Feminismus und Liberalismus in der Moraltheorie. Widerspruch oder Bedingung?


Hausarbeit, 2007
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik am Liberalismus: Anette Baier
2.1 Die liberale Teilung der Lebenssphären
2.2 Geschlechtsneutralität und Universalismus

3. Das Konzept der Autonomie als liberale Grundlage: Marilyn Friedman
3.1 Antworten auf die feministische Kritik
3.2 Autonomie und soziale Beziehungen

4. Feministischer Liberalismus: Martha Nussbaum
4.1 Individuum und Gemeinschaft
4.2 Der Liberalismus kann vom Feminismus lernen

5. Fazit: Widerspruch oder Bedingung?

6. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

In der modernen Moralphilosophie erfreut es sich einiger Beliebtheit, liberale Theorien über Bord zu werfen und diese fundamental zu kritisieren. Vor allem feministische Philosophinnen wie Anette Baier lassen kein gutes Haar an den männlich geprägten Theorien von Kant bis John Rawls. Sie sehen sich von diesen „malestream“ Theorien, die den Ideen des Liberalismus anhängen, schlecht in ihrer Sache vertreten. Sind Liberalismus und dessen Theorien tatsächlich mit feministischen Ideen von Gleichstellung und Selbstbestimmung inkompatibel? Die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Martha Nussbaum meint nein. Im Gegenteil, sie ist der Meinung, dass nur mit liberalen Ideen als Grundlage eine feministische Theorie und sogar eine politische Praxis entwickelt werden, die traditionelle Herrschaftsbilder hinterfragt und unterdrückten Frauen zu ihrem Recht auf Selbstbestimmung verhelfen kann. Die Konfliktlinie dieser beiden Schulen in feministischer Philosophie soll das Thema dieser Seminararbeit sein. Taugen von Männern entworfene liberale Theorien als Grundlage für eine Theorie der Gleichberechtigung, oder ist es nicht vielmehr so, dass diese Theorieschule mit ihrer Konzentration auf moralische Pflichten und Regeln den eigentlichen Kern, nämlich die persönlichen Beziehungen der Menschen untereinander und vor allem der Frauen zu ihren Kindern zu ihren Ehepartnern und zu Männern zu sehr ausklammern um für Veränderungen in ungerechten Herrschaftsverhältnissen unter den Geschlechtern brauchbar zu sein. Im ersten Teil der Arbeit soll ein Überblick der Kritik von Seiten feministischer Philosophinnen anhand von Anette Baier gegeben werden. Es soll aufgezeigt werden, warum diese Autorin gänzlich neue Moraltheorien fordert, die mit der liberalen Tradition der politischen Philosophie brechen und Fehler und Versäumnisse ihrer männlichen Kollegen aufdecken sollen. Im zweiten Teil der Arbeit soll eine Position zwischen pro und contra Liberalismus anhand des Autonomiekonzepts von Marilyn Friedman aufgezeigt werden. Sie entwickelt die liberale Idee der Autonomie des Individuums weiter, so dass es mit der Idee der Emanzipation kompatibel wird. Im dritten Teil der Arbeit wird die Gegenposition zur feministischen Kritik am Liberalismus dargestellt, die in dieser Arbeit hauptsächlich von Martha Nussbaum vertreten wird. Zwar kritisiert auch sie die Versäumnisse der liberalen Theoretiker, kann sich aber eine Theorie, die Geschlechtergleichstellung beinhalten soll, nicht ohne liberale Grundlagen aus den Theorien von Mill und Kant vorstellen. Im letzten Teil werden die beiden Positionen gegenübergestellt und vor dem Hintergrund auch aktueller Entwicklungen bewertet. Hierbei soll die Frage beantwortet werden: Stehen sich Feminismus und Liberalismus zwangsläufig widersprüchlich gegenüber? Oder braucht eine feministische Theorie sogar den Liberalismus als theoretische Grundlage? Im Fazit der Arbeit soll auch kurz auf eventuelle Vorurteile des Autors selbst, was feministische Theorien angeht eingegangen werden und ob diese mit der Forschungsarbeit an dem Thema ausgeräumt oder sogar bestätigt wurden.

2. Kritik am Liberalismus: Anette Baier

„For the moral tradition which developed the concept of rights, autonomy, and justice is the same tradition that provided „justifications“ of the oppression of those whom the primary rightsholders depended on to do the sort of work they themselves preferred not to do.“ (Baier 1994, S. 25)

In ihrem Aufsatz „What Do Women Want In a Moral Theory“ beginnt Annette Baier mit einer Erklärung der unterschiedlichen Herangehensweisen der Geschlechter an die Themen Moral und Tugenden. Sie erläutert Unterschiede in der Methode des philosophischen Nachdenkens, Unterschiede im Erkenntnisspektrum der Ansätze, sowie im Gegenstand eine Konzentration der weiblichen Autorinnen auf Bereiche der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es handelt sich bei dieser Differenzierung um eine erkenntnisleitende Annahme aller feministischen Ansätze: „Die gender-Zugehörigkeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler macht einen Unterschied. Die gleichen Dinge haben für Männer und Frauen nicht die gleiche Bedeutung.“ (Ebbecke-Nohlen 2004, S.231) An dieser Argumentation setzt die Kritik der Feministinnen am Liberalismus an. Wenn die Geschlechter grundlegend verschieden sind, können egalitäre formal garantierte Rechte für alle Individuen, die liberale Ansätze fordern, nicht zur realen Gleichberechtigung in allen Sphären des Lebens führen. Im Gegenteil, sie erhalten mit ihrer Ausrichtung auf Autonomie und Selbstbestimmung des Einzelnen eher den Status quo der ungleichen Chancenverteilung, was sich besonders in der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung in der Gesellschaft bemerkbar macht. (Vgl. Nash 2000, S.304)

2.1 Die liberale Teilung der Lebenssphären

Ein weiterer Kritikpunkt von feministischer Seite, den auch Baier aufgreift, ist die im Liberalismus geforderte Trennung der politischen, also öffentlichen Sphäre von der privaten, vor Staatsintervention zu schützenden, Sphäre des Individuums. Wie schon im Einganszitat angedeutet, ist es vor allem der Bereich der Hausarbeit und Kindererziehung, der vom Liberalismus zur Privatsphäre gerechnet wird und somit von liberalen Rechten zur Gleichstellung der Geschlechter nicht berührt wird: „[…]: it devides society into the political and non-political, reinforcing the idea that relations between the sexes are ‚natural’ and therefore outside the law in a self-perpetuating system of oppression“ (Nash 2000, S.304). Selbst bei einer modernen liberalen Theorie, wie der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls erkennt Baier Defizite in der Würdigung der Beziehungen zwischen den Menschen in der privaten Sphäre. Sie fordert mehr als Rawls Gerechtigkeit, die nach ihrer Meinung eben nur in der öffentlichen Sphäre seine Auswirkungen voll entfaltet. Sie moniert, dass Rawls zwar die Rolle des Familienoberhaupts, egal ob männlich oder weiblich, hervorhebt, und diese Rolle vom „Schleier des Nichtwissens“ befreit werden muss, um eine gerechte Gesellschaft zu erreichen, es sich hierbei aber wohl auch bei Rawls um einen Mann handele. Für Baier gilt somit auch für Rawls Theorie: „Traces of the old patriarchal poison still remain in even the best contemporary moral theorizing“ (Baier 1994, S. 27). Die formale, rechtliche Gleichstellung, die in den klassischen Theorien hauptsächlich von John Stuart Mill gefordert wird, ist nach Baier größtenteils schon realisiert und wurde auch mit liberalistischen Mitteln von Feministinnen genutzt und durchgesetzt. Es wurden mit Hilfe der männlichen Vordenker durchaus benachteiligte exkludierte Gruppen wie Frauen oder Schwarze immer mehr ins System inkludiert und somit auch in der öffentlichen Debatte wahrgenommen. Diese Tatsache wird von Baier durchaus gewürdigt, trotzdem kann der Liberalismus nicht endgültig zum Ende der patriarchalischen Unterdrückung führen, weil er selbst das System der Unterdrückung geschaffen hat und aufrechterhält. Als problematisch erweist sich z.B. immer wieder das Beispiel der häuslichen Gewalt, die gesellschaftlich oftmals in die Ecke der Privatangelegenheiten gerückt wurde und trotz neuer, meist von Frauen geforderten und durchgesetzten Gesetze, einen für den liberalen Staat immer noch rechtlich schwierig zu fassenden Bereich darstellt. Für Feministinnen stellt ein Nichteingreifen des Staates in diesem Bereich ein Eingriff zu Gunsten der Unterdrückungsmechanismen der Ehe dar. (Vgl. Nash 2000, S.304)

2.2 Geschlechtsneutralität und Universalismus

Wie bereits erwähnt kritisieren Feministinnen die Blindheit der liberalen Theorien gegenüber geschlechterspezifischen Unterschieden, wie beispielsweise der Zustand der Schwangerschaft und die Möglichkeit, Kinder in die Welt zu setzen, die allein Frauen vorbehalten sind. Diese erheblichen Unterschiede können nun mal nicht von liberalen universalistischen Rechten, die für alle gelten sollen, erfasst werden. Somit ist die Bestrebung der liberalen Denker, Rechte und Institutionen zu entwickeln, die alle Menschen geschlechtsneutral behandeln, eine Illusion und wird de facto immer dazu führen, dass sich die universalen Rechte eher an Männern orientieren und Unterschiede unter den formal Gleichen in die private Sphäre verbannt werden. Annette Baier sieht hierin das Dilemma der liberalen Theorien. John Rawls beispielsweise klammert ihrer Meinung nach das Thema aus und hinterlässt somit Lücken in seiner Theorie, wie eine gerechte Gesellschaft funktionieren soll, ohne sich mit Fragen der gerechten Verteilung der Kosten unter den Geschlechtern für Kindererziehung, Verteidigung der Gesellschaft oder anderen oftmals als geschlechtsspezifisch eingestuften Tätigkeiten zu befassen: „Like most male moral theorists, Rawls does not discuss the moarilty of having children, refusing to have them, refusing to care for them, nor does he discuss how just institutions might equalize the responsibilities involved in ensuring that there be new members of society and that they become morally competent members of it, […]“ (Baier 1997, S.270). Für Baier beweist das Ausklammern der Geschlechterproblematik die Unfähigkeit liberaler männlich geprägter Moraltheorie, feministische Forderungen mit ihren universalistischen Ansprüchen in einer geeigneten Weise aufzugreifen, geschweige denn sie durchzusetzen. Liberalismus und Feminismus sind für sie ein Widerspruch, trotz der teils erfolgreichen Anwendung liberaler Mittel für den feministischen Zweck. (Vgl. Baier 1994, S.26)

3. Das Konzept der Autonomie als liberale Grundlage: Marilyn Friedman

„The oppressiveness of traditional moral practices does not necessarily undermine any of the presuppositions on which those practices depend. The presuppositions need not contain any of the oppressive content of the practices that presume them“ (Friedman 2003, S. 33).

Die Philosophin Marilyn Friedman befasst sich in ihrem Buch „Autonomy, gender, politics“ ausgiebig mit der liberalen Idee der Autonomie des Individuums und mit der von feministischer Seite vorgebrachten Kritik an dieser Idee. Sie entwickelt aus der Analyse der traditionellen Autonomiekonzepte und der Kritik an ihnen ein eigenes Konzept von Autonomie, welches zwar Defizite der liberalen und männlich geprägten Grundlagen von Autonomie aufzeigt, sie aber nicht komplett verwirft. Sie macht in ihnen ein Erkenntnispotential aus, dass andere Feministinnen zu übersehen scheinen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Feminismus und Liberalismus in der Moraltheorie. Widerspruch oder Bedingung?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Tugendethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V443745
ISBN (eBook)
9783668811126
ISBN (Buch)
9783668811133
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tugendethik, Feminismus, Liberalismus, Moraltheorie, Anette Baier, Marilyn Friedman, Martha Nussbaum
Arbeit zitieren
Benjamin Peschke (Autor), 2007, Feminismus und Liberalismus in der Moraltheorie. Widerspruch oder Bedingung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443745

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