Der Dreißigjährige Krieg aus der Perspektive des Neorealismus

Die Theorien des Neorealismus mit seiner Konzeption der "Balance of Power" am Beispiel des Dreißigjährigen Krieges


Bachelorarbeit, 2014

42 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Der Neorealismus
1.1 Der Ursprung des Neorealismus
1.2 Prämissen und Kernthesen des Neorealismus
1.3 Die Theorie der „Balance of Power“

2. Der Dreißigjährige Krieg – eine Hinführung
2.1 Die Reformationszeit
2.2 Der Verfall der Reichseinheit

3. Der Dreißigjährige Krieg
3.1 Böhmisch-pfälzischer Krieg (1618-1623)
3.2 Dänisch-niedersächsischer Krieg (1623-1629)
3.3 Der Schwedische Krieg (1630-1635)
3.4 Schwedisch-französischer Krieg (1635-1648)
3.5 Der Westfälische Frieden (1648)

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Dreißigjähriger Krieg, das bedeutet marodierende Soldaten, gepeinigte Bauern, Hunger und Seuchen – ein Arsenal des Schreckens, wie es sonst nur die beiden Weltkriege im Gedächtnis der Deutschen wachrufen. Aber war der Konflikt tatsächlich so verheerend? Was löste ihn aus, was hielt ihn so fürchterlich lange in Gang? War es ein verschleppter Dauerzwist der Konfessionen, der im Chaos verblendeter Machtpolitik sein Ende nicht finden wollte, oder gar ein reinigendes Gewitter zugunsten jener Moderne, wie sie sich danach in Barock und Aufklärung zu etablieren vermochte?“

Mit dieser Einleitung beginnen die Autoren Dietmar Pieper und Johannes Salzwedel ihr Buch zum Dreißigjährigen Krieg und geben dadurch erste Hinweise zu den Phänomenen und zur Bedeutung dieser Auseinandersetzung (Pieper / Salzwedel 2012, im Vorwort). Der an Mensch und Material für damalige Verhältnisse bis dahin wohl verlustreichste, dreißig Jahre lang ausgefochtene Konflikt beruhte anfangs auf einer religiösen Polarität zwischen der katholischen Liga und der protestantischen Union sowie ihren Führungspersönlichkeiten sowie auf dem interessengeleiteten Dualismus zwischen dem deutsch-spanischen Herrscherhaus der Habsburger und dem französischen Königshaus um die Vormachtstellung in Europa. Im weiteren Verlauf des Krieges traten europäische Mächte in die kriegerischen Auseinandersetzungen ein, die lediglich die eigenen Hegemonieansprüche verfolgten (Burkhardt 2010, 48 und 57).

Der Dreißigjährige Krieg war in seinem weiteren politischen Erscheinungsbild charakterisiert durch wechselseitige überkonfessionelle Bündnisse, einzelne, regionale Kriegsschauplätze, und einen hohen Grad an Verflechtung der am Geschehen beteiligten europäischen Mächte. Der andauernde Kriegszustand sorgte für wirtschaftliche, soziale, geographische, religiöse, militärische und kulturelle Veränderungen in Deutschland und Europa gleichermaßen. Der Dreißigjährige Krieg ist daher als Konflikt- und Übergangsepoche anzusehen, die einen raschen und fließenden Wandel vom Mittelalter zum Beginn der Neuzeit darstellt, und auch unter dieser Prämisse nicht nur auf das politische Handeln in Deutschland reduziert werden sollte (ebd., 3).

Die Absicht meiner Bachelorarbeit ist es, anhand geeigneter Literatur die Anwendbarkeit der Kernthesen des strukturellen Neorealismus theoretisch zu überprüfen und so meiner Forschungsfrage nachzugehen: Sind die Phänomene des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) durch die Konzeptionen des Neorealismus und seines Theorieansatzes der „Balance of Power“ zu deuten und zu erklären?

In diesem Zusammenhang stelle ich diese Hypothese auf:

Die neorealistischen Konzeptionen rund um den Ansatz der „Balance of Power“ nach Waltz sind in der Lage, die Phänomene des Dreißigjährigen Krieges zu deuten und zu erklären.

Zunächst werde ich den strukturellen Neorealismus sowie seine grundlegenden Thesen vorstellen und erläutern. In diesem Zusammenhang soll auch die Konzeption der „Balance of Power“ explizit berücksichtigt werden, um für die Beantwortung meiner Forschungsfrage zu wesentlichen Erkenntnissen zu gelangen und um die Verifizierung oder die Falsifizierung meiner Hypothese vorzubereiten.

Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich auf die Reformationszeit eingehen, da während dieser Epoche die Konflikte entstanden, die sich später im Dreißigjährigen Krieg entladen sollten. Des Weiteren möchte ich im Verlauf der Bachelor-
arbeit auf die Katholische Liga, die Protestantische Union und die am Krieg nachhaltig beteiligten Großmächte an geeigneter Stelle eingehen, um die Polarität der Parteien zu zeigen.

Ferner werde ich den Kriegsverlauf in Bezug auf meine Forschungsfrage und die Hypothese untersuchen. Zu diesem Zweck werde ich den Dreißigjährigen Krieg in vier Teilkriege untergliedern und auch den Friedensschluss von 1648 gesondert behandeln. Um zu weiteren Ergebnissen zu gelangen, werde ich einzelne Phänomene und Gegebenheiten des Dreißigjährigen Krieges jeweils in Bezug zu den Thesen des Neorealismus setzen.

Zum Abschluss dieser Arbeit möchte ich die Forschungsfrage aufgreifen und anhand meiner gewonnenen Ergebnisse den Versuch unternehmen, diese zu beantworten und meine These zu belegen. Ferner möchte ich die Stärken und Schwächen des Neorealismus bei der Analyse des Dreißigjährigen Krieges darlegen.

1. Der Neorealismus

1.1 Der Ursprung des Neorealismus

Für das derzeitige Erscheinungsbild der politischen Forschung auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen sind die theoretischen Konstruktionen des strukturellen Neorealismus nach Kenneth Waltz als vorherrschender Ansatz der verschiedenen Theorien des Neorealismus prägend. Die Theorien des Neorealismus sind grundlegende Ergänzungen bzw. autonome Fortschreibungen des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau, die im Verlauf ihrer empirischen Entwicklung eine Eigendynamik entfalteten, die zu einer selbstständigen Theorierichtung der Internationalen Beziehungen (IB) führte. Obwohl es also verschiedene theoretische Ansätze innerhalb des Neorealismus gibt, wird im Allgemeinen unter Neorealismus der strukturelle Neorealismus nach Waltz verstanden.

Die frühen Wurzeln der Theorien des Neorealismus reichen bis in die 1950er-Jahre zurück, da Waltz bereits in seinem Werk „Man, State and War“ (1959) die Verwendung mikroanalytischer Ebenen zur Deutung und Erklärung für die Entstehung von Kriegen kritisiert, „[…] indem er die Struktur des internationalen Systems zur unabhängigen Generalvariablen erhebt.“ (Siedschlag 1997, 71). Im Gegensatz zum klassischen Realismus lehnt Waltz die Analyse-Ebene des Individuums, wie etwa das kriegerische Wesen der Menschen oder das Machtstreben von Außenpolitikern und charismatischen Führungspersönlichkeiten, als Ort von Handlungsmotivation in den internationalen Beziehungen ab (Schörnig 2010, 65). Der strukturelle Neorealismus sieht den Wunsch nach außenpolitischer Kooperation und die Entstehung von Krieg und Frieden auf drei Analyse-Ebenen der internationalen Beziehungen begründet, die als „images“ bezeichnet werden. Auf der ersten Analyse-Ebene, dem „first image“, werden die Interdependenzen zwischen menschlichen Verhaltensweisen und internationalen Konflikten betrachtet. Die zweite Analyse-Ebene, das „second image“, setzt sich mit den Einflüssen gesellschaftlicher Ordnungen auf bilaterale Spannungen auseinander. Im Zentrum der Betrachtung der dritten AnalyseEbene, dem „third image“, stehen die Kausalitäten zwischen den internationalen Konflikten und der Anarchie im System der internationalen Beziehungen. Für den strukturellen Neorealismus bedeutet Anarchie das Nicht-Vorhandensein von übergeordneten Instanzen mit Sanktionsmechanismen zur Kontrolle und Reglementierung der Interaktionen im internationalen System (Krell 2009, 156f.). Der Autor Jürgen Hartmann meint in Bezug auf die dritte Analyse-Ebene, die der zwischenstaatlichen Beziehungen: „Waltz interessiert sich in seinem weiteren Werk nur noch für das dritte Bild. Er konstruiert in seinem Hauptwerk einige Zeit später das Internationale System […]. Das Ensemble souveräner Staaten bildet das internationale System.“ (Hartmann 2009, 28f.).

Die Theorien des Neorealismus fanden mit der Entwicklung einer eigenständigen Theorie der Internationalen Beziehungen durch Kenneth Waltz in seinem Werk „The Theory of International Politics“ (1979) ihre Entstehung und ihren vorläufigen Höhepunkt (Masala 2010, 54). Dabei begünstigten die Deutungs-und Begründungsschwächen des klassischen Realismus in Bezug auf die kooperativen Annäherungen der Supermächte Sowjetunion und USA während der 70er-Jahre die Entwicklung des Neorealismus zu einer eigenständigen Theorie bezüglich der Internationalen Beziehungen (Krell 2009, 157).

Insbesondere die Weltsystemtheorie und die Interdependenzansätze des strukturellen Neorealismus waren als methodische Hilfsmittel geeigneter zur Analyse und Erläuterung aktueller politischer Strukturen und Prozesse als jene, die der klassische Realismus mit seinen Theorien hervorbringen konnte. Das lag zum einem daran, dass der strukturelle Neorealismus – im Gegensatz zum klassischen Realismus – die Charaktereigenschaften des Menschen zur Kriegsführung und die Machtbestrebungen einzelner Führungspersonen aus seiner Forschung ausblendet, und zum anderen daran, dass sich der Realismus inhaltlich auf die Gegebenheiten der Krisen zwischen den Jahren 1918 und 1945 konzentrierte (Schörnig 2010, 65f.). Der Neorealismus nach Waltz verfolgt stattdessen zwei für seine Forschung elementare Fragestellungen: Erstens, warum der spannungsreiche, konfliktbehaftete, hochgerüstete und bipolare Ost-West-Konflikt sich als relativ solide Friedensepoche erwies. Zweitens, warum die USA ihre machtpolitische Vormachtstellung zu Beginn der 1970er-Jahre auf weltpolitischer Ebene einbüßten, obwohl ihre wirtschaftliche Überlegenheit und die ihrer Verbündeten ihre Hegemoniebestrebungen hätten begünstigen müssen (ebd. 2010, 66).

In diesem Kontext und in Anbetracht der langen Periode des relativen Friedens des Kalten Krieges stellte Waltz die Theorie auf, dass in bipolaren Systemen der internationalen Politik eine höhere Stabilität vorherrsche als in multipolaren Systemen. Bipolare Systeme sind Systeme, in denen lediglich zwei Staaten oder Staatengruppen um die Vormachtstellung im internationalen System konkurrieren. Der Vorteil einer bipolaren Verteilung von Staaten im internationalen System ist, dass ein Akteur die Intentionen des jeweils anderen Akteurs besser absehen und leichter feststellen kann, ob der andere Akteur sein Sicherheitsdilemma verringern konnte. Ferner kann ein Akteur in einem bipolaren System leichter überwachen, ob sein Gegenspieler seine Einflusssphäre vergrößern konnte oder Machtmittel gewonnen hat. Ein Akteur kann im bipolaren System besser einschätzen, zu welcher Zielsetzung der andere Akteur seine Ressourcen einsetzt, und mit welchen Mitteln er selbst auf die Handlungswahl seines Gegenspielers effektiv reagieren sollte. Für Waltz sind multipolare Systeme daher instabiler, da die Intentionen und der Machtmitteleinsatz vieler Akteure schlechter einzuschätzen und schwieriger zu überwachen seien (Auth 2008, 49).

Neue Wege beschritt der Neorealismus auch durch die Verwendung seiner wissenschaftlichen Methoden. Im Kontext des Methodenstreits auf dem Gebiet der IB, zwischen Szientisten und Traditionalisten, wandte sich der Neorealismus von den Methoden und der induktiven Vorgehensweise der Traditionalisten ab. Der Neorealismus orientierte sich vielmehr an der Methodik der Szientisten, die eng an die Methoden der naturwissenschaftlichen Empirie angelehnt ist, und Waltz verwendete auch methodische Konzeptionen der klassischen Ökonomik, wie z. B. den Ansatz der „rational choice“ bei der Handlungswahl von Staaten (Schörnig 2010, 67 und Krell 2009, 158). Des Weiteren wandte sich Waltz bei seiner Forschungskonzeption gegen den Trend der 1960er- und 1970er-Jahre zum Einsatz behavioristischer Methoden in der IB-Forschung. Er ließ auch den Einsatz qualitativer Methoden, wie sie in den Geschichts- und Sozialwissenschaften heute gebräuchlich sind und die zu deduktiven Ergebnissen führen, zu. Ferner kritisierte Waltz die mangelnde Theoriebildung des Behaviorismus, forderte aber auch für seine Theorie der IB einen gezielten und sparsamen Umgang in der Theoriebildung, wobei er scharf zwischen Theorien und Gesetzen differenzierte. Theorien sind für ihn lohnenswerte Spekulationen über politische Prozesse und Strukturen und Gesetze empirisch gewonnene Belege mit einem hohen Erklärungswert für die Phänomene der internationalen Politik (Masala 2010, 54f. und Krell 2009, 162).

Der Neorealismus nach Waltz geht davon aus, dass der klassische Realismus zwar durchaus lohnende Grundannahmen besitzen würde, diese jedoch unsystematisch und aus der Induktion heraus verarbeite. Waltz kritisiert ferner den Ansatz des Realismus, immer wiederkehrende Muster der Konstellationen der internationalen Politik als von den Staaten intendierte politische Handlungen zu betrachten. Für ihn resultieren diese wiederkehrenden Muster aus den Strukturen und Interaktionen des internationalen Systems selbst, da sich die Staaten immer wieder um die Erweiterung ihrer Ressourcen (z. B. Macht) bemühen. Waltz’ „[…] Anliegen war es, systematische Aussagen über die strukturellen Bedingungen zu formulieren, unter denen Staaten in der internationalen Politik agieren und interagieren“ (Masala 2010, 55). Für Waltz beruhen die Interaktionen und Handlungsprozesse in den internationalen Beziehungen auf einem abstrakten System von strukturellen Einzelelementen, welche sich wechselseitig bedingen und durch aktive Interaktionen untereinander verbunden sind. Er orientiert sich bei der Analyse von staatlichen Handlungsprozessen und strukturellen Konstellationen in den internationalen Beziehungen an systemtheoretischen Annahmen und befürwortet somit einen makroanalytischen Methodenansatz (Krell 2009, 157). „Für Waltz besteht das internationale System grundsätzlich aus zwei Elementen: den Akteuren bzw. den Einheiten des Systems („units“) – das sind die Staaten, und der separaten Struktur des Systems („structure“). Aus Sicht des Neorealismus sind beide Elemente getrennt voneinander zu untersuchen.“ (Schörnig 2010, 71). Im folgenden Teil der Arbeit möchte ich nun weitere grundlegende Annahmen und Kernthesen des Neorealismus rund um die systemtheoretischen Konzeptionen nach Waltz genauer vorstellen, da ich anhand dieser Konzeptionen die Phänomene und Stationen des Dreißigjährigen Krieges analysieren möchte.

1.2 Prämissen und Kernthesen des Neorealismus

Der Neorealismus hat ein anarchisches und düsteres Bild von der internationalen Politik, da es nach seiner Ansicht gewaltbereite Staaten gibt, die ihre militärischen Kapazitäten zur Eroberung und Unterdrückung anderer Staaten einsetzen könnten. Daher kann sich kein Staat sicher sein, nicht zum Objekt feindlicher und kriegerischer Absichten zu werden. Im Kontext dieses Sicherheitsdilemmas existieren Staaten gewissermaßen permanent in einem Status der Furcht vor feindlichen Angriffen und verfolgen daher eine Politik möglichst hoher Wehrhaftigkeit zur Selbsterhaltung und Wahrung ihrer Autonomie (Auth 2008, 46).

Der Grund für das Sicherheitsdilemma von Staaten im internationalen System lässt sich durch die bereits erwähnte Anarchie, dem Ordnungsprinzip („ordering principle“) des Systems der internationalen Politik begründen. Wie im vorherigen Teil der Arbeit angesprochen, bedeutet Anarchie das Fehlen von Instanzen und Sanktionen zur Reglementierung der zwischenstaatlichen Interaktionen im System der internationalen Beziehungen. Damit ein Staat souverän und autonom existieren kann, muss er sich selbst helfen und durch eigene militärische Stärke und/oder einer Erfolg versprechenden Bündnispolitik vor potenziellen Aggressoren schützen (Krell 2009, 157).

Der Neorealismus bedient sich oft der Analogien zur „Rational-choice“-Theorie der ökonomischen Wissenschaften, bei der er die Handlungswahl von Staaten in bestimmten Situationen mit denen wirtschaftlicher Unternehmen vergleicht, um bestimmte Phänomene des internationalen Systems zu analysieren und zu erläutern. Der Neorealismus ist der Ansicht, dass sich Staaten ähnlich wie Firmen verhalten, die von einer feindlichen Übernahme bedroht werden und nur durch ihre eigene Wettbewerbsstärke aufgrund von Rationalität und Konkurrenzfähigkeit einer Übernahme entgegentreten können (Krell 2009, 158). In diesem Sinne ist es z. B. für einen kleinen Staat effektiv, sich einem anderen, mächtigeren Staat anzuschließen oder sich um die Mitgliedschaft in einem starken Bündnissystem zu bemühen.

Der Neorealismus nimmt somit eine völlig andere Perspektive zur Analyse der zentralen Handlungsmotive internationaler Politik ein, als sie der klassische Realismus mit seiner Konzeption der Macht und des kriegerischen Menschenbildes einnahm. Und zwar, weil er sowohl die Analyse-Ebene der Individuen (Machtstreben, menschliche Charakterzüge usw.) bei seinen Forschungen ähnlich dem „Black-box“-Modell unberücksichtigt lässt als auch die Ebene der gesellschaftlichen Ordnungen bei seinen Untersuchungen ausspart.

In Bezug auf die erste Ebene („first image“) lässt sich erweiternd festhalten, dass der Neorealismus auch NGOs[1] oder global operierende Großunternehmen nicht als die relevanten Akteure im internationalen System ansieht. Denn im Gegensatz zu Staaten als den relevanten Akteuren im System internationaler Beziehungen verfügten diese nicht über ausreichende Möglichkeiten, um die Außenpolitik nennenswert zu beeinflussen, obwohl sie durchaus ein bestimmtes Maß an Bedeutung erlangen könnten (Schörnig 2010, 72).

Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Analyse-Ebene, denn „die innere Gestaltung der Staaten – wie beispielsweise das konkrete politische System – ist aus neorealistischer Sicht vernachlässigbar und stellt gleichsam eine ,black box‘ dar, die der Neorealismus ungeöffnet lässt. Es ist für die Erklärung internationaler Politik mithin irrelevant, ob ein Staat liberal-demokratisch verfasst ist oder aber autokratisch, monarchisch oder diktatorisch regiert wird.“ (Schörnig 2010, 71).

Der strukturelle Neorealismus blendet somit die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale von Staaten bewusst aus und nimmt dadurch zwangsläufig an, dass Staaten sich im System der internationalen Beziehungen wie uniforme, gleichartige Akteure („unitary actors“) verhalten. Die Ausblendung der elementaren Unterscheidungsmerkmale von Staaten rechtfertigt Waltz mit dem Anspruch, systemische Effekte zu erforschen, welche für alle Staaten von Bedeutung wären (Schörnig 2010, 71 und Hartmann 2009, 38f.).

Obwohl nach Waltz die Staaten die im internationalen System relevanten Akteure sind, determinieren sie durch ihre aktiven Wechselwirkungen das System der internationalen Beziehungen nicht. Das System der internationalen Politik wird durch die Einflussstärke und Eigendynamik seiner Struktur determiniert, das die Staaten (Akteure) zu ähnlichen Handlungsmustern bewegt.

Der Autor Gert Krell hierzu: „Soziale Systeme kann man nicht sehen, sie handeln auch nicht selbst, aber sie bilden eine Struktur, die das Handeln der Akteure beeinflusst. Die Struktur setzt Akteure voraus, aber sie unterliegt nicht ihrer Kontrolle. Politische Strukturen sind nach Waltz gekennzeichnet durch (1) Ordnungsprinzipien, (2) Eigenschaften der Akteure und (3) deren Stärkeverhältnis zueinander (distribution of capabilities).“ (Krell 2009, 156f.).

Für das Ordnungsprinzip in (politischen) Systemen gibt es nach Waltz im Allgemeinen zwei Möglichkeiten: Erstens die Hierarchie und zweitens die Anarchie. Die hierarchische Struktur in Systemen ist durch das Vorhandensein von Instanzen mit Sanktionsmöglichkeiten, z. B. dem Gewaltenmonopol, gekennzeichnet. Ein charakteristisches Beispiel für eine hierarchische Struktur ist das politische System eines jeweiligen Nationalstaates. Die bereits beschriebene anarchische Struktur ist durch die Abwesenheit solcher Instanzen und Sanktionen definiert, wodurch jeder Akteur auf sich allein gestellt innerhalb des Systems agieren muss. „Alle Neorealisten gehen davon aus, dass sich das internationale System durch Anarchie […] auszeichnet.“ (Schörnig 2010, 73).

Die zweite für Waltz relevante Struktur betrifft die funktionale Differenzierung der systemischen Einheiten („character of the units“). Auf Grund der im internationalen System herrschenden Anarchie, würden sich nach Waltz die Staaten auf keine internationale Arbeitsteilung einlassen, sondern sich vorrangig selbst um ihre Sicherheit und Unabhängigkeit bemühen. Ein zentraler Forschungsgegenstand für Neorealisten ist daher die Frage: „Inwiefern sind internationale Arbeitsteilungen und Spezialisierungen zwischen verschiedenen Staaten im internationalen System überhaupt möglich?“ (ebd.).

Das dritte Strukturmerkmal bezieht sich auf die Machtverteilungen zwischen den Akteuren und ihre jeweiligen Verfügungsmöglichkeiten über bestimmte Ressourcen. Die Staaten im System der internationalen Beziehungen unterscheiden sich demnach in den Möglichkeiten, ihre Existenz zu sichern bzw. ihre Sicherheitsgefährdung möglichst gering zu halten. Diese Ressourcen bilden, nach dem Verständnis der Neorealisten, die Machtmittel der Akteure und werden als „capabilities“ bezeichnet. Die „capabilities“ der Staaten bestehen aus den militärischen, wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Ressourcen, die der betreffende Staat zur seiner Selbsterhaltung einsetzen kann. Der Neorealismus differenziert bei den „capabilities“ eines Staates zwischen „soft power“ und „hard power“ (Krell 2009, 162).

Die „hard power“ besteht beispielsweise aus der militärischen Stärke, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der demographischen und geographischen Größe eines Staates. Die „soft power“ basiert z. B. auf dem diplomatischen Stellenwert und dem Prestige des Staates sowie den Normen, Werten und Einstellungen seiner Gesellschaft. Im neorealistischen Sinn sind diese Machtmittel eher als Verteidigungsmöglichkeiten eines Staates anzusehen, die der Befriedigung des nationalstaatlichen Sicherheitsbedürfnisses dienen und somit den Fortbestand der eigenen Souveränität sichern helfen (Schörnig 2010, 72).

Der Neorealismus liefert somit also auch ein eigenes Verständnis vom Begriff ‚Macht’. Macht wird von Neorealisten quasi als technische Variable bzw. technischer Messwert verstanden, die eher einen defensiven Charakter zur Wahrung staatlicher Existenz und Souveränität besitzen (ebd.). Damit steht der Begriff ‚Macht’ des Neorealismus in Opposition zum Machtbegriff des klassischen Realismus Morgenthaus. Im klassischen Realismus dient der Machtbegriff als Erklärungsansatz und Motivationsbestimmung staatlichen Handelns, mit einer aggressiven Akzentuierung bei der Wahl staatlicher Handlungsoptionen (Krell 2009, 147).

Insgesamt bewirkt die Struktur im System internationaler Politik ein Verhalten der Staaten, das sie dazu bringt, ihre jeweiligen Machtmittel („capabilities“) so einzusetzen, dass zwischen ihnen und anderen Staaten ein Machtgleichgewicht entsteht. Dieses Machtgleichgewicht entsteht durch einen Prozess der Bildung zweckrationaler Bündnisse und/oder eigener militärischer Aufrüstung („balancing“). Das Mächtegleichgewicht, auch „Gleichgewicht der Kräfte“ genannt, zwischen Staaten wird im Neorealismus als „Balance of Power“ bezeichnet und beinhaltet für jeden Staat die Zielvorgabe: „Wenn Du überleben willst, so gleiche Machtungleichgewichte aus.“ (Schörnig 2010, 74). Waltz benennt ferner zwei Voraussetzungen damit sich Machtgleichgewichts-Politik im internationalen System etablieren kann: Erstens, das Ordnungsprinzip muss anarchisch sein und zweitens muss das System von Akteuren als „units“ besetzt werden, deren vorrangiges Ziel das eigene staatliche Überleben ist. (Siedschlag 1997, 97). Die neorealistische Generalthese der „Balance of Power“ ist keine neuartige Idee des Neorealismus, sondern kommt aus einer langen Tradition, worauf ich im folgenden Kapitel kurz eingehen möchte.

1.3 Die Theorie der „Balance of Power“

Die Theorie der „Balance of Power“ ist nach heutigem Verständnis der Politikwissenschaft eine normative und empirische Konzeption des Kräfte-und-Macht-Gleichgewichts im System der internationalen Beziehungen.

Die Theorie bzw. Idee des Gleichgewichts der Kräfte basiert auf der Vorstellung, […] durch Bildung politischer und militärischer Bündnisse die Unabhängigkeit von Staaten zu bewahren oder die Entstehung einer Vorherrschaft durch einen Staat zu verhindern […]“ (Gu 2010, 68). Die Idee des Mächtegleichgewichts hat eine lange Tradition, die durch die verschiedensten Kulturen und Epochen der Weltgeschichte verläuft. In Europa lassen sich Hinweise für die Realisierung der politischen Idee des Mächtegleichgewichts im antiken Griechenland für die Zeit des Peloponnesischen Krieges (431-404 v. Chr.) und anhand des 1. Punischen Krieges (264-241 v. Chr.) zwischen Rom und Karthago durch zeitgenössische Berichterstattung und weitere historische Quellen belegen. Im mittelalterlichen Europa fand die Theorie des Gleichgewichts der Kräfte bei Francesco Guicciardini (1489-1540) in seinem Werk „Geschichte Italiens“ (um 1535) erste konkrete politikwissenschaftliche Anwendung, da der Autor die Theorie des Mächtegleichgewichts systematisch auf die politischen Phänomene der Historie Italiens anwandte und so die Motivationen zu Bündnisbildungen in Italien aufzeigen wollte. In neuerer Zeit fand die Idee der „Balance of Power“ in viele Theorien der internationalen Beziehungen Einzug, wobei sich insbesondere der Realismus und der Neorealismus dieser Konzeption bedienten (Gu 2010, 68f.).

In Hinblick auf die Thematik dieser Arbeit möchte ich nun die wesentlichen Annahmen des Neorealismus zur „Balance of Power“ vorstellen und an geeigneter Stelle in Bezug zu den Annahmen des Realismus setzen, um die Eigenheit des neorealistischen Verständnisses zur Konzeption des Mächtegleichgewichts zeigen zu können.

In seinem Werk „The Theory of International Politics“ (1979) kritisiert Waltz unter anderem auch die Annahmen des klassischen Realismus zur „Balance of Power“. Er wendet sich explizit gegen die Auffassung Morgenthaus, dass das Gleichgewicht der Kräfte ein moralisches Prinzip sei und die Bildung eines Mächtegleichgewichts zwischen den Staaten als Element ihrer rationalen staatlichen Außenpolitik aufgefasst werden müsse. Das Mächtegleichgewicht ist für Waltz auch nicht das Handlungsziel von klugen Außenpolitikern oder Staatsführern (Siedschlag 1997, 96f.).

[...]


[1] Nicht-Regierungsorganisationen.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Der Dreißigjährige Krieg aus der Perspektive des Neorealismus
Untertitel
Die Theorien des Neorealismus mit seiner Konzeption der "Balance of Power" am Beispiel des Dreißigjährigen Krieges
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
42
Katalognummer
V442792
ISBN (eBook)
9783668821538
ISBN (Buch)
9783668821545
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik Geschichte Dreißigjähriger Krieg Neorealismus Internationale Beziehungen
Arbeit zitieren
Master of Education Olaf Borgmeier (Autor), 2014, Der Dreißigjährige Krieg aus der Perspektive des Neorealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442792

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