Zwischen Rätedemokratie und Parlamentarismus. Gründung und Scheitern der sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland


Hausarbeit, 2018
24 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

2. Die Ereignisorte
a. Oldenburg
b. Leer

3. Die Proklamation der „sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland“

4. Die Revolution in Oldenburg
a. Das Ende der Monarchie in Oldenburg
b. Das Direktorium
c. Die Soldaten und Arbeiterräte

5. Die pragmatische Revolution in Leer
a. Revolution als Tagespolitik
b. Der Konflikt mit den Bauern-und Landarbeiterräten

6. Oldenburg und Leer – die Revolution im Vergleich

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das Alte und Morsche, Die Monarchie ist zusammengebrochen; Der Militarismus ist erledigt! Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!“ (zitiert nach Käppner :195). Mit diesen Worten rief am 09. November 1918 der SPD-Politiker Philipp Scheidemann die Deutsche Republik aus und kam damit dem Spartakisten Karl Liebknecht zuvor, der wenige Stunden darauf vom Berliner Schloss aus den versammelten Demonstranten zurief: „In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.“ (zitiert nach Niess: 40). Für die Region Oldenburg/ Nordseestation wurde 24 Stunden später zunächst die sozialistische Republik ausgerufen:„ Die 21er Kommission, als ausführendes Organ des Arbeiter-und Soldatenrats der Nordseestation und aller ihm unterstehenden Landesteile und Inseln Preußens, sowie ganz Oldenburgs und der gesamten Flotte hat … folgendes rechtskräftig beschlossen: Der Großherzog von Oldenburg ist abgesetzt! Die oben angeführten Landesteile und Marineformationen erklären ihren zugehörigen Bezirk zu einer sozialistischen Republik…“ (Flugblatt vom 10. November, zitiert nach Günther: 84). Die Proklamation des Freistaats Oldenburg unter Regierung eines Direktoriums erfolgte erst am 12. November (s. Günther:89) und einen Tag später durch folgenden Aufruf: „In Oldenburg ist geschehen, was überall im Reiche unvermeidlich wurde. Die alte Staatsform ist zerbrochen. Neues wird lebendig. Ein Direktorium von 9 Männern hat in Vereinbarung mit den Soldatenräten und dem Landtag die Regierung in Oldenburg übernommen.“ (zitiert nach Günther 89). Auch in ihrer unterschiedlichen Reihenfolge verweisen diese Proklamationen auf den innerrevolutionären Gegensatz zwischen den Anhängern einer sozialistischen Räterepublik und gemässigten, parlamentarisch-demokratischen Kräften, die sich wie auf Reichsebene auch auf regional in Oldenburg-Ostfriesland behaupteten. Die Revolution hatte ihre Zentren und Brennpunkte, wie Berlin oder München. Im Alltag umgesetzt und in ihren Folgen bewältigt werden musste sie jedoch unter den jeweiligen regionalen Bedingungen. Dort erst und abseits aller ideologischen Kontroversen wurde sie im Leben der Menschen erfahrbar. Das macht eine regionalgeschichtliche Herangehensweise an die Novemberrevolution sinnvoll und auch notwendig. Darum beschränkt sich die vorliegende Arbeit auf die revolutionären Ereignisse im ehemaligen Großherzogtum Oldenburg und der Kleinstadt Leer im preußischen Regierungsbezirk Ostfriesland. Beide

Regionen sollen als Orte revolutionären Geschehens vorgestellt und miteinander verglichen werden. Dabei sollen folgende Fragen maßgeblich sein: Welche politischen Kräfte bestimmten in den Regionen Oldenburg und Leer das revolutionäre Geschehen und welche Ziele verfolgen sie? Welche Institutionen wurden im Zuge der politischen Neuordnung geschaffen bzw. beibehalten und wie wurden sie besetzt? Welche (tages-) politischen Aufgaben standen im Vordergrund? Und welche Konflikte ergaben sich aus der Opposition linksradikaler und konservativer Gegenkräfte? Am Ende sollte erkennbar sein, dass das Vorhaben einer „Sozialistische Republik Oldenburg-Ostfriesland nicht nur an dem Machtanspruch des Wilhelmshavener 21er Rats und eines Bernhard Kuhnt als dessen Sprecher scheitern musste. Die Voraussetzungen und Erfordernisse revolutionären und tagespolitischen Handelns waren, wie zu zeigen sein wird, in Oldenburg und Leer/Ostfriesland in hinsichtlich der Aufgaben und Ziele (s. zu Oldenburg Günther:104f) unterschiedlich. Zunächst soll über die beiden Ereignisorte der Revolution, um die es im Folgenden gehen wird, das Großherzogtum Oldenburg und die ostfriesische Stadt Leer, orientiert werden. Darauf aufbauend sollen die revolutionären Vorgänge, Institutionen, Herausforderungen und Konflikte nach den Orten getrennt dargestellt werden. Es folgt ein Vergleich der jeweiligen revolutionären Prozesse und der Versuch, das Scheitern des räterepublikanischen Projekts einer „sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland“ zu begründen.

Es ist dem Umfang der Arbeit geschuldet, dass die dem Landkreis Leer und dem Freistaat Oldenburg zugehörigen Ortschaften bzw. Exklaven nicht behandelt werden und die revolutionären Vorgänge nur in der Auswahl zu Sprache kommen, die mir für die Charakteristik für die revolutionären Prozesse an den beiden Ereignisorten wesentlich erscheinen.

2. Die Ereignisorte

a. Oldenburg

Mit dem Großherzogtum Oldenburg erreichte die November-Revolution einen der kleineren und peripher gelegenen Staaten des Deutschen Reiches. Es zählte bei einer Gesamtfläche von 6428 qkm rund 550.000 Einwohner. Davon entfielen 5383 qkm mit ca. 483.000 Einwohner auf das ehemalige Herzogtum Oldenburg (Großherzogtum und Eckardt 2014:189) . Die verbleibende Einwohnerzahl und Flächen verteilten sichetwa hälftig auf die zwei dem Großherzogtum zugehörige Exklaven, die Landesteile Lübeck mit Eutin als Regierungssitz und Birkenfeld, im Hunsrück gelegen. Die beiden exterritorial gelegenen Landesteile wurden jeweils von einem Regierungspräsidenten regiert, der von der oldenburgischen Landesregierung ernannt wurde. Das Großherzogtum, wiedererrichtet 1815 durch den Wiener Kongress trat 1867 dem Norddeutschen Bund und 1871 dem Deutschen Reich bei. Größere Städte gab es nur im Landesteil Oldenburg mit der Residenzstadt Oldenburg sowie Rüstringen, das mit der preußischen Stadt Wilhelmshaven als Teil der Marinestation Nordsee zu einer Festung zusammengeschlossen war. Das Territorium für die Stadt und den Kriegshaven Wilhelmshaven war dem Großherzogtum 1853 abgekauft worden. Die Landesteile Oldenburg und Lübeck waren stark landwirtschaftlich geprägt. Noch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeiteten 155.000 Menschen in der Landwirtschaft, 141.000 in Industrie und Handwerk und 81.000 in Handel und Verkehr. Im Landesteil Birkenfeld dominierte das Kleingewerbe, vor allem durch die Edelsteinverarbeitung in Idar-Oberstein (s. zu den Angaben:Eckardt 2014:189f) Das Großherzogtum war seit 1848/49 verfasst als konstitutionelle Monarchie. Die Regierung bestand aus dem Großherzog Friedrich August und einem von ihm ernannten Staatsministerium, das 1918 aus drei Ministern bestand. Ferner gab es einen Landtag, der das Budget-Recht ausübte. Für die Wahlen zum Landtag galt zuletzt ein ein direktes Wahlrecht nur für Männer, wobei über 40- Jährige zwei Stimmen hatten. Seit den Wahlen von 1911 hielten SPD und FVP die Mehrheit der 45 Sitze im „Landtag des Großherzogtums Oldenburg“, der bis zum 18. Ferbruar 1919 unter dieser Bezeichnung ungeachtet aller revolutionären Veränderungen weitertagte (s.dazu Eckardt 1978).

b. Leer

Die Annektion des Königreichs Hannover und die Rückkehr Ostfrieslands unter preußische Herrschaft 1866 wurde, wie im übrigen Ostfriesland, auch in begrüßt (Eimers:58). 1885 wurden die ostfriesischen Landkreise Aurich, Emden, Norden, Weener, Wittmund und Leer gebildet. Die Stadt Emden blieb kreisfrei. Wilhelmshaven war eine preußische Enklave im Großherzogtum Oldenburg und wurde im Sommer 1914 kriegsbedingt mit dem oldenburger Rüstringen zu einer Festung zu einem Gültigkeitsbereich militärischen Rechts vereint. Der Landkreis Leer umfasste 71 Gemeinden und vier Gutsbezirke mit insgesamt 58.000 Einwohnern auf 687 qkm. Die Einwohnerzahl der Stadt Leer sank in den Kriegsjahren von 13.000 auf 10.000 Bewohner (Nassua:132). Neben der Landwirtschaft prägten kleine und mittelständische Betriebe die Wirtschaft. Die Produktion dort erfolgte durchweg auf dem Niveau von Handwerksbetrieben. Eine wichtige Rolle spielte der Holzschiffbau, bis er mit der Tendenz zum Eisenschiff, der er nicht nachkommen konnte, in die Krise geriet. Das Fehlen einer großen organisierten Industriearbeiterschaft, wie sie in Wilhelmshaven-Rüstringen existierte, wo allein in der Kaiser-Wilhelm-Werft bis zu 20.000 Menschen (Nassua:65) beschäftigt waren, musste sich auf den Verlauf des revolutionären Prozesses und der Besetzung seiner Institutionen in Leer deutlich erkennbar auswirken (s.u. S.13ff) Regiert wurde die Stadt bis dahin von Magistrat und Bürgervorsteherrat. Passiv und aktiv wahlberechtigt waren nur männliche Besitzbürger und ab 1871 auch Kriegsteilnehmer. Die Spitze der Stadtregierung bildete der Bürgermeister, der zugleich Stadtdirektor und Beamter auf mindestens zwölf Jahre.

c. Marinestation Nordsee

Das territorial zu Preußen gehörige Wilhelmshaven und Rüstringen , das zu Oldenburg gehörte sowie das jeweilig dazu gehörige Hinterland bildeten die Festung Wilhelmshaven, den Hauptliegeplatz der Kaiserlichen Marine und den Standort von Werften und Rüstungsbetrieben. Nassua beziffert die Zahl der im Festungsbereich stationierten Soldaten auf 100.000 (Nassua: 65). Die Festung unterstand vollständig der Leitung durch einen Gouverneur, der dem Kaiser direkt unterstellt war. Sie war Teil der Marinestation Nordsee, die sich mit einer Vielzahl von Standorten und Einrichtungen der Marine die ganze deutsche

Nordseeküste entlang von Borkum bis Sylt erstreckte und durch den Kaiser- Wilhelm-Kanal mit der Marinestation Ostsee verbunden war.

3. Die Proklamation der „sozialistischen Republik Oldenburg- Ostfriesland“

Der 29.September 1918 war, so Sebastian Haffner „ein 8. Mai 1945 und ein 30. Januar 1933 in einem. Er brachte zugleich Kapitulation und Staatsumbau“ (Haffner 2008, 27). An diesem Tag forderte die Oberste Heeresleitung von der Politik den Rücktritt des Reichskanzlers Hertling und die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen. In unserem Zusammenhang war dies zugleich der Vorabend des revolutionären Prozesses, der durch den Befehl der Marineleitung ausgelöst wurde, die kaiserliche Kriegsflotte solle am 30. September 1918 zu einer „Nibelungenschlacht auf See“ (Käppner, 21) gegen die Royal Navy Großbrittaniens und deren Blockade der Deutschen Bucht auslaufen, ein Befehl, der zu diesem Zeitpunkt militärisch unsinnig, politisch kontraproduktiv und ohne Legitimation war, die Besatzungen aber in ein „kollektives Selbstmordattetat“ (Käppner:21) schicken wollte. Aus der anfänglichen Meuterei der Mannschaften, die die Ausführung dieses Befehls verhinderte, entwickelte sich, gefördert durch den jahrelangen Leidensdruck der Besatzungen (s.dazu Kliche:3 und Käppner:21ff) die Solidarisierung der Arbeiterinnen und Arbeiter der Werften und Rüstungsbetriebe binnen weniger Tage ein revolutionärer Prozess. Aus den Massenkundgebungen der Soldaten und Arbeiter gingen am 06. November 1918 Institutionen hervor, die den revolutionären Prozess vor Ort koordinieren, kontrollieren und ausweiten sollte: Es wurde ein Arbeiter-und Soldatenrat für Wilhemshaven-Rüstringen konstituiert, der aus seinen Reihen die Mitglieder eines Exekutiv-Ausschusses, den sogenannten 21er-Rat wählte. Vorsitzender des 21er-Rats wurde der Sozialist Bernhard Kuhnt, „einer der Führer und Schürer der revolutionären Bewegung“ (Kliche, 11). Der Oberheizer Kuhnt war es dann auch, der Im Namen des revolutionären 21er-Rats am 10. November 1918 auf einer Massenkundgebung in Wilhelmshaven mit den o.g. Worten (s.o. S. 1) die „sozialitische Republik Oldeburg-Ostfriesland“ proklamierte.Das Land Oldenburg, die Marinestation Nordsee in mit ihrem Hinterland, mit den Norseehäfen Wilhelmshaven und Emden, den Rüstungsbetreiben von Rüstringen und dem Ostsee-Zugang über den Kaiser-Wilhelm-Kanal unter die eigene Kontrolle zu bringen und somit als eigene sozialistische Republik vom Deutschen Reich politisch, wirtschaftlich und militärisch abzutrennen, hätte einen-zumindest partiellen Sieg- des räterepublikanischen Flügels über die parlamentarische Demokratie in Deutschland bedeutet. Die Proklamation war mithin eine Kampfansage über die Grenzen der Region hinaus. Die dem preußischen Regierungsbezirk Aurich zugehörigen Teile, die nicht der Marinestation Nordsee unterstanden, wurden in der Proklamation nicht aufgeführt, aber schon in der Namensgebung als Bestandteil der neuen Republik beansprucht.

4. Die Revolution in Oldenburg

a. Das Ende der Monarchie in Oldenburg

Bereits am 08.November schickten die Wilhelmshavener Revolutionäre eine Delegation auf das Oldenburger Schloss mit der Forderung, dieses und das Elisabeth-Anna- Palais rot beflaggen zu dürfen. Wie weit der noch regierende Großherzog dem freiwillig zustimmte, ist umstritten. Nach Kliche hätten die Wilhelmshavener vor den Bediensteten des Schlosses demonstrativ ihre Waffen durchgeladen (Kliche:16 ) und ihrem Ansinnen so Nachdruck verliehen. Eckardt schildert die Situation eher als Gespräch im Geiste der Deeskalation und einer gewissen Verständigung ( Eckardt 1996, 23) Wie es auch gewesen sein mag, die rote Beflaggung des Schlosses hatte eine doppelte symbolische Aussage. Sie griff dem vor, was noch nicht geschehen war, aber unvermeidlich geschehen würde: Die Abdankung des Großherzogs und das Ende der Monarchie auch in Oldenburg. Zum anderen demonstrierte sie den Anspruch der Zuständigkeit des Wilhelmshavener Arbeiter-und Soldatenrats auch für Oldenburg noch vor der Proklamation einer gemeinsamen sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland, die ja erst am 10. November zusammen mit der Bekanntgabe des Rücktritts des Großherzogs erfolgte, den dieser allerdings erst am 11. November erklärte. Der Soldatenrat für Oldenburg, der die Symbolik der Beflaggung wohl durchschaute, liess die roten Fahnen nach ein paar Stunden mit der Begründung einholen, der Großherzog regiere noch unddie rote Beflaggung sei ein Affront gegen ihn. In der Tat regierten an diesem Tag in Oldenburg der Großherzog mit seinem Ministerrat, der Landtag, der Oldenburger Arbeiter- und Soldatenrat (s.Brüchert:o.S.) und der Arbeiter- und Soldatenrat für Wilhelmshaven durch seinen 21er-Rat mit Bernhard Kuhnt an der Spitze. Der 08. November war damit ein Tag des revolutionären Übergangs, an dem sich kommende Konfliktlinien bereits deutlich abzeichneten. Der SPD- Landtagsabgeordnete Paul Hug hatte am 11. November die Proklamation der sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland durch Bernhard Kuhnt selbst miterlebt. Der Flaggenstreit um das Schloß und spätestens Kuhnts Proklamation machten deutlich: Der nach dem Zusammenbruch der Monarchie auf Reichsebene unvermeidbare Rücktritt des Großherzogs würde in Oldenburg zu einem Machtvakuum führen, das auszufüllen die räterepublikanischen Kräfte in Wilhemshaven bereitstanden. Dem war zuvorzukommen durch die Schaffung und Besetzung parlamentarisch- demokratischer Strukturen und entsprechend zu besetzender Institutionen. Hug veranlasste den Vertrauten des Großherzogs, Staatsminister Scheer, dem Monarchen den Thronverzicht nahezulegen. Am 11. November 1918 um 11.15 endete die Existenz des Großherzogtums Oldenburg mit der Unterzeichnung der Abdankungsurkunde (zum verfassungsrechtlichen Aspekt dieses Vorgangs s. Eckardt 2017,149):

b. Das Direktorium

Dennoch musste weiterregiert werden. Der Staat Oldenburg durfte nicht dem freien Spiel der politischen Kräfte und Interessen preisgegeben werden. Dem politischen Geschick Hugs war es zu verdanken, dass Oldenburg binnen fünf Stunden (Brüchert) eine neue politische Ordnung hatte. An Stelle des Monarchen als Regent trat eine Institution, deren Bezeichnung wohl nicht absichtslos ein wenig an die französische Revolution 1789 erinnerte: Das

„Landesdirektorium“, ein Gremium, für das es keine rechtliche Grundlage gab, das aber vom Landtag anerkannt war. Es war besetzt mit Minister Scheer und Minister Graepel vom vormaligen großherzoglichen Ministerrat als parteilose Fachkräfte sowie fünf Abgeordneten des Oldenburger Landtags: Paul Hug (SPD), Karl Heitmann (SPD, Arbeiter-und Soldatenrat Oldenburg), August Jordan (SPD), Julius Meyer (SPD), Theodor Tantzen-Heering (FVP, später DDP) und Franz Driver (Zentrum). Somit vereinigte das Direktorium fachkundige Mitglieder der vormaligen Staatsregierung mt Abgeordneten des weiter amtierenden Landtags und damit Repräsentanten der auch zuvor politisch verantwortlichen Körperschaften. Und da es durch den kriegsbedingt geschlossenen „Burgfrieden“ im Landtag ohnehin kaum interfraktionelle Konflikte gab, wurde das Direktorium praktisch vom ganzen Landtag, also auch getragen. Das gab dem oldenburger System ein breites und stabiles parlamentarisch-demokratisches Fundament. Das Ganze trug nun den Namen „Freistaat Oldenburg“, die Landesteile Oldenburg, Lübeck und Birkenfeld die Bezeichnung „Provinz“ (so eine Kundgebung des Direktoriums vom 14.November 1918, s. Kliche, 21) Bernhard Kuhnt, der sich am 11. November mit einigen räterepublikanischen Genossen per Sonderzug nach Oldenburg aufgemacht hatte, kam zu spät. Allerdings: zwei Stunden nach seiner Ankunft wählte ihn der Landtag zum „zeitigen“ Präsidenten des neuen „Freistaats Oldenburg“ mit einem „Direktorium“ als Staatsleitung. Mit diesem-auf den ersten Blick verwunderlichen-politischen Schachzug wurde der Wilhelmshavener 21er-Rat in die politische Führung der neuen Republik eingebunden und zugleich kaltgestellt. Denn Kuhnt war als USPD-nahestehend in der Staatsleitung völlig isoliert. So konnte er schwerlich gegen das neue

politische System öffentlich opponieren, da er selbst ein Teil davon war. Er konnte aber innerhalb dieses Systems auch nicht viel bewegen. Der parlamentarisch-demokratisch verfasste neue „Freistaat Oldenburg“ war der erste Schritt vom Ende der „sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland“. Den zweiten und finalen Schlag gegen ein solches politisches Konstrukt führte das „Direktorium“ bereits in seiner ersten Sitzung am 13. November 1918 mit nachstehendem Beschluss: „3. Veränderungen des Gebietes des Freistaats Oldenburg können nur erfolgen nach Vereinbarung zwischen der Nationalversammlung des Deutschen Reiches und dem Landtage, unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechts der beteiligten Bevölkerung.“ ( aus: Anlage 2 zum Protokoll des Direktoriums vom 13. November 1918, zitiert nach Eckardt 2017: 63). Damit war für Oldenburg eine Fusion mit Ostfriesland oder anderen Territorien zumindest bis zur Wahl einer Nationalversammlung vom Tisch, die sich dann nicht mehr damit befasste. Für den Wilhelmshavener 21er- Rat sollte diese Einsicht erst später, anlässlich der Niederschlagung des Wilhelmshavener Putsches vom 27. Januar 1919, erfolgen: „Die Autonomieerklärung der Republik Oldenburg/Ostfriesland wird vom 21er-Rat zurückgenommen, die Reichsregierung Ebert/Scheidemannanerkannt…“(aus dem Verhandlungsergebnis nach Niederschlagung des Putsches, zitiert nach Nassua 2007: 93). Am 21. Februar 1919 wurde der 21er-Rat aufgelöst. Das rechtzeitige Eingreifen oldenburger Landtagsabgeordneter und Staatsminister unter Führung des Sozialdemokraten Hug gaben dem Freistaat Oldenburg eine politische Ordnung parlamentarisch-demokratischen Zuschnitts und verhinderten binnen weniger Stunden den Versuch, eine sozialistische

„Republik Oldenburg-Ostfriesland“ zu installieren und die Region von der weiteren politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der jungen deutschen Republik abzukoppeln. Wichtigstes staatspolitisches Instrument war dabei das neugeschaffene Direktorium, in dem Landtagsabgeordnete, vormalig großherzogliche Minister, ein Mitglied des Arbeiterrats für Oldenburg und der Vorsitzende des 21er-Rats Oldenburg vertreten waren. Die Schaffung dieser integrativen Institution ausserhalb des verfassungsmäßigen Rahmens bei Beibehaltung des amtierenden Landtags und die Kooperation mit den Soldaten-und Arbeiterräten als die eigentlichen revolutionären Kräfte sicherten Oldenburg einen unblutigen, weitgehend friedlichen Umgestaltungsprozess der politischen Ordnung. Dazu gehörte auch, dass der Großherzog nicht exiliert oder enteignet wurde, sondern sich unbehelligt auf seinen Sitz in Rastede zurückziehen durfte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zwischen Rätedemokratie und Parlamentarismus. Gründung und Scheitern der sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur-und Sozialwissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V451248
ISBN (eBook)
9783668866126
ISBN (Buch)
9783668866133
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novemberrevolution 1918
Arbeit zitieren
Heiko Gerdes-Janssen (Autor), 2018, Zwischen Rätedemokratie und Parlamentarismus. Gründung und Scheitern der sozialistischen Republik Oldenburg-Ostfriesland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451248

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