Nationale Mythen. Wie der Wald in Deutschland "deutsch" wurde


Hausarbeit, 2015
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Entwicklung des Waldes zum Massensymbol
1. Romantik
2. Nationalismus
3. Tacitus und die Gemianen

III. Der Wald im Nationalsozialismus
1. Waldideologie nach Heinrich Riehl
2. Der Wald als Erzieher
3. ״Ewiger Wald“ - ein Kulturfilm des Nationalsozialismus

IV. Fazit

V. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

״Was sind das nur für Zeiten, wo / ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! / [.. .]1 a Wer würde heute erahnen können, dass ein Gespräch über Bäume hinsichtlich der verheerenden Schrecken des Nationalsozia­lismus in Deutschland ein Verbrechen sein kann, weil der Wald in einem nationalen Mythos besondere Bedeutung gefunden hat. Einem Mythos, den die Nationalsozialisten gezielt unter der deutschen Bevölkerung zu verbreiten versuchten, um eine Ideologie zu erschaffen, die den Wald in ein Massensymbol verwandelte. ״Der Wald, von dem die Nationalsozialisten spra­chen, war schon nicht mehr ganz ein Wald [.. .]“2, sondern war personifiziert als Erzieher und Vorbild, galt daneben aber auch als Religion und Gottes heiliges Werk. Er war Mythos, ״[...] der für einen bestimmten Konsum, [...] mit literarischen Gefälligkeiten, Revolten, Bildern versehen, kurz für einen bestimmten gesellschaftlichen Gebrauch zurechtgemacht wurde.“3 sagte der französische Mythenforscher Roland Barthes und könnte damit auch die national­sozialistische Waldsymbolik meinen. Wie und warum kam es dazu, dass sich der Wald als Symbol zu einem nationalen Mythos und Massensymbol der Nationalsozialisten entwickeln konnte? Um das ideologische Waldmodell der Nationalsozialisten zu verdeutlichen, soll der 1936 uraufgefiihrte Kulturfilm ״ewiger Wald“ als Beispiel dienen, der von dem NS-Ideologen und Vorsitzenden der NS-Kulturgemeinde Alfred Rosenberg in Auftrag gegeben wurde.

II. Die Entwicklung des Waldes zum Massensymbol

Dass sich der Wald im 20. Jahrhundert zu einem Massensymbol der Nationalsozialisten ent­wickelte, geschah nicht ohne Vorgeschichte. In den vorherigen Jahrhunderten wurde das symbolische Potenzial des Waldes in Deutschland schon genutzt und einhergehend mit der kulturellen Veränderung vorangegangener Epochen unterschiedlich verwendet.

1. Romantik

Bereits in der Epoche der Romantik um 1800 wurde der Wald als ein noch unpolitisches Natursymbol genutzt. In Malerei, Dichtung und Musik in dieser Epoche ist häufig das Motiv des Waldes als Vermittler von Gefühlen der Natursehnsucht, Waldliebe und ,Waldeinsam- keit’ zu finden. Ein Beispiel dafür ist das 1814 entstandene Werk ״Der Chasseur im Walde“4, von Caspar David Friedrich, das in folgendem Themenschwerpunkt noch einmal aufgegriffen werden soll. Auch die Belletristik war vom romantischen Bild der Natursehnsucht geprägt, in dem der Wald als Zufluchtsort im Sinne des romantischen Eskapatismus diente. Sogar in den zeitgenössischen Wissenschaften sind Schriften von Mythenforschem zu finden, die sich mit Sagen und Mythen von im Wald lebenden Geistern und Dämonen beschäftigen.

2. Nationalismus

Die in der Romantik postalierte Beziehung zwischen Wald und Volk, richtet sich mit dem aufkommenden Nationalismus um 1813 in eine politische Richtung. Mit den ,Befreiungskrie- gen’, die von 1813 bis 1815 andauerten und das Ende der französischen Vorherrschaft durch Napoleon Bonaparte in Europa bedeuteten begann die intellektuelle Suche nach den Spezifika deutscher, nationaler Identität. Das Waldsymbol eignete sich dabei vortrefflich um sich von französischen Werten abzugrenzen. Einher mit einer antifranzösischen, national orientierten Publizistik ging die politische Instrumentalisierung der Waldsymbolik als nationales Symbol. Im Zuge des Nationalismus und dem Ende der romantischen Bewegung ״ [...] sollte die Identifikation mit den Wäldern exklusiv zu etwas Deutschem werden.“5 Der Biologe Hans- jörg Küster schreibt dazu in seiner Geschichte des Waldes: ״Die Großflächige Aufforstung der deutschen Landschaft erklärte man daher insbesondere in den Grenzregionen mit Frank­reich zur ,nationalen Aufgabe’.“6 Caspar David Friedrich, Anhänger der nationalen Befrei­ungsbewegung in Dresden, nutzt ebenfalls die Waldsymbolik um sich in seinem Gemälde romantischer Fasson ״Der Chasseur im Walde“7 von 1814 politisch zu positionieren. Ein Mann der französischen Elitereiterei, erkennbar durch seinen Goldenen Helm, steht allein auf der Lichtung eines dunklen, verschneiten Waldes. Das Gemälde entstand nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig und der Niederlage seines Russlandfeldzuges. Unmissverständlich ist, dass das Bild auf den Niedergang des napoleonischen Heeres hinweist und der Mann sich in Folge der Niederlage allein auf deutschem Boden befindet, der in Forni von Wald symbolisiert wird.

3. Tacitus und die Germanen

Enorme politische Wirkung auf das nationale Waldbewusstsein hatte die Germania, eine Schrift des römischen Autors Tacitus, von 98 nach Christus, der von seinen Reisen durch das Land der Germanen berichtet, aber vor allem auch von seiner Überzeugung, dass der Ur­sprung der Gemianen in ihren Wäldern läge. Des Weiteren berichtet er von der Reinheit der Gemianischen Rasse: ״Ich selbst schließe mich der Ansicht an, daß sich die Bevölkerung Gemianiens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur durch sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist.“8 Die zeitgenössi- sehen Deutschen des 19. und 20. Jahrhunderts sahen sich als die direkten Nachfahren der Gemianen, deren kulturgeschichtliche, enge Beziehung zum Wald es sowohl in der Gegen­wart als auch in Zukunft nicht wieder aufzugreifen, sondem fortzusetzen galt. Der Wald hatte laut Tacitus neben seiner Urspmngsbedeutung bei den Gemianen auch die Bedeutung des Ortes der militärisch-politischen Versammlungen und seine Lichtungen und Haine galten als heilig. Der Nationalsozialist Hermann Göring sagte: ״ Wenn wir durch den Wald gehen, sehen wir Gottes herrliche Schöpfung [...] Das unterscheidet uns von jenem Volke, das sich auserwählt dünkt und das, wenn es durch den Wald schreitet, nur den Festnieter berechnen kann.“9 Diese Aussage stellt nicht nur den Bezug zu der heiligen Bedeutung des Waldes für alle ursprünglich gemianisch Stämmigen her, sondern markiert auch einen Wendepunkt in der Verwendung der Waldsymbolik. Der deutsche Wald ist nicht länger nur Bollwerk gegenüber den Franzosen, sondern unterscheidet sich als ״etwas exklusiv Deutsches“10 zwischen einem Volk des Waldes und einem ״Wüstenvolk“11. Mit ״jenem Volk“ könnte unter anderem das Volk der Juden gemeint sein, das laut der Nazi-Propaganda einem heimatlosen Dasein im Nomadentum entspringe und daher als ״wurzelloses Volk“12 und ״Wüstensprößling“13 anzu­sehen sei.

Die Waldsymbolik wird unter der NS - Herrschaft zu einer Waldideologie. Diese ist gleich­zeitig eine Bodenideologie. So wie Juden dem Wüstengmnd zugeordnet werden, wird das deutsche Volk dem Gmnd des Waldes zugeordnet. Der Naturgmnd des Teutoburger Waldes wird durch die Hermiannsschlacht sogar zum vemieintlichen Geschichtsgmnd des deutschen Volkes.14 Unter den Nationalbewegten gab es eine große Begeisterung für diese Schlacht, in der ein ,waldfremdes’, römisches Besatzungsregiment von den Germanischen Stänmien, die sich zusammen geschlossen hatten, geschlagen wurde und damit die langjährige Wald- und Volkszerstörung beendete.

III. Der Wald im Nationalsozialismus

1. Die Waldideologie nach Heinrich Riehl

Das nationalsozialistische Regime nutzte die nationalistische Waldsymbolik des vorangegan­genen Jahrhunderts stark als Teil von Partei- und Staatsideologie in ihrer Propaganda. Dabei wandelte sich die Funktion der Waldsymbolik abermals. Zu der repräsentativen Funktion des Waldes kam eine erzieherische Vorbildfunktion, in der der Wald als Denkfigur und Modell für eine gesunde Volksgemeinschaft dienen sollte, hinzu. Besondere Bedeutung hat für die Waldvorstellungen im Nationalsozialismus das 4-bändige Hauptwerk des Waldideologen Heinrich Riehl. In seiner Naturgeschichte des Volkes leitet er den nationalen Charakter vieler europäischer Länder aus ihrer Bodenbeschaffenheit ab. Die Dichotomie der Landschafts for­men Wald und Feld klären über das Kräfteverhältnis der jeweiligen Kulturen auf. Deutsche Wälder seien Trümmer gemianischer Waldfreiheit in denen die Verjüngungskraft der Zukunft liege.15 Der deutschen Kultur soll demnach ihre natürliche Kraft und Energie aus dem Wald wachsen und genauso würde diese, im Falle der Rodung, zerstört werden. Wie im Nationa­lismus des 19. Jahrhunderts wird Frankreich in eine Gegenbeziehung zum Wald gesetzt. In den französischen und englischen Provinzen seien die echten Wälder längst gerodet. Deshalb vegetiere dort ein ״halbwegs ausgelebtes Volkstum.“16 Damit dieses Schicksal dem deut­sehen Volk erspart bliebe, empfiehlt Riehl: ״Wir müssen den Wald erhalten, nicht bloß damit uns der Ofen im Winter nicht kalt werde, sondem [...] damit Deutschland deutsch bleibe.“17 Als Ausdruck dieses Denkens, könnte die Einrichtung des Reichsnaturschutzgesetzes (RNG) von 1935 sein, das Schutzzonen definierte und den bis heute erhaltenen Begriff des Land­Schaftsschutzgebietes einfiihrte. Der Gmß ״Wald Heil und Heil Hitler“ bezeugt den Willen der Nationalsozialisten den Wald als etwas dem Deutschen heiliges zu schützen. Ein anderes Zeugnis der nationalsozialistischen Waldideologie, dessen Spuren noch bis heute zu erkennen

sind, war die Errichtung von Hakenkreuzwäldem. Das waren Bäume, die in Form von Ha­kenkreuzen gepflanzt wurden, die jedoch nur aus der Luft erkennbar waren. ״Volksverhet- zung auf botanisch“18 lautet die Schlagzeile in der Zeitschrift Der Spiegel als die Geschichte des 1992 zufällig entdeckten Hakenkreuzwaldes in der Uckermark neu erzählt wird. Andere Zeugnisse, wie gepflanzte Hitler-Linden und Hitler-Eichen auf öffentlichen Plätzen, sorgen für weniger Skandal. Als Symbol für Treue, Standfestigkeit, nationale Einheit und die ״neue Zeit“ standen die Hitler-Bäume, um die sich noch heute unzählige Mythologien ranken.

[...]


1 Brecht, Bertholt (1939): An die Nachgeborenen, Paris, V6 f.

2 Erich Gritzbach (1938): Hermann Goring. Werk und Mensch, München: Eher.

3 Barthes, Roland (2010) 1957: Mythen des Alltags. Der Mythos ist eine Rede, 1. Auflage, Berlin: Suhrkamp Verlag, s. 252.

4 Friedrich, Caspar David: Der Chasseur im l/Va/de.1814, öl auf Leinwand, 66x47 cm, Dresden.

5 Lehmann, Albrecht U.a.(Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. Der deutsche Wald, München, 2001: C.H. Beck, s. 188.

6 Küster, Hansjörg: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, 1998, s. 183.

7 Friedrich, 1814.

8 Tacitus, p. Cornelius (2011) [98 n.Chr.]·.Germania. De origine et situ Germanorum Uber,λ. Aufl.,Stuttgart, Phillip Reclam jun. GmbH & CO KG.

9 Göring, Hermann zlt. nach. Erich Grltzbach (1938): Hermann Göring. Werk und Mensch, München: Eher, s 111.

10 Vgl. Lehmann, 2001.

11 Zechner, Johannes: Von ״deutschen Eichen“ und ״ewigen Wäldern“. Der Wald als National­Politische ProjektionsflächeArw Hg. Ursula Breymayer. Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald. {1. Aufl.}, {Sandstein Verlag} Dresden, 2011 ,s. 231-234.

12 Vgl. Zechner, 2011.

13 Vgl.Ebd.

14 Vgl. Ebd.

15 Vgl. Lehmann, 2001.

16 Vgl. Ebd.

17 Riehl, Wilhelm [u.a.](1856): Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social- politiķi, S.48.

18 Kringel, Danny (2013): Gepflanzte NS-Symbole. Das Hakenkreuz im Wald.http://www.spiegel.de/ einestages/hakenkreuz-im-wald-von-zernikow-brandenburger-baum-swastika-skandal-a- 951178 html,(10.08.2015).

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Details

Titel
Nationale Mythen. Wie der Wald in Deutschland "deutsch" wurde
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institur für Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Von Bäumen und Menschen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V443752
ISBN (eBook)
9783668826069
ISBN (Buch)
9783668826076
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Waldideologie, Heinrich Riehl, Göhring, Teutoburger Wald, Ewiger Wald, Ewiges Volk, Nationalsozialismus, Nationalismus, Romantik, Film, Adolf Hitler, Deutschland, Kulturfilm, Tacitus, Germanen, Wald, Massensymbol, Geschichte des Waldes, deutsche Eiche, Symbol, Propaganda, Naturgeschichte, Hitler-Linden, Hitler-Eichen, Wald als Erzieher, Waldreligion, Germania, Alfred Rosenberg
Arbeit zitieren
Marie Elisabeth Becker (Autor), 2015, Nationale Mythen. Wie der Wald in Deutschland "deutsch" wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443752

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