Die vorliegende Hausarbeit untersucht die These von einer reichsweiten Kriegsbegeisterung und stellt die Stimmungsentwicklung der deutschen Bevölkerung kurz vor und nach dem Kriegsausbruch dar. Handelt es sich bei dem „Augusterlebnis“ um einen Mythos oder zog tatsächlich ganz Deutschland begeistert in den Krieg?
Zur Beantwortung dieser Frage wurde als Informationsquelle vor allem Jeffrey Verheys Werk „Der ‚Geist von 1914‘ und die Erfindung der Volksgemeinschaft“ genutzt. Verhey präsentiert darin u.a. die Ergebnisse seiner Untersuchung zur Stimmungslage in Deutschland im Juli und August 1914, wobei ein Großteil seiner Arbeit auf die Auswertung zeitgenössischer Zeitungsartikel beruht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Stimmung innerhalb der deutschen Bevölkerung Ende Juli 1914
2.1. Anspannung, Begeisterung und Panik
2.2. Antikriegskundgebungen
2.3. Reaktion auf den „Zustand drohender Kriegsgefahr“
3. Die Reaktion der Bevölkerung auf den Kriegsausbruch
4. Die Stimmung der Bevölkerung im August 1914
4.1. Allgemein
4.2. Freiwillige
4.3. Kriegswirklichkeit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die These einer reichsweiten Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkrieges und beleuchtet die tatsächliche Stimmungsentwicklung der deutschen Bevölkerung im Zeitraum kurz vor und nach dem Kriegsausbruch im Jahr 1914.
- Analyse der Stimmungsunterschiede zwischen städtischer Bevölkerung und ländlichen Regionen.
- Untersuchung der Rolle der Presse bei der Konstruktion des "Augusterlebnisses".
- Betrachtung von Panikreaktionen, wie Bankenstürmen und Hamsterkäufen.
- Einordnung der Antikriegskundgebungen der SPD und des Burgfriedens.
- Differenzierung der Motivation bei Kriegsfreiwilligen und Soldaten.
Auszug aus dem Buch
2.1. Anspannung, Begeisterung und Panik
Am 25. Juli 1914 warteten zehntausende angespannte Menschen auf öffentlichen Plätzen in Berlin auf die serbische Beantwortung des österreichisch-ungarischen Ultimatums. Etwa 21:30 Uhr wurde vermeldet, dass Serbien die Forderungen des Ultimatums zurückgewiesen hat. Daraufhin gingen viele direkt nach Hause, einzelne jedoch blieben und jubelten. Diese Gebliebenen veranstalteten daraufhin „einer der spektakulärsten spontanen patriotischen Kundgebungen in der Geschichte Deutschlands“. Etwa 200-2000 Personen versammelten sich vor der österreichisch-ungarischen und italienischen Botschaft, sowie vorm Reichskanzleramt, riefen nationalistische Parolen und sangen patriotische Lieder. Auch in den gehobenen Restaurants und Cafés der Stadt wurden fast ausschließlich derartige Lieder gespielt und gesungen. Sang ein Gast nicht mit, konnte es sein Rauswurf durch die enthusiastische Menge bedeuten. Zeigte man seinen Protest, so konnte es gar zu Prügel kommen.
Auf den Straßen zogen Studenten, ebenfalls patriotische Lieder singend, in Gruppen von meist 100-150 Personen durch die Stadt, hielten politische Reden und riefen nationalistische Losungen in die Nacht. Die Leute waren begeisternd und enthusiastisch am Feiern, fühlten sich an jenem Abend wie eine einheitliche Volksgemeinschaft. Dabei zog nur ein Bruchteil der Berliner durch die Straßen. Die überwältigende Mehrheit war dagegen zu Hause. Zudem stellten die Teilnehmer keinen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung dar. Die Mehrheit der „Begeisterten“ waren gebildete Jugendliche, Studenten und Angestellte, sowohl Männer als auch Frauen. Die wenigen anwesenden Älteren gehörten ebenfalls der Mittel- und Oberschicht an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung hinterfragt das historisch tradierte Bild der "Kriegsbegeisterung" und stellt die Forschungsfrage, ob das "Augusterlebnis" tatsächlich reichsweit oder primär ein Mythos war.
2. Die Stimmung innerhalb der deutschen Bevölkerung Ende Juli 1914: Dieses Kapitel analysiert die zwiespältigen Reaktionen der Bevölkerung, die zwischen patriotischen Kundgebungen einer Minderheit, Panikreaktionen der Kleinsparer und Antikriegsdemonstrationen schwankten.
3. Die Reaktion der Bevölkerung auf den Kriegsausbruch: Es wird untersucht, wie die offizielle Nachricht der Mobilmachung aufgenommen wurde und dass diese bei vielen eher ein Gefühl der Erlösung als eine blinde Kriegsbegeisterung auslöste.
4. Die Stimmung der Bevölkerung im August 1914: Hier werden die Rolle der Medien bei der Nachrichtenübermittlung, das Phänomen der freiwilligen Meldungen zum Kriegsdienst sowie die tatsächliche Kriegswirklichkeit der Soldaten beleuchtet.
5. Fazit: Das Fazit schließt, dass die allumfassende Kriegsbegeisterung ein Mythos ist, der vor allem von der konservativen Presse konstruiert und durch die Stimmung junger, gebildeter Schichten in Großstädten genährt wurde.
Schlüsselwörter
Augusterlebnis, Erster Weltkrieg, Kriegsbegeisterung, Mythos, Deutsches Kaiserreich, 1914, Volksgemeinschaft, Mobilmachung, Antikriegskundgebungen, Sozialdemokratie, Burgfrieden, Stimmungslage, Kriegsfreiwillige, Zeitungsberichterstattung, Gesellschaftsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des "Augusterlebnisses" im Jahr 1914 und prüft, ob die in der Geschichtsschreibung oft postulierte allgemeine Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich der Realität entsprach oder als Mythos zu betrachten ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Zentral sind die Stimmung der Bevölkerung, das Verhalten der Presse, soziale Unterschiede in der Reaktion auf den Kriegsausbruch sowie der Kontrast zwischen den medial konstruierten Jubelstürmen und der tatsächlichen emotionalen Verfassung der Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Dekonstruktion des Bildes der einheitlichen, kriegsbegeisterten deutschen Volksgemeinschaft durch eine detaillierte Analyse zeitgenössischer Stimmungsberichte und historischer Forschungsliteratur.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und wertet primär zeitgenössische Quellen sowie Forschungsergebnisse, insbesondere von Jeffrey Verhey, aus, um die Stimmungsentwicklung im Sommer 1914 nachzuvollziehen.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Stimmung Ende Juli 1914, die Reaktionen auf den Kriegsausbruch und die Stimmung im August 1914, wobei auch spezifische Gruppen wie Kriegsfreiwillige und die Arbeiterklasse differenziert betrachtet werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Kriegsbegeisterung, Mythos, Augusterlebnis, Stimmungslage, 1914, Volksgemeinschaft, Burgfrieden und soziale Differenzierung.
Warum spielt die Berichterstattung in der damaligen Presse eine so wichtige Rolle für das Verständnis des "Augusterlebnisses"?
Die Presse interpretierte die Stimmung einer lautstarken, gebildeten Minderheit in den Großstädten fälschlicherweise als repräsentativ für das gesamte deutsche Volk, was maßgeblich zur Entstehung des Mythos der allumfassenden Begeisterung beitrug.
Inwiefern unterschied sich die Stimmung auf dem Land von der in den Großstädten?
Während in den urbanen Zentren spontane Kundgebungen stattfanden, herrschte auf dem Land und in den Grenzregionen eher Sorge vor Ernteausfällen, Angst vor einer Invasion und eine allgemein bedrücktere Stimmung vor.
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- Michael Ehret (Author), 2018, Das "Augusterlebnis". Reichsweite Kriegsbegeisterung oder Mythos?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450148