Die Einfachheit hält Einzug in die Kunst. Die Entstehung der Minimal Art in den 60er-Jahren


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kunst davor: Abstrakter Expressionismus

3. Die 60er Jahre – eine bewegte Zeit

4. Minimal Art
4.1 Eine neue Stilrichtung entsteht
4.2 Mitbegründer und Vordenker: Donald Judd

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ganz gleich aber, ob die Kunst sich in den Kopf zurückzieht oder in die nicht mehr mit einem Augen-Blick erfaßbare Landschaft - die Kunst der sechziger Jahre definiert den Begriff der Kunst und ihrer Rezeption neu. Ohne den „Zeitgeist“ und die Kunst, von der sie sich abwendet, ist sie nicht zu erklären, nicht zu begreifen.“ (Marzona 1990: 14).

In den 60er Jahren wird der traditionelle Kunstbegriff vollkommen aus den Angeln gehoben. Die Avantgarde bringt etwas vollkommen Neues hervor: Minimal Art. Eng verbunden mit den Protestbewegungen der Zeit verzichten die Künstler auf Schnörkel und überladene Bedeutungen und vermitteln mit ihrer Kunst dem Betrachter genau das, was er sieht: einfache geometrische Formen, Skulpturen aus Industriemateriealien und eine bestechende Klarheit des Werkes.

Die vorliegende Arbeit möchte untersuchen, wie es in den 60er Jahren zu der Entstehung dieser neuen Kunstrichtung kommen kann. Ganz im Sinne der Worte des Sammlers Egidio Marzona wird dabei sowohl die Kunst berücksichtigt, gegen welche sich Minimal Art wendete als auch das Jahrzehnt der Entstehung, die sechziger Jahre, näher unter die Lupe genommen. Das Kapitel zwei widmet sich daher der Kunstrichtung, auf die sich die Künstler der Minimal Art mit ihrem Protest bezogen - dem Abstrakten Expressionismus. Im darauf folgenden Teil wird die Gesellschaft näher unter die Lupe genommen. Was ist in den Sechzigern passiert, was hat die Bürger und die Künstler beschäftigt? Im Vordergrund der Arbeit steht die Entstehung der Minimal Art. Der neuen Kunstrichtung und ihren Charakteristika widmet sich eingehend das vierte Kapitel. Stellvertretend für die Vordenker dieses Stils wird hier auch der Künstler Donald Judd vorgestellt. Im abschließenden Fazit wird dann die Frage wieder aufgegriffen, warum Minimal Art gerade in den sechziger Jahren entstehen konnte.

Ganz im Sinne der begrifflichen Unterscheidung zwischen Minimal Art und Minimalismus von Gregor Stemmrich wird in dieser Arbeit nur die bildende Kunst und somit die Minimal Art untersucht. Das historische Gesamtphänomen Minimalismus und die damit einhergehenden weiteren Entwicklungen in Tanz und Musik werden außen vor gelassen (vgl. Stemmrich 1995: 15).

2. Die Kunst davor: Abstrakter Expressionismus

Nach dem zweiten Weltkrieg ist vieles nicht mehr so, wie es einmal war. Die Amerikaner begegnen dieser Entwicklung mit einem neuen Nationalstolz, welcher auch vor der Kunst nicht Halt macht. Stets im Wettkampf mit der alten Welt, wechselt das Zentrum der Weltkunst bereits während der späten dreißiger und frühen vierziger Jahre den Kontinent und verschiebt sich von Europa (Paris) nach Amerika (New York) (vgl. Rose 1967: 157).

Es entwickeln sich unterschiedliche Kunstrichtungen. Während sich in Europa unter anderem der Tachismus durchsetzt, wird in den USA der Abstrakte Expressionismus zum vorherrschenden Stil der Avantgarde, jedoch nicht ohne von emigrierten europäischen Künstlern beeinflusst zu sein. Die neue Kunstrichtung und die damit einhergehende Ideologie distanziert sich sowohl von der politisch Rechten als auch von der Linken (vgl. Guilbaut 1983: 24).

Zwei Ausprägungen charakterisieren den Abstrakten Expressionismus. Zum Einen das Action Painting, dessen bekanntester Vertreter Jackson Pollock sein dürfte und zum Anderen die Farbfeldmalerei, die besonders durch Mark Rothko bekannt wurde. Gemein ist den beiden Unterkategorien des Abstrakten Expressionismus die Betonung auf Emotion, Spontaneität und Vitalität – typisch amerikanische Wesenszüge laut Barbara Rose (vgl. Rose 1967: 217). Dabei scheuen sich die Künstler nicht, die Ideale der klassisch-antiken und jüdisch-christlichen Tradition aufzugreifen und zu zitieren (vgl. ebenda: 192). Der Abstrakte Expressionismus verfolgt dabei das Ziel, die humanistischen Werte in der klassischen Kunst aufrecht zu erhalten (vgl. ebenda: 193).

Doch bereits Ende der 50er Jahre wird die Kritik an eben diesem Ziel immer lauter.

Der subjektive, autobiografische Charakter gefällt den jungen Künstlern nicht, sie lehnen Mystik und Symbolik ab. Der große Bedeutungsgehalt des Abstrakten Expressionismus weicht der Skepsis. Die junge Generation stellt in Zweifel, was jahrelang als absolut notwendig galt: die begriffliche Mitteilung eines subjektiven Inhalts (vgl. ebenda, 217f.). Der Betrachter erfährt das abstrakt expressionistische Gemälde als subjektiven Farbraum und schaut in das Bild hinein, die ersten Kritiker verwandeln es jedoch in ein Objekt und lassen auf das Bild heraufschauen (vgl. Stemmrich 2001: 9).

Protest, Auflehnung und Kritik zeichnen jedoch nicht nur die Kunst in den sechziger Jahren aus. Auch die Gesellschaft durchlebt eine bewegte Zeit. Das nächste Kapitel wird deutlich machen, welche Ereignisse dazu beitrugen.

3. Die 60er Jahre – eine bewegte Zeit

Will man verstehen, warum es gerade in den 60er Jahren zu extremen stilistischen Brüchen in der Kunst kommen konnte, lohnt sich ein Blick auf die politischen und sozialen Verhältnisse in der Zeit. „Während die 50er Jahre als Ära der Stabilität gelten, verbindet sich mit den 60er Jahren das Bild des Protests“ (Lucie-Smith, 1999: S. 251).

Und zum Protest gab es schließlich genug Anlässe. Im Kampf gegen soziale Unterdrückung und Rassismus stirbt der Anführer der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King durch ein Attentat. Der Vietnam-Krieg bringt die Menschen auf die Straße, in Antikriegsdemonstrationen machen Bürgerinnen und Bürger ihrem Unmut Luft. Besonders Studenten und Andersdenkende schließen sich in diversen Gruppierungen zusammen und formulieren ihre Kritik an der Gesellschaft. Es entsteht die Hippie-Bewegung, die sich gegen die Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft auflehnt und deren musikalischer Höhepunkt das Musikfestival Woodstock darstellt.

All diese Ereignisse tragen dazu bei, dass sich die Intellektuellen von ihrer Gesellschaft und der sie vertretenden Regierung loslösen. Hieraus resultiert ein politisches Engagement vieler amerikanischer Künstler und die künstlerische Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Strukturen (vgl. Marzona 1990: 15). Wie wichtig der Bezug zu den gesellschaftlichen Veränderungen in Form von Protestbewegungen zur Entstehungsgeschichte der Minimal Art ist, betont auch Wiehager: „Dabei sind die formalen und ästhetischen Entscheidungen des Minimalismus ganz wesentlich aus den Protestbewegungen der 1960er Jahre in Europa und Amerika herausgewachsen und artikulieren diese in einem ganz substanziellen Sinne.“ (Wiehager 2010: 49).

Die sechziger Jahre sind die Zeit der einschneidenden Veränderungen in Kultur und Gesellschaft. Politische und gesellschaftliche politischen Utopien werden erdacht und ausprobiert, besonders in Studentenkreisen und in der Avantgarde werden diese Entwicklungen voran getrieben.

Beflügelt von den kontroversen Reibungen zwischen politischen Visionen und nüchterner gesellschaftlicher Realität der 60er Jahre entstehen diverse Kunstrichtungen wie Pop Art, Happening und Konzeptkunst. Das folgende Kapitel stellt die Minimal Art näher vor.

4. Minimal Art

4.1 Eine neue Stilrichtung entsteht

Minimal Art ist eine amerikanische Kunstrichtung, zu der es keine europäische Parallele gibt (vgl. Stemmrich 1995: 11). Sie entstand jedoch nicht nur durch den Einfluss amerikanischer Künstler, die Auseinandersetzung mit europäischen und russischen Künstlern ist als essentielle Grundlage für die Entwicklung der Minimal Art zu sehen (vgl. Wiehager 2010: 25). Bereits in den 1950er Jahren zweifeln Künstler wie Robert Rauschenberg und Jasper Johns das überwältigende Selbstbewusstsein und das bildhafte Ziel des Abstrakten Expressionismus an. Sie wenden sich von den klassischen Werten der Malerei ab und kritisieren die übertriebende Bedeutung, welche dem künstlerischen Ausdruck zugesprochen wird (vgl. Benezra 1993: 117).

Der Begriff Minimal Art wird erst deutlich später von dem Kunstphilosophen Richard Wollheim geprägt, in seinem gleichnamigen Essay schreibt er 1965 über Kunst mit minimalem Bedeutungsgehalt, ohne dabei die Werke zu meinen, die später unter die Gattung Minimal Art fallen. Der Begriff etabliert sich trotzdem für jene Arbeiten, ist er doch offen, unverfänglich und ohne spezielle Implikationen zu den Intentionen der Künstler oder der Bedeutung ihrer Werke (vgl. Stemmrich 1995: 13).

Minimal Art wird Mitte der sechziger Jahre zum Synonym für einen bestimmten Look, welcher sich durch „industrielle Materialien und Fertigungsweisen, elementare Formen und serielle Anordnung sowie eine gewisse Sperrigkeit, durch welche die Kunst auf ihre direkte Korrelation zum architektonischen >Container< des Ausstellungsraumes verwies“ (Stemmrich 1995: 14) auszeichnet. Minimal Art hinterfragt das Verhältnis von „Werk und Betrachter, Material und Form (Struktur), Teil und Ganzem, Kunst und Vollzugsrahmen, Künstler und Gesellschaft “ (Stemmrich 1995: 12) und sucht nach neuen Definitionen.

Die Werke der Minimal Art Künstler werden als Wiederstand gegen die traditionellen Ausdrucksmöglichkeiten von Malerei und Skulptur verstanden. Speziell die Skulpturen wirken auf den Betrachter erstmal unkompliziert. Einfache geometrische Formen, bekannte Industriematerialien, klare Farbe und keine eindeutig erkennbare künstlerische Handschrift. Es stellt sich die Frage, ob das noch Kunst ist oder schon als industriell produzierte Massenware gewertet werden kann. Die Werke verzichten auf jede Individualität und wirken objektiv, traditionelle Materialien wie Leinwand, Rahmen und Sockel werden für diese Art des künstlerischen Ausdrucks nicht benötigt. Die Werke transportieren keine Emotionen und sind nicht intuitiv oder spontan. Sie sind der krasse Kontrast zum Abstrakten Expressionismus. Denn die Künstler der Minimal Art fordern neue Arbeiten, „die sich mit der unmittelbaren Wahrnehmung von Raum, Volumen und Material im neu bewerteten Verhältnis von Betrachter, Kunstwerk und Ort beschäftigen sollten“ (Adriani 2001: 6).

Die Minimal Art reduziert das Werk auf das, was auch tatsächlich da ist. Es dient nicht mehr als Transportbehälter für versteckte Botschaften und durch die industrielle Herstellung kommt dem künstlerischen Ausdruck auch nicht mehr die Bedeutung zu, wie es noch im Abstrakten Expressionismus der Fall war. Ganz im Gegenteil, die Arbeiten wirken einfach und gewöhnlich. „Ihre Objekte und die verwendeten Materialien sollen nicht mehr über sich hinausweisen. Eine Reihe von Metallplatten will plötzlich nicht mehr sein als eine Reihe von Metallplatten“ (Marzona/Grosenick 2005: 14). Die Künstler fordern den Betrachter auf, seine Augen zu öffnen und auf das zu blicken, was da ist. Sie legen den Anspruch vom autonomen Kunstwerk nieder und tauschen es gegen reproduzierbare Artefakte ein.

Die Kategorisierung durch den Begriff Minimal Art passt ihnen jedoch gar nicht. Zu verschieden sind die Konzepte, die sie mit ihren Werken verfolgen, so dass sie sich selbst unter der Marke Minimal Art nicht wiedererkennen.

Als Vorläufer der Minimal Art wird in der Fachliteratur unter anderem der Russe Kasimir Malewitsch genannt, dessen schwarzes Quadrat auf weißem Grund 1915 den frühen Höhepunkt der abstrakten Malerei bildet. Seinem Gemälde fehlt der Bezug zur Abbildlichkeit der realen Welt, es wird als reine Malerei betrachtet.

Auch Marcel Duchamp trägt maßgeblich zur Entstehung der Minimal Art bei. Schließlich stellt er mit seinen ready mades die Frage nach der Funktion von Kunst. Sie sind Fabrikprodukte, die Duchamp zu Kunst erklärt, indem er sie in ein Museum stellt.

Ähnlich verhält es sich mit den Objekten der Minimal Art. Ihr industrieller Charakter lässt Zweifel am künstlerischen Wert aufkommen, lediglich die Präsentation in einem Museum oder einer Gallerie, also der Kontext ihres Daseins identifiziert sie eindeutig. Im Unterschied zu Duchamps Alltagsgegenständen sind die Kunstwerke der Minimal Art jedoch nach künstlerischen Prinzipien gestaltet. Dabei ist die Reduktion des Kunstwerks auf seine essentiellen strukturellen Komponenten maßgeblich, sowohl in der Malerei als auch in der Umsetzung von Skulpturen. Das Besondere bei den letztgenannten ist die konsequente Auflehnung gegen die klassische Präsentationsform. Galt es bisher als üblich, eine Skulptur auf ein Podest zu stellen, sind die Objekte der Minimal Art Podest und Werk in einem. Ihre quadratische Form erinnert stark an das, was in Ausstellungsräumen üblicherweise zur Darstellung des Werkes genutzt wird. Aber es ist nicht das Hilfsmittel, sondern das Werk selber, was hier nun auf dem Boden steht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Einfachheit hält Einzug in die Kunst. Die Entstehung der Minimal Art in den 60er-Jahren
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V445625
ISBN (eBook)
9783668820876
ISBN (Buch)
9783668820883
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfachheit, einzug, kunst, entstehung, minimal
Arbeit zitieren
Rebecca Bräutigam (Autor), 2011, Die Einfachheit hält Einzug in die Kunst. Die Entstehung der Minimal Art in den 60er-Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445625

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