Nationalsozialistische Propaganda - Das letzte Aufleben des Hitlermythos nach dem Attentat vom 20. Juli 1944


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung der Propaganda für die Nationalsozialistische Herrschaft
2.1. Definition des Begriffes
2.2. Organisation
2.3. Grundsätze und Formen
2.3.1. Führer Mythos
2.3.2. Das gesprochene Wort als bevorzugtes Propagandamittel
2.3.3. Sprache

3. Einsatz der Propaganda am Ende der Herrschaft – Hitlers Rundfunkansprache zum missglückten Attentat von 20. Juli 1944
3.1. Die Rede - Rundfunkansprache Adolf Hitlers zum 20. Juli 1944
3.2. Textexterne Faktoren
3.2.1. Der historische Hintergrund – Der Attentatsversuch vom 20. Juli 1944
3.2.2. Der Produzent: Adolf Hitler
3.2.3. Der Adressat: Das deutsche Volk
3.3. Textfunktion und Textsorte
3.4. Binnenstruktur
3.5. Textthema
3.6. Textinterne Faktoren
3.6.1. Lexikalische Ebene
3.6.1.1. Freund-Feind-Bild
3.6.1.2. Pfeilerwörter
3.6.1.3. Akkumulative Bezeichnungen
3.6.1.4. „Volkstümliche“ Redewendungen
3.6.1.5. Bildhafte Sprache
3.6.2. Syntaktische Ebene
3.7. Die propagandistischen Absichten des Textes und seine Wirkung

4. Resümee

5. Quellen und Literatur
5.1. Quellen
5.2. Literatur

1. Einleitung

„Das ist das Geheimnis der Propaganda: den, den die Propaganda fassen will, ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne daß er überhaupt merkt, daß er durchtränkt wird.“[1]

Im Juli 2004 jährte sich zum sechzigsten Mal der Tag des Attentatsversuches auf Adolf Hitler. Mittlerweile findet die Tat der Verschwörer von damals allgemeine Anerkennung und wird als das geschätzt, was sie auch für diese verkörpert hatte: die Auflehnung des anderen Deutschlands gegen die Terrorherrschaft und das menschenunwürdige Vorgehen im Krieg.[2]

Der Umgang mit dem Widerstand im Dritten Reich war von Anfang an schwierig, mit verschuldet auch durch die deutsche Teilung und die verschiedenen ideologischen Interessen auf beiden Seiten.[3] Fest steht, dass vor allem die Tat vom 20. Juli, die in ihrer Vorbereitung über weite Kreise verschiedener Widerstandsgruppen gespannt war, bis in die fünfziger Jahre hinein von weiten Teilen der Bevölkerung als Vaterlandsverrat[4] angesehen wurde. Erst mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1955 fand ein Umdenken statt und man instrumentalisierte die Tat der Militärs für seine Zwecke, um die positiven Tugenden des deutschen Militärs zu zeigen und zu betonen, dass sie es ja waren, die sich einst gegen Hitler auflehnten.[5]

Wie kam es aber dazu, dass die deutsche Öffentlichkeit noch in den fünfziger Jahren im deutschen Widerstand nur den Hochverrat, nicht aber die heldenhaften Taten im Kampf gegen ein Unrechtsregime sah? Zum einen taten sich die Siegermächte schwer das andere Deutschland anzuerkennen[6] und auch innerhalb der Nachkriegsgesellschaft bestand der Wunsch die Vergangenheit so schnell wie möglich zu vergessen.[7] Einen großen Beitrag dazu hat wahrscheinlich auch die nationalsozialistische Propaganda geleistet, die besonders nach dem Attentatsversuch noch einmal in vollem Maße eingesetzt wurde, um die nationalsozialistische Sicht auf die Ereignisse zu verbreiten.

Die vorliegende Arbeit will deshalb untersuchen, wie die Nationalsozialisten die Propaganda für ihre Zwecke eingesetzt und welche spezifischen Merkmale und Strategien sie dabei angewendet haben. Als konkretes Beispiel wird dabei die Rundfunkansprache Adolf Hitlers benutzt, die er noch am Abend des 20. Juli hielt, um sein Volk zu beruhigen. An dieser Rede soll untersucht werden, wie die Nationalsozialisten bis zum Schluss das gesprochene Wort für sich gebrauchten um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen und zu beeinflussen.

2. Bedeutung der Propaganda für die Nationalsozialistische Herrschaft

Im Laufe der Weimarer Republik gelang es der NSDAP unter der Führung Adolf Hitlers mit einer Weltanschauung, die aus einem Wirrwarr aus Vorstellungen und Meinungen bestand, die ausnahmslos bereits vor der Entstehung der NSDAP in der Gesellschaft Deutschlands und Österreichs anzutreffen waren, sich den Deutschen als Anwalt ihrer vagen Wünsche und Sehnsüchte darzustellen. Zur Vermittlung dieses Gefühls war die Propaganda eines ihrer wichtigsten Herrschaftsmittel, das durch die Fähigkeit Hitlers, die Massen aufzuputschen und seines wichtigsten Propagandisten Josef Goebbels, der schon früh die Bedeutung von Film und Funk für die Beeinflussung der Massen erkannte, erfolgreich angewendet wurde.[8]

Joachim Fest geht noch einen Schritt weiter, indem er behauptet, dass der Nationalsozialismus an sich Propaganda, die sich als Ideologie ausgab, gewesen sei, das heißt ein Machtwille, der sich seine ideologischen Theoreme nach dem jeweils größten psychologischen Nutzeffekt formte und seine Postulate aus den souverän aufgespürten Stimmungen und Triebrichtungen der Massen bezog.[9]

2.1. Definition des Begriffes

Propaganda ist die Bezeichnung für alle Maßnahmen des Nationalsozialismus zur einheitlichen Ausrichtung des Volkes in allen politischen Fragen[10], wobei Ausrichtung die Indoktrination bedeutet, um das Volk auf die nationalsozialistische Linie zu bringen.[11]

Propaganda als die gezielte Beeinflussung eines anonymen Publikums durch Massenmedien war in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ein relativ neues Phänomen, das die Öffentlichkeit fasziniert zur Kenntnis nahm. Es war eine ausgefeilte, wissenschaftlich zu begreifende Methode mit deren Hilfe sich auf kalkulierte Weise kommerzielle oder politische Effekte erzielen ließen.[12]

Von Anfang an war deutlich, dass der Meinungssteuerung hohe Priorität eingeräumt wurde. Goebbels betonte immer wieder die dynamische Rolle der Propaganda und die Absicht, die Menschen solange zu bearbeiten, bis sie dem System verfallen seien. Eine geistige Mobilmachung war geplant mit dem Ziel, die Menschen für die nationalsozialistischen Ideale zu gewinnen und psychologisch auf den Krieg vorzubereiten.[13]

Vor 1933 bestand das Ziel der Partei darin, die Macht im Staat zu erlangen. Danach sollten die Menschen jenen Zielen zugeführt werden, die mit der großen Zukunftsvision des Führer s verknüpft waren, die aber nie genau benannt wurden.[14]

2.2. Organisation

Nach der Machtergreifung wurden den Deutschen die Auffassungen Hitlers in einem Propaganda- und Schulungsprozess ohnegleichen eingetrichtert. Tageszeitungen und Rundfunk, Film und Theater, Schule und NS-Organisationen wetteiferten in der Vervielfältigung der Parolen des Führers. In Gedichten, Liedern und Lesestücken wurden die Ideen Hitlers verarbeitet.[15]

Seit 1929 war Josef Goebbels für die Parteipropaganda zuständig. Am 12. März 1933 übernahm er die Führung des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.[16] Seine Position auf dem Feld der Propagandapolitik war einzigartig, da er die wichtigsten diesbezüglichen Ämter in Partei und Staat in seiner Hand vereinte. So war er Reichspropagandaleiter und Präsident der Reichskulturkammer.[17] Seine Aufgabe und sein Ziel hatte er klar vor Augen, als er bei der Amtsübernahme erklärte, dass die Regierung die Absicht verfolge, das Volk nicht mehr sich selbst zu überlassen. Die Aufgabe des Ministeriums sei es, eine politische Gleichschaltung zwischen Volk und Regierung zu erreichen.[18]

In dem Bemühen, die öffentliche Meinung entsprechend den Richtlinien der NS-Propaganda umfassend zu beeinflussen und begeisterten Beifall für die Errungenschaften des Regimes zu wecken, wurde kein Kommunikationsmittel ausgelassen und die Gleichschaltung in allen Bereichen eingeleitet[19], so dass es fast keinen Lebensbereich gab, der nicht von propagandistischen Elementen durchdrungen war.[20]

Die doktrinären, organisatorischen und inhaltlichen Strukturen des NS-Propagandaapparates formierten sich während der Kampfzeit. 1920 wurde so der Völkische Beobachter als Zentralorgan erworben. Daneben bestand eine breite Gaupresse und Propagandabroschüren, deren Adressaten zunächst die Mitglieder waren.[21] Obwohl auch in Kleinmitteln wie zum Beispiel Flugblättern massenwirksame Werbeträger erkannt wurden, setzte man dennoch auf den direkten Kontakt zur Masse und daher vor allem auf den Kundgebungsstil, d.h. öffentliche Großveranstaltungen, Propagandamärsche und Werbefahrten.[22] Hier stand das gesprochene Wort in der aggressiven Rede im Mittelpunkt, dem auch Hitler die entscheidende Rolle innerhalb der Propaganda zugestand.[23] Zusammen mit der Bild- und Symbolwirkung wurden solche Veranstaltungen zum sinnlichen Gesamterlebnis. Dabei stand eine Ästhetik, die durch sinnliche Bilder schönen Schein erzeugt, im Mittelpunkt.[24]

Nach der Machtergreifung galt es die nationalsozialistische Weltanschauung dem gesamten Volk zu vermitteln. Dazu war es nötig Kontrolle über die in den Medien vermittelten Ideen zu erlangen. Durch die Gleichschaltung der Medien, den Aufbau eines propagandistischen Lenkungsapparates und die Kodifizierung der neuen Machtverhältnisse schaffte man die Voraussetzung für die vollständige Erfassung des Menschen[25] und Instrumente, mit denen sie Andersdenkende abkanzelten und für ihre eigenen unmenschlichen Ziele trommelten.[26] Als Kontrollorgan wurde am 13. März 1933 das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda eingerichtet.

Die Kontrolle der Medienlandschaft machte einen wichtigen Punkt der Massenbeeinflussung aus, die ab jetzt nur noch gefilterte Nachrichten erhielten, die den Absichten des Regimes dienlich waren. Die Folge war die totale Kontrolle von Presse, Rundfunk, Film und Kulturleben. So führte das System der direkten Presselenkung durch tägliche Pressekonferenzen zu einer sterilen Uniformität der Presse.[27] Dem stand auch die Rundfunklenkung in nichts nach, da der Rundfunk schon in der Weimarer Republik verstaatlicht wurde, konnte die Bewegung dieses Medium von Anfang an für die Parteiwerbung nutzen und das Radio wurde „das Medium der Massenpropaganda“.[28] Als modernstes Medium der Zeit entsprach es zudem vollständig der nationalsozialistischen Weltanschauung.[29] Die Übertragung von Reden – vor allem derer Hitlers – nahm einen wichtigen Platz ein, da so ein größeres Publikum erreicht werden konnte. Daneben hatte der Rundfunk aber auch die große Aufgabe die Hörerschaft zu unterhalten und so maßgeblich an der Aufrechterhaltung der Stimmung im Volk mitzuwirken. Dass dieses brandneue Medium zur Wirksamkeit gelangen konnte machte es notwendig, dass auch möglichst viele Menschen in den Besitz eines Rundfunkempfängers kamen. Seit Mai 1933 forcierte man daher die Herstellung des Volksempfängers und ab 1938 kam der Deutsche Kleinempfänger auf den Markt. Da der Mangel an Geräten dennoch nicht bis ins letzte behoben werden konnte, wurde der so genannte Gemeinschaftsempfang eingeführt, der nicht nur gewährleistete, dass die Leute die Möglichkeit hatten, Radio zu hören, sondern gleichzeitig eine Kontrolle des Hörverhaltens gewährleistete. Während des Krieges war der Rundfunk ein Mittel zur Steuerung der aktuellen Stimmung und Informationslage.[30] Zu diesen beiden Bereichen, die zu großen Teilen der eindeutigen politischen Meinungsbildung dienlich sein sollten, traten die Propagandabestrebungen innerhalb des Film- und Kunstbereiches. Vor allem der neue deutsche Film sollte als Propagandawaffe eingesetzt werden. Mit Stoffen, die die Herzen ergreifen und das wahre Leben widerspiegeln sollten und Dialogen in der Sprache des Volkes geschrieben und für jeden verständlich, sollte der Film zur Kraftquelle für die Menschen werden. Mit den Wochenschauen, die vor dem Film gezeigt wurden, behielten die Zuschauer aber auch den Kontakt zu ihrem Führer und zur politischen Situation.[31]

Auf kultureller Ebene bedeutete der Nationalsozialismus das Ende des kreativen künstlerischen Schaffens in der deutschen Öffentlichkeit.[32] Die bildende Kunst sowie die Literatur wurden in den Dienst völkisch-nationalsozialistischer Weltanschauung gestellt und auf die Funktion reduziert zum Aufbau und zur Festigung des neuen Reiches im Geiste beizutragen.[33] Die Ausstellung Entarteter Kunst sollte die moderne Kunst diffamieren[34] und die öffentlichen Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 wurden zum Symbol der Vernichtung entarteter Literatur.[35] Die Architektur und Baukunst dieser Zeit, die sich vor allem in Monumentalbauten zeigte, sollte den Ewigkeitscharakter des Regimes symbolisieren, die Dominanz der Staatsmacht unterstreichen und so gleichzeitig der Einschüchterung dienen.[36]

2.3. Grundsätze und Formen

Die voran gegangenen Ausführungen zeigen, dass Propaganda ein Schlüsselbegriff der nationalsozialistischen Politik war.[37] So betonte zum Beispiel Josef Goebbels in einer Nürnberger Rede am 7. September 1934 ihren besonderen Stellenwert: „Die Propaganda rangiert unter den Künsten, mit denen man ein Volk regiert, mit an erster Stelle.“[38]

Von Anfang an war Adolf Hitler einer der Hauptpropagandisten der Bewegung, der auch maßgeblich das Propagandakonzept der Partei entwickelte und bereits 1924/25 in seinem Buch Mein Kampf festhielt.[39] Dabei entwickelte er kein neues Konzept von Menschenbeeinflussung, sondern orientierte sich an den Strömungen seiner Zeit. Die fünf wesentlichen Aspekte seiner Beobachtungen, an die er in seiner Theorie anknüpfte waren zum Ersten das Vorbild der britischen Kriegspropaganda[40], zum Zweiten die Agitations- und Propagandabeispiele der Arbeiterbewegung[41] und drittens das Beispiel der modernen Geschäftsreklame[42], die zielgruppenorientiert und aussagereduziert war und einprägsame Markennamen und Symbole verwendete, ihr Produkt visualisierte und unterbewusste Wünsche ansprach. Hinzu kamen die Berücksichtigung von Massenpsychologie[43] und der Behaviorismustheorie[44]. Unter Berücksichtigung dieser Vorbilder schaffte es Hitler dieses neue Instrument für seine Zwecke und seine Partei zu instrumentalisieren.[45]

Immer war es Ziel das Grundvertrauen zwischen dem Volk und der NS-Führung herzustellen. Dieses sollte sich durch die Einordnung in die Volksgemeinschaft, in einer allgemeinen Zufriedenheit und in der widerspruchslosen Unterordnung unter die nationalsozialistische Führung äußern. Das einmal hergestellte Grundvertrauen bildete die Voraussetzung für die psychologische Kriegsmobilisierung und die Aufrechterhaltung der Kriegsmoral.[46]

Wenn man sich die 12 Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft ansieht, scheint die Alltagspropaganda durchaus erfolgreich gewesen zu sein, da sich keine gefährliche Opposition bilden konnte und die Anpassung der Bevölkerung an die bestehende Ordnung überwog. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass eine massive Verhaltensänderung der Bevölkerung nicht erreicht werden konnte[47] und das Fehlen regimekritischer Äußerungen darauf zurück geführt werden muss, dass die Angst vor Strafe und Gewalt größer war als der Unmut über bestimmte Situationen.[48]

Insgesamt war die nationalsozialistische Propaganda ein Instrument sozialer Kontrolle mit der primären Funktion bestimmte Themen zu besetzen und den Diskurs dieser Themen im vorgegebenen Bahnen zu lenken. Auf diese Weise entsteht eine ganz spezifische Art von regulierter Öffentlichkeit. Von der Bevölkerung wurde eine Verhaltensanpassung verlangt, also das jeweilige Thema nicht in anderer Weise, als von der Propaganda vorgesehen, öffentlich zu behandeln und durch bestimmte Gesten sichtbar Zustimmung zu dokumentieren; Nichtbefolgung dieser Verhaltensregeln wurde geahndet.[49]

2.3.1. Führer Mythos

Ab 1925/26 begann Adolf Hitler den Führerkult innerhalb seiner Partei auf- und auszubauen. Sich selbst sah er dabei als oberste Instanz und die Parteimitglieder als persönliche Gefolgschaft an. Mit dem zunehmenden Erfolg der Partei und schließlich ihrem Einzug in den Reichstag wurde dieser Kult immer mehr ausgebaut. Ein großer Teil des Volkes war bald von einer Art Wahn ergriffen, der sich ganz auf Hitler bezog. Diese Allpräsenz des Führer s wurde mit allen Mitteln der Propaganda, der Erziehung und des Terrors durchgesetzt und machte Hitler schließlich zum integrativen Faktor der Bewegung.[50]

„Kein Schul- und kein Amtszimmer ohne Hitlerbild; Adolf-Hitler-Straßen und -Plätze; der tägliche Gruß lautete ‚Heil Hitler!’; Lieder, Gedichte und Lesestücke zur Verherrlichung des ‚Führer s ’; jeder deutsche Junge, jedes deutsche Mädchen gehörten vom 10. bis zum 18. Lebensjahr der Hitlerjugend an; die Soldaten wurden ab 1934 durch einen ‚heiligen Eid’ verpflichtet, Hitler ‚unbedingten Gehorsam’ zu leisten. Die Verherrlichung des ‚Führer s ’ verstieg sich bis zu gebetähnlichen Formeln, in denen Hitler der gleiche Rang wie Christus zuerkannt wurde. Hier zeigte sich der pseudoreligiöse Charakter des Nationalsozialismus am deutlichsten“.[51]

Die Menschen mochten zwar gegen die Partei sein, standen aber für ihren Führer.

Zunächst wurde von den Propagandisten der Anschein erweckt, Hitler sei eine neue und andere Art von Reichskanzler. Mit Bezug auf seine Herkunft wurde so der Ausdruck des Volkskanzlers geprägt.[52] Nachdem die Macht einmal in den Händen der Nationalsozialisten lag, begann sich die Propaganda voll und ganz auf Hitler zu konzentrieren und in ihm den Angelpunkt der nationalen Wiedergeburt zu feiern.[53] das einzige öffentliche Hitlerbild stammte dabei von Goebbels.[54] Diese inszenierte Begeisterung war zum einen ansteckend, führte zum anderen aber auch dazu, Zögerliche zu isolieren.[55] Der Kult um Hitler wurde zu einer Art säkularisierten Glaubens, der an die bekannten Muster der Kirche anknüpfte und so die vorgeformten Gefühle der Menschen bediente.[56] Durch die politische Ausschaltung einer organisierten Gegenloyalität blieb es den Leuten nur noch, sich mit dem Regime zu vereinbaren. Die zunehmende Ausdehnung des Hitlergrußes von der NSDAP auf die gesamte Bevölkerung, das einfache „Heil Hitler!“ wurde zum äußeren Bekenntnis der Unterstützung des Regimes. Dieser Deutsche Gruß war sowohl Propaganda als auch Zwang.[57]

Der Führerkult entsprach dem Zeitgeist. Wie lange hatten sich die Menschen während der Weimarer Republik nicht einen starken Mann gewünscht[58], der ihnen aus dem Jammertal wieder heraushelfen sollte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Hitler-Mythos eine wichtige stabilisierende und integrierende Funktion besaß, indem er Unzufriedenheiten entschärfte und eine Sphäre der nationalen Politik und des nationalen Interesses schuf, die sich außerhalb der Normalität des Alltags befand und selbst Regimekritiker dazu brachte, wichtige Elemente der NS-Herrschaft zu unterstützen. Besonders erfolgreich war diese Strategie aber bei politisch naiven und wirtschaftlich armen Menschen.[59]

Das Führerbild hing immer eng mit der allgemeinen politischen Situation zusammen. So ist es nicht verwunderlich, das der Aufbau eines überdimensionalen Hitlerbildes ab 1934, nach dem Tode Hindenburgs und der Verschmelzung von Reichspräsident und Reichskanzler in der Person Hitlers, besonders intensiv betrieben wurde.[60] Der Hitler-Mythos war zur Grundlage des deutschen Regierungssystems geworden[61] und begann bald auch das Staatsrecht zu bestimmen und Lehren vom Führerstaat nach sich zu ziehen.[62] Die scheinbaren Leistungen und Erfolge des Regimes beeindruckten und wurden Hitler persönlich zugeschrieben. Kaum jemand konnte sich dem allgegenwärtigen Hitler-Mythos in den Medien entziehen, doch war die Propaganda nur dort wirksam, wo naive Bereitschaft, ungebundenem politischen Führertum Glauben und Vertrauen zu schenken, kultiviert worden und weit verbreitet war.[63]

[...]


[1] Goebbels, Rede vom 25.3.1933. Zitiert nach: Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin, New York 2000, S. 479.

[2] Riescher, Gisela: Militärischer und Ziviler Widerstand. In: In: Hampel, Johannes (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Bd. 3 Das bittere Ende 1939-1945. München 1993. S. 254.

[3] Reich, Ines: Das Bild vom deutschen Widerstand in der Öffentlichkeit und Wissenschaft der DDR. In: Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bonn 1994. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 323), S. 557-571. – Toyka-Seid, Christiane: Der Widerstand gegen Hitler und die westdeutsche Gesellschaft: Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte des „anderen Deutschland“ in den frühen Nachkriegsjahren. In: Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bonn 1994. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 323), S. 572-581.

[4] Der Name Bonhoeffer ist durch Dietrich Bonhoeffer zu einem Synonym für kirchlichen Widerstand geworden. Emmi, die Frau von Klaus Bonhoeffer, der wie sein Bruder in verschiedenen Widerstandskreisen aktiv war, erzählte in einem Interview, dass ihre Tochter noch in den 50er Jahren von einem Mann der sie im Auto mitnahm, als „armes Verräterkind“ bezeichnet wurde, nachdem sie ihm von ihrem Vater erzählt hatte. Vgl.: Meding, Dorothee von: Mit dem Mut des Herzens. Die Frauen des 20. Juli. Berlin 1994, S. 64.

[5] Vgl.: Reich, S. 571.

[6] Steinbach, Peter: Die Auseinandersetzung mit dem Widerstand in beiden deutschen Staaten nach 1945. In: Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bonn 1994. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 323), S. 553.

[7] Toyka-Seid, S. 573.

[8] Hampel, Johannes: Hitlers „Mein Kampf“ als neue Bibel. Die Weltanschauung der Nationalsozialisten. In: Hampel, Johannes (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Bd. 1 Machtergreifung und Machtsicherung 1933-1935. 3. Aufl. München 1994. S. 89.

[9] Fest, Joachim C.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. 9. Aufl. München, Zürich 1988, S. 119f.

[10] Schmitz-Berning, S. 475.

[11] Schmitz-Berning, S. 81.

[12] Longerich, Peter: Nationalsozialistische Propaganda. In: Bracher, Karl Dietrich; Funke, Manfred; Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.): Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. 2. erg. Aufl., Bonn 1993. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 314; Studien zur Geschichte und Politik), S. 292.

[13] Kershaw, Ian: Hitlers Macht. Das Profil der NS-Herrschaft. 3. Aufl. München 2001, S. 130.

[14] Kershaw, Hitlers Macht, S. 135.

[15] Hampel, S. 107.

[16] Kershaw, Hitlers Macht, S. 129.

[17] Fix, Elisabeth: Das Herrschaftssystem des Dritten Reiches. Der „Führerstaat“ zwischen Anspruch und Realität. In: Hampel, Johannes (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Bd. 2 Friedenspropaganda und Kriegsvorbereitung 1935-1939. 2. Aufl. München 1993, S. 70.

[18] Fest, S. 133.

[19] Kershaw, Hitlers Macht, S. 130.

[20] Schwierig ist es dabei, die genauen Wirkungen bei der Bevölkerung zu erfassen, da es wenige Äußerungen gibt und diese stark auf ihre Objektivität überprüft werden müssen.

[21] Longerich, S. 294.

[22] Longerich, S. 295.

[23] Vgl. die entsprechenden Kapitel in Mein Kampf, die im Folgenden noch eingehender betrachtet werden sollen.

[24] Longerich, S. 295, 308. – Schor, Ambros: Erziehung, Propaganda und Kunst in der Hand der NSDAP. Der totale Zugriff des Staates auf den Menschen. In: Hampel, Johannes (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Bd. 1 Machtergreifung und Machtsicherung 1933-1935. 3. Aufl. München 1994, S. 125.

[25] Fest, S. 65. Longerich, S. 296.

[26] Schor, S. 125.

[27] Longerich, S. 298f. – Schor, S. 125-127.

[28] Schor, S. 128.

[29] Schor, S. 128.

[30] Longerich, S. 299-301.

[31] Fix, Elisabeth: „Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft“. Nationalsozialistische Erziehung, Sprach- und Kulturpolitik im Zweiten Weltkrieg. In: Hampel, Johannes (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Bd. 3 Das bittere Ende 1939-1945. München 1993, S. 188. – Schor, S. 130f.

[32] Schor, S. 139.

[33] Fix, Erziehung, Sprach- und Kulturpolitik, S. 181.

[34] Schor, S. 133.

[35] Schor, S. 137.

[36] Fix, Erziehung, Sprach- und Kulturpolitik, S. 193.

[37] Longerich, S. 291.

[38] Schor, S. 123.

[39] Longerich, S. 291.

[40] Mein Kampf, S. 193f., 199, 201f., 522, 533.

[41] Mein Kampf, S. 193, 528f., 532.

[42] Mein Kampf, S. 200, 203.

[43] Hitler betont immer wieder, dass der Adressat der Nationalsozialistischen Propaganda die ungebildete Masse sein sollte. Mein Kampf, S. 196-198, 201, 203. Besonders im Kapitel über die Bedeutung der Rede beschreibt er psychologische Kriterien, die zu berücksichtigen sind. Mein Kampf, S. 518-537.

[44] In der Grundidee des Behaviorismus, Verhaltensmodifikationen durch Konditionierung zu erreichen, liegt die wissenschaftliche Begründung für die zeitgenössische Überzeugung von der mechanischen Beherrschbarkeit des in der Masse aufgelösten Individuums. Mit Redewendungen wie „ sich den Gehirnen der Menschen eingraben“ oder „ Dann war es die Aufgabe […] Schlag um Schlag das Fundament ihrer bisherigen Einsichten zu zertrümmern und sie schließlich hinüberzuleiten auf den Boden unserer Überzeugung und unserer Weltanschauung“ zeigt Hitler, dass auch er an diese Theorie glaubte . Mein Kampf, S. 520, 522.

[45] Longerich, S. 292f.

[46] Longerich, S. 311.

[47] Longerich, S. 312.

[48] Joachim Fest weist darauf hin, dass in der Kombination von Propaganda und Terror das konstituierende Element totalitärer Staatsführung liege. Fest, S. 132. – Von Beginn an war die NS-Bewegung mit der SA verbündet, die als Terror- und Druckinstrument die schlagkräftigen Argumente lieferte. Vgl. auch: Longerich, S. 291.

[49] Longerich, S. 313.

[50] Vgl.: Fest, S. 16.

[51] Hampel, S. 104.

[52] Vgl.: Fest, S. 17.

[53] Kershaw, Ian: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Stuttgart 1999, S. 73.

[54] Fest, S. 65, 120. – Kershaw, Hitler-Mythos, S. 77.

[55] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 78.

[56] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 79.

[57] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 81.

[58] Vgl.: Kershaw, Hitlers Macht, S. 132.

[59] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 87.

[60] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 91.

[61] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 101. – Kershaw, Hitlers Macht, S. 132.

[62] Fix, Elisabeth: „ Führer befiehl, wir folgen dir!“ Das nationalsozialistische Herrschaftssystem im Zweiten Weltkrieg. In: Hampel, Johannes (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Bd. 3 Das bittere Ende 1939-1945. München 1993, S. 99. – Kershaw, Hitler-Mythos, S. 92. So bezieht sich auch die einzige Änderung in Hitlers „Mein Kampf“ auf diesen Punkt des Führerprinzips. Vgl.: Zentner, Christian: Adolf Hitlers Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl. 8. Aufl. München, Leipzig 1992, S. 11f.

[63] Kershaw, Hitler-Mythos, S. 103f.

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Details

Titel
Nationalsozialistische Propaganda - Das letzte Aufleben des Hitlermythos nach dem Attentat vom 20. Juli 1944
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
42
Katalognummer
V44286
ISBN (eBook)
9783638419154
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialistische, Propaganda, Aufleben, Hitlermythos, Attentat, Juli
Arbeit zitieren
Katja Böttche (Autor), 2005, Nationalsozialistische Propaganda - Das letzte Aufleben des Hitlermythos nach dem Attentat vom 20. Juli 1944, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44286

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