Sine ira et studio? Wie konstruiert Tacitus das Kaiserbild des Tiberius und lenkt den Leser?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
14 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kaiserbild des Tiberius nach Tacitus in den Annalen

3. Die subtilen Methoden der Leserlenkung in den Annalen

4. Ausblick

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Sine ira et studio“ (lateinisch: ohne Zorn und ohne Eifer)[1] lautet eine Maxime des römischen Geschichtsschreibers Tacitus. Diese Redewendung findet sich in dem Vorwort der Analen. Er erhebt damit einen Objektivitätsanspruch auf seine Geschichtsschreibung. Als Begründung gibt er an, dass die Epoche, die er behandele, schon so weit zurückliege, dass er keine Motive hätte, seine Geschichtsschreibung zum Instrument seiner persönlichen Erfahrungen mit den einzelnen Individuen, über die er berichtete, zu machen.[2] Die Art der Geschichtsschreibung von Tacitus wird auch als senatorische Geschichtsschreibung bezeichnet, da Tacitus selber Senator war und über die römischen Herrscher berichtete. In den Analen konstruiert Tacitus ein Bild des Tiberius als Tyrannen und versucht mit mehreren literarischen Methoden, den Leser so zu lenken, dass selbst positive Aspekte des Tiberius negativ erscheinen. In dieser Hausarbeit möchte ich deutlich machen, wie Tacitus das konstruierte Kaiserbild darstellt und wie er genau den Leser lenkt, um ihn von seinem Kaiserbild zu überzeugen. Am Ende werde ich die Frage beantworten, ob die Maxime „sine ira et studio“ von Tacitus überhaupt haltbar ist.

Tacitus selber ist wahrscheinlich um 55 nach Christus geboren worden und stammte ursprünglich nicht aus einer Senatorenfamilie, sondern aus einer equestrischen Familie.[3] Ein Grund dafür, dass er den Aufstieg in den Senatorenstand geschafft hat, könnte die Heirat mit der Tochter des Julius Agricola gewesen sein, der ein sehr mächtiger römischer Politiker war. Er ist schließlich im Jahre 97 n.Chr. Konsul geworden und hat die Kette der flavischen Kaiser sowieso Titus bis zum Tyrannen Domitian miterlebt. Das genaue Todesjahr von Tacitus ist allerdings nicht bekannt.[4] Die Annales wurden etwa in den Jahren bis 100 n.Chr. geschrieben von Tacitus. Die „Annales ab excessu divi Augusti“ bedeutet übersetzt die „Annalen seit dem Tode des Divus Augustus“. Davon noch erhalten sind nur die Bücher 1-6, mit fehlenden Teilen im fünften Buch und das komplette Fehlen von den Büchern 11-16. Auffällig ist, dass im Unterschied zu den „Historien“ der Kaiser Tiberius im Mittelpunkt steht.[5] Tacitus versucht einen Einblick zu geben in die Zeit des Kaiser, dessen bildender Hof und in die soziale Mobilität sowohl neuer Schichten als auch nichtsenatorischen Schichten.[6]

2. Das Kaiserbild des Tiberius nach Tacitus in den Annalen

Im Folgenden werde ich das Kaiserbild des Tiberius nach Tacitus wiedergeben. Er schreibt pädagogisch für die senatorische Führerschicht, um sie politisch zu belehren und zum rechten Handeln aufzufordern. Daher ist Tacitus subjektiv und zeigt seine Abscheu gegenüber dem Prinzipat deutlich und möchte vor den Gefahren dieser für die Unabhängigkeit des Senats warnen. Die erste Eigenschaft seines Kaiserbildes ist anxius, gemeint ist damit in den Annalen ein weites Bedeutungsspektrum von ängstlich, zurückhalten bis sorgfältig.[7] Diese angebliche Eigenschaft ist sehr oft in seinen Annalen zu finden. Er konstruiert das Bild eines ängstlichen Kaisers, der nur vor Missgunst und Argwohn trotze. Dieses würde sich erkennbar machen an seiner Art und Weise der Vergabe von Ämtern, folglich hätte er nur ungeeignete Männer gewählt, die ungefährlich erschienen.[8] Jeder der nur einen Verdacht bot gefährlich zu sein, hätte der Kaiser beseitigen lassen. Tiberius hätte vor Misstrauen und Argwohn sogar den Senat belauert und offene Gespräche vermieden.[9] Da das Volkstribunat oft der Ausgangspunkt für politische Unruhen war, hätte Tiberius auch das Volkstribunat verboten große Spiele zu veranstalten. Als weit weniger hält Tacitus Tiberius zurückhaltendende außenpolitischen Entscheidungen. Tiberius wäre dem Rat des Augustus gefolgt und hätte das Reich nicht weiterausgedehnt.[10] Die zweite Eigenschaft des Kaisers wäre tristis, welches mit betrübt, hochempfindlich und finster übersetzt werden kann.[11] Hier bediente sich Tacitus eines damals üblichen typischen Tyrannenbildes. Denn der übliche Tyrann wäre innerlich verletzt und deswegen grausam zu anderen Menschen. Laut Tacitus hätte bereits der Rhetoriklehrer beobachtet, dass Tiberius schon in der Kindheit hochempfindlich gewesen wäre, aber auch impulsiv, wenn die Zurückhaltung einmal durchbrochen gewesen wäre.[12] Er wäre sehr menschenscheu gewesen, das hätte sich nach Tacitus daran gezeigt, dass er kein Interesse an öffentliche Spiele gehabt hätte und diese gemieden hätte.[13] Als Indiz für den angeblichen finsteren Charakters des Tiberius nennt Tacitus das Fehlen des Tiberius auf dem Begräbnis seiner Mutter in Rom. Die dritte Eigenschaft des konstruierten Kaiserbildes von Tacitus lautet nach Tacitus superbus, die Hochmütigkeit.[14] Tiberius wäre schon früh arrogant gewesen und hätte sich oft zynisch geäußert. Er wäre oft persönlich gekränkt gefühlt und hätte folglich hart durchgegriffen mit Strafmaßnahmen. Die moderne Wissenschaft spricht Tiberius zwar einen gewissen Stolz zu, aber wertet die negativen Auslegungen von Tacitus zu Einzelheit kritisch. Die vierte Eigenschaft des Tiberius ist nach Tacitus callidus: die bösartige Klugheit.[15] Tacitus berichtet, dass Tiberius sehr intelligent gewesen wäre und diese und seine List genutzt hätte, um seine Herrschaft abzusichern und um Personen zu beseitigen, die ihn gefährlich erschienen. Tacitus wertet diese Fähigkeit negativ als „bösartige Klugheit“ um sein Bild von dem Natur aus grausamen Kaiser zu festigen.[16] Er bewertet das politische Handeln des Tiberius als reine Heuchelei. Er würde seine wahren Absichten und Gefühle verstecken. Als Beispiele für diese Heuchelei nennt er mehrere Beispiele: Bei der Regierungsübernahme hätte der Kaiser gezögert, dieses deutet Tacitus als Heuchelei. Er hätte von Anfang an das Ziel gehabt zu herrschen und die Macht des Senats zu unterdrücken. Als „Beleg“ führt er an, dass er den Senatoren nachgestellt hätte, ohne jedoch Beweise zu liefern für seine Behauptung. Aber er berichtet auch von positiven republikanischen Maßnahmen, wie z.B. die freie Rede für Senatoren. Aber dennoch deutet er selbst diese positiven Maßnahmen als negativ und als geheucheltes Verhalten. Er versucht damit auf die Gefahren des Prinzipats für die Libertas, ein altes Merkmal der römischen Republik, aufmerksam zu machen. Die fünfte Eigenschaft des Kaisers wäre die „intentus ad publicas curas“ gewesen, das Pflichtgefühl.[17] Tacitus lobt das Pflichtgefühl des Tiberius und seine Gewissenhaft in der Anfangszeit seiner Regierung. Er hätte seine Pflichten erfüllt, wie z.B. die Getreideversorgung geregelt, die Provinzen verwaltet und wäre sehr sorgfältig bei kultischen Angelegenheiten gewesen.[18] Er hätte sich nicht von der Parteilichkeit anderer leiten lassen, sondern wäre streng den Gesetzen gefolgt, welches ebenfalls eine alte römische Tugend war. Aber Tacitus erhebt auch den Vorwurf der Pflichtvergessenheit. Gegen Ende seiner Regierungszeit hätte Tiberius sich in seine angeblichen zwölf Landhäuser zurückgezogen und nicht mehr gearbeitet.[19] Die sechste angebliche Eigenschaft des Tiberius wären die libidines gewesen, die sexuellen Ausschweifungen des Kaisers.[20] Tacitus erhebt den Vorwurf der sexuellen Ausschweifungen zu einem wesentlichen Aspekt des Gesamtbildes des Tiberius ohne Belege zu nennen. Er nennt lediglich Gerüchte, welches ein stilistisches Merkmal des Tacitus ist. Der Kaiser hätte sich auf Capri versteckt, um dort seine libido zu verstecken und sich dort auszuleben. Die letzte Eigenschaft wäre die avaritia gewesen, die persönliche Freigebigkeit des Tiberius. Er hätte bei Katastrophen mit seinem Privatvermögen ausgeholfen und großzügige Beiträge zur Getreideversorgung geleistet.[21] Dann zeichnet Tacitus aber einen Wandel Tiberius zur Sparsamkeit und Habgier auf. Auch hier sind die Einzelbelege in der modernen Forschung umstritten.[22]

3. Die subtilen Methoden der Leserlenkung in den Annalen

Mit welchen literarischen Mitteln Tacitus versucht den Leser von seinem Kaiserbild zu überzeugen werde ich im Folgenden darlegen. Tacitus versucht objektiv zu klingen für den Leser, um seiner Maxime gerecht zu werden, aber zwischen den Zeilen lässt er immer wieder seine subjektive Sicht auf die Vergangenheit anklingen, sodass er den Leser deutlich lenkt. Ryberg fasst dieses richtig zusammen: „Durch verschiedene Kunstbegriffe seines Stils gelang es Tacitus, seiner eigenen Forschung gerecht zu werden, in der allgemeingültigen historischen Tradition sine ira et studio zu schreiben und doch in der Vorstellung des Lesers einen unauslöschlichen Eindruck von der Tyrannei und Unterdrückung unter Tiberius zu hinterlassen.“[23] Die subtilen Techniken der Leserlenkung nennt sich in der Fachliteratur auch „innuendo“ oder „insinuatio“.

[...]


[1] https://www.proverbia-iuris.de/sine-ira-et-studio (entnommen am 27.03.2018 um 14:47 Uhr)

[2] Vgl. Konrad, Heldmann: Sine ira et studio. Das Subjektivitätsprinzip der römischen Geschichtsschreibung und das Selbstverständnis antiker Historiker, München 2001, S.12.

[3] Vgl. Jörg, Rüpke: Römische Geschichtsschreibung. Eine Einführung in das historische Erzählen und seine Veröffentlichungsformen im antiken Rom, Marburg 2015, S.201.

[4] Ebd., S.202.

[5] Ebd., S.208.

[6] Vgl. Jörg, Rüpke: Römische Geschichtsschreibung. Eine Einführung in das historische Erzählen und seine Veröffentlichungsformen im antiken Rom, Marburg 2015, S.208.

[7] Manfred, Baar: Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Stuttgart 1990: Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Stuttgart 1990, S.30.

[8] Ebd., S.22.

[9] Ebd., S.23.

[10] Ebd., S.25.

[11] Ebd., S.32.

[12] Manfred, Baar: Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Stuttgart 1990Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Stuttgart 1990, S.32.

[13] Ebd., S.33.

[14] Ebd., S.42.

[15] Ebd., S.51.

[16] Ebd., S.53.

[17] Ebd., S.58.

[18] Manfred, Baar: Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Stuttgart 1990, S.61.

[19] Ebd., S.83.

[20] Ebd., S.69.

[21] Ebd., S.76.

[22] Ebd., S.84.

[23] Michael, Hausmann: Die Leserlenkung durch Tacitus in den Tiberius- und Claudiusbüchern der "Annalen", Berlin 2009, S.3.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sine ira et studio? Wie konstruiert Tacitus das Kaiserbild des Tiberius und lenkt den Leser?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Klassische Altertumskunde)
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V443944
ISBN (eBook)
9783668811355
ISBN (Buch)
9783668811362
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiberius, Tacitus, Kaiserbild, sine ira et studio, alte Geschichte
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Sine ira et studio? Wie konstruiert Tacitus das Kaiserbild des Tiberius und lenkt den Leser?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443944

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