Autorschaftsformen der Twitteratur

Twitteratur und ihre Autoren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Autorschaft der Twitteratur

1. Einleitung

2. Twitteratur - Form der digitalen Literatur

3. Autorschaftsformen der Twitteratur
3.1 Die Klassische Autorschaft bzw. der Autor als Genie
3.2 Der Kollaborative Autor
3.3 Der marginalisierte Autor
3.4 Die dissoziierte Autorschaft

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Internetquellen

Autorschaft der Twitteratur

1. Einleitung

„Das Ende der Gutenberg Galaxie“ lautet der Buchtitel des Medientheoretikers Norbert Bolz, der bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten, einen Umbruch im gesamten Literaturgeschehen vorhersagte. Seine These: Das Buch wird nach und nach in seinem Stellenwert rapide sinken. Als kulturelles Leitmedium wird es vom Internet abgelöst. Als einen der Hauptgründe sieht Bolz die fehlenden Interaktionsmöglichkeiten des Buches.[1] Die mediale Limitierung auf das Buch prägte derweil das bisherige Konzept von Autorschaft. Digitale und vor allem interaktive Netzwerke wie Twitter konnten diese Limitierung nicht nur überwinden, sie sind sogar Grundlage eines eigenen Genres - der Twitteratur. Grenzüberschreitung und Genregründung fordern als logische Konsequenz ein Hinterfragen und eine Transformation, wenn nicht gar Neukonzeption der Trias Text, Leser und Autor, die Twitter als ästhetisches Ausdrucksmedium nutzt. Diese Arbeit wird sich vor allem dem Autor von Twitteratur widmen und der Frage: Gibt gibt es den einen Twitteratur-Autor, der sich nach klar definierten Merkmalen in sein Genre fügt? Außerdem beleuchtet diese Arbeit die Punkte der Qualifikation eines Autors, seinen Schaffensprozess und die Art der Veröffentlichung innerhalb von Twitteratur.

2. Twitteratur - Form der digitalen Literatur

Das Genre der Twitteratur ist untrennbar mit der Gattung der digitalen Literatur verbunden, welche als obergeordnete Kategorie fungiert. Um die Autorschaftsformen der Twitteratur zu analysieren, bedarf es daher einer kurzen Erläuterung jener Oberkategorie. Spricht man von digitaler Literatur, so meint man die künstlerische Ausdrucksform, die digitale Medien als Ausgangsmedium nutzen und sie zwingend bedürfen. Interaktivität, Intermedialität, sowie Inszenierung sind wichtige Eigenschaften dieser digitalen Medien. Mindestrens eines dieser Merkmale sollte auch der digitalen Literatur immanent sein, um als eben jene definiert werden zu können.[2] Das Merkmal der Interaktivität steht für die Teilhabe des Rezipienten am Konstruktionsprozess des Werkes. Diese Teilhabe kann einerseits in Form einer Reaktionen auf Eigenschaften des Werkes selbst, als auch in Form einer Reaktionen auf Äußerungen und Handlungen anderer Rezipienten erfolgen.[3] Die Zweite Merkmalsebene ist die sogenannte Intermedialität. Gemeint ist hierbei die Verbindung von Text, Bild und Ton, die laut Roberto Simanowski eine Tendenz zu einem neunen Gesamtkunstwerk kennzeichnet. Inszenierung ist die letzte Merkmalsebene der digitalen Medien, als auch der digitalen Literatur. Die Anforderungen dieser Ebene werden durch die Programmierung eines Werkes oder eines rezeptionsabhänigen Textes, im sogenannten HTML-Quellcode erfüllt. Von digitaler Literatur kann gesprochen werden, wenn mindestens eine dieser Merkmalsebenen realisiert wird. Twitteratur ist jedoch keineswegs als Synonym digitaler Literatur zu verstehen. Das Genre zeichnet sich durch viele weitere Merkmale aus und unterscheidet sich so von anderen digitalen Gattungen. Die Rede ist hierbei unter anderem von der Veröffentlichung des literarischen Werkes, in Form eines Posts auf der Plattform Twitter. Die lokale Gebundenheit an die Plattform ist für die Merkmalserfüllung zwingend erforderlich. Das quantitative Merkmal der Limitierung auf 140 Zeichen pro Post steht bei der Definition von Twitteratur klar im Mittelpunkt. Aber auch die Verwendung eines Prinzips der Stichwortsuche, dem sogenannten Hashtag (#), sowie der Verweis auf andere User mittels des @-Symbols sind twitteraturtypische Erscheinungen. Ein weiteres klar twitter- und twitteratureigenes Merkmal ist der „Retweet“ - gemeint ist das erneute Posten eines Beitrags, dessen Urheber man nicht selbst ist. Auf der qualitativen Ebene wird digitaler Literatur im Allgemeinen und somit auch Twitteratur im Speziellen, häufig ein Verschmelzen von Sender und Empfänger, sowie Autor und Leser unterstellt. Das Resultat dieser Verschmelzung sei die große Überinstanz des Internetnutzers bzw. Users und das Verschwinden des Autors. Dieser Vorgang würde die Thesen der poststrukturalistischen Text-Theorien „Der Tod des Autors“ und „das Verschwinden des Autors“ von Roland Barthes, sowie Michel Foucault bestätigen.[4] [5] Sie proklamierten Ende der 60er Jahre die Abwendung vom Autor als kreatives, souveränes und sich selbst durchschauendes Subjekt und die Hinwendung zum Menschen als Ensemble von Strukturen. Außerdem würde die Bestätigung dieser Theorien auch direkten Einfluss auf die Forschungsfrage dieser Arbeit haben - Autoren in digitaler Literatur, als auch Twitteratur würde es nicht geben und somit auch keinen Twitteratur-Autor.

3. Autorschaftsformen der Twitteratur

3.1 Die Klassische Autorschaft bzw. der Autor als Genie

Der genialistische Typ von Autorschaft wurde nicht erst mit der digitalen Literatur erschaffen, sondern ist bereits hinlänglich aus Printmedien bekannt. Die Auffassung vom Autor als Genie löste schon Mitte des 18. Jahrhundert die Regelpoetik ab und ist eng mit den Leitbegriffen Originalität, Individualität und Subjektivität verbunden. Der Autor verwirklicht sich selbst als einzigartiger Schöpfer eines individuellen Originalwerkes, welcher Regeln und Normen im Produktionsprozess als unzulässige Einengung begreift. Normvertsöße sind als Indikator für die Qualität eines Werkes und der geleisteten Arbeit eines Autors anzusehen. Das Autoren-Genie sieht sich als Eigentümer seines Werkes und besitzt somit die Hoheit darüber. Auch rechtlich gilt er nach dem Urheberrecht als Eigentümer des Werkes.[6] Wie bereits erwähnt existiert die genialistische Form von Autorschaft bereits in den Printmedien, jedoch waren Normverstöße gegen die serielle Lektüre nur selten und erschwert zu realisieren. Digitale Medien bieten dem Leser die Möglichkeit interaktiv in den Produktionsprozess einzugreifen und bilden damit die Grundlage der Poesie. Normverstöße werden innerhalb von digitaler Literatur und somit auch innerhalb von Twitteratur zum Regelfall. Jedoch läuft jegliche Form der Interaktivität in einem ,vom Autor, kontrollierten Maße ab.[7] Der Leser kann also nur jene Richtungen einschlagen, welche ihm vom Autor angeboten werden. Ein Beispiel für die Realisierung des genialistischen Autortypus innerhalb von Twitteratur gestaltet sich beispielsweise wie folgt. Ein Post eines individuellen Autors enthält ein Originalwerk, beispielsweise die ersten drei Zeilen einer Dichtung. Mittels der Umfragefunktion kann der Autor nun dem Leser bis zu vier Möglichkeiten der Fortsetzung seins Werkes anbieten. Der Rezipient kann zwar somit über den weiteren Verlauf der Dichtung entscheiden, ist jedoch im angebotenen Auswahlspektrum des Autors regelrecht „gefangen“. Die Möglichkeit des Lesers frei in den Werksverlauf einzugreifen und darüber mitzuentscheiden ist somit kaum gegeben.

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten[7]

3.2 Der Kollaborative Autor

Ist die Rede von kollaborativer oder kollektiver Autorschaft, so ist damit ein gemeinschaftlicher Text-Produktionsprozess gemeint, an dem verschiedene Autoren beteiligt sind. Merkmale der kollaborativen Autorschaft sind durch den Philosophen und Literaturwissenschaftler Prof. Paisley Livingston, als auch den Literaturwissenschaftler Dr. Florian Hartling, klar definiert. Von kollaborativer Autorschaft kann gesprochen werden, wenn mindestens zwei Personen an der Herstellung eines gemeinsamen Werkes arbeiten. Dieser Produktionsprozess erfolgt bewusst und nach eigenen Plänen. Die individuelle Planung eines jeden Einzel-Autors, müssen mit den Plänen der anderen Autoren abgestimmt werden und zahnradartig ineinandergreifen.[9] [10] Die verschiedenen Autoren erhalten in gleichermaßen Produktionskontrolle und Verantwortung für das Resultat, sowie die gleiche Autorisierungskompetenz. Aufgrund des gemeinschaftlichen und zeitgleichen Produktionsprozesses werden auch alle beteiligten kollaborativen Schreiber als Autoren des Gesamtwerkes anerkannt.[11] Livingston bekräftigte diese Gleichverteilung zwar für das Medium des Spielfilms und des Drehbuches, betonte allerdings auch die Allgemeingültigkeit des Gleichverteilung-Prinzips für kollektive Autorschaft aller Medien.[12] Ein Beispiel der kollaborativen Autorschaft, im Forschungsfeld der Twitteratur, ist der „Unendliche Text“ des Blogs „Anschlag“ für kreatives Schreiben. Der Blog selbst hat lediglich eine verwaltende und initiierende Funktionen inne. So ist er für die Veröffentlichung, als auch für die Beitragsauswahl verantwortlich. Außerdem schreibt der Blog quantitative als auch qualitative Parameter vor, an denen sich die Beiträge der Ko-Autoren orientieren sollen.[13] Ein vorgegebenes Hashtag, welches dem Text klar angehörig ist, fördert des Weiteren die Zuzuordonungsbarkeit der Beiträge zum Text und dient häufig als dessen Titel. Somit lässt sich also zusammenfassend sagen, dass die kollektive Autorschaft am ehesten von der Vielzahl ihrer Autoren geprägt wird. Verglichen mit dem Autor-Genie besteht diese Form der Autorschaft nicht mehr nur aus einem, sondern aus mehreren Individuen.

[...]


[1] Vgl. Bolz, Norbert (1993): Am Ende der Gutenberg-Galaxis. München. Fink. S. 201-212.

[2] Vgl. Simanowski, Robert (2001): Autorschaft in digitalen Medien. In: Text & Kritik (152), S.2.

[3] Vgl. Simanowski, Robert (2001): Autorschaft in digitalen Medien. In: Text & Kritik (152), S.3.

[4] Vgl. Barthes, Roland (2000): Der Tod des Autors. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam. S.185-193.

[5] Vgl. Foucault, Michel (2000): Der Tod des Autors. In: Jannidis, Fotis u.a. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam. S.194-230.

[6] Vgl. Bosse, Heinrich: Autorschaft ist Werkherrschaft. Über die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit. Paderborn u.a.: Schöningh, 1981. S.13.

[7] Vgl. Hartling, Florian: Der digitale Autor, Bielefeld: transcript Verlag, 2009. S.77-85.

[8] Urheber nur unter Nutzernamen bekannt (09.08.2018): Twitter, https://twitter.com/stohr_adrin, ( zuletzt aufgerufen am 28.08.2018)

[9] Vgl. Ghanbari, Nacim (2018): Ku ̈ nste der Kollaboration. In: Tristan Thielmann (Hg.): Kollaboration. Paderborn: Fink. S. 3.

[10] Vgl. Hartling, Florian (2012): Kollaborative Autorschaft. In: Grond-Rigler, Christine (Hg.), Straub, Wolfgang (Hg.): Literatur und Digitalisierung. Berlin: De Gruyter, S. 84-86

[11] Vgl. Tuschling, Jeanine (2006): Autorschaft in der digitalen Literatur. In: Materialien und Ergebnisse aus Forschungsprojekten des Instituts für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien an der Universität Bremen (FB 10) (Heftnummer 19). S. 91-99.

[12] Vgl. Livingston, Paisley (2011): Der reale Regisseur, das Filmteam und die kollektive Autorschaft im Film. In: Kuhn, Markus (Hg.): Filmnarratologie . Berlin: De Gruyter, S. 115-119.

[13] Vgl. Simanowski, Roberto (2002): Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Surkamp, Frankfurt am Main. S. 36-38.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Autorschaftsformen der Twitteratur
Untertitel
Twitteratur und ihre Autoren
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Twitteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V451376
ISBN (eBook)
9783668844711
ISBN (Buch)
9783668844728
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Twitteratur, Twitter, Autor 2.0, Netzliteratur, Digitale Literatur, der Tod des Autors
Arbeit zitieren
Sascha Lin (Autor), 2018, Autorschaftsformen der Twitteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451376

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