und dümmliche Meinungsäußerung. Das übergestellte Ziel wäre es demnach, möglichst vorurteilsfreie Bemerkungen zu machen und sich, gelöst von Stigmatisierungen, einem Menschen oder einer Situation zu nähern. Da Vorurteile emotional negativ behaftet sind und zum Bekennen eines Standpunktes oder zu einer Handlung auffordern, fokussiert sich die Untersuchung der Reiseführer in dieser Arbeit auf den Begriff Stereotyp. Die Bezeichnung Vorurteil ist insofern nicht stimmig, da Intentionen und Emotionen der Autoren zusätzlich interpretiert werden müssten und diese zu individuell und subjektiv sind, als dass sie als Analysegrundlage dienen könnten. Stereotype hingegen dienen in erster Linie dazu, einen Menschen oder eine Gruppe zunächst zu charakterisieren und bieten uns eine Richtlinie, an der man sich orientieren kann. (vgl. Friesenhahn 2000)

2. 3 Bedingungen und Faktoren für die Bildung und den Erhalt von Stereotypen

2. 3. 1 Entstehung und Struktur von Stereotypen

Wenn sich Menschen begegnen, nehmen sie sich nicht nur gegenseitig wahr, sondern interpretieren das Wahrgenommene anhand ihrer ganz individuellen, vorbestimmten Denkmuster. So werden unbewusst Schlüsse auf den Charakter und das Verhalten der Person gezogen. Darüber hinaus bestätigen sich gewisse Eigenschaften, von deren Existenz nun weiterhin ausgegangen wird, während andere, nicht ins vorgefertigte Bild passende Eigenschaften ausgeschlossen oder ignoriert werden. (vgl. Friesenhahn 2000) Die unterstellten Merkmale reichen manchen Menschen, um diese auf den Charakter eines Individuums zu übertragen und erschaffen somit ein Stereotyp.Bei der Entstehung von Stereotypen spielt also vor allem der kulturelle und soziale Hintergrund eine entscheidende Rolle. Je nachdem, wie eine Gruppe die andere sieht, welche Bilder sie voneinander konstruieren, fallen die jeweiligen Stereotype anders aus:

„Stereotypes do not simply exist in individual’s heads. They are socially and discursively constructed in the course of everyday communication, and, once objectified; assume an independent and sometimes prescriptive reality. (Hinton 2000:158)

Die Hintergründe der sozial konstruierten stereotypischen Realität können von historischen Situationen einer Kultur, wie zum Beispiel Extremsituationen wie Krieg und Naturkatastrophen geprägt sein, aber auch bedingt durch politische Differenzen oder Informations- und Bildungsmangel. Es entstehen vermeintliche Feindbilder, die durch Überlieferungen und die tägliche Kommunikation weitergegeben werden. Die Entstehung von Stereotypen hat ohnedies direkte oder indirekte Konsequenzen für das Individuum. Eine weitere Theorie besagt, dass Stereotype bereits automatisch im kognitiven Prozess des Gehirns aktiviert werden, „d.h. wenn die entsprechenden Hinweise auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Alterskategorie, ethnischer Gruppe oder zu einem bestimmten Geschlecht vorhanden sind, erfolgt häufig spontan die Aktivierung des entsprechenden Stereotyps“ (Jonas/Schmid Mast 2007:73). Aktivierte Stereotype haben dabei einen ausgeprägten Einfluss auf die Informationsverarbeitung und das Verhalten. Anhand der Ergebnisse einer Studie von Correll, Park, Judd & Wittenbrink (2007) kann exemplarisch dargestellt werden, wie ein soziales Stereotyp aufgrund einer unterschiedlichen Hautfarbe aktiviert wurde: Probanden sahen bei einem Videospiel bewaffnete und unbewaffnete Männer, auf Erstere sollte durch Betätigung eines Knopfes geschossen werden. Dazu wurden sowohl hellhäutige als auch dunkelhäutige Männer abgebildet. Es zeigte sich eine relative Fehlerquote beim Auslösen des Schusses, bei der auf signifikant viele unbewaffnete Dunkelhäutige geschossen wurde, jedoch ähnlich häufig bewaffnete Hellhäutige verschont blieben, bewaffnete Dunkelhäutige jedoch nicht.

Es wird deutlich, dass Stereotype sich als automatisch vollzogene, kognitive Komponente von Wahrnehmungen bezeichnen lassen, die zunächst nicht werten sind, sich aber auf die Wahrnehmung und das Verhalten auswirken. Um verschiedene Begrifflichkeiten besser voneinander abzugrenzen, aber auch um das direkte Risiko einer automatisierten Handlung zu verdeutlichen, hat der Sozialpsychologe Alexander Thomas eine Übersicht erstellt, anhand derer die Prozesse von Stereotypen und Vorurteilen verbildlicht wurden. Die folgende Abbildung zeigt also den direkten Zusammenhang von Vorurteilen im Kontext stereotypischer Denkmuster und sozialem Verhalten. Sie verdeutlicht die Auswirkungen von stereotypem Denken und Beurteilungen von Personen und Folgen ihres Verhaltens. Interessant ist diese Übersicht für den Verlauf der Arbeit, da sie sich konkret mit den Stereotypen und den daraus resultierenden Vorurteilen von Deutschen gegenüber 'Ausländern' auseinandersetzt. Thomas verdeutlicht im Schema die Prozesse von Stereotyp und Vorurteil, die für die Untersuchung der Kulturdarstellung Brasiliens aus deutscher Sicht bedeutend werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Vorurteile im Kontext von Einstellung, Stereotyp und sozialem Verhalten (Thomas 2006:8)

Thomas unterteilt das soziale Verhalten in „typisierte(s) Gefühl, Wissen und Verhalten“. Das typisierte Wissen (s. Darstellung) beschreibt die Fremdzuweisungen, mit denen unter anderem Brasilianer konfrontiert sein könnten, wenn in Reiseführern Warnungen vor Diebstählen o.ä. aufgeführt sind und dahingehende Ängste im Urlaub adaptiert werden.

2. 3. 2 Methodische Konstruktion und Kontinuität von Stereotypen

Schemata und somit auch die Aktivierung von Stereotypen sind automatische Prozesse, was in zahlreichen Studien belegt wurde (z.B. Blair & Banaji 1996; Banaji & Greenwald). Es stellt sich die Frage, warum es dennoch nicht zwangsläufig und automatisiert zu einem Vorurteil und somit zu emotional aufgeladenem Verhalten kommt. In weiteren Forschungen (Fiske & Neuberg, 1987) wurde festgestellt, dass es zu einer kontrollierten Informationsverarbeitung kommen kann, die mit der Reflexion der Sachverhalte und Erfahrungswerte einhergeht. Dieser Prozess kann die automatische Informationszufuhr verdrängen oder neutralisieren. Fiske und Neuberg stellten fest, dass dazu jedoch ein persönlicher Bezug vonnöten ist, durch den der Prozess der Meinungsbildung und des anschließenden Verhaltens emotional verstärkt mitgesteuert wird. Persönliche Bezüge wie der direkte Kontakt und die Interaktionen mit den Fremden oder die Identifikation mit den betroffenen Gruppen oder Individuen fördern diesen nachweislich. Dieser Aspekt beruht schon auf dem Bibelgrundsatz „Liebt eure Feinde“ (Matthäus 5,38-48), funktioniert aber ebenso auch umgekehrt, denn wer liebt, hat sich das Fremde vertraut gemacht und empfindet gegenüber diesem Menschen keine Angst mehr. Da dieser Zustand allerdings nicht maßgebend sein kann und die meisten Konfrontationen mit dem „Fremden“ keine spezifischen persönlichen Bezüge aufweisen, überwiegt die kontinuierliche Beurteilung mittels stereotypischer Denkmuster. Dass die im Vorhinein festgelegte Ansicht über einen Gegenstand, einen Umstand oder einen Menschen nicht nur unwillkürlich entsteht, sondern zusätzlich oft unentbehrlich wird, hat sozialpsychologische Gründe. Diese Disziplin der Psychologie untersucht psychische Prozesse beim Verhalten und Erleben von Menschen in sozialen Situationen: „Ein Stereotypenmodell […] ist die Garantie unserer Selbstachtung; es ist die Projektion unseres eigenen Wertebewusstseins, […] kein Wunder, daß jede Störung der Stereotypen uns wie ein Angriff auf die Grundfesten des Universums vorkommt.“ (Lippmann 1990:72.) Eine Unzulänglichkeit zur Reflexion über die Gegebenheiten führt dazu, dass der Widerspruch der Aussagen, auch „kognitive Dissonanz“, nicht bemerkt wird. (Metzger 1973:30) Genauso sieht der französische Philosoph Descartes den direkten Zusammenhang von Vorurteilen[2] und Intelligenz: „Man kann Vorurteile nur erkennen, wenn man urteilen gelernt hat, und so seine selbstverschuldete Unmündigkeit überwindet.“ (Karsten 1978:3) Marx entwickelte hingegen ein Gegenkonzept: Vorurteile seien demagogisch, festgefahren und für politische oder wirtschaftliche Ziele gedacht. Schon der Nationalsozialismus nutzte sie zur Manipulation und zur Erschaffung von Feindbildern. Sie könnten daher nicht mit reiner Aufklärung überwunden werden, da Überzeugungen an Glaubensrichtungen und Konzeptionen des Bewusstseins geknüpft sind, die einer bestimmten, historischen Zeit unterliegen und als irriges, aber dennoch stimmiges Urteil eingestuft wurden (vgl. ebd.). Auf diese Weise könnte der kontinuierliche Fortbestand sich hartnäckig haltender Vorstellungen einiger ethnischer und sozialer Gruppen erklärt werden: „Juden haben ein bestimmtes Äußeres“, „Schwarze sind athletischer als Weiße“. Wenn sich eine derartige Erwartungshaltung bestätigt, behandeln Menschen andere Personen, die über ein bestimmtes Stereotyp verfügen, entsprechend ihrem Stereotyp. Infolgedessen beeinflusst dies die Art, wie die Person behandelt wird, was wiederum darauf abfärbt, wie die stereotypisierte Person sich den Erwartungen entsprechend anpasst (vgl. Lerner 1980:26). Es kann also davon ausgegangen werden, dass Stereotypen nicht nur in den Köpfen der Fremdgruppe soziale Veränderungen herbeiführen, sondern ebenfalls von den Mitgliedern der Gruppe, die Bestätigung für die Erwartungshaltung zu liefern. Fraglich ist dennoch, warum es so schwer ist, von einer stereotypischen Denkweise abzuweichen. Dazu gibt es verschiedene Ansätze, die im Folgenden kurz skizziert werden: Zunächst besteht in unserer Gesellschaft das Prinzip der „Überkonsequenz“ (Karsten 1978:3). Es gilt als unsicher und unprofessionell, wenn die eigene Meinung ins Wanken gerät und Äußerungen ständig angepasst werden. Als glaubwürdig und kompetent wird hingegen angesehen, wer zu seinen Ansichten steht und diese auch im Hinblick auf mögliche Skeptiker zu verteidigen weiß: „Das Vorurteil als Teil des ideologischen Bewußtseins ist somit ein Instrument der Machterhaltung […]“ (ebd.).

Des Weiteren ist die grobe Kategorisierung schlichtweg eine „Entlastungsfunktion“ des Gehirns. Es müssten sich ganze Strukturen in der Persönlichkeitswahrnehmung verändern, um festgefahrene Meinungen und Überzeugungen zu hinterfragen und abzulegen. Das heißt, klare Befunde oder Belege werden ignoriert. Im schlimmsten Fall gerät das Gesamtbild ins Wanken: Es existiert, psychologisch betrachtet, eine tatsächliche Angst, einem grundlegenden Irrtum zu erliegen und sich selbst nicht mehr trauen zu können. Bevor die weiteren Funktionen von Stereotypen im gesellschaftsalltäglichen Kontext näher betrachtet werden, widmet sich diese Arbeit den verschiedenen Formen von Stereotypen und Nationenbildern.

2. 4 Formen von Stereotypen

2. 4. 1 Explizite Stereotype und Implizite Stereotype

Stereotype lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: die Aussagen können explizit oder implizit dargestellt werden. (Nosek & Smyth 2011) Oft werden die Formen anhand sprachlicher Differenzierungen unterschieden. Dabei bedeutet eine explizite Aussage, dass das, was gesagt wird, auch so gemeint ist. Es besteht eine pragmatische Beziehung zu den Worten, d.h., ihre Bedeutung ist insofern konventionalisiert, dass sie normalerweise unmissverständlich aufgefasst werden kann. Diese Aussagen können in jedem beliebigen Kontext erfasst werden, weshalb keine weiteren Signale oder Zeichen für das Verständnis vonnöten sind. Implizite Aussagen hingegen werden häufig automatisiert außerhalb des Bewusstseins getätigt. Implizite Stereotype sind Annahmen über soziale Gruppen, die durch die bloße Anwesenheit betroffener Gruppenmitglieder aktiviert werden. Nonverbale Ausdrucksmittel und Kontextabhängigkeit haben einen großen Stellenwert hinsichtlich der Interpretation des Gesagten. In der schriftlichen Form, die für diese Arbeit von besonderer Bedeutung ist, gelten andere sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten, die implizite Aussagen veranschaulichen können. Die Konjunktion „aber“ wird sehr häufig benutzt um eine Aussage einzuschränken oder abzuschwächen: „Er ist schwarz, aber er ist nett“ / „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ...“ bergen dagegen implizite stereotypische Aussagen, die nicht explizit ausformuliert wurden. Die rhetorischen Mittel der Sprache sind von besonderer Bedeutung, um auch Botschaften, die nicht explizit ausgeschrieben werden, mitzuteilen. Das Setzen von Anführungsstrichen, Vergleiche und Metaphern verschaffen einen halbernsten Ton und schmälern die Aussagen in ihrer Deutlichkeit: „Metaphern haben einen besonderen Unterhaltungswert, wenn sie nicht konventionell sind, sondern bewusst gewählt mit altbekannten Stereotypen spielen.“ (vgl. Demleitner 2009:25) Ebenso können Partikel wie „sehr“, „so“, „ziemlich“, „noch“, „natürlich“ Aussagen abschwächen oder aufwerten. Die Verwendung der 1. Person Plural verstärkt die Bindung zur Eigengruppe, die Abgrenzung zur Fremdgruppe wird in der 3. Person Plural gewährleistet. Implizite Stereotypen wirken nur bei nicht kritischen Beobachtern, Zuhörern und Lesern der jeweiligen Berichterstattungen. Sobald die Informationen hinterfragt und nicht nur hingenommen werden, verfehlen sie oft ihre Wirkung. Sehr implizite Aussagen und Bemerkungen sind unverständlich, undurchsichtig und unzuverlässig. Ausschließlich explizite Aussagen wirken dagegen plump und unfreundlich, unkultiviert und schroff.

2. 4. 2 Nationenbilder und nationale Stereotype

„Von allen Büchern, die niemand schreiben kann,

sind Bücher über die Nationen und ihren Charakter die unmöglichsten.“[3]

Jacques Barzun

Über den Charakter von Nationen gibt es etliche Berichte und Versuche von Definitionen. Nach dem Zitat von Barzun besteht in dieser Annahme das erste Problem im Umgang mit fremden Nationen. Bei der Frage nach der Kultur eines Landes wird zunächst zweierlei unweigerlich unterstellt: erstens, dass „alle zu einer bestimmten Nation gehörenden Menschen in gewisser Hinsicht gleich sind [und zweitens:] daß sie sich in gewisser Hinsicht von Menschen anderer Nationen unterscheiden.“ (Silbermann 1993:133) Somit entstehen stereotypische Äußerungen wie „die Franzosen“ oder „die Brasilianer“, die in all ihren Eigentümlichkeiten zu einem Ganzen zusammengefasst werden können, da sie sich von Menschen anderer Nationen unterscheiden.

Wie schon bei den Theorien zur Konstruktion von Stereotypen aufgefallen ist, sind Menschen nicht nur geneigt, ihre Mitmenschen in Kategorien einzuteilen, sie übertragen diese Merkmale auch ohne Zögern auf die eigenen oder fremden Völker. Häufig ergibt sich die Tendenz, jeder Eigenschaft der Fremden negative oder positive Grundstimmungen zuzuordnen, die oft gegensätzlich zu den eigenen sind. Diese werden dann als „Heterostereotypen“ bezeichnet (Karsten 1978:301). Beispiele für das Denken in antonymen Kategorien könnten Eigenschaften wie faul/fleißig, ehrlich/unehrlich, kaltherzig/warmherzig etc. sein. Verschiedene Wahrnehmungen führen dann zu einer Begründung für die Aufrechterhaltung von Situationen. Als Beispiel könnte der nationale „Konflikt“ zwischen England und Frankreich gesehen werden. Die Engländer finden, die Franzosen seien „arrogant“, die Franzosen hingegen können den Engländern nicht viel abgewinnen und betiteln sie als „kulturlos“. (Meyer 2003:212) Jedoch hat bereits ein Wandel von Stereotypen im historischen Kontext stattgefunden. Vor der Revolution galten Frankreich und seine Bürger in vielen Ländern und Regionen als „eitel“, „fein“, „modesüchtig“ und „oberflächlich“. Dies hatte unmittelbar mit dem starken Selbstbewusstsein und Freigeist zu tun, auf den man dort sehr stolz gewesen ist. Der Stolz hielt sich mit der Idee der Grande Nation bis heute. Dennoch gelten die Franzosen mitunter als eine Nation mit markantem Patriotismus und kultivierter Modekultur. Viele Bilder bleiben generationsübergreifend bestehen, weil sie in den Köpfen weiterhin verankert sind. So ist Deutschland weltweit als wirtschaftlich starkes, dynamisches Land mit einer guten Sozialstruktur bekannt. Die Leichtigkeit, die Kultiviertheit und die Lebensfreude bei gutem Essen und Trinken hingegen, wird mit den Franzosen assoziiert. Hartnäckig halten sich die ambivalenten Bilder der Stadt Paris, die für Schönheit, Mode und romantische Liebe, aber auch für Anonymität, Schmutz und den „zentralisierten Fluch“ Frankreichs steht. Welche Eigentümlichkeit nun als Attribut wahrgenommen wird, hängt von den persönlichen Einstellungen und sozialen Strukturen der Beobachter ab. (vgl. Silbermann 1993:133) Nationale Stereotype sind somit positiv oder negativ aufgeladene Eigenschaftsgebilde, bestehend aus einseitigen Vorstellungen, die von Menschengruppen als Maßstab für Charakteristika einer ganzen Nation verwendet werden. (vgl. ebd. :137) Demnach werden Ursachenzuschreibungen einzelner Mitglieder einer Gruppe auf die gesamte Nation attribuiert. Da sich Nationen, wie eingangs erwähnt, nicht einfach charakterisieren lassen, da ihnen viel zu viele Individuen angehörig sind, nennt sich das Phänomen dieser Übergeneralisierung auch „ultimativer Attributionsfehler“ (Aronson, Wilson/Akert 2004).

3 Zur Funktion von Stereotypen

3. 1 Kognitive Funktion

Auch die biologische Annäherung bestätigt, dass das Denken in Stereotypen durchaus neuronale Prozesse erleichtert, da es zur Komplexitätsreduktion beiträgt und hilft, ein entsprechendes Abbild der Realität zu erschaffen. Dabei werden Eindrücke in bisherige Erfahrungen eingeordnet und dementsprechend gedeutet. (vgl. Lindemann 2006:67) Bei dieser Form der Reduktion der Wahrnehmung werden bestehende Variationen unter den Charakteren der anderen Gruppe einfach ausgeblendet. Diese Prozesse bezeichnet Henri Tajfel als Vorgang des kognitiven Apparats, der die Reizvielfalt im Gehirn filtert und auch negative Konnotationen, die in der Vergangenheit mit bestimmten Eigenschaften und Begriffen verknüpft worden sind, aus dem Diskurs ausgrenzt. (vgl. Tajfel 1969:69) Taijfel betrachtet Stereotype als normalen kognitiven Vorgang zum Umgang mit sozialer oder sachlicher Komplexität (vgl. ebd.:69) und nennt drei grundsätzliche kognitive Prozesse der Stereotypisierung. Im weiteren Verlauf der Untersuchung eignen sich ins Deutsche übertragene Begriffe zur Erläuterung ihrer Bedeutung besser, die von Jonas und Schmid Mast im Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz veröffentlicht wurden: „Kategorisierung“, „Generalisierung“ und „Akzentuierung“. (Straub/Weidemann 2007:72) Die Kognitionswissenschaft geht davon aus, dass die Kategorisierung das Gehirn zunächst vor einer Reizüberflutung schützt. Bereits in der Kindheit werden Ansichten von Personen übernommen, die Autoritäten darstellen: Wertvorstellungen können noch nicht kritisch hinterfragt werden und sind von Bezugspersonen wie den Eltern beeinflusst. Ihr Verhalten wird als Norm angesehen und das Erlebte in „Ich“ und „die Welt“ eingeteilt, da zunächst nur diese Unterscheidung wahrgenommen wird. Ähnliches passiert, wenn Kleinkinder in Kontakt mit Tieren kommen. Ein Hund hat vier Beine und weiches Fell. Nach diesem Schema begegnet das Kind nun einer Katze, die gleiche Attribute zeigt, aber fälschlicherweise der gleichen Tierart zugeordnet wird, da für das Kind die angelernte Leitkategorie „vierbeiniges Tier = Hund“ ist. Das unbewusste Denken in Leitkategorien wird auch als “falsche Dichotomie“ (Wetherell/Potter 1992:206) bezeichnet, da schnell die Illusion entsteht, eine Kultur, ein Mensch oder eine Gruppe könne nur Freund oder Feind sein, was die Entstehung von Feindbildern anderer Nationen deutlicher werden lässt. Es ist also eine Form von einem absichtlich oder unabsichtlich hergestellten Dilemma aus entgegengesetzten Positionen, die andere Möglichkeiten kategorisch ausschließt. Dennoch bleibt dieser intuitive Vorgang anthropologische Grundlage in der Kulturentwicklung.

3. 2 Soziokulturelle Funktion

Neben dem kognitiven Vorgang der Kategorisierung existiert noch die soziale Komponente, sich durch Abgrenzung eine klare Identität schaffen zu wollen. In der sozialpsychologischen Stereotypenforschung stößt man auf diverse theoretische Ansätze zur Entstehung und Funktion von Stereotypen, die selbst innerhalb der Disziplin semantischen Abweichungen unterliegen (vgl. Jonas/Schmid Mast 2007:69). Eine detaillierte Erläuterung der unterschiedlichen Theorien würde den Rahmen der Arbeit übersteigen. Aus diesem Grund wurde zunächst nur auf den kognitiven Ansatz von Tajfel eingegangen, da diese Theorie insbesondere die Wahrnehmungsreduktion nicht stimmiger Informationen auf kognitiver Ebene fokussiert. Des Weiteren wird die soziokulturelle Funktion stereotypischer Denkmuster näher erläutert, die zentral auf die Oberbegriffe Orientierung, Anpassung, Abwehr, Selbstdarstellung und Identitätsbildung abzielt. Zunächst wird deutlich, dass Stereotype eine präzise und schnelle Orientierung in der Umwelt ermöglichen, um komplexe Sachbestände, Menschen und Situationen zu kategorisieren und zu bewerten. (vgl. Thomas 2006:4) Hilfreich ist dies vor allem beim Erhalt eines Überblicks über die jeweilige Sachlage und um die Kontrolle zum Handeln zu bewahren. Gerade bei der Konfrontation mit Unbekanntem ist es durch die kurze Zeit der Begegnung nicht möglich, analysierte und fundierte Einschätzungen vorzunehmen. Hier helfen funktionierende Orientierungspunkte, um eine schnelle Handlungsfähigkeit zu gewährleisten. Auch Tajfel erkennt Stereotype als individuelle Orientierungshilfen an und bezeichnet diese als natürlich. Sie ruhen auf Prozessen der Kategorisierung und dienen zur Selektion, Einordnung und Bewertung von Wahrnehmungen und Informationen (vgl. Tajfel 1969). Stereotype sind somit die individuelle Vorstellung einer Gruppe von einer anderen, die durch eine Kultur verallgemeinert und zusätzlich gefestigt wird. Sie helfen dabei, die fremden Gruppen als differenziert zur eigenen wahrzunehmen und schaffen somit eine Abgrenzung. Dadurch entstehen beispielsweise gängige Stereotype über Frauen bzw. Männer oder über MigrantInnen und Einheimische (vgl. Lindemann 2006:67) Die Abgrenzungsfunktion bietet darüber hinaus die Stärkung der eigenen Identität sowie die des Wir-Gefühls einer Gruppe, wenn stereotype Denkmuster miteinander geteilt werden. (vgl. Thomas 2006:5) Das Gefühl von Zusammengehörigkeit fördert gegenseitige Sympathie innerhalb der Gruppe und hilft bei der Festlegung eigener und fremder Charakteristika. Ist die eigene Identität besser abgegrenzt, entwickelt sich ein höherer Selbstdarstellungsdrang, der damit einhergeht, das eigene Wissen oder Können in übertriebener Weise zu betonen. Laut einer amerikanischen Studie (Marvel/Kleinberg u.a. 2011) stärkt eine gemeinsam gepflegte Abneigung den Zusammenhalt in zwischenmenschlichen Beziehungen. Urteile und Äußerungen werden häufig als kompetent eingestuft oder auch „übernommen oder zumindest widerspruchslos quittiert.“ (Thomas 2006:5) Die Anpassung an vorherrschende Meinungen und Lebensvorstellungen fördert demnach die soziale Anerkennung und die vermehrte Zuwendung und minimiert das Risiko, ausgegrenzt zu werden. Das Übernehmen von gängigen Wertvorstellungen von gesamtgesellschaftlichen Glaubenssätzen dient als Vorsichtsmaßnahme und bewirkt, ebenso wie die gegenteilige, neutrale Aussage „Ich denke nicht in Stereotypen“, unpassende oder verletzende Äußerungen zu vermeiden, um nicht negativ aufzufallen. (vgl. Silbermann 1993:161) Aus demselben Grund funktionieren stereotype Denkmuster im sozialen Kontext auch als Abwehrfunktion: ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist es, innerpsychische Konflikte klein zu halten und mögliche Selbstkritik und damit einhergehende Schuldgefühle zu vermeiden. (vgl. Thomas 2006:5) Ohne explizit psychologische Theorien anzuwenden, bleibt zu bemerken, dass die bewusste oder unbewusste Verwendung von Stereotypen im Alltag das Gefühl von Sicherheit oder des „ Sicher-Seins“ gibt, das nach Maslow zu den Grundbedürfnissen der Menschen zählt. Folgen der Kategorisierung nachhaltig Handlungen oder affektive Entscheidungen, so unterliegen sie nicht mehr nur der kognitiven Komponente, sondern weisen ergänzend eine emotionale Ebene auf, die sie im soziokulturellen Kontext zum Vorurteil macht.

Somit kann festgehalten werden, dass die sozialen Funktionen von Stereotypen sich maßgeblich darauf beziehen, Bedürfnisse des Menschen in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation zu befriedigen. Ebenso bleiben Entscheidungen auf der emotionalen Ebene unbewusst und unterliegen meistens unreflektiert der kognitiven Kontrolle. Dies verdeutlicht die Veranlagung von Stereotypen, sich automatisiert in Vorurteile verwandeln zu können und betont somit die Notwendigkeit der Analyse ihrer Bedeutung für die zukünftige interkulturelle Kommunikation.

3. 3 Verbreitung von Stereotypen

In gewisser Art und Weise neigen wir alle dazu, im Voraus Situationen und Menschen zu schematisieren, ohne diese tatsächlich kennengelernt zu haben. Doch die Frage bleibt, wie es dazu kommt, dass bestimmte Vorstellungen über Jahrzehnte bestehen bleiben, obwohl es keine offensichtlichen oder persönlichen Gründe mehr für sie gibt.

Zunächst wirken alle Abläufe, die stereotype Denkmuster entstehen lassen, auch auf ihre Verbreitung, da sie aktuell bleiben und weitergetragen werden. Wenn beispielsweise die Erwartung einer Mutter an den Italienurlaub beinhaltet, dass dort besonders gute Pasta hergestellt wird, so überträgt sich diese Annahme auf die gesamte Familie, die mit einer ähnlichen Einstellung reisen wird. Bewusste Annahmen über Menschen und Gruppen, die in gesellschaftlichen Situationen weitergetragen werden, entstehen in jedem Kontext von Erziehung und Umfeld. Das Elternhaus wirkt prägend auf die Wahrnehmung, da Einstellungen von Bezugspersonen wie den Eltern übernommen werden. (vgl. Aboud/Amato 2001) Die Vorbildfunktion kann allerdings auch von allen weiteren Personen im Umfeld übernommen werden. Unterschiedlichste soziale Standards können Einflüsse auf den Prozess des stereotypen Denkens haben, genau so wie der Kontext, in dem eine zwischenmenschliche Interaktion stattfindet. Daher ist die Sozialisation in kleineren Gemeinden und Regionen durch die Fixierung auf wenige Bezugspersonen deutlich zentrierter als in einer Großstadt. Auch ist das Wir-Gefühl in kleineren Gruppen sehr intensiv geprägt und kann zur Entstehung eigener Regeln führen, die von einer Allgemeingültigkeit abweichen. So entstehen kollektive Vorstellungen, die eine gesonderte Realität schaffen. Diese zweckorientierte Ethik, die einer Form des Utilitarismus angehört, fördert das Bilden und Verbreiten von negativen Stereotypen, um Machtverhältnisse und Privilegien zu wahren oder zu bestimmen. (vgl. Heidt 2008:325) In abgeschwächter Form taucht dieses Phänomen immer dann auf, wenn sich Gruppenzugehörigkeit insbesondere durch Machterhaltung oder Verbundenheit stärken lässt, indem die eigenen Vorstellungen innerhalb einer Gruppe verteidigt werden: „Da wir in einem tieferen Sinne das, was wir werthalten, selber sind, müssen wir es mit Stolz und Leidenschaft verteidigen und bekämpfen jede Gruppe, die dagegen opponiert.“ (Karsten 1978:147) Im Falle einer Nation wäre das der Erhalt von stereotypischen und vorurteilsbehafteten Glaubenssätzen über ein anderes Volk – im schlimmsten Fall auch eine Form des Feindbildes, von dem Gefahr ausgeht. Ein mangelndes Reflexionsverhalten, das beispielsweise einer niedrigen Bildung geschuldet ist, bewirkt, dass der Neid auf soziale oder finanzielle Situationen der Anderen zum direkten Problem für die eigenen Lebensumstände wird. Hierbei muss allerdings erwähnt werden, dass Frustration und Scheitern im Beruf, in der Schule oder im Privatleben von allen Bildungsschichten häufig nicht in eigener Verantwortung angesehen werden will, sondern als Folge von unglücklichen Verstrickungen in der Außenwelt. Demnach wird auch die Schuld für die eigene Situation anderen Instanzen und Personen zugeschrieben (blaming the victim). Unzufriedenheit führt oftmals dazu, sich an dem Glück anderer zu orientieren, was zur Folge hat, dass keine wertfreien Äußerungen mehr möglich sind. Dieses Schutzkonzept wird so lange erhalten bleiben, bis die betroffenen Personen die Eigenverantwortung für ihr Denken und Handeln wiedergewinnen. Somit spielen Persönlichkeit und Bewusstsein für die eigenen Werte eine große Rolle bei der Verbreitung von Stereotypen. Ebenso sind die bereits erwähnten kognitiven und soziokulturellen Funktionen stereotyper Denkmuster dafür verantwortlich, dass sich Glaubenssätze halten und wodurch ersichtlich wird, warum Menschen von ihnen so abhängig sind. Die unbewusste Verbreitung von Stereotypen geschieht durch die Abhängigkeiten vom alltäglichen Umfelds und von Kategorisierungen. Somit wird nicht nur der Kontakt zu Stereotypen hergestellt, es findet auch eine Reproduktion statt. Die tägliche Konfrontation mit ihnen, z.B. durch Massenmedien, fördert den Erhalt von Stereotypen zusätzlich, da sie Rollenzuweisungen und schematischen Eigenschaften eine Bühne bieten. Eine Studie weist darauf hin, dass Schwarze in Filmen immer wieder in den gleichen Rollen zu sehen waren: So waren sie entweder Künstler im Bereich Musik und Tanz, Kriminelle oder Bedienstete (Collins/Ashmore 1970). Bevor schließlich die Bedeutsamkeit von Stereotypen in der interkulturellen Arbeit näher betrachtet wird, werden im Folgenden die Gefahren und die möglichen Maßnahmen zur Eindämmung der Stereotypenbildung ausgeführt.

3. 4 Gefahr und Abbau von Stereotypen

Während die Kategorisierung den Alltag innerhalb einer Kultur vereinfachen kann, da sie sich über bestimmte Eigenschaften definiert und sich somit von fremden Kulturen abgrenzt, stellt die Stereotypisierung in der Kommunikation mit anderen Kulturen oft ein Problem dar. Es steht außer Frage, dass es bei der kognitiven Vereinfachung unserer Denkprozesse zu kategorischen Dysfunktionen kommt: Vorurteile und Ausgrenzungen sind die direkte Folge der Übergeneralisierung. (vgl. Böttinger 2017) Doch nicht nur Fremdgruppen sehen sich mit diesen negativen Auswirkungen von stereotypischem Denken konfrontiert, auch die Eigengruppe fühlt sich häufig unmittelbar durch bekannte Stereotype bedroht. Es handelt sich dabei um die unterbewusste Angst, durch das eigene Verhalten ein negatives Stereotyp zu bestätigen. Steele und Aronson entwickelten dazu einen theoretischen Ansatz, die Stereotype-Threat-Theorie, die die Wirkung von Stereotypen auf Testleistungen erklärt (Steele/Aronson 1995). Die Ergebnisse bestätigen Steeles Annahme: Er ließ Frauen und Männer an einem Mathematiktest teilnehmen. Während er der einen Probandengruppe mitteilte, dass es starke Geschlechterunterschiede bei den Ergebnissen dieser Form der Tests geben würde, erhielt die andere Hälfte der Gruppe keinerlei Hinweise. In der ersten Gruppe kam es tatsächlich zu einem deutlich schlechteren Testergebnis für die Frauen, während in der zweiten Gruppe keine signifikanten Geschlechterunterschiede auszumachen waren. Ähnliche Tests wurden zu verschiedenen Nationen und sexuellen Orientierungen durchgeführt: In den Kontrollgruppen zeigten sich häufig sehr ähnliche Ergebnisse. Nicht einzig die Gefahr der Abwertung der eigenen oder fremden Gruppe können Folgen von Stereotypenbildung sein, vor allem können sich Diskriminierungen und Ablehnung bemerkbar machen. Als direkte Folge resultiert die Wiederholung des gleichen Schemas: „Personen, die eine Fremdgruppe ablehnen, werden auch andere ablehnen“ (Karsten 1978:139) Abwehr ist eine natürliche Reaktion als Schutzmechanismus, denn Unbekanntes, das nicht einzuschätzen ist, bewirkt oft Angst. Der erste Schritt in Richtung Annäherung sollte daher sein, sich mit dem Unbekannten vertrauter zu machen, um die Skepsis zu verlieren. Lassen sich Stereotype und Vorurteile nun reduzieren oder gar abbauen? Zumindest Allport (1954) ist der Meinung, dass eine konkrete Kontaktsituation zu positiveren Einstellungen gegenüber einer Fremdgruppe führen kann, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind: Die Mitglieder der betreffenden sozialen Gruppen sollten in der Kontaktsituation gleichen Status besitzen und die Fremdgruppe den erwarteten Stereotypen widersprechen. Des Weiteren helfen ein höher gestelltes, gemeinsames Ziel und ethische, soziale Grundnormen, die zur Akzeptanz beider Gruppen beitragen. (vgl. Straub/Weidemann 2007:74) Grundsätzlich gilt allerdings, dass ein regelrechter Abbau von Stereotypen in dieser Form nicht möglich ist. Da diese allerdings zunächst Kategorisierungen sind, gilt es vordergründig, die Reduktion entstandener Vorurteile zu unterstützen, die durch Kritikfähigkeit, Reflexionsvermögen und Identifikation mit den fremden Normen abgeschwächt werden können (vgl. Tajfel 1969). Im interkulturellen Handeln wäre diese Abschwächung hilfreich und lösungsorientiert. Um allerdings die Leitkategorien und vorherrschenden Denkmuster anderer Kulturen zu begreifen, ist ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz erforderlich, das nicht nur ein tieferes, gegenseitiges Verständnis beinhaltet (Straub/Weidemann 2007:55) Die Auseinandersetzung mit der komplexen Disziplin der Stereotype gehört zu den Voraussetzungen für jegliche interkulturelle Zusammenarbeit und Kommunikation, um Missverständnisse weitgehend zu vermeiden.

[...]


[1] Zitat nach Pierre Burgelin: La Philosophie de l'existence de J.-J. Rousseau. Paris 1973, S. 305. (dt.: „ Verstand und Urteilsvermögen entwickeln sich langsam, Vorurteile strömen schnell und in großer Menge herbei.“; Anm. d. Verf.)

[2] Hier: Begriff Vorurteil. Es wurden keine fundierten Forschungen zu begrifflichen Unterschieden zw. Stereotypen und Vorurteilen vor den 60er Jahren gefunden.

[3] Zitat nach Otto Klineberg/ Jacques Barzun: Der Charakter der Nationen. In: Anitra Karsten: Vorurteil. Ergebnisse Psychologischer und sozialpsychologischer Forschung. 1978. S.286.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion von Stereotypen in der interkulturellen Kommunikation
Untertitel
Eine Untersuchung anhand von Darstellungen der Kultur Brasiliens in deutschen Reiseführern
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
82
Katalognummer
V441223
ISBN (eBook)
9783668801295
ISBN (Buch)
9783668801301
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturvermittlung, Brasilien, Reiseführer, Kultur, Analyse, Stereotype, Interkulturell, Kommunikation, Vorurteile, Klischee, Nationalbild, Fremdwahrnehmung
Arbeit zitieren
Katharina Rinio (Autor), 2018, Die Konstruktion von Stereotypen in der interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441223

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