Die Literaturtheorien der Literaturwissenschaft vollziehen mit den Entwicklungen des Strukturalismus über den Poststrukturalismus bis hin zur amerikanischen Dekonstruktion einen immensen Sprung. Während der Strukturalismus die „[…] Verkürzung des literarischen Textes auf seine wissenschaftlich handhabbaren Maße […]“ praktiziert, „baut [der Poststrukturalismus] auf den Grundlagen des Strukturalismus auf, […] verändert und kritisiert sie, mehr noch: er greift sie auf und radikalisiert sie […]“ . Allein in diesen beiden Literaturtheorien steht die „Abkehr [von] Subjekt und Sinn“ einer bewussten Zuwendung dieser Bestandteile gegenüber. Während die eine Seite einen Text wissenschaftlich reduziert, wird der Text auf der anderen Seite dekonstruiert und die Ordnung seiner Konstituenten neu hinterfragt. Anhand dieser entgegengesetzten Auffassungen bezüglich literarischer Texte, sind auch die rhetorischen, ästhetischen und hermeneutischen Bestandteile literarischer Werke erneut, und vor allem in der aus dem Poststrukturalismus sprießenden Ausrichtung der Dekonstruktion, auf dem Prüfstand.
Das sprachliche Mittel des Beispiels balanciert in seiner Tradition stetig auf der Grenze zwischen der unmittelbaren Gewinnung von Evidenz und der Abwehr der eigenen „Generalisierung und Systematisierung“ . Es entsteht ein definitorischer Konflikt zwischen Regelhaftigkeit und „Ungebärdigkeit“ . Ist ein Beispiel somit eine vollkommene Veranschaulichung einer allgemeinen Regel oder muss dieses Idealbild einer unfolgsamen, sprachlichen Gewalt weichen?
Auf der Basis dieses Konfliktes soll die vorliegende Hausarbeit eine kritische, literaturtheoretische Sicht auf das Beispiel in der Literatur werfen. Aufgebaut auf einen Einblick in die literaturtheoretische Dekonstruktion sollen die beispieltheoretischen Thesen de Mans vor allem an seinem Aufsatz "Ästhetische Formalisierung: Kleists Über das Marionettentheater" herausgearbeitet werden. De Mans Überlegungen sollen anschließend, auf der Basis der Erzählweise Heinrich von Kleists in dessen Aufsatz Über das Marionettentheater, aufgegriffen und anwendungsbezogen rekonstruiert werden. Damit ist es das Ziel dieser schriftlichen Hausarbeit, einen Einblick in die dekonstruktionistische Arbeit Paul de Mans zu geben, dessen allumfassende Unterwanderung literarischer Prinzipien vor allem keine Verschonung des literarischen Beispiels vorsieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Dekonstruktion: Allgemein
2.1 Die Dekonstruktion: Paul de Man
3. Das rhetorische Beispiel
4. Die Beispieltheorie Paul de Mans in Ästhetische Formalisierung: Kleists Über das Marionettentheater
4.1 Die Umsetzung des Beispiels durch Heinrich von Kleist
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Beispiel als rhetorisches Mittel unter Berücksichtigung der dekonstruktionistischen Literaturtheorie von Paul de Man. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit das Beispiel als Beweis oder Erkenntnismittel fungieren kann oder ob es vielmehr als ein dekonstruierbares Element die Unlesbarkeit eines Textes verdeutlicht, insbesondere anhand einer Analyse von Heinrich von Kleists Aufsatz "Über das Marionettentheater".
- Grundlagen der dekonstruktionistischen Literaturtheorie nach Paul de Man
- Etymologische und rhetorische Definitionen des Beispiels
- Problematisierung des Erkenntnischarakters literarischer Beispiele
- Analyse der narrativen Inszenierung und Manipulation durch das Beispiel bei Heinrich von Kleist
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Umsetzung des Beispiels durch Heinrich von Kleist
Die Erzählweise Heinrich von Kleists ist in Paul de Mans Betrachtungen zum Beispiel ausschlaggebend für seine Problematisierung der „Beziehung zwischen einer Rhetorik und einer Hermeneutik der Persuasion.“ Die Rahmenszene der drei Anekdoten ist nach de Man eine „Szene der Persuasion“, in der die Person des Herrn C seinen Dialogpartner K „von einem paradoxen Urteil überzeugt, das letzterer ursprünglich ablehnte.“ Dennoch ist die Unterhaltung der beiden Herren für de Man viel mehr ein „Schein-Gespräch“, „in dem die Karten von Anfang an gezinkt sind.“
Im Gegensatz zu der Annahme, dass die Handlung des Marionettentheaters die eines im Dialog erbrachten Beweises sei, sei sie im Wesentlichen eine „Trope eines solchen Beweises.“ Somit sei die epistemologische Struktur lediglich narrativ inszeniert, wodurch ein Konstrukt der Täuschung offengelegt wird. Da in diesem Falle „ein Prozeß [sic!] der Überzeugung zu einer Szene der Überzeugung werden muß [sic!],“ bilden die „suggestiven, fast unmerklich entgleitenden Beispielgeschichten“ einen reichen Nährboden für das Ästhetische, indem sie das Bewusstsein während des Überzeugungsprozess aushebeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die literaturtheoretische Entwicklung vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus ein und definiert das Forschungsziel der Arbeit: eine dekonstruktionistische Untersuchung des Beispiels in der Literatur.
2. Die Dekonstruktion: Allgemein: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der Dekonstruktion als poststrukturalistisches Verfahren zur Infragestellung traditioneller Begrifflichkeiten und zur Aufdeckung von Widersprüchen in Texten.
2.1 Die Dekonstruktion: Paul de Man: Hier wird Paul de Mans spezifischer Ansatz dargelegt, der Literatur als konstitutive Rhetorik begreift, welche grammatische und semantische Gewissheiten unterwandert und das Konzept der "Unlesbarkeit" ins Zentrum rückt.
3. Das rhetorische Beispiel: Dieser Abschnitt bietet eine etymologische und theoretische Herleitung des Beispiels, wobei insbesondere die Begriffe "Exemplum" und "Paradigma" im Kontext der rhetorischen Argumentation beleuchtet werden.
4. Die Beispieltheorie Paul de Mans in Ästhetische Formalisierung: Kleists Über das Marionettentheater: In diesem Kapitel wird de Mans Lektüre von Kleists Text rekonstruiert, um aufzuzeigen, wie das Beispiel als rhetorischer Tropus die Mimesis schwächt und zur Absurdität führt.
4.1 Die Umsetzung des Beispiels durch Heinrich von Kleist: Dieser Teil analysiert die praktische Anwendung der beispieltheoretischen Ansätze durch Kleist und zeigt auf, wie der Autor durch narrative Täuschung und "Schein-Gespräche" die Überzeugungskraft des Beispiels ironisch unterwandert.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Beispiel bei de Man als epistemischer Wertverlust gewertet wird, da es als rhetorisches Mittel nicht Wahrheit erzeugt, sondern die Unlesbarkeit des Textes durch eine interessegeleitete Manipulation verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Dekonstruktion, Paul de Man, Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater, Literaturtheorie, rhetorisches Beispiel, Exemplarität, Allegorie, Unlesbarkeit, narrative Manipulation, Poststrukturalismus, Rhetorik, Ästhetik, Epistemologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit setzt sich kritisch mit der Funktion und dem Stellenwert des Beispiels in der Literatur auseinander, wobei sie theoretisch auf der dekonstruktionistischen Literaturtheorie von Paul de Man basiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themenfelder umfassen die Dekonstruktionstheorie, die Rhetorik des Beispiels, das Verhältnis von Allgemeinem und Singulärem sowie die Analyse von Kleists Erzählstrategien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass das Beispiel in literarischen Texten entgegen seinem Anspruch, Wahrheit zu illustrieren, oft als manipulatives rhetorisches Mittel fungiert, das die Unlesbarkeit des Textes provoziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturtheoretische Textanalyse unter Anwendung dekonstruktivistischer Prinzipien nach Paul de Man durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst die Dekonstruktion allgemein und de Mans Theorie, definiert das rhetorische Beispiel etymologisch und wendet diese Erkenntnisse in einer Fallstudie auf Kleists "Über das Marionettentheater" an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Dekonstruktion, rhetorisches Beispiel, Paul de Man, Unlesbarkeit und narrative Manipulation.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Exemplum" und "Paradigma" für de Man eine Rolle?
De Man nutzt die Spannung zwischen diesen Begriffen, um zu zeigen, wie Beispiele als Tropen einerseits Austauschbarkeit und andererseits Unersetzbarkeit suggerieren, was die logische Konsistenz von Argumentationen untergräbt.
Inwiefern ist Kleists "Marionettentheater" ein "Paradebeispiel narrativer Manipulation"?
Laut der Analyse fungiert der Text als Schein-Argumentation, in der die Beispiele nicht der Wahrheit dienen, sondern den Leser durch rhetorische Strategien über inhaltliche Widersprüche hinwegtäuschen, um eine bestimmte Einsicht zu erzwingen.
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- Nina Klein (Author), 2018, Das Beispiel in der Literatur unter Berücksichtigung der Literaturtheorie von Paul de Man, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441528