Feminismus vs. Maskulismus - der aus dem Blick geratene Mann


Diplomarbeit, 2005

155 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG

2. MÄNNERARBEIT – MÄNNERBEWEGUNG – MÄNNERFORSCHUNG – MÄNNLICHKEIT
2.1. Definition
2.2. Die Rolle des Feminismus
2.3. Vertreter
2.4. Themen und Ziele

3. BIOLOGIE DER GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE
3.1. Wechselwirkung von Anlage und Umwelt

4. THEORIEN DER GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE
4.1. Psychoanalytische Theorie
4.2. Kognitionspsychologische Theorie
EXKURS: Kognitive Entwicklung nach Piaget
4.3. Erziehung – Lerntheoretische Erklärung
4.4. Feministisch-konstruktivistische Theorie

5. GESCHLECHT: MANN
5.1. Männer – Männlichkeiten
EXKURS: Geschichtlicher Hintergrund zur Entstehung der gegenwärtigen Lage von Männlichkeiten
5.2. Die Bedeutung der Mutter
5.3. Die Bedeutung des Vaters
5.4. Buben in der Schule
5.5. Die Bedeutung von Gleichaltrigen im Kindes- und Jugendalter
5.6. Die Bedeutung von Mädchen und Frauen
5.7. Männer unter sich
5.8. Überlieferte Prinzipien des Mannseins, die auf seine Lebensbewältigung wirken
5.8.1. Innenwelt und Außenwelt
5.8.2. Männer und Gefühle
5.8.3. Männer und Gewalt
5.8.4. Männer und Macht
5.8.5. Männer und Homophobie
5.8.6. Männer und Sexualität
5.9. Gesundheit
5.10. Suizid
5.11. Die Bedeutung der Arbeit
5.11.1. Technik und Wirtschaft
5.12. Partnerschaft, Familie, Kinder
5.12.1. Die Angst des Mannes vor der (starken) Frau
5.12.2. Scheidung und Sorgerecht
5.13. Das Bild des Mannes in den Medien

6. DER FEMINISTISCHE BLICK AUF MÄNNER
6.1. Ist Gewalt männlich?
6.2. Begünstigt Pornographie sexuelle Gewalt?
6.3. Sexueller Missbrauch – War’s der Vater, Onkel, Nachbar oder der Fremde mit den Süßigkeiten?
6.4. Sexualtrieb – Männer wollen immer nur das „Eine“!?
6.5. Die Unlust des Mannes – „Ich glaub’, ich bekomme Migräne!“
6.6. Verhütung ist Frauensache und außerdem will ich nur ein Kind!

7. DIALOG ZWISCHEN FRAUEN UND MÄNNERN
7.1. Kritik am Feminismus und Maskulismus
EXKURS: Persönliche Erfahrung

8. WEGE ZUM “NEUEN” MANN

9. WOHIN FÜHRT UNS DIE MÄNNERBEWEGUNG?
EXKURS: Versuch der Angleichung

10. FORSCHUNG UND INTERPRETATION
10.1. Entstehung der Forschung
10.2. Untersuchungsgegenstand
10.3. Aufbau des Fragebogens
10.4. Ergebnisse
10.5. Interpretation
10.6. Fazit

11. SCHLUSSWORTE

12. LITERATURVERZEICHNIS

13. BILDNACHWEIS

1. EINFÜHRUNG

Wie viele Studierende stellte ich mir die Frage: Was wäre ein interessantes Thema für eine Diplomarbeit? Um Ideen zu sammeln, stellte ich nicht nur mir diese Frage, sondern auch Freunden, Bekannten und Verwandten.

„Schreib doch über das Thema Männer, was sich alles für sie verändert hat durch die Frauenemanzipation, wie sie von den Frauen unterdrückt und überfordert werden“, sagte der Freund meiner Freundin (wobei der letzte Teil des Satzes mehr oder weniger provokant und scherzhaft war). Meine Reaktion darauf war erstmals schallendes Gelächter mit dem Zusatz: „Ihr armen Männer!“.

Ich selbst sehe mich als emanzipierte, junge Frau, die gegen die alte, traditionelle Rolle der Frau „kämpft“ und möchte mich nicht als „schwaches Geschlecht“ bezeichnen lassen, wie es im alltäglichen Sprachgebrauch üblich ist. Natürlich reagierte ich auf den Vorschlag für mein Diplomarbeitsthema dementsprechend mit einem Lachen. Männer haben sowieso nur Vorteile und müssen auf nichts verzichten, dachte ich mir.

Vor dem Gespräch mit meinen Freunden las ich einen Artikel in der „Kleinen Zeitung“ mit folgendem Inhalt: „In einem ‚Brief über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Weltkirche’ kritisiert Papst Johannes Paul II. den weltweiten Feminismus. … Die Frauenbewegung würde die Gleichberechtigung von Mann und Frau falsch verstehen.“ (www.kleinezeitung.at) Ich verstand den Artikel als Kritik am Feminismus, doch als ich den vollständigen Brief im Internet fand (www.vatican.va), stellte ich fest, dass der Papst nicht gegen eine Gleichberechtigung ist, aber folgende Kritik übt:

„… die Förderung der Frau [muss] innerhalb der Gesellschaft als eine Vermenschlichung verstanden und gewollt werden, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte Wirklichkeit wird. Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr: Sie würde in Situationen der Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt wird.“ (ebd.)

und fordert:

„Auf einer mehr konkreten Ebene müssen die sozialpolitischen Maßnahmen – bezüglich der Erziehung, der Familie, der Arbeit, dem Zugang zu Dienstleistungen, der Mitwirkung am bürgerlichen Leben – auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte müssen mit der sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden, wo dies von der Verwirklichung des eigenen Mann- oder Frauseins gefordert wird.“ (ebd.)

Nach langen Überlegungen und Diskussionen kam ich dem Thema immer näher, trotz meines Hintergedankens, dass Männer doch nicht wirklich benachteiligt seien. Nach anfänglicher Skepsis entschied ich mich für das Thema „Männer“. Zwar befürchtete ich, dass es in diesem Zusammenhang nicht genügend Literatur gäbe, doch stellte ich fest, dass das Thema „Männlichkeit“ immer aktueller wird. Mein Bild über Männer änderte sich, schon nach einigen aussagekräftigen Büchern - eine Klassifizierung nach schwachem und starkem Geschlecht ist nicht mehr gültig und veraltet. Beide Geschlechter leiden unter Vor- und Nachteilen, beide sind Opfer und Täter, beide haben Rechte und Pflichten und beide befinden sich auf dem Weg zu und auf der Suche nach einer neuen Identität.

Durch die Emanzipation der Frauen hat sich die Frauenrolle in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Die Forderung des Feminismus nach Gleichberechtigung hat ihren Lauf genommen. Das Leben der Frau dreht sich nicht mehr nur um die berühmten, aber veralteten „drei K: Kinder, Küche, Kirche“.

Frauen sind selbstbewusst, wissen, was sie wollen und verfolgen ihre Ziele konsequent, manchmal ohne Rücksicht auf Verluste. In allen Lebensbereichen sind Frauen vertreten, sie stehen den Männern um fast nichts nach.

„… feminism was the single most powerful political discourse of the twentieth century, shaping up to have an even greater impact in the twenty-first.“ (Whitehead/Barrett, 2001, S. 3)

Frauen haben sich verändert, da sie vieles zu gewinnen hatten und haben, auch Männer haben sich geändert, nicht so rasant wie Frauen, denn nach wie vor leben sie bevorzugt ihre alte, traditionelle Geschlechterrolle, sie sehen sich als Ernährer der Familie und teilweise werden Frauen immer noch unterdrückt, vor allem in nicht-westlichen Ländern.

Zwischen den Geschlechtern herrschen nach wie vor Ungleichheit, gegenseitige Beschuldigungen und große Missverständnisse, die oftmals auch auf Klischees, Vorurteilen und Irrtümern bauen.

Bis zur Gleichberechtigung ist es noch ein langer Weg und die Emanzipation der Frauen ist nach wie vor im Gange, doch nun ist auch die Männerbewegung im Vormarsch, was man/frau sehr begrüßen kann.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Männern und ihrer Männlichkeit, ihrer Geschlechterrolle, die sich im Wandel befindet, ihrer Sozialisation, ihrer Rolle in der Gesellschaft und wie sie (teilweise!) von Frauen oder Feministinnen gesehen werden. Deshalb werde ich auch Themen aufgreifen, die selten oder nie in Verbindung mit Frauen erwähnt werden.

2. MÄNNERARBEIT – MÄNNERBEWEGUNG – MÄNNERFORSCHUNG – MÄNNLICHKEIT

2.1. Definition

Maskulinität war in den vorigen Jahrhunderten und Jahrzehnten klar gezeichnet. Viele Stereotypien wirken bis ins 21. Jahrhundert. „In der Vergangenheit waren entsprechende Normen gesetzt worden, und dank bestimmter Rituale, denen man sich unterzog, wusste man, ob man ein wahrer Mann war. Tugenden wie ‚stille Größe’ und Willenskraft zu praktizieren, das richtige Aussehen und die richtige Haltung an den Tag zu legen hatten den Beweis wahrer Männlichkeit geliefert….“ (Mosse, 1997, S. 247)

Nun stellt sich die Frage, „wieweit sie [Männlichkeit] modifiziert werden kann. Kann das maskuline Stereotyp den Niedergang des Patriarchats überleben? … Ein Plakat [die Maskulinität], dessen Aussage sich im Laufe der Zeit relativ wenig geändert hat.“ (Mosse, 1997, S. 250)

„Männliche Identität und männliches Rollenverständnis stehen heute mehr denn je auf dem Prüfstand.“ (www.bmsg.gv.at)

Die Männlichkeitswissenschaft beruht auf drei Ansätzen: „auf klinisch-therapeutischem Wissen“, vor allem der Psychoanalyse, auf der Sozialpsychologie und auf „neueren Entwicklungen in Anthropologie, Geschichte und Soziologie.“ (Connell, 1999, S. 25)

Die österreichische Politik hat mit der Gründung der Männerabteilung (Abteilung des Bundesministeriums für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz) einen großen Schritt in die richtige Richtung getätigt. „Im Sinne des Gender Mainstreaming, dh letztlich einer ganzheitlichen Geschlechterpolitik ist es Aufgabe der Männerpolitik, diesen geschlechterpolitischen Prozess aktiv mitzugestalten.“ (www.bmsg.gv.at)

Es „herrscht vielfach ein großer Mangel an gegenseitigem Verständnis zwischen Mann und Frau. Darauf deuten die hohen Scheidungsraten, der die Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt gefährdende Geburtenrückgang, die erschütternden Beispiele von Gewalt in der Familie, von Kindesmissbrauch und vieles andere mehr nur allzu deutlich hin. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Geschlechter- und daher auch der Männerpolitik, sich diesen Problemen zu stellen.“ (www.bmsg.gv.at)

Die Männerentwicklung beruht auf der „Einsicht, daß das Männerleben, wie es heute trotz männlicher Überprivilegierung stattfindet, im Grunde verarmt ist. … Sie merken, daß so, wie Männer heute zu leben lernen, viele Möglichkeiten männlichen Lebens auf der Strecke bleiben. … Es bleibt viel männliches Lebensland unbebaut.“ (Zulehner, 1998, S. 13f)

Männerarbeit hat sich in Europa Ende der 80er Jahre etabliert und erlebt „seit Anfang der 90er Jahre einen Popularisierungsschub über einen Boom von sog. Männer-Literatur, Fachveröffentlichungen, Tagungen und Fortbildungs-veranstaltungen.“ (Möller in: Möller, 1997, S. 23)

Zunehmend spüren Männer, „dass die traditionellen Rollenbilder nicht mehr funktionieren und dass ihre Lebensorientierungen zu kurz greifen. Männerarbeit kann ihnen Erlebnis- und Erfahrungsräume anbieten, wo sie sich mit ihren überkommenen Rollen auseinander setzen. Dabei können sie neue Formen suchen, ihr Mannsein lebensfördernd und sinnerfüllt zu gestalten.“ (Zulehner, 2003, S. 186)

Formen der Männerarbeit können sein:

- Beratung, wobei hier der Schwerpunkt auf Problemlagen (z.B. Gewalt) und Krisensituationen (z.B. Scheidung) von Männern gesetzt wird. Um diese verändern zu können, kann professionelle Hilfe von Vorteil sein.
- Bildung, z.B. durch Vorträge, Seminare, Projekte oder Workshops. Die Absicht liegt in der persönlichen Weiterentwicklung von Männern.
-
- Begegnung kann in Form von Männergruppen stattfinden. In einem geschützten Rahmen können Männer gemeinsam die Erfahrung machen über persönliche Themen zu sprechen.
- Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit muss eingesetzt werden, um Themen und Anliegen der Männer über eine Plattform an die Öffentlichkeit zu tragen, um diese dann gesellschaftspolitisch betrachten zu können[1]. (vgl. Zulehner, 2003, S. 186ff)

Die Männerforschung beschäftigt sich mit dem Verhalten, den Handlungen, Perspektiven und Werten von Männern und ihren Auswirkungen.

Traditionelle männliche Attribute, wie übermäßige Erwerbstätigkeit und Karrierestreben, Materialismus, Aggressivität, Härte, Dominanz, Emotionsarmut bzw. Emotionsunterdrückung sind unkonstruktiv im zwischenmenschlichen Bereich, sind zerstörerisch und führen zu gesundheitlichen Schäden. „Die Entdeckung, daß ein Leben nach den Maßstäben der Gesellschaft nicht unbedingt erstrebenswert ist, eröffnet einen Raum, über die eigene Identitätsfindung und die prägenden Rollenbilder nachzudenken.“ (Bundesministerium für Jugend und Familie, 1995, S. 6)

2.2. Die Rolle des Feminismus

Wie schon oben erwähnt wurde, spielt die Frauenbewegung wahrscheinlich die ausschlaggebendste Rolle bei der Konstruktion der Männerarbeit.

Männlichkeit muss neu definiert werden, denn „die Krise des Mannseins tritt mit dem gesellschaftlichen Aufstieg der Frau erst so richtig hervor, denn es wird nun deutlich, dass die Stärke des Mannes lange Zeit an die Schwäche der Frau gebunden war.“ (Böhnisch, 2003, S. 25)

Durch den Feminismus und der Gender Studies hat sich der Blick nun auch auf Männer gerichtet. Wie schon in der Einführung erwähnt, hat sich in der Rolle des Mannes viel geändert. Frauen möchten sich den Status der Männer teilen, indem sie Familie und Beruf vereinen. Forderungen des Feminismus können sich nicht einseitig abspielen, solange nicht auch Männer bereit sind, sich von ihrer traditionellen Rolle zu lösen oder Kompromisse zu finden. Männer befürchten, dass sie aufgrund von Veränderungen vieles verlieren würde, wie zum Beispiel Status, Privilegien, materielle Vorteile und übersehen somit den Gewinn einer Veränderung. Gewinnen können sie unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Lebensqualität und Zufriedenheit. Um dieses Feld dem Bewusstsein der Männer näher zu bringen, ist die Männerbewegung mit ihrer Männerarbeit gefragt.

Ein Ziel der Frauenbewegung ist „also nicht mehr bloße Gleichberechtigung mit dem Mann, sondern gefordert wird eine neue Gesellschaft, in der Frauen und Männer eine neue Lebenslage vorfinden werden. … Frauen werden ja nur dann Zugang zu Männervorrechten finden, wenn die Männer bereit sind, männliche Lebensvorrechte mit Frauen in neuer Weise zu teilen.“ (Zulehner, 1998, S. 12)

„Es ist das große historische Verdienst traditioneller Frauen- bzw. Geschlechterpolitik, die Gleichberechtigung von Mann und Frau entscheidend gefördert zu haben. … Männerpolitik versteht sich als konsequente Fortsetzung und Ergänzung der Frauenpolitik.“ [sic] (www.bmsg.gv.at)

Mitte der 70er Jahre entwickelte sich das erste Pendant zur Frauenbewegung in den USA. Es entstanden kleine Netzwerke von Männergruppen, die sich einer Männerbewegung anschlossen. „Autoren wie Warren Farrell … und Jack Nichols … behaupteten, daß die männliche Geschlechtsrolle die Männer unterdrücke und deshalb verändert oder abgeschafft werden müsse.“ (Connell, 1999, S. 42f) Dadurch wurden die ersten Steine ins Rollen gebracht und „die Idee einer ‚Männerforschung’ als Parallele zur feministischen Frauenforschung begann sich zu verbreiten.“ (ebd., S. 43)

Die Kritik am Patriarchat durch den Feminismus fließt nun in die Männerforschung ein. Das traditionelle Bild vom Mann als Patriarch und Familienerhalter muss durch den bedeutungsvollen Anspruch nach Gleichberechtigung rekonstruiert werden. „Die Umverteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern verlangt nach einer Neuverteilung der Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung.“ (Bundesministerium für Jugend und Familie, 1995, S. 7)

„Historisch versucht die Männerforschung, die Geschichte des Patriarchats aufzuarbeiten. Dabei kann sie auf Ergebnisse zurückgreifen, die im Rahmen der Frauenforschung bereits entdeckt und durchdacht wurden.“ (ebd.)

Mit anderen Worten versteht sich die Männerbewegung ebenso als Konsequenz auf die Frauenbewegung. Die Frauenbewegung hat es verstanden, sinnvolle und konstruktive Diskussionen in den verschiedensten Bereichen auszulösen. Nun „… ist es Aufgabe der Männerpolitik, diesen geschlechterpolitischen Prozess aktiv mitzugestalten.“ (www.bmsg.gv.at) Wobei aber gesagt werden kann, dass Männerforscher nicht umhin kommen, „sich am politischen, intellektuellen und wissenschaftlichen ‚Vorsprung’ der Frauen zu orientieren.“ (Janshen, 2000, S. 15) Männerpolitik hat somit zwei Ziele, einerseits eine Verbesserung der Lebenschancen von Männern und andererseits die Geschlechtergerechtigkeit.

2.3. Vertreter

Es gibt eine Vielzahl von Männer und Frauen, die sich mit Geschlecht und Männlichkeiten auseinandersetzen. Hier können nur einige Namen genannt werden, die einen Einfluss und eine Bedeutung in der Männerforschung haben und welche mir während meiner Recherchen immer wieder untergekommen sind.

Paul M. Zulehner (Theologe und Philosoph aus Österreich), Walter Hollstein (Soziologe aus Deutschland), Allan Guggenbühl (Psychologe aus der Schweiz), Profeminist in den 70er Jahren Warren Farrell, Joseph Pleck, ein amerikanischer Psychologe, der erste Ansätze einer Veränderung skizzierte und die „traditionelle“ der „modernen“ männlichen Rolle gegenüberstellte, Volker Elis Pilgrim (gründete in den 70er Jahren Männergruppen in Deutschland), Lothar Böhnisch, Hans-Joachim Lenz, Robert Bly, Victor J. Seidler, Robert W. Connell und viele mehr.

2.4. Themen und Ziele

Die Männerforschung beschäftigt sich mit der Sozialisation von Jungen und Männern und der traditionellen stereotypen Männerrolle. Aufgrund der Forschungen ist man zu der Ansicht gekommen, dass eine Änderung des traditionellen Männerbildes für eine positivere Lebensführung erforderlich wäre. Die Themen der Männerforschung und Männerarbeit sind vielfältig und umfassen verschiedene Lebensbereiche. Die Themen betreffen unter anderem Gesundheit, Suizid, Scheidung und Sorgerecht, Gewalt, Erwerbstätigkeit, Kommunikation zwischen den Geschlechtern, Geschlechtsunterschiede, Rollenverteilung und andere.

Das Hauptziel ist, die patriarchale Herrschaftsform aufzulösen und dem Gleichheitsgrundsatz zu folgen. Die Grundvoraussetzung ist, dass Männer sich mit ihrer aktuellen Lebenssituation auseinandersetzen und gemeinsam eine innere Befreiung, Bereicherung und hochwertige Lebensqualität anstreben. Um die Ziele umsetzen zu können, ist die Unterstützung der Medien von Vorteil.

3. BIOLOGIE DER GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE

„Die bereits unmittelbar nach der Geburt durchgeführte Zuordnung eines Menschen zum weiblichen oder männlichen Geschlecht beeinflusst in fundamentaler Weise sein weiteres Leben.“ (Lenz, 1999, S. 63)

Biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern liegen in vielerlei Hinsicht vor und diese haben auch ein Prinzip von Ursache und Wirkung. Aufgrund dieser Tatsache fällt es mir schwer, beispielsweise der deutschen Feministin Alice Schwarzer in ihrer Forderung „Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen“ (Buchtitel) vollkommen zuzustimmen. Es gilt nämlich zwischen sex (biologisches Erbe) und gender (kulturelle Normen) zu unterscheiden. „Die Unisex-Zeit … ist vorbei“, vielmehr gefragt ist die „Gleichheit in Bezug auf Gerechtigkeit“ und die „Differenz hinsichtlich des Grundverständnisses der Geschlechter.“ (Zulehner, 2003, S. 153)

„So akzeptieren sowohl Freud wie Jung eine jeder menschlichen Psyche inhärente Mischung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Jung, der zwischen männlichen und weiblichen Prinzipien unterschied, räumte ein, daß beides, ‚animus’ und ‚anima’, graduell unterschiedlich in allen Menschen vorhanden sei, …. Fest steht, schreibt Freud 1905 (Bd.V, 123f), daß beim Menschen’ weder im psychologischen noch im biologischen Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit biologischen Zügen des andern Geschlechts … auf.’“ (Gilmore, 1991, S. 23)

Somit ist anzumerken, dass es sich bei den Geschlechtsunterschieden um eine Normalverteilung handelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. A

Das Geschlecht eines Menschen lässt sich nach mehreren Kriterien bestimmen:

- durch die Chromosomen: XX-Chromosomen bei der Frau und XY-Chromosomen beim Mann;
- durch das gonadale Geschlecht: gekennzeichnet durch Ovarien bei der Frau und Testes beim Mann;
- durch das genitale Geschlecht: Disposition der Geschlechtsorgane;
- durch das hormonelle Geschlecht: überwiegend Östrogene bei der Frau und vornehmlich Androgene beim Mann;
- durch das soziale Geschlecht: welches sich unterteilt in sexuelle Selbstidentifikation und zugewiesenen Geschlecht. (vgl. Lenz, 1999, S. 96)

In den ersten Schwangerschaftswochen weisen zunächst alle Menschen die gleichen Merkmale auf: „undifferenzierte Keimdrüsen (Primordialgonaden) sowie doppelt angelegte männliche (Wolffsche) und weibliche (Müllersche) Geschlechtsgänge.“ (ebd., S. 98) Die Entwicklung des jeweiligen Geschlechts tritt etwa ab der siebten Schwangerschaftswoche ein, wobei vor allem Geschlechtschromosomen und Geschlechtshormone verantwortlich dafür sind. (vgl. ebd.)

Die weibliche Geschlechtsdifferenzierung, die auf den XX-Chromosomen basiert, entwickelt aus den indifferenten Keimdrüsen Ovarien, und die Müllerschen Gänge werden „zu weiblichen inneren Genitalien umgebildet.“ (ebd., S. 99)

Die männliche Geschlechtsdifferenzierung, die auf den XY-Chromosomen basiert, entwickelt sich durch das Y-Chromosom. Auf dem Y-Chromosom „befindet sich als Hauptschalter … das SRY-Gen (sex determining region Y chromosome). Der von ihm regulierte Testis (Hoden) determinierende Faktor TDF läßt in der 8. Schwangerschaftswoche aus indifferenten Keimdrüsen die Hoden entstehen.“ (ebd., S. 99f zitiert nach Ewert) Die Hoden setzen nun „zwei Hormone frei: Das Anti-Müller-Hormon (oder auch Müllersche inhibierende Hormon genannt)“ und „Testosteron.“ (ebd., S. 100) Durch das Testosteron kommt es zu folgenden Entwicklungen. Erstens die Umbildung der Wolffschen Gänge, wodurch die männlichen Genitalien entstehen. Zweitens „wird es in Dihydrotestosteron umgewandelt, das … die Ausdifferenzierung des … bipotenten Vorläuferorgans zu den äußeren männlichen Geschlechtsorgane einleitet.“ (ebd.) Und drittens kommt es zu einer Umwandlung des Testosterons in „17β-Östradiol“ das die „männliche Differenzierung des Gehirns“ (ebd.) hervorruft.

Neben dieser Entwicklung setzt eine zweite Entwicklung bei beiden Geschlechtern in der Pubertät ein. Durch den ansteigenden Östrogenspiegel bei Mädchen und den Androgenspiegel bei Jungen kommt es zu einer Feminisierung bzw. Maskulinisierung. (vgl. ebd.)

Zu Beginn der Pubertät setzt beim Mädchen die erste Menstruation und beim Jungen die erste Ejakulation ein. Veränderungen bei Mädchen finden meist im Alter von 9 bis 17 Jahren und bei Jungen zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr statt. Die Entwicklung der Jungen ist im Vergleich zu den Mädchen um etwa zwei Jahre verzögert. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 227) Bei siebenjährigen Mädchen und achtjährigen Jungen tritt eine Aktivität des Hypothalamus ein. Die Ausschüttung von Gonadotropinen bewirkt eine Hormonproduktion durch die Gonaden. Ein Wachstumsschub setzt ein, der bei Mädchen mit ca. 18 Jahren und bei Jungen mit ca. 20 Jahren abgeschlossen ist. Neben dieser Entwicklung kommt es auch zur Ausbildung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale. Geschlechtshormone werden produziert und leiten die sexuelle Reife ein. (vgl. ebd., S. 229). Es kommt zum „Wachstum der primären Geschlechtsorgane (Genitalien)“, zur „Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale (Scham- und Achselbehaarung, Bartwuchs, Busen, Stimmbruch)“, außerdem entwickelt sich der „Geschlechtsdismorphismus (Körperproportionen, Muskelprofil)“ und „sexuelles Interesse und sexuelle Aktivität (Absenken der Schwelle sexueller Erregbarkeit, Ausrichtung des Interesses auf gegengeschlechtliche Partner).“ (ebd.)

Unter Geschlechtsdismorphismus versteht man die deutlichen körperlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen weisen aufgrund der Östrogenproduktion breitere Hüften als Männer auf und haben eine stärkere Ausbildung des Fettgewebes. Männer unterscheiden sich von Frauen aufgrund des Einflusses der Androgene durch eine stärkere Ausbildung der Knochen und eine beträchtlichere Muskelmasse, die durch eine ausdauerndere Muskelleistung gekennzeichnet ist. Herz und Lunge haben „ein höheres Volumen und eine höhere Kapazität“, der Blutdruck ist höher „und der Stoffwechsel intensiver.“ (ebd., S. 231)

Mehrere Autoren verweisen auf die Unterschiede der Gehirnkonstruktion bei Frauen und Männern:

„Obwohl Frauen und Männer insgesamt betrachtet sehr ähnliche Gehirne besitzen, wurden einige geringfügige anatomische Unterschiede gefunden, etwa kleine Abweichungen im Aufbau des Hypothalamus, des Corpus callosum, der Commissura anterior (vordere Kommissur) und des Thalamus’.“ (Lenz, 1999, S. 100 zitiert nach Pinel) Springer und Deutsch erklären, dass Frauen und Männer unterschiedliche Lateralisierungen [(„die Spezialisierung der beiden Hirnhälften wird als ‚Lateralität’ verschiedener Hirnfunktionen bezeichnet.“ (Baron-Cohen, 2004, S. 148)] der Gehirnhälften aufweisen. „Frauen sind offensichtlich weniger stark lateralisiert als Männer.“ (Lenz, 1999, S. 100) Ewert nimmt an, dass „im Rahmen der geschlechtsspezifischen Gehirndifferenzierung bestimmte Schaltungen unterdrückt und andere aktiviert werden“, da „die neuronalen Schaltkreise für männliches und weibliches Verhalten […] in den Gehirnen beiderlei Geschlechts angelegt“ (ebd., S. 101) sind. Kimura führt aus, dass „der Feinbau des Gehirns bereits so früh von Sexualhormonen beeinflusst wird, daß die Umwelt von Geburt an – und auch schon vorher – bei Mädchen und Jungen auf unterschiedlich verschaltete Gehirne einwirkt. Das macht es nahezu unmöglich, Erfahrungseinflüsse getrennt von der physiologischen Disposition zu erfassen.“ (ebd.)

Gehirnunterschiede können „als ein wichtiger verursachender Faktor für die Entstehung von Geschlechtsunterschieden im Verhaltens- und Persönlichkeitsbereich angesehen werden.“ (ebd., S. 103) Aufgrund der Vielzahl von Forschungen bezüglich der Gehirnorganisation fasst Lenz (1999) zusammen: „Betrachtet man die Vielzahl der angeführten Untersuchungen unter Berücksichtigung ihres Veröffentlichungszeitpunkts sowie ihrer inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte, läßt sich – wenn auch mit gebotener Vorsicht – folgender Konsens finden: Wenn biologisch vorgeprägte Geschlechtsunterschiede im Persönlichkeits- und Verhaltensbereich überhaupt existieren, … so lassen sie sich am ehesten im Bereich der Motorik, der räumlichen Wahrnehmung, der verbalen und sozio-kommunikativen Fähigkeiten sowie beim aggressiven Verhalten finden.“ (S. 112)

Jungen und Männer haben eine „leicht höhere motorische Aktivität.“ (ebd.) Männer besitzen „ein besseres räumliches Orientierungsvermögen“, während „Frauen ein besseres räumliches Erinnerungsvermögen“ (ebd.) aufweisen. Frauen verfügen über bessere verbale Fähigkeiten und über bessere Fähigkeiten bezüglich des Fürsorgeverhaltens, was auch in kulturvergleichenden Studien bestätigt wurde. (vgl. ebd., S. 113) Die höhere Aggressions- und Gewaltbereitschaft bei Männern ist vermutlich „durch innergeschlechtliche Konkurrenz um Zugang zum weiblichen Geschlecht und sozialen Status“ (ebd., S. 114) motiviert.

Baron-Cohens (2004) Theorie lautet: „Das weibliche Gehirn ist so ‚verdrahtet’, dass es überwiegend auf Empathie ausgerichtet ist. Das männliche Gehirn ist so ‚verdrahtet’, dass es überwiegend auf das Begreifen und Aufbau von Systemen ausgerichtet ist.“ (S. 11) Empathie erklärt Baron-Cohen mit dem „Vermögen, die Gefühle und Gedanken eines anderen Menschen zu erkennen und darauf mit angemessenen eigenen Gefühlen zu reagieren. … Empathie entsteht aus dem natürlichen Wunsch, sich um andere zu kümmern.“ (ebd., S. 12) Das „Systematisierungsvermögen“ der Männer ist „die Fähigkeit zu einem methodisch-analytischen Vorgehen“ und „zeigt sich in dem Drang, Systeme zu analysieren, zu erforschen oder zu entwickeln. Wer seine Wahrnehmung in ein System bringen will, versteht intuitiv, wie etwas funktioniert oder durch welche übergreifenden Regeln das Verhalten eines Systems gesteuert wird.“ (ebd., S. 14) Zu den Systemen zählen technische Systeme, natürliche Systeme, abstrakte Systeme, soziale Systeme, Ordnungssysteme und Bewegungssysteme.

Als biologische Faktoren der unterschiedlichen Entwicklung der Gehirnhemisphären nennt Baron-Cohen die unterschiedliche Hormonproduktion.

Durch den höheren Testosteronspiegel bei Männern ist die rechte Hirnhälfte ausgeprägter, die für die Fähigkeit des räumlichen Vorstellungsvermögens verantwortlich ist. Bei Frauen hingegen ist durch die vermehrte Östrogenproduktion, die linke Hemisphäre ausgebildeter, die am Sprach- und Kommunikationsvermögen beteiligt ist. (vgl. ebd., S. 148)

Untersuchungen zufolge sind weitere Regionen des Gehirns für die geschlechtsspezifischen Unterschiede verantwortlich. Die Funktion der Amygdala, die orbito- und medial-frontalen Bereiche (Bereiche des präfrontalen Kortex), der Sulcus Temporalis Superior (eine Hirnfalte des Schläfenlappens) sowie das Corpus callosum (eine Gruppe von Nervenverbindungen, die Informationen zwischen den Gehirnhälften vermittelt) beeinflussen die höhere Empathiefähigkeit der Frauen. (vgl. ebd., S. 155ff)

„Der männliche Kortex“ verfügt über „etwa 4 Milliarden Neuronen mehr … als der weibliche.“ (ebd., S. 159) und das Gehirn ist größer und schwerer. „Mehr Hirnzellen könnten zu größerer Aufmerksamkeit für Details führen, was … zu einem besseren Systemverständnis führen würde.“ (ebd.) Das rechte Planum parietale (an der Rückseite des Parietallappens), mitverantwortlich am räumlichen Denken, ist bei Männern größer als das linke. (vgl. ebd., S. 159f)

Es gibt „Hinweise darauf, daß ‚weibliche’ Anteile wie die der Fürsorge (care) und Empathie bei Männern da waren und da sind, daß sie aber in den sozialen Funktionen, die Männer aufgrund früher Funktionsdifferenzierung hatten (Schutz der Familie, des Stammes vor natürlichen und menschlichen Feinden), zwangsläufig … durch Kampf und verteidigende Gewalt reproduziert“ (Böhnisch/Winter, 1997, S. 24f) wurden.

Übersicht der biologischen Unterschiede bei Frauen und Männern: (nach Reimers)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(1994, S. 19f)[2]

3.1. Wechselwirkung von Anlage und Umwelt

Menschliches Verhalten beruht auf genetischen Faktoren sowie auf Umweltbedingungen. „Genetische Faktoren haben einen Einfluß darauf, welche Merkmale sich überhaupt entwickeln können, und Umwelteinflüsse legen fest, welche Merkmale in einer spezifischen Situation tatsächlich herausgebildet werden.“ (Lenz, 1999, S. 127) Somit kann auf die Wechselwirkung von Anlage und Umwelt geschlossen werden.

Oben wurden die Geschlechtsunterschiede dargestellt, die sich biologisch erklären lassen, jedoch kann geschlechtsspezifisches und –typisches Verhalten auch mit Hilfe der Evolutionspsychologie nachvollzogen werden. „Es gibt deutliche Hinweise für die Annahme, daß viele menschliche Verhaltensweisen und Merkmale bereits in der Ur-Umwelt entwickelt wurden und somit stammesgeschichtlich tief verwurzelt sind.“ (ebd., S. 126)

Die Evolutionspsychologie stellt das Bild der menschlichen Natur wie folgt dar: „Hochvariablen menschlichen Verhaltensäußerungen liegen … universelle psychologische Mechanismen zugrunde, die sich im Rahmen der natürlichen wie auch sexuellen Selektion entwickelt haben, um spezifische Anpassungsprobleme zu lösen und auf den Input verschiedener Umwelteinflüssen zu reagieren.“ (ebd., S. 78 zitiert nach Buss) Eibl-Eibesfeldt geht davon aus, dass der heutige Mensch durch die „partielle Vorprogrammierung aufgrund stammesgeschichtlicher Anpassungen“ (ebd., S. 79) gekennzeichnet ist. Das heißt, dass die „Anpassungen an die Ur-Umwelt“ (ebd., S. 80) sich nach wie vor auf unser Verhalten auswirken. (vgl. ebd.)

Aus evolutionspsychologischer Sicht ist es Aufgabe des Männchens, sich zu paaren und möglichst viele Zeugungen vorzunehmen. Die Weibchen sind jedoch darum bemüht, einen hochwertigen Partner zu finden, der ein vorteilhaftes Erbgut mit sich bringt. Mit anderen Worten: „Männchen bauen sexuelle Hemmungen im Interesse größtmöglicher Paarungsbereitschaft weitgehend ab. Weibchen hingegen lassen sich nur auf das Fortpflanzungsgeschäft ein, wenn optimale Voraussetzungen herrschen, das heißt, wenn die Umweltbedingungen günstig sind und wenn der Partner seine Qualifikation unter Beweis gestellt hat.“ (Bischof-Köhler, 2004, S. 118) Somit müssen die Männchen um die verfügbaren paarungsbereiten Weibchen werben und stehen im Konkurrenzkampf mit anderen Männchen.

Diese Verhaltensdisposition zeigt sich beim Menschen in der sexuellen Selektion, die von „unterschiedlichem Investment durch Männer und Frauen in ihren Nachwuchs angetrieben“ (Lenz, 1999, S. 115f zitiert nach Grammer) wird. Die Partnerwahl geht einher mit verschiedenen Kriterien bei Männern und Frauen.

Männer bevorzugen jüngere Frauen, legen Wert auf gutes Aussehen, erotische Attraktivität (d.h. breite Hüften und schmale Taille) und wünschen sich eher unerfahrene Frauen sowie die Eigenschaft der Treue.

Frauen ziehen ältere Männer vor, die eine gute finanzielle Stellung haben, damit die Versorgung der Familie gewährleistet ist und außerdem wirken Männer mit einem dominanten Auftreten erotisch anziehender. Beiden ist es wichtig, dass der Partner/die Partnerin gesund ist. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 151ff)

„Männer sind darauf vorbereitet, intensiver in eine längerfristige Verbindung zu investieren, verfolgen daneben jedoch auch noch die kostengünstigere quantitative Strategie, sich auf möglichst viele sexuelle Begegnungen einzulassen, ohne die Folgelasten auf sich zu nehmen.“ (Bischof-Köhler, 2004, S. 155)

In der Entstehungsgeschichte des Homo sapiens treffen wir auf das Bild des Jägers und der Sammlerin, die Form der Arbeitsteilung der Vor- und Frühmenschen. Vorrangig galt die Arbeit der Frau der Kinderaufzucht und dem Sammeln von Pflanzen, Früchten und dem Erlegen von Kleintieren. Die Sammelaktivität hatte den Vorteil, dass sie in der Nähe der Unterkunft stattfinden konnte und sie konnten die Kinder bei sich haben. Männer begaben sich auf die Großwildjagd, wobei diese sich oft über Tage erstreckte und große Ausdauer, hohe Muskelkraft und Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Unternehmenslust und Beharrlichkeit verlangte. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 157ff) Diese Arbeitsteilung war notwendig, um sich an die Lebensbedingungen anzupassen.

Die männliche Überlegenheit in der motorischen Aktivität und dem räumlichen Orientierungsvermögen könnte nun auf der Großwildjagd der Vor- und Frühmenschen beruhen, da sie gezwungen waren, sich in weiten Gebieten zurechtzufinden und sich beim Zielen richtig zu orientieren. Das bessere räumliche Erinnerungsvermögen der Frauen kann dadurch erklärt werden, dass die weiblichen Vor- und Frühmenschen aufgrund der Nahrungsbeschaffung durch Sammeln gezwungen waren, sich im Nahbereich zu orientieren und dies mit Hilfe des Einprägens von Ortsmarken konnten. (vgl. ebd., S. 244f)

Vom geschlechtsspezifischen Verhalten wird also gesprochen, wenn ein Verhalten bzw. Merkmal ausschließlich bei einem Geschlecht existiert. Das geschlechtstypische Verhalten kann bei beiden Geschlechtern vorkommen, wobei es bei einem Geschlecht besonders häufig auftritt (signifikante Häufigkeit).

Neben den schon erwähnten Geschlechtsunterschieden gibt es weitere Auffälligkeiten zwischen den Geschlechtern, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Selbstvertrauen:

Jungen verfügen über ein höheres Selbstvertrauen als Mädchen. Die positive Selbsteinschätzung der Jungen führt auch schnell zur Selbstüberschätzung. Mädchen hingegen bewerten ihre Leistungen eher realistisch oder neigen zur Selbstunterschätzung. Jungen schreiben ihren Erfolg den internalen und ihren Misserfolg externalen Ursachen zu. Bei Mädchen ist es umgekehrt. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 271ff)

„Die Erziehung und die generelle Einstellung der Gesellschaft leisten dieser Entwicklung Vorschub. Männliche Tätigkeiten werden höher bewertet, erfahren mehr Aufmerksamkeit. Erfolg in diesen Bereichen polstert daher das Selbstwertgefühl. Weibliche Tätigkeiten werden weniger beachtet, als selbstverständlich hingenommen, geringer geschätzt, das führt zur Selbsteinbuße.“ (ebd., S. 385)

Geborgenheit und Neugier:

Mädchen haben ein ausgeprägteres Bedürfnis nach sozialer Nähe, brauchen mehr Bestätigung und zeigen generell ein größeres Anlehnungsbedürfnis. Jungen sind aktiver im Erkunden und entfernen sich weiter aus der vertrauten Umgebung. Unbekannte Objekte haben eine stärke Faszination auf Jungen als auf Mädchen. Bei Untersuchungen zeigte sich, dass Mädchen beim Erkunden eines Raumes näher bei der Mutter blieben als Jungen. Jedoch verkrafteten Mädchen eine Trennung von der Mutter (z.B. wenn sie den Raum verlässt) besser als Jungen. (vgl. ebd., S. 289, 291)

Auch die Risikobereitschaft der Jungen ist höher, was vermutlich in dem Zusammenhang steht, dass Risikoverhalten Aufmerksamkeit auf sich zieht. (vgl. ebd., S. 297f)

Aggression:

Jungen reagieren in Konfliktsituationen eher aggressiv. Mädchen verfügen hier über bessere Strategien Konflikte zu bereinigen oder sie ziehen sich einfach zurück. Jungen geraten auch öfter in Konflikte, haben eine geringere Frustrationstoleranz und sind impulsiver. Außerdem provozieren und initiieren sie öfter Aggressionen. Die Aggressionen zielen häufiger auf das selbe Geschlecht, während sich Mädchen bei aggressiven Handlungen weniger um das Geschlecht des Opfers kümmern.

Die Aggression bei jungen Buben hat auch einen explorativen Charakter, um zum Beispiel ihre Grenzen zu testen oder sich in einer Rangordnung zu positionieren.

Zu erwähnen ist auch noch, dass Jungen eher körperliche Formen von Aggression anwenden und bei Mädchen eher ein Abbruch einer Beziehung auftritt, wenn sie in Streitigkeiten geraten. (vgl. ebd., S. 307ff, 319)

Rangthematik:

Rangauseinandersetzungen und Rangverhalten spielen bei beiden Geschlechtern eine Rolle. Wenn Jungen hierarchische Strukturen aufbauen, bleiben diese in den meisten Fällen bestehen. Bei Mädchen bleiben die Rangpositionen nicht konstant, es herrscht auch weniger Zusammenhalt untereinander und die Struktur hat keinen konfliktreduzierenden Charakter. Mädchen bzw. Frauen sind weniger oder gar nicht gewillt, sich anderen Frauen unterzuordnen. Rein weibliche Organisationen sind konfliktgeladener als männliche Organisationen. Männer sind erstaunlicherweise eher bereit, sich einer Vorgesetzten unterzuordnen als Frauen. (vgl. ebd., S. 313ff)

Spielzeugpräferenz:

Trotz vielzähliger Versuche Jungen und Mädchen verschiedene bzw. eine große Auswahl an Spielzeug anzubieten, kam es immer wieder zur Wahl des geschlechtstypischen Spielzeugs. Mädchen spielen lieber mit Puppen, Plüschtieren, machen eher realistische Rollenspiel und zeigen generell mehr feinmotorisches Geschick. Jungen bevorzugen Fahrzeuge, spielen Rollenspiele in denen es um Abenteuer geht und betätigen sich lieber grobmotorisch. Als neutral erwiesen sich in etwa die Beschäftigung mit kleinen Bausteinen, Rutschbahnen, das Anschauen von Büchern, Puzzle und Ballspiele. (vgl. ebd., S. 82f)

Es ist Aufgabe der Wissenschaft sich weiter mit den (alten und neuen) Fragen bezüglich der biologischen Geschlechtsunterschiede und dem geschlechtsspezifischen bzw. geschlechtstypischen Verhalten zu beschäftigen.

4. THEORIEN DER GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE

In diesem Kapitel werden verschiedene psychologische Theorien und feministische Ansätze zur Entwicklung der Geschlechtsidentität und Geschlechtersozialisation vorgestellt, wobei hier vorwiegend die Entwicklung des Jungen berücksichtigt wird.

4.1. Psychoanalytische Theorie

Eine der bekanntesten Theorien der Geschlechtersozialisation „basiert auf dem Freudschen Sozialisationsmodell der Sexualentwicklung als Persönlichkeitsentwicklung.“ (Böhnisch/Winter, 1997, S. 50) Die Grundannahmen beruhen auf der Entwicklung der psychischen Instanzen (Es, Ich, Über-Ich) und den psychosexuellen Entwicklungsphasen (Oral, Anal, Ödipal bzw. Phallisch, Latenz, Genital bzw. Pubertär). Grundlage für die Herausbildung der psychischen Instanzen und psychosexuellen Entwicklung stellt die Triebtheorie (Lebens-, Sexual-, Todes- oder Aggressionstrieb), die „körperliche Anforderungen an das Seelenleben“ (Lenz, 1999, S. 24 zitiert nach Freud) darstellen. Die Aneignung diese verschiedenen Triebe zu verarbeiten, wird in den Entwicklungsphasen vollzogen.

In der ersten Phase, der oralen Phasen (erstes Lebensjahr), wird die psychische Instanz des Es geformt. Die Beziehung zur primären Bezugsperson (meist ist es die Mutter) wird als eine symbiotische Beziehung erlebt. Das heißt, das Kind empfindet ein „paradiesisches Wohlbefinden“ (Böhnisch/Winter, 1997, S. 51) in der Verschmelzung mit der primären Bezugsperson.

In der analen Phase (2 bis 3 Jahre) bildet sich die zweite psychische Instanz, das Ich, heraus. Im Rahmen der Sauberkeitserziehung in dieser Phase erfährt das Kind ein Lustgefühl durch den Anus.

Während der prä-ödipalen Phase wird das Kind immer selbständiger und befindet sich, wenn verschiedene Voraussetzungen erfüllt sind, auf dem Weg der Loslösung aus der symbiotischen Bindung zur Mutter. Zu den Voraussetzungen ist zu sagen, dass der Wunsch nach Loslösung sich vom Kind selbst entwickelt, die Mutter dem Kind diesen Weg „gestattet“ und wenn das Kind über eine sekundäre Bezugsperson verfügt, bei der es sich sicher fühlt.

In der ödipalen Phase (viertes bis fünftes Lebensjahr) entwickelt sich das Über-Ich, die dritte psychische Instanz. In dieser Phase zählen die Genitalien als erogene Zone, die zum Lustgewinn führen. Nach Freud ist die ödipale Phase ausschlaggebend für die Geschlechtersozialisation.

Während der ödipalen Phase spricht man von zwei Begebenheiten, Ödipuskomplex und Kastrationskomplex bei Jungen und Kastrationsneid bei Mädchen, die überwunden werden sollten.

Die Entwicklung von Mädchen und Jungen verläuft anfangs gleich, bis das Mädchen bemerkt, dass es keinen Penis hat und der Junge schockiert „penislose“ Mädchen kennenlernt. Aufgrund der Ermahnungen der Eltern, nicht die Genitalien zu berühren, manifestiert sich beim Jungen eine Kastrationsangst, die er auf das „penislose“ Mädchen zurückführt.

Das zweite Dilemma der Jungen ist der Wunsch, „die Mutter zu heiraten“, d.h., der Junge richtet „einen Teil seiner kindlich-sexuellen Phantasien auf die Mutter.“ (Böhnisch/Winter, 1997, S. 52) Die „kindlich symbolische Assoziation“ des Heiratens birgt Konflikte in sich, wie die „diffuse Suche nach einer Sicherung der verlorengegangenen Geborgenheit in der vorherigen Lebensphase einerseits, im Streben nach einem aktiven, selbständig-handelnden Sein andererseits.“ (ebd., S. 53) Auch die vorhandenen Gefühle sind konflikthaft, wie die „Gefühle von Konkurrenz, Neid und Angst vor Rache gegenüber dem Vater/Mann und der Minderwertigkeit gegenüber der Mutter. … Werden Jungen in diesen äußerst schwierigen Konstellationen und Konflikten nicht ernstgenommen … bedeutet das eine tiefe Kränkung für Jungen.“ (ebd.)

Ein Ausweg aus der ödipalen Situation ist eine Erweiterung der Dyade (Mutter-Kind-Beziehung) zur Triade (Vater-Mutter-Kind). Die vorangegangen Phantasien werden aufgegeben und der Junge beginnt sich mit dem gleichgeschlechtlichen Vater zu identifizieren. Geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Rollenmuster werden nun durch Erlernen am Modell erworben. (vgl. Böhnisch/Winter, 1997, S. 50-54 & Lenz, 1999, S. 24-28 & Bischof-Köhler, 2004, S. 34-37)

Nancy Chodorow widerspricht Freud in einigen Punkten und liefert folgenden feministisch orientierten Ansatz.

Wie Freud geht auch Chodorow von der Symbiose zur Mutter in der oralen Phase aus. Der Erwerb der Geschlechtsidentität findet jedoch nicht erst in der ödipalen Phase statt, wie Freud beschreibt. Jungen sind mehr oder weniger gezwungen, sich aus der Dyade zu lösen, da die Mutter den Jungen als etwas anderes und von sich getrennt wahrnimmt und die Beziehung somit beendet und ihn als kleinen Mann behandelt. (vgl. Böhnisch/Winter, 1997, S. 51) Söhne werden „als männliche Gegenstücke erlebt. Sie wurden mit größerer Wahrscheinlichkeit von der Mutter aus präödipalen Beziehungen herausgedrängt.“ (Lenz, 1999, S. 30) Die körperlichen Unterschiede zur Mutter haben eine symbolische Bedeutung und das Spiegeln der Mutter bleibt aus oder findet kaum statt. Zwar bekommt der Junge durch die Trennungserfahrung leichter ein äußeres Gefühl für sich selbst, doch durch die fehlende Spiegelung kann er keine grundlegenden Erfahrungen mit dem Kern-Selbst machen.

„Nach Chodorow ergeben sich für die männliche Entwicklung Defizite, die sich aus der früheren Unabhängigkeit und Loslösung von der Mutter erklären.“(ebd., S. 31) „Mit dieser Deprivation kann der arme Kerl nur dadurch fertig werden, dass er hart wird, sich fortan seinen Gemütsbedürfnissen verschließt und jede empathische Anwandlung unterdrückt, da ihn diese ja … von der Mutter verwehrt“ (Bischof-Köhler, 2004, S. 40) bleiben. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 40f & Böhnisch/Winter, 1997, S. 51f & Lenz, 1999, S. 29ff)

4.2. Kognitionspsychologische Theorie

EXKURS: Kognitive Entwicklung nach Piaget

Piagets kognitionspsychologische Ansätze gehen „von einem Subjekt aus, das sich aufgrund seiner Neugierde bereits als Säugling seine Umwelt aktiv aneignet und auf diese Weise die Bedingungen der äußeren sowie der inneren Realität im Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen seiner kognitiven Strukturen vereinigt.“ (Lenz, 1999, S. 33) Dies geschieht durch ein Zusammenspiel zweier Prozesse, einerseits durch Assimilation, die „Elemente der äußeren Realität in das kindliche Denken integriert“ (ebd., S. 34) und andererseits durch die Akkomodation, „daß neue Schemata gebildet oder alte modifiziert bzw. zusammengeführt werden, um komplexere Organisationsformen zu schaffen.“ (ebd.)

Anders ausgedrückt „bewahrt und erweitert“ (Zimbardo/Gerrig, 1999, S. 463) die Assimilation „das Bestehende und verbindet so die Gegenwart mit der Vergangenheit, und die Akkomodation entsteht aus Problemen, die die Umwelt stellt, also aus Informationen, die nicht zu dem passen, was man weiß und denkt.“ (ebd.) Dieses Zusammenspiel wird von Piaget Äquiliberation genannt, das heißt, dass „das Kind befähigt wird, seine Umwelt angemessen zu verstehen und Probleme zufrieden stellend zu lösen“ (Lenz, 1999, S. 33) und „Ungleichgewicht wird vom Gleichgewicht auf einem höheren Niveau abgelöst.“ (Zimbardo/Gerrig, 1999, S. 463)

Die kognitive Entwicklung verläuft stufenweise und beruht auf dem Konzept der kognitiven Entwicklungslogik: „Während eines Stufenübergangs findet eine grundsätzliche Umstrukturierung kognitiver Denkmuster statt, so daß das Kind mit dem Erreichen einer neuen Stufe grundsätzlich anders denkt. … Die Denkmuster der vorherigen Stufe“ werden „in die kognitiven Strukturen der neuen Stufen integriert und somit nicht verworfen.“ (Lenz, 1999, S. 34)

Piaget geht von vier Stufen im Prozess der kognitiven Entwicklung aus:

1. Sensomotorische Stufe (bis zum Alter von zwei Jahren): Erwerb der Objektpermanenz (d.h., ein Kind kann sich ein Objekt vorstellen)
2. Prä-operationale Stufe (im Alter von zwei bis sieben Jahren): Sprachentwicklung, egozentrisches Weltbild und magisches Denken vorhanden, kann keine logische Operationen vollziehen, keine klare Vorstellung von der Objektkonstanz
3. Stufe des konkreten Operierens (zwischen sieben und zwölf Jahren): Perspektivübernahme, logisches Denken, Objektkonstanz, Reversibilität verschiedener Gestaltumwandlungen
4. Stufe des formalen Operierens (ab dem 11. Lebensjahr): eigene Gedanken können reflektiert werden, Umgang mit Abstraktionen, können logische Schlüsse ziehen (vgl. Lenz, 1999, S. 36f & Zimbardo/Gerrig, 1999, S. 464ff)

Lawrence D. Kohlberg formulierte in Anlehnung an Piagets kognitiven Entwicklungsstufen seine Theorie zur Geschlechtsrollenübernahme, die vorerst zusammenfassend dargestellt wird.

Stufen der Geschlechtsrollenübernahme nach Kohlberg:

- Bestimmung des eigenen Geschlechts
- Bestimmung des Geschlechts bei anderen
- Stereotypenwissen
- Bevorzugung des eigenen Geschlechts
- Geschlechtskonstanz

Nach Kohlbergs Theorie machen Kinder erstmals zwanglose Erfahrungen mit den verschiedenen Geschlechtern, darauf folgend in der prä-operationalen Stufe, erfolgt das erste Stadium der eigenen Geschlechtsidentität und der Einzelne verbindet mit dem eigenen Geschlecht etwas Wertvolles. Neben der Benennung des eigenen Geschlechts stellt das Kind nach und nach fest, dass es Männer und Frauen gibt und kann somit auch das Geschlecht anderer bestimmen. Schließlich bemerkt das Kind, dass sich Männer und Frauen hinsichtlich verschiedener Merkmale und Tätigkeiten unterscheiden und daraus entwickeln sich erste Geschlechtsstereotype. Die eigene Geschlechtszugehörigkeit wird positiv bewertet, während das andere Geschlecht abgewertet wird. Im Stadium des konkreten Operierens entwickelt das Kind Geschlechtskonstanz. Es erfährt, dass seine Geschlechtszugehörigkeit unveränderbar ist und nun wählt das Kind den gleichgeschlechtlichen Elternteil als Identifikation und übernimmt dessen geschlechtstypische Verhaltensweisen.

Kohlberg fügt an, dass Jungen ihr Geschlecht positiver bewerten und über stärker ausgeprägte geschlechtsspezifische Verhaltensweisen verfügen, da sie in der männlichen Welt eine männliche Rolle spielen können. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 60f & Lenz, 1999, S. 38ff & Böhnisch/Winter, 1997, S. 45ff)

4.3. Erziehung – Lerntheoretische Erklärung

Das Lerntheoretische Modell beruht auf zwei Faktoren:

1. der Bekräftigungstheorie, die besagt, dass Verhalten aufgrund von Belohnung und Bestrafung gefestigt wird und
2. der Theorie des sozialen Lernens, d.h., Geschlechtsunterschiede beruhen auf dem Prinzip des Nachahmungslernens.

Ad. 1.: Geschlechtsunterschiede liegen laut Bekräftigungstheorie in der Vermittlung geschlechtsrollenadäquater Tätigkeiten, die mit Bekräftigung oder Maßregelung einhergehen. Mit anderen Worten: Eltern differenzieren zwischen Mädchen und Jungen und verstärken rollenkonformes Verhalten. Eltern haben eine bestimmte Vorstellung, wie ein Mädchen oder ein Junge zu sein hat und so würden beispielsweise Mädchen zu liebevollen, einfühlenden, freundlichen Verhaltensweisen und Jungen zu leistungsorientierten, aktiven, selbstsicheren Verhaltensweisen ermutigt und gegenteilige Verhaltensweisen werden getadelt. (vgl. Bischof-Köhler, 2004, S. 42)

Laut einer Metaanalyse gab es „…keine signifikanten Unterschiede in der Behandlung von Jungen und Mädchen, sondern im statistischen Sinn lediglich Tendenzen. … So erhalten Jungen etwas mehr Ermutigung auf dem Leistungssektor, werden etwas häufiger eingeschränkt und sind mehr disziplinierenden Maßnahmen, einschließlich körperlicher Strafe, ausgesetzt, während Mädchen etwas öfter warme Zuneigung erfahren und etwas mehr zu Abhängigkeit angeregt werden. … Außerdem stellte sich heraus, dass entsprechende Anleitungen bei Jungen ein größeres Gewicht haben und dass Väter in ihrem erzieherischen Verhalten etwas stärker als Mütter zwischen Jungen und Mädchen differenzierten. Kein signifikanter Unterschied zeigte sich im elterlichen Verhalten gegenüber Aggression.“ (ebd., S. 44)

In der oben genannten Metaanalyse stellte sich ein signifikanter Effekt heraus und zwar, dass Eltern ihre Kinder in der geschlechtsadäquaten Spielzeugwahl und Spielaktivität bekräftigen.

Auf dieses Ergebnis bezogen ist eine Untersuchung von Caldera zu erwähnen, die besagt, dass „bereits 18-monatige Kinder lieber mit für ihr Geschlecht als typisch geltenden Spielsachen, obwohl sie nicht besonders von Eltern dazu angehalten wurden“ (ebd., S, 44) spielten.

Schlussfolgernd zur Bekräftigungstheorie merkt Bischof-Köhler an: „Als Bilanz bleibt, dass der Druck der Erziehungsagenten nicht so eindeutig und nachhaltig auf rollenkonformes Verhalten ausgerichtet ist, wie landläufig angenommen wird.“ (ebd., S. 48)

Ad. 2.: Nachahmung erfolgt entweder prozessorientiert, das heißt ein Bewegungsmuster wird kopiert oder ergebnisorientiert, das wäre die Übernahme von Problemlösungsstrategien.

Zur Frage, weshalb der gleichgeschlechtliche Elternteil nachgeahmt wird, gibt es mehrere Theorien, deren Nachweisbarkeit fraglich ist. (vgl. ebd., 54ff)

„Zur Bedeutung der Nachahmung für die Geschlechtsrollenübernahme ist festzuhalten, dass Kinder zwar ohne Zweifel eine Menge durch Beobachtung und Nachahmung lernen, dass sie sich dabei aber höchstwahrscheinlich nicht auf gleichgeschlechtliche Modelle beschränken, sondern ebenso auf Informationen über gegengeschlechtliche Rollenverhalten sammeln.“ (ebd., S. 59)

4.4. Feministisch-konstruktivistische Theorie

Die zentrale Aussage der feministisch-konstruktivistischen Ansätze zur Geschlechtersozialisation ist, dass Zweigeschlechtlichkeit auf einer sozialen Konstruktion beruht. Kessler und McKenna drücken es folgendermaßen aus: „Geschlecht ist ein Anker, und wenn die Leute einmal entschieden haben, was du bist, dann interpretieren sie alles, was du tust, in diesem Licht.“ (Lenz, 1999, S. 47) „Die soziale Ordnung wird intuitiv dadurch hergestellt, indem Menschen als Männer oder Frauen definiert werden. Ihnen werden geschlechtsspezifische Kompetenzen und Fähigkeiten zugeschrieben, so daß sie auf ein Geschlecht festgelegt werden.“ (Engelfried, 1997, S. 59) „Becker-Schmidt verweist darauf, daß das soziale Geschlecht als etwas Gemachtes begriffen werden muß, als Resultat historischer und lebenslaufbedingter Prozesse.“ (ebd., S. 61)

Als Beweis gelten die „Phänomene der Transsexualität und der Homosexualität.“ (Lenz, 1999, S. 48) „Transsexuelle empfinden ihre morphologische Geschlechtsidentität als nicht mit ihrer subjektiven Geschlechtsidentität übereinstimmend. … Die Außenwelt nimmt eine Person, die sich weiblich kleidet und als Frau fühlt, jedoch männliche Geschlechtsorgane hat, in der Regel als Frau wahr. Einem Geschlecht zugeordnet zu werden, geschieht zunächst auf einer symbolischen Ebene – Männlichkeiten oder Weiblichkeiten zugeschriebene Fähigkeiten und Kompetenzen müssen vom Individuum dargestellt werden.“ (Engelfried, 1997, S. 60) Des weiteren werden kulturanthropologische Forschungen zur Beweiskraft herangezogen. „Dabei wird herausgestellt, daß erstens Geschlechterkategorisierungen von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich ausfallen und die bipolaren Geschlechterklassifikationen nicht als kulturübergreifende Universalie anzusehen ist. Zweitens wird darauf verwiesen, daß in anderen Kulturen neben den bipolaren Geschlechterkategorien ‚männlich’ und ‚weiblich’ eine dritte oder vierte, sozial konstruierte Kategorie bestehen kann. Drittens wird die Existenz unterschiedlicher kultureller Formen des Geschlechtswesen hervorgehoben.“ (Lenz, 1999, S. 49) „Geschlecht wird in diesen Ansätzen als in sozialen Interaktionsprozessen immer wieder neu hergestellt angesehen (‚doing gender’).“ (ebd., S. 59)

Es wird vom Vorhandensein zweier geteilter Geschlechter – sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) – ausgegangen. Die Null-Hypothese geht davon aus, dass biologische Faktoren nicht an der „Entstehung von Geschlechtsunterschieden beteiligt sein können… da selbst im Falle des Auffindens derartiger biologischer Einflußfaktoren dieselben wiederum als kulturell konstruiert bezeichnet werden können.“ (ebd., S. 52) Beruhend auf der Null-Hypothese geht Butler davon aus, dass selbst „sex“, also das biologische Geschlecht, eine kulturelle Konstruktion ist. Menschen werden „zunächst auf der Basis äußerer Merkmale wie Kleidung bzw. geschlechtstypischem Verhalten einem Geschlecht zugeordnet ... In einem nächsten Schritt werden dann den Personen die mit dem angenommen Geschlecht attribuierten biologischen Merkmalen unterstellt.“ (Engelfried, 1997, S. 61)

5. GESCHLECHT: MANN

Dieses Kapitel widmet sich dem sozialen Geschlecht und der Identität des Mannes und beschäftigt sich mit seinem Lebenslauf. Mit der Frage: Beruhen Stereotypien auf Vorurteilen, Irrtümern und Klischees oder haben sie sehr wohl ihre Berechtigung?

Sind Männer wirklich das starke Geschlecht? Mit welchen Problemen haben Männer zu kämpfen? Wie wichtig sind Eltern und andere Beziehungskonstellationen in ihrer Entwicklung?

Der Blick auf die „modernen Männer“ wird dabei nicht außer Acht gelassen.

5.1. Männer – Männlichkeiten

Bevor eine Darstellung vom Mann beginnen kann, ist es wichtig, erstmals zwischen Formen von Männlichkeit zu unterscheiden, da eine Generalisation zu einfach wäre. Hierunter fallen Faktoren wie Rasse, soziale Schicht, Hetero- sowie Homosexualität u.a. Zu erwähnen ist, dass Männer aus der Mittelschicht sich im Gegensatz zu Männern aus den unteren Schichten mehr für die weibliche Gleichberechtigung einsetzen. (vgl. Hollstein, 1995, S. 94) Innerhalb der verschiedenen Formen gibt es jedoch auch „Beziehungen zwischen Männlichkeiten“ (Connell, 1999, S. 97), worunter das Geschlechterverhältnis unter Männer verstanden wird. Oder anders ausgedrückt ist es eine „Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt, eine Position allerdings, die jederzeit in Frage gestellt werden kann.“ (ebd.) Diese Konzepte sind „Handlungsmuster, die in bestimmten Situationen innerhalb eines veränderlichen Beziehungsgefüges entstehen.“ (ebd., S. 102)

[...]


[1] Klagenfurt folgt seit einiger Zeit dem Prinzip der Männerarbeit und veranstaltet jährlich die sogenannten „Männertage“

[2] Tabelle modifiziert (die Verf., S.B.)

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Feminismus vs. Maskulismus - der aus dem Blick geratene Mann
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
155
Katalognummer
V44831
ISBN (eBook)
9783638423496
ISBN (Buch)
9783656071617
Dateigröße
1219 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feminismus, Maskulismus, Blick, Mann
Arbeit zitieren
Syzane Berisha (Autor:in), 2005, Feminismus vs. Maskulismus - der aus dem Blick geratene Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44831

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