Ernst Jüngers Roman "Auf den Marmorklippen" als Beitrag zur deutschen Widerstandsliteratur


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werkanalyse

3. Deutsche Literatur im Dritten Reich
3.1 Emst Jüngers Weg in die innere Emigration
3.2 Exilliteratur und Anna Seghers Das siebte Kreuz

4. Autobiographische Parallelen

5. Problembuch und Schlüsselroman

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ernst Jünger zählt rund 20 Jahre nach seinem Tod immer noch zu einem der umstrittensten deutschen Schriftstellern. Seinen Kriegstagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg und des daraus entstandenen ersten Buches In Stahlgewittern (1920) verdankt er seinen Ruf als antibürgerlicher konservativer Militarist, der in den 1920er Jahren von den Nationalsozialisten umworben wurde. 50 Jahre nach den Stahlgewittern polarisierte er mit seinem umfangreichen Essay A nnäher ungen. Drogen und Rausch (1970), durch das er besonders neue Leser aus dem links-alternativen Spektrum für sich gewann. Zwischen beiden Werken verfasste er den hier zu behandelnden Roman Auf den Marmorklippen (1939). Die Interpretationsmöglichkeiten der Erzählung, die unmittelbar mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, sind zahlreich. Auch wenn der Roman bis heute kontrovers diskutiert wird, avancierte er im Dritten Reich und der frühen Bundesrepublik zu einem großen Verkaufserfolg mit hohen Auflagenzahlen im In- und Ausland.1 Mit Gründung der Bundesrepublik 1949 wurde er sogar zur verpflichtenden Schullektüre erhoben, obwohl Jünger während der Besatzungszeit noch einem Publikationsverbot unterlag. Die geschilderten Erlebnisse des Romanerzählers und seines Bruders besitzen noch heute über 75 Jahre nach Veröffentlichung ein hohes Maß an Aktualität und erfreuen sich zahlreichen Bezugsmöglichkeiten. Des weiteren fällt der Roman durch seinen autobiographischen Charakter auf und wird von vielen als Parabel zu Jüngers Lebensabschnitt von der Weimarer Republik bis zur Besatzungszeit gedeutet. Besonders die Beiträge vom Jünger Biographen Helmuth Kiesel, der die Marmorklippen einst als „Problembuch“ bezeichnete sowie einige der vielen Aufsätze, wie etwa von Günther Scholdt oder Hansjörg Schelles Monographie zum Roman, wurden als Sekundärliteratur herangezogen.

Als 1933 der Reichstag brannte und die NSDAP die Macht im Land übernahm, flüchteten viele bedeutende Schriftsteller wie Brecht, Mann oder Döblin ins Exil. Jünger aber zog sich gemeinsam mit seiner Familie zurück auf ein Anwesen am Bodensee und verblieb in so genannter „innerer Emigration“ bis Kriegsausbruch. Während er dem Dritten Reich als Hauptmann diente, wurden die Marmorklippen inzwischen von Exilanten und Kritikern rege diskutiert. Das gemeine und kriegsgeplagte Volk fasste sie überwiegend positiv auf und doch wird es nur selten als Widerstandslektüre bezeichnet. Diese Titulierung kam überwiegend den literarischen Werken außerhalb des Reichs zu, da sie offener über die Gräueltaten der Nazis berichten konnten.

Die deutsche Exilautorin Anna Seghers schrieb in ihrem weltberühmten Widerstandsroman Das siebte Kreuz (1942) ganz unverblümt und kritisch über Konzentrationslager und Institutionen des Dritten Reichs. Sie nannte den Terror, die Gewalt und Unterdrückung anders Denkender oder Glaubender, verübt von den Nazis, beim Namen. Anhand dieses Buchs, welches zweifelsohne als herausragendes Werk des Widerstands gilt, sollen mögliche Parallelen und Widersprüche zu Jüngers Erzählung dabei helfen sein Werk zu klassifizieren. Um ein Urteil darüber zu fällen inwieweit die Marmorklippen als Protestbuch gegen den Nationalsozialismus gewertet werden können, muss zunächst die Frage geklärt werden, nach welchen Kriterien ein Werk der Widerstandsliteratur zugesprochen wird. Dabei helfen soll, nach einer knappen Analyse des Romans, eine kurze Einführung über den Terminus in Kapitel 3 sowie die Unterschiede zwischen Exil und innerer Emigration. Anschließend steht die Person Jünger im Mittelpunkt. Seine autobiographischen Parallelen zur Erzählung, seine Weltanschauung und seine Beziehungen zur NSDAP sollen Klarheit über die Wertung der Marmorklippen schaffen. Abschließend werden die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel vor dem Hintergrund der These diskutiert, ob die Marmorklippen zweifellos zur deutschen Widerstandsliteratur gezählt werden können oder nicht.

2. Werkanalyse

Dieses Kapitel dient der knappen Wiedergabe der Romanhandlung sowie der Diskussion von Auffälligkeiten in Bezug auf Schreibstil, Wirkung und Stellung in Jüngers Gesamtwerk. Die in einer fiktiven Welt und Zeit spielende Geschichte handelt vom namenlosen Erzähler und seinem Bruder Otho. Die beiden leben in der friedlichen und idyllischen „Großen Marina“, widmen sich naturwissenschaftlichen Studien und genießen ihr Leben in Freiheit und Frieden. Über die Brüder ist bekannt, dass sie eine militärische Vergangenheit haben. Im elitären „Mauretáni er Orden“ kämpften sie einst als „Purpurreiter“ gegen die freien Völker von Alta Plana, einer angrenzenden Region südlich der Marina. Die mediterran anmutende Küsten­oder Seenregion, wo sich besagte Marmorklippen befinden, wird zusätzlich umgeben von der von rohen Hirtenvölkern beherbergten „Campagne“ im Norden. Beide Gebiete werden von der sich anbahnenden Tyrannis des „Oberförsters“ vereinnahmt, der die Regionen mit Gewalt und Terror überzieht. Seine Schergen stacheln die Gesellschaften und Religionen gegeneinander auf, was dazu führt, dass längst vergessene Konflikte wieder aufflammen. Höhepunkt der Erzählung ist der Besuch eines ehemaligen Mauretaniers namens Braquemart, der den Brüdern den Fürsten Sunmyra vorstellt. Dieser plant ein Attentat auf den diktatorischen Oberförster zu verüben. Seine Versuche die beiden Veteranen von seiner Sache zu überzeugen scheitern. Die für Jünger typischen brutalen Kriegs Szenarien sucht man bis auf einige Ausnahmen vergeblich. Auf der Suche nach einer seltenen Pflanze entdecken die Gebrüder und ihr Gefolge Verbündeter auf einer Lichtung die „Schinderhütte Köppelsbleek“. Dort foltert und tötet der Oberförster jene, die sich ihm in den Weg stellen, wie besagten Fürsten, dessen aufgespießter Kopf symbolisch vor dem Lager prangt. Es kommt zu einer blutigen Schlacht zwischen den verschiedenen Widerstandsgruppen und Einheiten des Oberförsters. Der Erzähler entkommt und entschließt sich dazu, die dem Schicksal verdammte Marina zu verlassen und gemeinsam mit seinem Bruder Otho nach Alta Plana, südlich ihrer Heimat, auszuwandem.

Widmet man sich dem Stil der Erzählung so fällt zunächst auf, dass die Marmorklippen Jüngers ersten „echten“ Roman darstellen. Zuvor veröffentlichte er überwiegend Tagebücher, Essays, Kurzgeschichten und politische Schriften. Der Erzähler tritt überdies meist als Berichterstatter auf, der stets um Abstand zu allen Geschehnissen bemüht ist. Gemeinsam mit seinem Bruder ist er nicht gewillt, dass die Tyrannis, in Gestalt des Oberförsters, Einfluss auf ihr Leben nehmen kann und eben sowenig versuchen sie durch ihr Handeln gegen die Vereinnahmung dieser bösen Mächte etwas zu unternehmen. Statt sich am Attentat des Fürsten zu beteiligen oder den vereinzelten Widerstandskämpfern in der Schlacht anzuschließen, ziehen sie in den Wald und suchen eine seltene Pflanze. Wie durch Zufall finden sie sich im Schlachtengetümmel bei Köppelsbleek wieder. In den Stahlgewittern schildert Jünger Gegenteiliges. Dort sucht der junge Soldat die Kämpfe und berauscht sich am Krieg. Eine gewissen Ästhetisierung vom Schrecken des Oberförsters ist allerdings auch in den Marmorklippen nicht von der Hand zu weisen.

Der Roman wird zurecht als Wende in Jüngers literarischem Schaffen dargestellt. Während mancher Passagen schwärmt der Erzähler detailliert von der Natur, den Pflanzen und Tieren seiner Umgebung. Die vielen beschriebenen Farben und Szenarien erinnern an Fantasywerke von Tolkien oder Märchenerzählungen und Stehen in krassem Widerspruch zu seinen bis dato groben Kriegstagebüchern oder seiner mit antihumanistischen und nihilistischen Ansätzen beladenen politischen Essays. Tatsächlich äußert sich auch Jüngers Nihilismus in den Marmorklippen wie beispielsweise zum Ende des Romans. Die Heimat der beiden Brüder ist bereits dem Untergang geweiht, da bemerkt der Erzähler zynisch: „Es wird kein Haus gebaut, kein Plan geschaffen, in welchem nicht der Untergang als Grundstein steht, und nicht in unseren Werken ruht, was unvergänglich in uns lebt.“2 Dennoch überwiegen die verspielten Naturbeschreibungen und fantastischen Orte. Jünger manifestiert in den Marmorklippen eine Wandlung seines Schaffens. Anstelle des Krieges tritt mehr und mehr der Mystizismus und Ästhetizismus sowie seinem leidenschaftlichem Interesse für Naturwissenschaften.

3. Deutsche Literatur im Dritten Reich

Eine allgemeingültige Definition des Terminus Widerstandsliteratur ist schwer zu determinieren, da man darunter kein eigenständiges literarisches Genre versteht. Bezogen auf die oppositionelle Literatur der 1930er und 40er Jahre von deutschen Autoren spricht man generell von der Exilliteratur. Einige Autoren gingen freiwillig ins Exil andere wurden verfolgt und sahen sich deshalb gezwungen ihr Heimatland zu verlassen, zumal ihnen andererseits Inhaftierung, Folter oder gar der Tod drohen würde. Doch freilich wurde auch im Dritten Reich Regimekritik auf literarischem Wege geübt. Dies geschah zum Beispiel durch Flugblätter oder Zeitschriftenartikel, die in vollständiger Anonymität publiziert werden mussten. Nach und nach wurden jedoch zumindest die meisten oppositionellen Periodika entweder verboten oder die verantwortlichen Herausgeber und Redakteure beseitigt.

Wurden in Deutschland lebende Schriftsteller vom NS-Regime weder verfolgt noch bedroht, standen sie für gewöhnlich vor der Wahl sich öffentlich zu bekennen und fortan im Interesse des Dritten Reichs zu publizieren, in die Anonymität zu flüchten oder sich, wie Jünger und Erich Kästner in die innere Emigration und damit in eine passive Beobachterrolle zu begeben. Sämtliche regimekonforme Literatur wird üblicherweise unter dem Begriff der völkisch­nationalen Literatur zusammengefasst, die überwiegend mit antidemokratischen, nationalistischen und antisemitischen Themen aufwartete. Darüber hinaus beanspruchten die Nazis sämtliche soldatische Kriegsliteratur vor 1933 für sich sowie jene Werke, die sich durch Glorifizierung der germanischen Rasse auszeichneten. Deswegen und hauptsächlich wegen der Stahlgewitter bemühte sich die NSDAP sehr darum, Ernst Jünger für ihre Zwecke als Aushängeschild zu gewinnen. Trotzdem darf die Literatur aus dem Dritten Reich nicht per se der völkisch-nationalen Richtung zugewiesen werden, was gerade am Beispiel der Marmorklippen besonders deutlich wird. Die Schwierigkeit der andersdenkenden Autoren bestand darin, einen regimekritischen oder moralisch wertvollen Inhalt geschickt zu verpacken, sodass es von den NS-Behörden nicht indiziert oder gar in einem Anfall von Naivität als reichsverherrlichend abgetan wurde. Die essenzielle Aussage musste trotz aller „Maskierung“ dennoch von den Lesern im Reich verstanden werden. Denn unverschleierte Regimekritik zu veröffentlichen war nicht nur lebensgefährlich, sondern ebenso aussichtslos, da sich für solch ein Unterfangen kaum ein Verlag oder eine Druckerei finden ließ. Thomas Mann, der 1933 ins Exil flüchtete, sprach der Literatur, die im Dritten Reich verfasst und publiziert wurde, jeglichen Anspruch auf Anerkennung als Beitrag zum Widerstand ab.3 Denn Werke aus Nazideutschland mussten schließlich vorher als unbedenklich vom Regime bewilligt werden. Jünger wollte aber nicht zu den Nazis gehören, was er auch zeitlebens nicht müde wurde zu betonen. Mann war mit seiner provokanten These nicht allein, ob sie auch auf Jüngers Marmorklippen zutrifft ist die zu beantwortende Frage dieser Arbeit.

3.1 Emst Jüngers Weg in die innere Emigration

Das Besondere an der Literatur der inneren Emigration ist die angespannte Situation der steten Gefahr, in die sich die Autoren begaben, wenn sie weiter publizierten. Ein falsches Wort, eine zweifelhafte Aussage oder Provokation konnte ihnen im schlimmsten Fall das Leben kosten. Manche zeitgenössische Exilautoren und Kritiker außerhalb Deutschlands konnten den permanenten Druck und jene Furcht, nur bedingt nachempfinden, da sie frühzeitig flüchteten. Viele solcher Intellektueller hatten daher absurde Ansprüche an die Literatur der inneren Emigration gestellt. Die deutsche Bevölkerung müsse von ihnen wach gerüttelt und für eine Revolution gegen die Nazis begeistert werden. Derlei Forderungen konnten die Autoren im Dritten Reich aber nicht ohne Konsequenzen nachkommen, weswegen die meisten versuchten ihre oppositionellen Gedanken hinter Parabeln und literarisch verschleierten, stilistisch anspruchsvollen Erzählungen, Romanen und Artikeln zu verstecken.

Im Falle Ernst Jüngers stellt sich die Situation allerdings ein wenig anders dar aufgrund seiner militärischen und politischen Vergangenheit. Die Stahlgewitter haben ihn berühmt gemacht und ihm einen nicht zu unterschätzenden Ruf eingebracht. Joseph Goebbels, Berlins Gauleiter und späterer Reichspropagandaminister, bewunderte den Autoren der Stahlgewitter und lobte sein Werk als „Evangelium des Krieges“.4 Goebbels Anerkennung war allerdings ausschließlich auf Jüngers soldatische Literatur zurückzuführen. Durch spätere Veröffentlichungen wie seine zahllosen Essays und die politische Publizistik, die teilweise in linksliberalen Organen, wie der Zeitschrift Das Tage-Buch erschien, hatte er sich unbeliebt gemacht. Auch wenn er in der Weimarer Republik zunächst mit den konservativen und nationalistischen Idealen der NSDAP sympathisierte und sogar einige anerkennende Artikel in

[...]


1 Vgl. Scholdt, Günther: Gescheitert an den Marmorklippen. Zur Kritik an Emst Jüngers Widerstandsroman, in: Zeitschrift, für deutsche Philologie 89 (1979), Berlin, ร. 556.

2 Jünger, Emst: Auf den Marmorklippen, Stuttgart, 2014, ร. 105.

3 Vgl. Beutin, Wolfgang (น. A.): Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart, 1994, ร.394.

4 Vgl. Kiesel, Helmuth: Emst Jünger. Die Biographie, München, 2007, ร. 339.

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Details

Titel
Ernst Jüngers Roman "Auf den Marmorklippen" als Beitrag zur deutschen Widerstandsliteratur
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Ernst Jünger
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V449057
ISBN (eBook)
9783668833876
ISBN (Buch)
9783668833883
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Widerstandsliteratur, Ernst Jünger, Marmorklippen, Innere Migration
Arbeit zitieren
Manuel Freudenstein (Autor), 2017, Ernst Jüngers Roman "Auf den Marmorklippen" als Beitrag zur deutschen Widerstandsliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449057

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