Smartphone-induzierter Stress bei Studenten. Stressoren und Copingstrategien


Bachelorarbeit, 2018
107 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielstellung und Aufbau der Arbeit

2 Theoreti scher Hintergrund
2.1 Stress und seine Folgen
2.2 Technostress
2.2.1 Nomophobie
2.2.2 Fear of missing out
2.3 Das transaktionale Stressmodell von Lazarus
2.4 Das Persönlichkeitsmodell der Big Five
2.4.1 Die fünf Persönlichkeitsfaktoren
2.5 Der BFI-10

3 Methodik
3.1 Die Stichprobe
3.2 WhatsApp basierte Interviews
3.2.1 Transkription
3.2.2 Analyse der Interviews
3.3 Online Fragebogen BFI-6

4 Ergebnisse
4.1 Stressoren
4.2 Copingstrategien
4.3 Persönlichkeiten
4.4 Persönlichkeitsbedingte Copingstrategien

5 Fazit
5.1 Zusammenfassung
5.2 Limitationen und weiterer Forschungsbedarf

Literaturverzeichnis

Anhang
A. 1 Transkripte der Interviews
A.2 Kodi eri eitaden
A.3 Ergebnisse der Kategori sierung
A.4 Ergebnisse des BFI-6
А.5 Kennzahlen der Stressoren und Copingstrategien

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2-1 : Einstellung zu den sozialen Medien nach Altersgruppen

Abbildung 2-2: Situationsbezogene Anzeichen von FOMO nach Altersgruppen

Abbildung 2-3: Das transaktionale Stressmodell von Lazarus

Abbildung 2-4: Big Five Inventory-10 (BFI-10)

Abbildung 4-5: Individueller Umgang mit Smartphone bedingtem Stress

Abbildung 4-6: Verteilung der Coping Arten nach Geschlecht

Abbildung 4-7: Durchschnittlicher Umgang mit den Stressoren nach Geschlechtern

Abbildung 4-8: Verteilung und Ausprägung in der Dimension Extraversión

Abbildung 4-9: Verteilung und Ausprägung in der Dimension Gewissenhaftigkeit

Abbildung 4-10: Verteilung und Ausprägung in der Dimension Neurotizismus

Abbildung 4-11 : Persönlichkeitsdiagram

Abbildung 4-12: Zusamenhang von Extraversión und der Coping Wahl bei Frauen

Abbildung 4-13: Zusammenhang von Gewissenhaftigkeit und der Coping Wahl bei Frauen

Abbildung 4-14: Zusammenhang von Neurotizismus und der Coping Wahl bei Frauen

Abbildung 4-15: Zusammenhang von Extraversión und der Coping Wahl bein Männern

Abbildung 4-16: Zusammenhang von Gewissenhaftigkeit und der Coping Wahl bei Männern

Abbildung 4-17: Zusammenhang von Neurotizismus und der Coping Wahl bei Männern

Tabellenverzeichnis

Tabelle 4-1: Häufigkeit der Stressoren nach Geschlecht

1 Einleitung

״Das will ich auf jeden Fall öfters machen, ohne Handy aus dem Haus zu gehen. Einfach um dem Handy nicht so eine Macht über mich zu geben. Oh man, das klingt echt traurig, aber es ist leider so. “ (JA, Absatz 28-30)

Diese Aussage einer im Rahmen dieser Arbeit interviewten Studentin zeigt beispielhaft, wie sehr unsere heutige Gesellschaft auf das Smartphone angewiesen ist und auch von ihm abhängig geworden ist. Ein durchschnittlicher Smartphone Nutzer berührt am Tag im Schnitt 2.617-mal sein Smartphone, verbringt ganze 145 Minuten mit der digitalen Kommunikation und beginnt um 7:31 Uhr genau mit diesem Prozedere seinen Tag. Ohne das Smartphone fühlen sich vier von zehn Usern völlig verloren, womit sie von dem Angstzustand einer Nomophobie betroffen sind (Stiefelhagen 2018, s. 20). Laut einer Pisa-Studie leiden 41 % der ״DigitalNatives “, also derer, die von klein auf mit dem Internet leben, an genau diesem Angstzustand. Fünf Stunden des Tages verbringen Jugendliche heute in sozialen Medien wie WhatsApp, Facebook und Co. Um von dem Geschehen der virtuellen Welt auch nichts zu verpassen, werfen sie zudem alle sieben Minuten einen Blick auf ihr Smartphone (Bartsch 2018).

Durch diese Omnipräsenz von Informations- und Kommunikationstechnologien, insbesondere des Smartphones, entstehen immer mehr Stresssituationen und auch Krankheitsbilder, die bedenkliche Ausmaße annehmen und die heutige Gesellschaft stark beeinflussen. So analysierte die Techniker Krankenkasse 190.000 Diagnosedaten von Studierenden und kam im Juli 2015 zu dem Ergebnis, dass jeder zweite an stressbedingter Erschöpfung leide, was laut TK-Chef Jens Baas nicht nur an anspruchsvollen Lehrplänen läge, sondern insbesondere an den fehlenden Offline-Zeiten. Schon 2009 gaben ein Drittel der Befragten in einer Studie der Techniker-Krankenkasse an, dass ständige Erreichbarkeit und der Informationsüberfluss bei ihnen Hauptgrund für das Gefühl von Überlastung sei (von Rutenberg 2015). Aber auch auf das emotionale Wohlbefinden haben digitale Kanäle einen starken Einfluss. So zeigte eine Metaanalyse zu Studien aus den Jahren 1998 bis 2008, dass die Nutzung digitaler Medien und des Internets mit vermindertem Wohlbefinden und depressiven Neigungen einhergeht (Spitzer 2015a, s. 238).

Interessant wird es an dem Punkt, an dem in einer Situation zwei Menschen anders auf solche Reize oder Einflüsse reagieren. Welche digitalen Reize verursachen beim Einzelnen Stress und wie wird mit diesen umgegangen? Wie im folgenden Abschnitt beleuchtet werden soll, lässt sich basierend auf bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten vermuten, dass womöglich die

Ausprägung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale das Handeln und Reagieren im digitalen Umfeld beeinflusst.

1.1 Problemstellung

Die stetige und schnelle Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat viele Prozesse der Arbeitswelt und des täglichen Lebens erleichtert, aber auch neue gesundheitliche Probleme mit sich gebracht. Technostress ist eine Form dieser Auswirkung, die durch physische, psychische, kognitive und verhaltensbasierte Symptome gekennzeichnet ist und sich dahingehend von normalem Stress, Angst und Depression unterscheidet (Chiappetta 2017; Ragu-Nathan et al. 2008). Technostress tritt im geschäftlichen und privaten Kontext auf, wobei der geschäftliche Aspekt stärker in der Literatur untersucht wird, da Technostress hier messbare Auswirkungen auf die Produktivität mit sich bringt. Dabei gibt es mehrere stresserzeugenden Reizen, sogenannte Stressoren, die man in die fünf Kategorien ״techno- overload“, ״techno-invasion“, ״techno-complexity“, ״techno-insecruity“ und ״techno- uncertainty“ einteilen kann (Tarafdar et al. 2007). Im privaten Kontext behandelt die Literatur folgende Stressoren: Kosten von Technologie, ungewollte E-Mails, verlangsamte Datenverarbeitung (Şahin and Çoklar 2009), Informationsüberschuss, Kommunikationsüberschuss, Überschuss an sozialer Interaktion (Yao and Cao 2017; Zhang et al. 2016), Multitasking im Internet und zwanghafte Smartphone Nutzung (Jena 2015; Reinecke et al. 2017). Durch diesen Stress entstehen Konflikte zwischen Technologie und privatem bzw. geschäftlichen Umfeld (Zheng and Lee 2016), Pessimismus (Lee 2016) und auch Zustände von Angst und Depression (Reinecke et al. 2017). Die Gründe für diese Art von Technostress sind durch psychologische Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale bedingt (Hsiao et al. 2016; Krishnan 2017; Lee et al. 2014).

In letzter Zeit hat man diesem Zusammenhang mehr Aufmerksamkeit geschenkt und es finden sich einige Arbeiten mit ähnlichen oder erweiterten Ansätzen. In der Literatur finden sich verschiedene Werke, die einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Internet bezogenen Aktivitäten wie Online-Spielen oder der Nutzung sozialer Medien sehen. So zeigten die Ergebnisse einiger Studien, die den Zusammenhang von verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften mit der Nutzung von Facebook untersuchten (Ross et al. 2009; Żywica and Danowski 2008), dass extrovertierte Leute mit guter sozialer Vernetzung in der Offline-Welt, Facebook zur sozialen Bereicherung nutzen. Personen mit narzisstischen Zügen hingegen nutzten diese Medien verstärkt und haben sich durch die Möglichkeiten der Online-Welt dort vorteilhaft dargestellt (Buffardi and Campbell 2008; Mehdizadeh 2010). Weitere Forschungen bestätigten, dass Personen mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen sich hinsichtlich ihres Konsums sozialer Medien unterscheiden (Correa et al. 2010). Die individuellen Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen dabei in fast allen Situationen die Kognitionen, Motivationen und das Verhalten. Dabei zeigte die Arbeit von Ryan und Xenos (2011), dass Facebook Nutzer eher extrovertiert und narzisstisch geprägt sind, aber weniger gewissenhaft und einsam sind als die Nicht-Nutzer. Außerdem variierten die Häufigkeit der Facebook Nutzung sowie die Wahl bestimmter Nutzungsoptionen in den sozialen Medien durch die individuellen Ausprägungen von Neurotizismus, Einsamkeit, Schüchternheit und Narzissmus (Ryan and Xenos 2011). Diese Annahme wurde von anderen Arbeiten unterstützt (Ross et al. 2009). Bianchi und Phillips (2005) zeigten, dass Extraversión im Zusammenhang mit der problematischen Nutzung des Smartphones steht. Weiterhin steht Extraversión auch im Zusammenhang mit Suchterscheinungen im Hinblick auf die Nutzung sozialer Medien (Atroszko et al. 2018; Wang et al. 2015). In einer Studie mit 1011 Facebook Nutzern aus Polen, der Türkei und der Ukraine fiel auf, dass geringe Werte für Gewissenhaftigkeit mit einer Facebook Sucht zusammenhingen (Blachnio et al. 2017). Auch der Dimension Neurotizismus wurde in einigen Arbeiten ein Zusammenhang mit Suchtsymptomen bei dem Konsum sozialer Medien bzw. dem Internet nachgewiesen (öztürk and özmen 2016; Wang et al. 2015; Yao et al. 2014). Eine Metaanalyse mit 27867 Teilnehmern im mittleren Alter von 23,92 Jahren, davon 59,22 % weiblich, zum Thema ״Problematic Facebook Use“ zeigte, dass Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit einen relevanten Einfluss auf diese problematische Nutzung haben (Marino et al. 2018). Eine aktuelle indische Studie zeigte, dass Extraversión und Gewissenhaftigkeit zwanghaften Smartphone Konsum positiv beeinflussen. Neurotizismus, Offenheit und Verträglichkeit hingegen beeinflussen diesen Konsum negativ und der zwanghafte Smartphone Konsum die emotionale und physische Gesundheit insgesamt negativ beeinflusst (Panda and Jain 2018). Eine australische Studie mit 393 australischen Erwachsenen im mittleren Alter von 24,4 Jahren, davon 79 % weiblich, zum Thema ״Personality and problematic smartphone use“ kam dabei zu anderen Ergebnissen. So war hier die problematische Smartphone Nutzung positiv mit Neurotizismus und negativ mit Gewissenhaftigkeit korreliert (Horwood and Anglim 2018). Auch der Umgang mit solchen Stressoren, der als Coping bezeichnet wird, wurde untersucht wobei die Ergebnisse darauf hinweisen, dass gerade in Verbindung mit suchtähnlichem Intemetverhalten das vermeidende Coping, das zum emotionalen Coping zählt, gegriffen wird. Dadurch wird die Konfrontation mit dem Stressor an sich vermieden (Deatherage et al. 2014; McNicol and Thorsteinsson 2017). Eine Arbeit aus dem Iran untersuchte den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und Copingstrategien anhand der Daten von 4628 erwachsenen Personen, die den 12-Item umfassenden ״General Health Questionaire (GHQ-12)“, den BFI-60 nach Costa und McCrae sowie einen studieneigenen Coping Fragebogen ausfüllten. Dabei wurde ein positiver Zusammenhang zwischen adaptiven Persönlichkeitsmerkmalen und aktivem Coping und ein negativer mit vermeidendem Coping identifiziert. Maladaptive Persönlichkeitszüge wie Neurotizismus hingegen wiesen einen negativen Zusammenhang mit aktivem Coping, aber einen positiven mit vermeidendem Coping auf. Offenheit und Gewissenhaftigkeit wiesen dabei den stärksten positiven Zusammenhang mit aktiver Problemlösung auf (Afshar et al. 2015). Gerade Extraversión (Afshar et al. 2015; Bakker et al. 2006; Kardum and Krapić 2001; Lee-Baggley et al. 2005; Vollrath and Torgersen 2000; Watson and Hubbard 1996) und Gewissenhaftigkeit (Afshar et al. 2015; Connor-Smith and Flachsbart 2007; Peni ey and Tomaka 2002) Stehen demnach im Zusammenhang mit problemorientiertem Coping, wohingegen Neurotizismus immer einen negativen Zusammenhang mit problemorientiertem Coping aufweist (Afshar et al. 2015; Bakker et al. 2006; Costa et al. 1996; Lee-Baggley et al. 2005; Vollrath and Torgersen 2000; Watson and Hubbard 1996).

Leider beschäftigt sich keine dieser Arbeit mit Smartphone basiertem Stress im europäischen Raum und die Stressoren wurden meist über Fragebögen vorgegeben. Durch diese Arbeit sollen auf Basis einer qualitativen Methode alle relevanten Stressoren im Zusammenhang mit dem Smartphone identifiziert werden und so ein aussagekräftiges Ergebnis für die Situation von Studierenden aufgezeigt werden. Bisher ist nur die Frage über die Entstehung von Technostress im Zusammenhang mit den Persönlichkeitsfaktoren detailliert untersucht worden. Wie die Studierenden mit ihren Stressoren umgehen und ob die Wahl der jeweiligen Copingstrategie von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen abhängt, lässt die Literatur bisher aber unbeantwortet. Diese Lücke versucht die folgende Ausarbeitung zu schließen und durch methodische Ergebnisse einen Teil zu der Forschung auf diesem Gebiet beizutragen.

1.2 Zielstellung und Aufbau der Arbeit

Der erste Teil der Ausarbeitung behandelt die theoretischen Hintergründe und Begrifflichkeiten, die zum Verständnis dieser Arbeit benötigt werden. So wird hier auf die Definition, Bedeutung und die Folgen von Stress, insbesondere aber Technostress und das transaktionale Stressmodell von Lazarus eingegangen. Im Anschluss sollen die Grundlagen des Persönlichkeitsmodells der Big Five und die Ausprägungen Neurotizismus, Extraversión und Gewissenhaftigkeit in Bezug auf Stresssituationen erläutert werden. Der empirische Teil der Arbeit beschäftigt sich mit einer Stichprobe von Studenten, die individuelle Erfahrung mit Smartphone bedingtem Stress gemacht haben. Hierbei wurden Stressoren und deren Lösungsansätze durch Interviews identifiziert und anschließend mit den Ergebnissen eines Persönlichkeitstests verknüpft. Durch diesen Ansatz soll eine mögliche persönlichkeitsbedingte Wahl von stressbezogenen Bewältigungsstrategien aufgezeigt werden und so ein Beitrag zum Verständnis des Umgangs mit Technostress bei Studenten geleistet werden. Am Ende der Arbeit sollen zudem noch mögliche Limitationen des Modells aufgezeigt werden und Möglichkeiten für weitere Ausarbeitungen identifiziert werden.

2 Theoretischer Hintergrund

Um alle Aspekte dieser Arbeit nachvollziehen zu können, beschreibt das Kapitel 2 alle nötigen theoretischen Grundlagen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Themen Technostress, das transaktionale Stressmodel, sowie die einzelnen Persönlichkeitsfaktoren der Big Five gelegt. Diese Aspekte werden im methodischen Teil durch eine Datenerhebung weiter beleuchtet.

2.1 Stress und seine Folgen

Um ein gesundes Leben führen zu können, sollten sich im Normalfall Körper und Psyche einer Person in einem ausgewogenen Zustand, einer positiven Interdependenz, befinden. Dieser Zustand wird als psychosomatisches Gleichgewicht bezeichnet und beschreibt den Zustand, in dem kein permanenter Druck das seelische und körperliche Befinden beeinflusst (Tanghatar 2012, s. 12). Eine angemessene Belastung dieses Gleichgewichts unterstützt aber auch die körperliche und seelische Entwicklung einer Person. So werden durch die Bewältigung einer Stresssituation Erkenntnisse für zukünftige Situationen gewonnen und das Erfolgserlebnis hat einen positiven Einfluss auf das Selbstbewusstsein (Dost 2014, s. 52). In diesem Fall spricht man von positivem Stress, dem sogenannten Eustress. Dieser erhöht die Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit, ohne den Körper negativ zu beeinträchtigen. Negativer Stress hingegen, Disstress genannt, tritt auf, wenn in einer Situation das Gefühl von Überforderung, Bedrohung oder Unbehagen dominiert. Faktoren die diesen Zustand hervorrufen können, werden Stressoren genannt. Dabei ist zu erwähnen, dass ein Stressor von jeder Person individuell bewertet wird und somit auch jeder anders auf diesen reagiert. Die subjektive Bewertung eines Reizes in einer Situation bestimmt, ob der Stressor als belastend oder motivierend bewertet wird und somit Disstress oder Eustress auslöst (Kirschten 2014, s. 116 f.).

Der menschliche Organismus ist darauf ausgelegt, dass im Normalfall einer Anspannungsphase eine Phase der Entspannung folgt. Jedoch wird heutzutage diesem Ablauf nicht die nötige Relevanz zugestanden, da der Mensch mittlerweile nach einem anderen Rhythmus lebt. Wenn Stressoren permanent wirken oder immer wieder auftreten, resultieren daraus körperliche und psychische Krankheitsbilder, deren Symptome meist nicht direkt mit der Stressbelastung in Verbindung gebracht werden (Mainka-Riedel 2013, s. 88f.). Auf psychischer Seite sind Schlafprobleme, Gereiztheit oder auch Motivationsprobleme erste Anzeichen einer Überbelastung, wohingegen Rücken- oder Kopfschmerzen, erhöhter Blutdruck und Müdigkeit die körperlichen Frühsignale beschreiben. Ist das Stresslevel konstant hoch, wird zudem vermehrt zu gesundheitsschädlichen Ausgleichshandlungen wie erhöhtem Kaffee-, Alkohol-, Nikotinkonsum oder auch erhöhtem bzw. verringertem Nahrungskonsum gegriffen (Kaluža 2015, S.37; Mainka-Riedel 2013, s. 88-104).

Auf lange Sicht begünstigt dauerhafter Stress die Entstehung von ernsthaften und gefährlichen Krankheiten. Biochemische Prozesse, die durch Stresshormone ausgelöst werden, töten oder verändern Nervenzellen des Gehirns so stark, dass die gesamte Struktur des Gehirns verändert wird, wodurch langfristig Depressionen entstehen können (Mainka-Riedel 2013, s. 99). Andererseits wird durch den langfristig erhöhten Blutdruck und Puls der Herzmuskel stark belastet, wodurch das Auftreten von Arteriosklerose begünstigt wird, dessen Spätfolgen durch Herzinfarkte und Schlaganfälle beschrieben sind. Bekanntere Auswirkungen der Stressbelastung sind dauerhafte Kopf-, Rücken- und Nackenschmerzen, Schädigungen am Innenohr, die sich als Hörsturz oder Tinnitus bemerkbar machen und das allgegenwärtige Thema des Burnout-Syndroms, das durch einen dauerhaften Erschöpfungszustand mit körperlichen und seelischen Folgen gekennzeichnet ist (Kaluža 2015, s. 33-40).

Abschließend kann gesagt werden, dass chronischer Stress starken Einfluss auf unser körperliches Wohlbefinden hat und als ernst zu nehmende Gefahr für die Gesundheit betrachtet werden sollte. Im Folgenden soll nun der Begriff Technostress, also Stress in Zusammenhang mit der Digitalisierung, hier insbesondere der Existenz des Smartphones, beleuchtet werden.

2.2 Technostress

Der Begriff Technostress ist erstmals Mitte der 80er Jahre in Verbindung mit dem Psychologen Craig Brod aufgekommen, der den Grund dieser modernen Krankheit in der unreflektierten und ungesunden Nutzung neuer Computertechnologien sah (Brod 1984, s. 16). Wirklich an Relevanz gewonnen hat der Begriff aber erst nach der Jahrtausendwende im Zuge der rasanten Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Seither wird der Belastung durch diese Technologien von verschiedenen Forschungsbereichen wie Medizin, Psychologie und Wirtschaft stärkere Beachtung geschenkt (Riedl 2013, s. lOlf.).

Aus diesem Grund gibt es zum heutigen Zeitpunkt eine Vielzahl von Ausarbeitungen und Definitionen zum Thema Technostress, weshalb sich im weiteren Verlauf der Arbeit auf die psychologisch gestützte Definition von Weil und Rosen, sowie eine aktuellere Analyse von Riedl berufen werden soll. Weil und Rosen definierten Technostress im Jahre 1997 als die durch indirekten oder direkten Technologiekontakt resultierende Summe negativer Einflüsse auf Körper und Psyche (Weil and Rosen 1997, s. 5). Riedl kam im Jahre 2013 zu dem Schluss, dass die direkte Interaktion mit IT-Geräten, aber auch das Bewusstsein über die Einführung und die Allgegenwärtigkeit von IT-Systemen in Unternehmen und Gesellschaft bereits zu beträchtlichem Stress führe (Riedl 2013b, S.18).

Der positive Einfluss von Informations- und Kommunikationstechnologien in allen Bereichen der heutigen Gesellschaft ist nicht zu übersehen und doch sollten auch negative Aspekte dieser Nutzung nicht ungeachtet bleiben. So zeigen wissenschaftliche Forschungsberichte und Einzelberichte aus der Praxis, dass es bei der Mensch-Computer-Interaktion zu einer starken Stressbelastung kommt. Es wurde nachgewiesen, dass ein Systemabsturz während der Mensch­Computer-Interaktion zu einem signifikanten Anstieg des Kortisolspiegels bei dem jeweiligen Nutzer führt. Dabei ist Kortisol ein wichtiges Stresshormon im menschlichen Körper, das vermehrt bei Stress freigesetzt wird (Riedl et al. 2012, s. 66; Voos 2017).

In der Theorie sollte auf solche Anspannungsphasen eine Phase der Entspannung folgen, was durch die dauerhafte Präsenz des Smartphones aber deutlich schwerer geworden ist. In einer Studie mit 305 Studenten zeigten Lepp et al. (2013, s. 5-8), dass das Smartphone von 88,2 % der Befragten in der Freizeit genutzt werde. Durch weitere Auswertungen konnten sie zudem nachweisen, dass die Fitness der Probanden bei erhöhtem Ausmaß der Smartphone Nutzung geringer war. Zwei Jahre zuvor zeigten Thomée et. al (2011, s. 1-10) in einer Studie mit 4156 Teilnehmern zwischen 20 und 24 Jahren, dass die starke Nutzung des Smartphones schon innerhalb eines Jahres zu Schlafstörungen, Anzeichen depressiver Störungen sowie einem erhöhten Stressniveau führe. Auf körperlicher Ebene sind aber gerade die regenerative Wirkung von Schlaf (Baus 2015, s. 129f.) und die positive Wirkung von Sport (Neumann and Frasch 2007, s. 2389 f), was nicht mit körperlicher Aktivität gleichzusetzen ist, als sinnvolle Maßnahmen gegen Stress anzusehen (Reiner et al. 2013, s. 272-274).

Durch die technologischen Entwicklungen der Vergangenheit, insbesondere der permanenten Möglichkeit online zu kommunizieren und auf Echtzeitinformationen zuzugreifen, müssen mittlerweile Unmengen an Informationen verarbeitet werden, was aus psychologischer Sicht als ״information overload“ bezeichnet wird. Der Mensch ist jedoch nicht in der Lage eine solche Menge an Informationen strukturiert zu verarbeiten, wodurch der Körper in einer dauerhaften Alarmbereitschaft steht und verstärkt Adrenalin und Kortisol ausschüttet. Auf kurz oder lang führt dieser Zustand zu psychischen und physischen Beschwerden. (Chiappetta 2017, s, 359). Während der aktiven Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien gibt es eine Vielzahl von Stressoren die den Nutzer auf akute oder chronische Art belasten können. So zählen Ereignisse wie ein Systemabsturz, Informationsüberflutung durch überladenen Benutzeroberflächen, lange Antwortzeiten oder technische Inkompatibilität zu den akuten Stressoren, wohingegen dauerhafte Erreichbarkeit, IT-basi erte Überwachung des Benutzerverhaltens und permanent steigende Sicherheitsanforderungen den chronischen Stressoren zugeordnet werden können (Riedl 2013a, s. 97f.). Dabei ist zu beachten, dass akute Stressoren durch Wiederholung chronisch werden können (Riedl et al. 2012, s. 60).

Mittlerweile ist das Smartphone, als Inbegriff der Teilnahme am virtuellen Leben, fest im Leben der gesamten Gesellschaft integriert und auch wenn es gegen diese Entwicklung Bedenken gibt, dort auch weitestgehend akzeptiert. Dass die Jugend der heutigen Zeit ein ernsthaftes Problem mit diesem Gerät hat, soll anhand zweier ״Angstzustände“ erläutert werden.

2.2.1 Nomophobie

Das Wort Nomophobie (engl, nomophobia), eine Abkürzung für ״No-Mobile-Phone-Phobia“, beschreibt die Angst, das Smartphone nicht zur Verfügung zu haben oder von diesem getrennt zu sein. Eine britische Studie ergab 2008, dass die Hälfte aller britischen Handynutzer von dieser Angst betroffen waren - 2012 sind es bereits 70 % (Gabriel and Rohrs 2017, s. 228). Aus dieser Angst heraus schaltet jeder Zweite sein Handy gar nicht mehr aus. In den USA schlafen zwei Drittel der Nutzer mit oder neben ihrem Smartphone, ein Drittel hat sich bereits während Intimitäten am Handy gemeldet, ein Fünftel würde lieber ohne Schuhe als ohne Smartphone das Haus verlassen und mehr als die Hälfte bringt den Schritt zum Offline-Dasein einfach nicht über sich (Spitzer 2015, s. 595). Eine Studie mit iPhone-Nutzem an der California State University mit zwei Testgruppen, eine davon musste ihr iPhone vor einem Stresstest abgeben, die andere Gruppe dürfte es behalten, zeigte, dass Teilnehmer mit durchschnittlicher bis starker Nutzung ohne ihr Smartphone Stress- und sogar Angstzustände verspüren (Rieber 2017, s. 7).

2.2.2 Fear of missing out

Ein anderer Angstzustand, der in unserer Gesellschaft nicht neu ist, aber durch Social Media Feeds und Instagram Stories wesentlich stärker auftritt, wurde auf den Namen FOMO getauft. Die TK-Stressstudie (Wohlers and Hombrecher 2016, s. 38) betitelt die Problematik wie folgt: ״Hinzu kommt, dass Internetkonsum nicht bloß reine Zerstreuung ist, sondern auch als mehr oder weniger drängende Verpflichtung wahrgenommen wird. 17 Prozent der Internetnutzer sagen, sie haben das starke Gefühl etwas zu verpassen, wenn sie mehrere Stunden oder Tage nicht im Netz waren. Für diesen Typus hat sich mittlerweile der Begriff FOMO (Fear of missing out) etabliert. (...). Wenig überraschend: Bei den jungen Erwachsenen ist FOMO deutlich ausgeprägter. Drei von zehn Erwachsenen unter 30 plagt das ungute Gefühl, wichtige Dinge passieren ohne sie, wenn sie mal offline sind.“ Dabei ist zu erwähnen, dass genau diese Angst Einfluss auf Entscheidungen und das tägliche Verhalten nimmt und Personen in ihrem Dasein dadurch stark eingeschränkt werden (Abel et al. 2016, s. 41f.). Die nachfolgenden Abbildungen stellen einmal grafisch dar, wofür die sozialen Medien genutzt werden und in welchen Situationen dabei die Angst des Verpassens besonders groß ist. Auffällig dabei ist, dass die 18­34-jährigen, die sogenannten Adult Millennials, bei der Frage, ob man über soziale Medien gut herausflnden kann, was Freunde unternehmen, mit 90 % die größte Zustimmung zeigen. Die 13-17-jährigen, die Tenns Millennials, liegen mit 83 % Zustimmung etwas hinter der erwähnten Altersgruppe, aber nur kurz über den 35-47-jährigen, den Gen Xers, mit 79 % Zustimmung. Erwähnenswert ist hier auch die relativ aktive Nutzung der sozialen Medien bei der älteren Altersgruppe von 48-67 Jahren, den sogenannten Boomers, mit 66 % Zustimmung. Somit könnte man sagen, dass gerade die Adult Millennials besonders stark von dem Phänomen FOMO betroffen seien sollten.

Abbildung 2-1 : Einstellung zu den sozialen Medien nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Vaughn et al. 2012, s. 7

Wenn man sich daraufhin anschaut, wann die befragten Personen sich fühlen, als ob sie etwas verpassen, fällt auf, dass gerade Adult Millennials darunter leiden, wenn sie sehen, dass Freunde bzw. Bekannte etwas unternehmen, ohne dass sie selbst dabei sind. Mit steigendem Alter nimmt dieser Effekt dann wieder ab, wobei der erwähnte Altersbereich mit einer Zustimmung von 54 % den höchsten Wert an Zustimmung bildet. Jüngere Altersgruppen nehmen diesen Effekt nicht so stark war und haben eine Zustimmung von 49 %, womit sie aber noch deutlich vor den Gen Xers mit gerade einmal 36 % Zustimmung liegen.

Abbildung 2-2: Situationsbezogene Anzeichen von F OMO nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Vaughn et al. 2012

2.3 Das transaktionale Stressmodell von Lazarus

In den 60er Jahren entwickelte der Psychologe Richard Stanley Lazarus anhand eines Experiments an Studierenden, ein Modell zur Erklärung für die Stressentstehung, das heute zu den einflussreichsten Modellen der Stressforschung zählt. Nach dem transaktionalen Ansatz von Lazarus resultiert Stress nicht ausschließlich aus äußeren, auf eine Person wirkenden Reizen. Vielmehr muss entstehender Stress im Verhältnis zur individuellen Wahrnehmung, der Bewertung einer Situation und den dafür verfügbaren Bewältigungsstrategien betrachtet werden. Lazarus definiert Stress dabei folgendermaßen: ״(...) a particular relationship between the person and the environment that is appraised by the person as taxing or exceeding his or her resources and endangering his or her well-being“ (Lazarus and Folkman 1984, s. 19). Diese Wechselwirkung zwischen sich ändernden Situationen und einer Person, die zur Beurteilung dieser Situation in der Lage ist, bezeichnet man als Transaktion (Schwarzer 2000, s. 15). Somit wird Stress erst dann erlebt, wenn eine Person eine Situation als stressend bewertet und das Gleichgewicht zwischen situationeilen Anforderungen und den aus der Situationsbewertung resultierenden Bewältigungsstrategien, gestört wird (Klein-Hessling and Lohaus 2012, s. 9).

Im Folgenden soll dieses Modell näher beleuchtet werden und verschiedene Bewältigungsstrategien, die für diese Arbeit relevant sind, erläutert werden.

Eine Situation und deren Anforderungen durchlaufen für jede Person individuell einen kognitiven Bewertungsprozess (engl, appraisals), der sich in die primäre und die sekundäre Bewertung unterteilt. Bei der primären kognitiven Bewertung (primary appraisel) wird nach Lazarus und Launier (1981, s. 233-236) das Wohlbefinden einer Person in einer bestimmten Situation bewertet. So kann diese Situation als irrelevant, günstig bzw. positiv oder eben als stressend bewertet werden. Bei einer irrelevanten Bewertung hat die Situation keine Auswirkungen auf das Wohlbefinden einer Person, jedoch kann sich diese Bewertung auch durch Reflexion bzw. aufgrund einer Änderung des Reizmusters, schnell ändern. Bei einer günstigen oder positiven Bewertung sind reaktive Maßnahmen nicht notwendig, da diese Situation als sicher betrachtet werden kann. Aber auch hier kann eine Bedrohung gesehen werden, wenn dieser Zustand durch eine kurze Beständigkeit gekennzeichnet ist. Bei der Bewertung einer Situation als stressend kann immer von einer negativen Bewertung ausgegangen werden, die sich abermals in drei Unterkategorien aufteilt.

Abbildung 2-3: Das transaktionale Stressmodell von Lazarus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dost 2014, s. 128

Eine Schädigung bzw. ein Verlust beschreibt dabei eine bereits eingetretene Schädigung mit Bezug auf eine Person selbst oder ihr Umfeld. So können Änderungen des Selbstwertgefühls, Verletzungen und Verluste oder auch erschütterte Weltansichten diesem Punkt zugeordnet werden. Eine Bedrohung hingegen beschreibt eine erwartete Schädigung, wobei zu beachten ist, dass diese beiden Punkte in Abhängigkeit Stehen. Ein entstandener Verlust bringt meist auch einige Bedrohungen bezüglich der Zukunft mit sich, die wiederrum erhöhte Anforderungen an eine Person stellen. Die Herausforderung ist im Vergleich zur Bedrohung positiv konnotiert und beschreibt das Erreichen eines risikoreichen, schwer zu erreichenden, aber mit positiven Folgen verbundenen Ziels (Koch 2005, s. 29f.; Lazarus and Folkman 1987, s. 145f.). Ob eine Situation nun als Bedrohung oder eher als Herausforderung bewertet wird, hängt im Endeffekt von den situativen Rahmenbedingungen und der individuellen Einschätzung der Bewältigungsfähigkeiten ab (Koch 2005, s. 29f.).

Wurde eine Situation als Bedrohung oder Herausforderung eingestuft, erfolgt eine zweite Bewertung. Die sekundäre Bewertung umfasst die zwei psychologischen Faktoren Kontrollüberzeugung (engl, locus of control) und das Selbstkonzept (engl, self-esteem) der Person (Carver et al. 1989, s. 274). Im sekundären Bewertungsprozess (engl, secondary appraisel) wird eingeschätzt, ob eine Situation kontrollierbar ist und die Person definiert für sich, welche Bewältigungsstrategie daraus resultiert. Werden die Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien als ausreichend bewertet, kommt es zu keiner Stressreaktion. Ist dies nicht der Fall und die Optionen sind unzureichend, erzeugt dies das Gefühl von Überforderung und führt somit zu einer Stressreaktion. Dabei ist zu beachten, dass primäre und sekundäre Bewertung sich beeinflussen, da das Vorhandensein von Bewältigungsstrategien bestimmt, ob eine Situation als stressend bewertet wird (Beaudry and Pinsonneault 2005, s. 495). Auch wenn der Wortlaut vermuten lässt, dass die zwei Bewertungsphasen strikt nacheinander zu folgen haben, ist dies nicht der Fall, aber hier der Wahl der Terminologie von Lazarus geschuldet (Schwarzer 2000, s. 19).

Die möglichen Bewältigungsstrategien (engl. Copings) unterteilen sich in problem ori enti ertes- und emotionsorientiertes Coping (Zimbardo 1992, s. 491). Das problemorientierte Coping fokussiert sich dabei auf die Änderung des Stressors selbst oder auf eine, durch aktive, die Ursache des Problems behebende Maßnahmen, Änderung der Beziehung zu dem Stressor selbst. Bei dieser Art des Copings ist es das Ziel, durch direkte Interaktion mit dem Stressor, eine Problemlösung zu erzielen. Dies kann zum Beispiel durch das Erlernen neuer Fähigkeiten, Verhaltensänderungen oder einer Verminderung des Drucks aus der Umgebung geschehen. Entscheidend ist, dass beim problemorientierten Coping aktiv gegen den Stressor oder die Situation selbst vorgegangen wird (Beaudry and Pinsonneault 2005, s. 491).

Durch das emotionsorientierte Coping hingegen sollen negative Gefühle abgebaut werden und das emotionale Wohlbefinden wieder erreicht werden. Dabei wird nicht der Stressor an sich beeinflusst, sondern der Zustand der Person durch Aktivitäten, die zu einer Besserung des emotionalen Zustands führen sollen, verändert. Dies kann durch an körperlichen Bedingungen ansetzende Aktivitäten wie Entspannungsmaßnahmen, Drogenkonsum oder sportive Aktivitäten geschehen. Eine andere Möglichkeit sind Aktivitäten, die sich an kognitive Bedingungen der Person wenden. So können geplante Ablenkungen, Gedanken über die eigene Person oder Widmungen der eigenen Phantasie klar diesem Bereich zugeordnet werden (Koch 2005, s. 31). Aber auch aus der Psychoanalyse bekannte Abwehrmechanismen wie Bagatellisierung, Verdrängung und Verleugnung können dem emotionsorientierten Coping zugeordnet werden. Gerade durch diese Punkte kann der Unterschied zum problemorientierten Coping klar benannt werden (Dost 2014, s. 127). Hierbei ist zu beachten, dass auch durch das emotionsorientierte Coping Ressourcen benötigt werden und wenn diese zu stark beansprucht werden, kann es zu Gefühlen wie Unsicherheit, Ärger oder sogar Angst kommen (Folkman et al. 1986, s. 993; Staedtke 2009, s. 41). Entscheidend ist, dass diese Art des Copings durch einen passiven Bezug zum Stressor gekennzeichnet ist.

In der letzten Phase des Modells, der Rückkopplung bzw. der Neubewertung (engl, reappraisal), wird überprüft, ob die Situation weiterhin als stressend bewertet werden muss und wie erfolgreich das Stressbewältigungsverhalten war. Falls eine Situation erfolgreich bewältigt wurde, wird eine ähnliche Konstellation in Zukunft als weniger bedrohlich eingestuft. Der oben erläuterte Prozessablauf kann sich situationsabhängig auch mehrmals wiederholen. Meist verlaufen diese Prozesse aber intuitiv und selbstständig (Jerusalem 1990, s. 13 f).

2.4 Das Persönlichkeitsmodell der Big Five

In der Vergangenheit wurde von Vertretern der Persönlichkeitspsychologie ein Ansatz gesucht, der die Persönlichkeit eines Menschen umfassend beschreiben kann. Dabei verfolgte man den auf der Sedimentationshypothese nach Klages aus dem Jahre 1926 beruhenden lexikalischen Ansatz, nach dem sich alle charakterlichen Eigenschaften durch Begriffe des täglichen Gebrauchs darstellen ließen (Herzberg and Roth 2014, s. 40). Allport und Odbert folgten diesem Ansatz und erstellten im Jahre 1936, basierend auf dem Websteris New International Dictionary, eine Liste von persönlichkeitsbezogenen Adjektiven. Hierbei wurden 4504 Begriffe identifiziert, die Catteil in den Vierzigern wiederum durch statistische Verfahren auf 171 Gegensatzpaare reduzieren konnte. Catteil gilt damit als Begründer des lexikalischen Ansatzes und konnte 16 grundlegende Faktoren der Persönlichkeit definieren. Im Jahre 1949 entwickelt er den Fragebogens 16 PF (16 personality factors), wodurch die definierten Persönlichkeitsfaktoren gemessen werden konnten (Fehr 2010, s. 1).

Catteil konnte zu seiner Zeit noch nicht auf die Rechenleistung von Computern zurückgreifen und so konnten später Rechenfehler und unerwünschte Korrelationen in seinem Modell aufgedeckt werden. Daraufhin sprachen sich die Forscher Fiske, Tupes und Christal sowie Norman für fünf grundlegende, voneinander unabhängige Persönlichkeitsfaktoren aus, was aber auf Widerstand aus den Reihen der psychologischen Forschung stieß (Fehr 2010, s.l). Tupes und Christal definierten diese Faktoren als Extraversión, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen. Im weiteren zeitlichen Verlauf wurden die fünf Faktoren auf interkultureller Ebene, basierend auf den jeweiligen Wörterbüchern, repliziert. Da dieselben fünf Faktoren bei verschiedenen Alters- und Kulturausprägungen, verschiedenen Auswertungsmethoden und auch Stichprobenkonstellationen immer wieder auftauchten, wurden diese Faktoren als die ״Big Five“ bezeichnet (Herzberg and Roth 2014, s. 40).

Der bekannteste Fragebogen zur Erfassung der Big Five ist das von Costa und McCrae entwickelte NEO Personality Inventory (NEO-PR-I) von 1992 mit 240 Items bzw. die deutschsprachige Adaption von Ostendorf und Angleitner aus dem Jahre 2004 (Gerlitz and Schupp 2005, s. 3). Durch diese Anzahl an Items lassen sich Rückschlüsse auf bestimmte Ausprägungen in jeder Dimension ziehen (Rammstedt et al. 2012, s. 8). Der Fragebogen bietet 48 Items pro Dimension, von denen jedes Item auf einer fünfstufigen Likert-Skala, von starker Zustimmung bis hin zu starker Ablehnung, zu beantworten ist. Zudem kann der Fragebogen als Fremd- und Selbstbewertung durchgeführt werden, wobei sich die Ausführungen der zwei Versionen weitestgehend gleichen (Amelang and Schmidt-Atzert 2006, s. 271-273). Die Beantwortung des NEO-PI-R nimmt 30 bis 40 Minuten in Anspruch und kann als Gruppen­oder Einzeltest durchgeführt werden. Die Auswertung des Fragebogens läuft stark standardisiert ab und kann durch den Einsatz einer SPSS-Syntax wesentlich anwenderfreundlicher gestaltet werden (Muck 2004, s. 206). Da dieser zeitliche Horizont in der Praxis oft nicht verfügbar war, publizierten John et al. (1991) zu Anfang der 1990er Jahre den Big-Five-Inventory (BFI), der mit 44 Items innerhalb von 5 Minuten beantwortet werden konnte. Die deutschsprachige Version des BFI-44 wurde von Lang et al. (2001) veröffentlicht. Aber auch diese Version sollte noch verkürzt werden und so entwickelten und validierten Rammstedt und John (2007) basierend auf einer studentischen Stichprobe den 10 Items umfassenden BFI-10 und normierten diesen im Nachgang basierend auf einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe (Gerlitz and Schupp 2005, s. 4; Rammstedt et al. 2013, s. 235f.).

Im Anschluss soll ein Blick auf die einzelnen Dimensionen der Big Five und ihre Ausprägungen geworfen werden, sowie die Güte und Aussagekraft des BFI-10 untersucht werden.

2.4.1 Die fünf Persönlichkeitsfaktoren

Dieser Abschnitt soll die Bedeutung der Persönlichkeitsmerkmale und ihre typischen Ausprägungen beschreiben. Dabei gilt, wenn Z.B. in der Dimension Extraversión auf der fünfstufigen Likert-Skala eine fünf angegeben wurde, so ist diese Person als sehr extrovertiert zu beschreiben. Gibt diese Person hingegen in dieser Dimension eine eins an, so bewertet sie sich als sehr introvertiert. Für die restlichen vier Dimensionen gilt dasselbe Prinzip, wobei die Ausprägungen abgestuft werden können. Die folgenden Dimensionen folgendermaßen beschrieben werden:

Extraversión׳. Bezeichnet die Stärke der Tendenz der Zuwendung nach außen hin. Eine extroverti erte Person knüpft schnell soziale Kontakte, umgibt sich gerne mit anderen Menschen und übernimmt in Gesprächen auch mal eine führende Rolle, wobei sie meist herzlich auftritt. Zudem sind Personen mit dieser Ausprägung als lebhaft zu bewerten und geben sich fröhlich, optimistisch, erlebnishungrig und lebensfroh. Teilweise können diese Personen aber auch als hektisch, dominant und sehr energisch wahrgenommen werden. Introvertierte Personen hingegen sind eher schweigsam und zurückhaltend. Sie brauchen eher Ruhe, sind selbstgenügsam und können als abgeklärt wahrgenommen werden (Costa et al. 2001, s. 410f; Fehr 2006, s. 4f.; Muck 2004, s. 204).

Verträglichkeit׳. Personen mit einer hohen Ausprägung in der Dimension Verträglichkeit sind entgegenkommend und versuchen Konfrontationen zu vermeiden. Solche Personen können als altruistisch, bescheiden und aufrichtig gegenüber anderen Personen charakterisiert werden. Eine Person mit einer geringen Ausprägung in dieser Dimension hält sich eher bedeckt, ist egozentrisch, kompetitiv und misstrauisch. Sie tritt eher distanziert auf und hat eine gewisse Anspruchshaltung (Fehr 2006, s. 6; Herzberg and Roth 2014, s. 43).

Gewissenhaftigkeit■. Eine gewissenhafte Person ist zuverlässig, ehrgeizig und geht systematisch vor. Sie legt ihren Fokus auf die Bewältigung von Aufgaben und löst diese mit hoher Sorgfalt, wobei sie sich über ihre Fähigkeiten bewusst ist und in Bezug auf Ihre Kompetenz selbstüberzeugt auftritt. Gute Organisation, Effektivität und Erfolgsorientierung zeichnen den Arbeitsstil einer solchen Person aus. Bei einer gegenteiligen Ausprägung dieser Dimension kann eine Person als irritierbar, oberflächlich, chaotisch und hastig beschrieben werden. Sie hat ein geringes Erfolgsbedürfnis, lässt sich leicht ablenken und arbeitet eher nachlässig. Personen mit einer geringen Ausprägung der Dimension Gewissenhaftigkeit reagieren wesentlich sensibler auf äußere Reize, als gewissenhafte Personen (Fehr 2006, s. 6f.; Muck 2004, s. 204).

Offenheit für Erfahrung׳. Eine Person mit einer hohen Ausprägung dieser Dimension kann als offen, kreativ, neugierig und liberal charakterisiert werden. Sie hat ein Interesse für Kunst und Kultur, hat selbst eine imaginative bzw. visionäre Fantasie und ist eher als intellektuell einzustufen. Gefühle erlebt diese Person intensiv und sie ist dazu bereit, Werte und Ansichten zu diskutieren. Auf der anderen Seite hat man eine konservative, beharrliche und traditionell geprägte Person. Sie ist eher pragmatisch und bringt wenig Interesse für Kunst und Kultur mit. Zudem gibt sie Gefühlen wenig Freiraum und wählt stets vertraute Situationen und Umgebungen (Fehr 2006, s. 5; Herzberg and Roth 2014, s. 43).

Neurotizismus׳. Ein hoher Wert in der Dimension Neurotizismus führt dazu, dass eine Person als emotional sensibel gilt. Sie ist damit ängstlich, pessimistisch und vulnerabel, wodurch eine hohe Anfälligkeit für Stress bemerkbar ist. Sie ist leicht reizbar, reagiert ungezügelt und verfällt leicht in Frustration. Eine solche Person hat gewisse depressive Neigungen und fühlt sich in Gegenwart anderer Personen eher unwohl. In stressigen Situationen verfallen solche Personen leicht in Panik und fühlen vorrangig Hoffnungslosigkeit. Personen mit einer gegenteiligen Ausprägung sind entspannt, ruhig und optimistisch und gelten eher als belastbar. Sie agieren ungezwungen und es benötigt einen verstärkten Reizeinfluss um sie aus der Bahn zu werfen. Jedoch können diese Personen im privaten Kontext kalt und unzugänglich wirken (Costa et al. 2001, s. 410; Fehr 2006, s. 4).

2.5 Der BFI-10

Da in der Praxis der zeitliche Faktor oft eine entscheidende Rolle spielt, untersuchten Rammstedt und John eine Version des Big Five Inventory mit lediglich zehn Items, die in grob einer Minute durchführbar seien sollte. Grundlage dieser Kurzversion war der BFI-44 von John, Donahue und Kentle (1991), wobei für die Entwicklung der deutschen BFI-Version auf die deutsche Übersetzung von Rammstedt (1997) zurückgegriffen wurde (Rammstedt et al. 2012, s. 12). Um die Anzahl der Items zu reduzieren und die richtigen Items in die Kurzversion aufzunehmen, gingen Rammsted und John (2007, s. 205) wie folgt vor: ״We selected 2 BFI items for each Big Five dimension following five criteria: (1) We represented both the high and low pole of each factor, so that each BFI-10 scale would consist of one true-scored and one false-scored item. (2) We covered as broad a bandwidth as possible for each scale by selecting two items that both measured core aspects of a Big Five dimension but were not highly redundant in content. (3) We constructed identical English-language and German-language versions, so that the resulting instrument would be usable for cross-cultural research and to minimize capitalizing on chance. (4) To the extent that there still were item choices to be made, we selected items on the basis of two empirical criteria, namely their corrected item-total correlations with the full BFI scales (thus favoring more central over more peripheral item content) and the simple-structure pattern of their loadings in factor analyses of all 44 items (thus favoring items related uniquely to one factor and not to the other four factors).“

Somit wurden aus den 44 Items 10 ausgewählt, die eine reliable und valide Erfassung der Gesamtpersönlichkeit ermöglichen sollten.

Abbildung 2-4: Big Five Inventory-10 (BFI-10)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Rammstedt and John 2007, s. 211

So kamen Rammstedt und John (2007, s. 210) in ihrer Arbeit zu dem Schluss, dass der BFI-10 ganze 70 % der Varianz des BFI-44 darstellen konnte, sowie 85 % der Wiederholungs­Reliabilität behielt. Auch Rammstedt, Kemper, Klein, Beierlein und Kovaleva (2012, s. 19-22) kamen zu ähnlichen Ergebnissen, wobei noch auf die faktorielle Validität des BFI-10 im Bezug zum NEO-PI-R eingegangen wurde.

Abschließend sagen diese und weitere Arbeiten aber auch aus, dass solche Kurzversionen gewisse Einbußen im Bereich Reliabilität und Validität mit sich bringen und somit nur in Bereichen genutzt werden sollten, in denen durch zeitliche Limitationen eine vollständige Erhebung nicht möglich ist (Rothfuß 2017, s. 62).

3 Methodik

Um herauszufinden, ob die in 2.4.1 benannten Persönlichkeitsfaktoren einen Einfluss auf die, in einer mit dem Smartphone verknüpften Stresssituation, gewählte Bewältigungsstrategie haben, musste das individuelle Verhalten von Studenten untersucht werden und die empfundenen Stressoren identifiziert werden. Hierfür wurde eine Kombination aus qualitativem und quantitativem Vorgehen gewählt. Im Zuge dessen wurden zwischen dem 05.08.2018 und dem 18.08.2018 WhatsApp basierte Interviews, zur Identifikation von Stressoren und Copingstrategien, geführt und über einen Online Fragebogen die Persönlichkeitsmerkmale der Teilnehmer abgefragt. Der genaue Ablauf der Datenerhebung und Datenauswertung soll im Folgenden näher erläutert werden.

3.1 Die Stichprobe

Für die Erhebung von Daten zur Stresswahmehmung, Stressbewältigung und Persönlichkeitsausprägung wurden Personen aus dem Umfeld des Autors gewählt, die alle noch den Studentenstatus innehatten. Die Frage zur Verfügbarkeit eines Smartphones wurde durch die Erreichbarkeit über WhatsApp und personenbezogene Kenntnisse hinfällig. Die Stichprobe bestand aus n=28 Personen, wobei 11 der Teilnehmer weiblich und 17 männlich sind, 15 der Teilnehmer einen в achei or studi engang, vier der Teilnehmer einen Masterstudiengang belegt haben und 11 der Teilnehmer gerade einen Bachelor Studiengang abgeschlossen haben. Das Alter der Teilnehmer lag zwischen 21 und 26 Jahren.

3.2 WhatsApp basierte Interviews

Um die positiven Aspekte des Smartphones und der digitalen Kommunikation aufzugreifen, wurde versucht einen neuen Weg bezüglich der Interviewtechnik zu gehen. Dafür wurden zwei offene Fragen definiert, die die befragten Studenten sehr frei beantworten sollten. Dabei gab es keine genauen Informationen über die zu untersuchende Thematik, damit das gesamte Spektrum an Stressoren und Copingstrategien identifizierbar wurde. Somit lässt sich dieses Vorgehen als narratives Interview einstufen, was durch den bestehenden sozialen Kontakt zu den Befragten erleichtert wurde (Mayring 2002, s. 72-76). Zudem wurde in zwei Pretests bemerkt, dass durch das erwähnte Beispiel, auf Seiten der potentiellen Teilnehmer, Klarheit über die Aufgabenstellung herrschte. Den Stichprobenteilnehmern wurde folgende Nachricht per WhatsApp geschickt und um Antwort gebeten.

״Hey! Ich schreibe gerade meine Bachelorarbeit über Smartphone bedingten Stress bei Studenten und führe dafür Interviews. Könntest du mir in einer Sprachnachricht (ca. 3 bis 5 Minuten) von drei negativen Erfahrungen mit deinem Smartphone erzählen, bei denen du Stress empfunden hast. Im Anschluss wäre es toll, wenn du erklären könntest, ob du eine Strategie hast um diesen Stress zu bewältigen (1. Stress anderweitig abbauen und die Emotionen kontrollieren oder 2. Die Situation strukturiert ändern).

Beispiel: Der Akku ist leer und das Handyticket für die Bahn ist somit nicht verfügbar. Lösung: Powerbank mitnehmen oder das Ticket ausdrucken.“

Leider brachte dieses Verfahren aber auch die Nachteile der digitalen Kommunikation mit sich, da die Aufforderung für die Beantwortung im Informationsstrom unterging und bei einigen Teilnehmern eine mehrmalige Erinnerung nötig war, um eine Antwort zu erhalten. Nichtsdestotrotz wurden 28 von 40 versendeten Anfragen auch relativ zügig und angemessen beantwortet. Insgesamt wurden 1:28:13 Stunden Tonmaterial aufgezeichnet und im Anschluss ausgewertet. Im Schnitt hatten die als Sprachnachricht erhaltenen Interviews eine Länge von 03:09 Minuten und liegen somit im vorgegebenen Zeithorizont. Dazu kann gesagt werden, dass es große Differenzen in der Beantwortung bezüglich Dauer, Klarheit, Struktur und Wortwahl gab und der angegebene Zeithorizont womöglich einschüchternd oder herausfordernd gewirkt haben kann. So wurde oft die Frage gestellt, wie man drei Minuten füllen solle und ob es in Ordnung sei, dass die Antwort kürzer ausfalle.

3.2.1 Transkription

Die als Sprachaufzeichnungen verfügbaren Interviews wurden im Anschluss transkribiert um den Schritt von den sprachlichen Interviews hin zu der Auswertung am Text zu ermöglichen. Dabei gab es verschiedene Möglichkeiten und Leitfäden um solche Tonaufnahmen in Fließtext zu wandeln (Flick 1991, s. 161 f.). Im Falle der vorliegenden Arbeit wurde auf die Basistranskription zurückgegriffen, da in diesem Rahmen nur die Sachaussage selbst untersucht werden sollte (Dresing and Pehl 2015, s. 20-23). Sprachlich wurde aber darauf geachtet, die individuelle Tonalität der befragten Personen beizubehalten, um in der Arbeit nicht den Bezug zu der studentischen Zielgruppe zu verlieren. Besonderheiten bei der Begriffswahl und Umgangssprache wurden somit nicht geglättet. Andere Kommunikationsaspekte wie Pausen und Betonungen, wurden hierbei aber außer Acht gelassen, da diese nicht analysiert werden sollten. Die Transkripte sind unter dem Punkt A.l im Anhang zu finden.

3.2.2 Analyse der Interviews

Um die transkribierten Interviews auszuwerten, wurde auf die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring zurückgegriffen. Ziel ist die Bearbeitung und Verwertung von Materialien, die in ein oder mehreren Kommunikationssituationen zusammengetragen wurden und dabei auch aufgezeichnet wurden. Der Vorteil der qualitativen Inhaltsanalyse liegt darin, dass das Material schrittweise analysiert bzw. segmentiert wird und sich so gut untersuchen lässt (Mayring 2015, s. 11-13). Für die Analyse des Materials hat Mayring 1997 drei verschiedenen Analysetechniken entwickelt: die Zusammenfassung des Materials, die Explikation, sowie die Strukturierung. Im Rahmen dieser Arbeit wurde die Strukturierung als Vorgehensweise gewählt, die sich ein theoretisch gestütztes, zu Anfang gebildetes Kategoriensystem zu Nutze macht. Somit wird die sogenannte deduktive Kategorienbildung genutzt. Hierbei werden die Kategorien genau gelistet und definiert, wodurch eine eindeutige Zuordnung des Textmaterials zu den Kategorien ermöglicht wird (Mayring 2002, s. 118-121). Um aus dem Kontext die benötigten Informationen zu identifizieren, wurden die Oberkategorien ״Stressoren“ und ״Copingstrategien“ gebildet. Da zu Anfang der Analyse noch nicht klar war, welche Stressoren bei der Nutzung des Smartphones auftreten, wurden diese anderweitig identifiziert. Dabei wurden nach und nach Unterkategorien mit den einzelnen Bereichen des Stresserlebens festgelegt. Die Unterkategorien sind somit als Resultat aus der Arbeit am Text zu verstehen und wurden induktiv gebildet (Mayring 2000, Absatz 9-12). Bei der Analyse der Copingstrategien hingegen waren emotions- und problemorientiertes, sowie das kombinierte Coping aus der Theorie bekannt, womit die Textpassagen nur den deduktiv gebildeten Kategorien zugeordnet werden mussten. Hierbei ist aber daraufhinzuweisen, dass die Zuordnung durch eine gewisse Subjektivität geprägt ist, da hierfür keine theoretische Grundlage verfügbar war. Der Kodierleitfaden ist unter dem Punkt A.2 im Anhang zu finden.

Nach Abschluss der Zuordnung der Textpassagen zu den jeweiligen Kategorien ergab sich die Möglichkeit für eine quantitative Auswertung des vorliegenden Materials. Mayring bezeichnet dieses Vorgehen bei der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse als Häufigkeitsanalyse. Dabei werden die relativen Gewichtungen der Textbestandteile nach Häufigkeit betrachtet (Mayring 2015, s. 65). Somit kann bei der Interpretation auf die Anzahl der Codierungen hingewiesen werden, wodurch sich die am häufigsten auftretenden Stressoren bei Studenten im Zusammenhang mit der Smartphone Nutzung, identifizieren lassen. Zudem wurden den drei Coping Arten Nummern zugewiesen, um durch die Bildung eines Mittelwertes gewisse Tendenzen bei der Wahl der Copingstrategie identifizieren zu können. Das emotionsorientierte Coping erhielt den Faktor 1, das problemorientierte Coping den Faktor 0 und das kombinierte Coping den Faktor 0,5. Diese Tendenzen sollen, in Kombination mit den erhobenen Persönlichkeitsprofilen, die Grundlage für die Identifizierung eines möglichen Zusammenhangs zwischen Charakter und Stressbewältigung bilden. Die Schritte der Analyse können im Anhang unter dem Punkt A.3 gefunden werden. Die genauen Ergebnisse dieser Analyse sollen in Kapitel 4 beleuchtet werden.

3.3 Online Fragebogen BFI-6

Über das Online-Tool surveymonkey.de wurde ein Fragebogen konzipiert, der mit jeweils zwei Items die Dimensionen Extraversión, Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit abgefragt hat. Auf die Dimensionen Offenheit für Erfahrungen und Verträglichkeit wurde hier verzichtet, da kein ausschlaggebender Bezug zu der untersuchten Thematik zu erkennen war. Im Nachhinein kann aber gesagt werden, dass die Reduktion auf lediglich drei Dimensionen eine gewisse Diskrepanz im Modell erzeugt hat. Jedoch bilden die drei Dimensionen eine ausreichende Grundlage für die Untersuchung. Zudem kann auf die Arbeit von Rammstedt und John (Rammstedt and John 2007, s. 206) verwiesen werden, in der betont wird, dass eben diese drei Dimensionen durch die zwei Item Version am besten repräsentiert werden und die höchste Korrelation mit dem BFI-44 besitzen. Gerade die anderen beiden Dimensionen verloren im Vergleich zur BFI-44 Version erheblich an Varianz und sind somit die Dimensionen, die am stärksten negativ von der Reduktion der Items betroffen sind.

Zudem kann durch die Definition der Dimensionen Extraversión, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus aus 2.4.1 ein stärkerer Bezug zur Thematik Stress und den Copingstrategien nach Lazarus erkannt werden. In der Arbeit von Ritter (2016, s. 19-21) wird aufgezeigt, dass neurotische Personen häufiger Stress erleben, diese Situationen vorwiegend dysfunktional und damit nicht nachhaltig lösen und dass Neurotizismus im Endeffekt den Coping Prozess negativ beeinflusst. Des Weiteren setzen extroverti erte Personen verstärkt auf problemorientiertes Coping, erleben seltener Stress und suchen sich schneller soziale Unterstützung. Gewissenhafte Personen agieren sehr aufgabenorientiert und setzen somit stark auf problemorientiertes Coping. Pierre-Yves und Papa stellten in ihrer Arbeit dazu Folgendes fest: ״(...) so zeigten sich deutliche Korrelationen zwischen den drei Dimensionen ״Neurotizismus“, ״Extraversion“, und ״Gewissenhaftigkeit“ und den beiden Coping Kategorien ״problemzentriertes“ und ״dysfunktionales Coping“. Der Neurotizismus korrelierte dabei wie erwartet negativ mit dem problemzentrierten Coping (Extraversión und Gewissenhaftigkeit hingegen positiv) und positiv

[...]

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Smartphone-induzierter Stress bei Studenten. Stressoren und Copingstrategien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
107
Katalognummer
V451368
ISBN (eBook)
9783668856523
ISBN (Buch)
9783668856530
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technostress, Stress, Coping, Smartphone, qualitative forschung, persönlichkeitsmerkmale, Big Five, Digitalisierung, Stress bei Studenten, Stressanalyse, Stressoren, inhaltsanalyse, mayring
Arbeit zitieren
Lukas Wirth (Autor), 2018, Smartphone-induzierter Stress bei Studenten. Stressoren und Copingstrategien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451368

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