»Überall ist Mittelalter« – diese, von Horst Fuhrmann geprägte Erkenntnis schlägt sich auch im Sprachgebrauch tagesaktueller Politik nieder. So zuletzt am 01.07.2005 in der Rede Franz Müntefehrings in der Debatte zur Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag. Dort kritisiert er die unproduktive und schädliche politische Blockadehaltung der CDU-Fraktion im Bundesrat, die er wörtlich als »Nibelungentreue« bezeichnet und die maßgeblich dafür verantwortlich sei, dass der Politikprozess in Deutschland scheitere.
Zwar fällt zwar das Wort triuwe im Niebelungenlied (im weiteren Verlauf mit dem Sigle NL bezeichnet) öfter, nie aber ›Nibelungentreue‹. Sie wird erst im 20. Jahrhundert als Schlagwort für bedingungslose, selbstlose Gefolgschaftstreue gegenüber einem politischen Verbündeten oder Führer geprägt. Dies ist nur ein Beispiel für den immensen Einfluß den dieses Epos bis heute hinterlassen hat. Ob dieser Einfluss unter zeitgenössischen Rezipienten ebenfalls so groß war, dass ein unbekannter Autor inspiriert davon eine Antwort schreibt und dem ganzen den Namen Kudrun gibt, ist schwer zu beantworten.
Der plakative Titel dieser Hausarbeit allerdings spiegelt grob die Ergebnisse verschiedener Etappen der Forschung zum Kudrun-Epos im Zusammenhang mit dem NL wider. In den unterschiedlichen Einschätzungen der Kudrun und der möglichen Motivation des Kudrun-Autors kommen immer auch verschiedene Fragestellungen im jeweiligen historischen Kontext zum Vorschein.
Die Frage nach Gegenentwurf oder Abklatsch‹ des Werkes lässt sich nicht generell mit »Ja« oder »Nein« beantworten, da die Frage immer eingegrenzt werden muss auf einen bestimmten Aspekt des Werkes. Es geht also um die Prämissen die man an die Fragestellung knüpft. Geht man von formalen Aspekten aus, oder von intertextuellen Bezügen, von Figurenkonstellation oder vom Inhalt und Intention eines Werkes aus? Um bei der Beantwortung der Frage ob und inwiefern die Kudrun als Antitypus oder ›epigonaler Abklatsch‹ oder sogar als eigenständiges Werk einzuschätzen ist, soll der Zugang zu dem Thema von Aussen – also über Aufbau und Struktur, nach Innen – zum Inhalt, wie Personenkonstellationen und sozialer Rollenverteilungen führen, um zu einer Einschätzung hinsichtlich der Fragestellung zu gelangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Überlieferung von Nibelungenlied und Kudrun
2.2 Zur Einordnung der Kudrun in die Heldenepik
2.3 Formaler Aufbau von NL und Kudrun im Vergleich
3.1 Personenkonstellationen von NL und Kudrun im Vergleich
3.2 Ein anderer Zugang zur Kudrun – der mittelalterliche Diskurs über die ideale Ehefrau
4. Fazit
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Beziehung zwischen dem Nibelungenlied und dem Kudrun-Epos, um die Forschungsfrage zu klären, ob Kudrun als bewusster Antitypus, epigonaler Abklatsch oder eigenständiges Werk zu bewerten ist. Dabei wird der Fokus von formalen Aspekten der Struktur über Personenkonstellationen bis hin zum mittelalterlichen Rollenverständnis der Frau ausgeweitet.
- Vergleichende Analyse der Überlieferungsgeschichte und formalen Makrostruktur.
- Untersuchung der Personenkonstellationen unter Berücksichtigung von Rache- und Versöhnungsmotiven.
- Diskussion des mittelalterlichen Rollenbilds der idealen Ehefrau in der Literatur.
- Einordnung der Gattungsproblematik und der intertextuellen Bezüge.
- Bewertung des Kudrun-Epos als eigenständige literarische Leistung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Personenkonstellationen von NL und Kudrun im Vergleich
Für Kuhn wie auch für Hoffman kann man dem Kudrun-Epos nur vor dem Hintergrund und in Bezug zum NL gerecht werden (vgl. Kuhn 1969: 505 und Hoffman 1967: 602). Laut Kuhn beziehen sich die Personenkonstellationen in der Kudrun »ausdrücklich« und zwar »als eine bewußte Entgegensetzung, als Antityp« auf das NL.
Er charakterisiert die Hauptfigur des NLs – Kriemhild – als Frau, die durch den Verlust ihres Mannes Siegfried in tiefes Leid stürzt und im Zuge dessen eine schrittweise Transformation von einer tugendhaften Dame zur rachebesessenen »Vergelterin« (vâlandinne) durchlebt. Dem gegenüber stehe Kudrun, die ebenfalls durch den Verlust ihres Mannes Herwig und ihrer Entführung durch Hartmut und Unterdrückung zu erleiden hat. Im Gegensatz zu Kriemhild aber gelingt es ihr, wie bereits ihrer Mutter Hilde zuvor, »[...] eine neue Welt der Versöhnung, der vierfachen Hochzeit, des Friedens« zu schaffen. Ihr komme die Rolle der »Friedensstifteren« zu, welche der Rolle der Vergelterin antitypisch gegenüberstehe.
Kriemhild, die ihre Rache letztendlich eigenhändig durchführt, indem sie Hagen mit Siegfrieds Schwert enthauptet (vgl. NL 2372 f.) durchbricht damit die Standesgemäße Hierarchie. Kudrun hingegen sinnt zwar ebenfalls nach Rache doch ist sich immer um ihrer standesgemäßen Position bewußt. Sie entgegnet Hartmut, dessen Vater Ludwig ihren Vater getötet hat: »ob ich ein ritter wære, er [sc. Ludwig, T.K.] er dörfte âne wâfen / zuo mir komen selten. war umbe solte ich danne bi iu slâfen?« (1033, 4).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Relevanz des Nibelungenstoffes ein und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich des Kudrun-Epos als Gegenentwurf oder eigenständiges Werk.
2.1 Überlieferung von Nibelungenlied und Kudrun: Dieses Kapitel vergleicht die handschriftliche Überlieferung beider Epen und verdeutlicht die Problematik der fragmentarischen bzw. singulären Textzeugenlage für die Forschung.
2.2 Zur Einordnung der Kudrun in die Heldenepik: Es wird die gattungstheoretische Schwierigkeit diskutiert, Kudrun eindeutig der Heldendichtung zuzuordnen, und der Einfluss eines zeitgenössischen Diskurses über ideale Ehefrauen beleuchtet.
2.3 Formaler Aufbau von NL und Kudrun im Vergleich: Dieses Kapitel analysiert die Makrostrukturen und Symmetrieverhältnisse beider Werke und widerlegt den Plagiatsvorwurf gegen den Kudrun-Autor durch den Nachweis bewusster Gliederungsstrategien.
3.1 Personenkonstellationen von NL und Kudrun im Vergleich: Hier werden die Hauptfiguren Kriemhild und Kudrun in ihrem Handeln und ihrer Rolle im sozialen Gefüge gegenübergestellt, insbesondere im Hinblick auf Rache versus Versöhnung.
3.2 Ein anderer Zugang zur Kudrun – der mittelalterliche Diskurs über die ideale Ehefrau: Das Kapitel untersucht anhand verschiedener literarischer Referenzquellen das im Kudrun-Epos propagierte Ideal der leidenden und duldenden adligen Frau.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet Kudrun als eigenständiges, vom Nibelungenlied inspiriertes literarisches Werk, das als moderner „Remix“ eines mittelalterlichen Diskurses verstanden werden kann.
5. Bibliographie: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Primär- und Sekundärquellen der Hausarbeit übersichtlich auf.
Schlüsselwörter
Kudrun, Nibelungenlied, Heldenepik, Intertextualität, Personenkonstellation, Kriemhild, Rollenverständnis, Mittelalter, Epik, Literaturwissenschaft, Symmetrie, Versöhnung, Rache, Gattungstheorie, Diskursanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis des mittelalterlichen Epos Kudrun zum bekannten Nibelungenlied, um zu klären, ob es sich um eine bloße Nachahmung oder um eine eigenständige literarische Konzeption handelt.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Schwerpunkte sind die formale Struktur der Epen, die Personenkonstellationen (insbesondere der Frauenfiguren) sowie der historische Diskurs über das mittelalterliche Frauenbild.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Frage lautet: Ist Kudrun als bewusster Antitypus zum Nibelungenlied, als „epigonaler Abklatsch“ oder als eigenständiges Epos einzuschätzen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl formale Aspekte (Struktur, Symmetrie) als auch inhaltlich-thematische Analysen (Intertextualität, Figurenrollen) einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Analyse der Makrostruktur, den Vergleich der Figurenkonstellationen sowie die Einbettung in den mittelalterlichen Diskurs über die ideale Ehefrau.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie „intertextuelle Beziehung“, „Symmetriekonzept“, „Rollenverständnis“ und „Heldendichtung“ beschreiben.
Warum wird Kriemhild als Kontrastfigur zu Kudrun herangezogen?
Kriemhild repräsentiert im Nibelungenlied die Figur der rachebesessenen Frau, die an ihrem Schicksal und der Sippenrache scheitert, während Kudrun im Epos als Friedensstifterin innerhalb einer neu geordneten Welt agiert.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der „Vierertechnik“ und der „Dreizahl“ bei?
Die Arbeit nutzt diese mathematisch-kompositionellen Beobachtungen, um zu belegen, dass der Kudrun-Autor ein eigenständiges Formprinzip verfolgte, das sich bewusst vom Nibelungenlied abhebt.
Was schlussfolgert die Arbeit hinsichtlich der Originalität von Kudrun?
Das Fazit bewertet Kudrun als ein eigenständiges Werk, das zwar Bezüge zum Nibelungenlied aufweist, diese aber in einem „remix“-artigen Verfahren in eine neue, harmonischere Struktur überführt.
- Quote paper
- Thorsten Klasen (Author), 2005, Kudrun - bewusster "Antitypus" zum Nibelungenlied, "epigonaler Abklatsch" oder eigenständiges Epos?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44403