Hölderlins "Menons Klagen um Diotima". Die Bewegung des Gemüts in der sentimentalischen Dichtung


Seminar Paper, 2018
18 Pages, Grade: 2,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1. Definitionen und Inhalte der Elegie
2.2. Naive und sentimentalische Dichtung
2.3. Die Bewegung des Gemüts
2.4. Das elegische Distichon

3. Gedichtanalyse „Menons Klagen um Diotima“

4. Inhaltliches und Interpretation „Menons Klagen um Diotima“

5. Vergleich Erstfassung und Zweitfassung

6. Biographischer Bezug - Susette Gontard als „Diotima“

7. Resümee

Anhang: Quellen- und Literaturverzeichnis

F ü r Mario,

meiner Diotima.

1. Einleitung

„Die Elegie ist eins von den vornehmsten Gedichten der alten Griechen und Römer gewesen, und verdient also wohl eine besondere Betrachtung.“1 - So Gottschedts Feststellung in seinem „Versuch einer critischen Dichtkunst“ aus dem Jahre 1751. Das Elegienwerk wird als Hölderlins wichtigstes lyrisches Spätwerk angesehen, das vor allem in den Jahren von 1800 bis 1806 entstanden ist. Dieter Burdorf bezeichnet sie wörtlich als den „Kern seines lyrischen Werks“2, der im Wesentlichen in der Zeit seines Aufenthaltes in der Schweiz bis zur Abreise nach Bordeaux entstanden ist. Hölderlins Nachwirkungen sind bemerkenswert. Neben einer Vielzahl an biographischen Werken existieren solche, die sich speziell mit der Metaphorik und Symbolik in seiner Dichtung beschäftigen, wie die Schrift „Metapher und Vergleich in der Sprache Hölderlins“3 von Hans-Heinrich Schottmann, präsentiert „Bilder im Wechsel der Töne“4 von Dr. Uta Degner Ton-Konzepte in Hölderlins besonderer Sprache. Eher mit den Inhalten einer charakteristischen Elegie soll sich diese Arbeit befassen:

Nichts bewegt das menschliche Gemüt mehr als die Liebe. Selbst mit modernsten Forschungsmethoden lässt sie sich nicht messen - und doch ist sich fast jeder Mensch sicher, dass es sie gibt. Wir verdanken diesen Gefühlen der Liebe unsere schönsten Gedichte - wurde doch in der Geschichte der Menschheit über kein Thema mehr philosophiert und niedergeschrieben. Dass sie nicht nur erfüllt und vollkommen in Erscheinung tritt, sondern auch zuweilen unglücklich macht oder gar verloren sein kann, wird mit Hölderlins „Menons Klagen um Diotima“ greifbar. Diese Bewegung des Gemüts wird in dieser Elegie auch durch gekonnte poetische Dichtkunst hervorgerufen. In der vorliegenden Arbeit wird besonders dieser Aspekt von Hölderlins Dichtkunst analysiert. Da er sich maßgeblich an Schillers Schrift „Über naive und sentimentalische Dichtung“5 orientierte, werden nach einleitenden Definitionsversuchen der Elegie auch diese Vorgaben seines theoretischen Werks erläutert. Im weiteren Verlauf wird kontinuierlich auf diese Normen Bezug genommen und deren Umsetzung mit exemplarisch ausgewählten Versen und Strophen untermauert. Bevor auch die Erstfassung genannter Elegie der überarbeiteten Zweitfassung gegenübergestellt wird, erfolgt schließlich der notwendige biographische Bezug zu Hölderlins Leben, seiner Liebe und somit auch seiner „Diotima“ im realen Leben.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Definitionen und Inhalte der Elegie

Die Bezeichnung „Elegie“ wird seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen verwendet und bedeutet eine Zusammenfassung der drei griechischen Begriffe „elegeíon“ (eine Bezeichnung eines Distichons, das aus Hexameter und Pentameter besteht), „elegeía“ (ein Gedicht, das sich aus Distichen zusammensetzt) und „elegos“ (eine Totenklage in Form eines Klageliedes, das traditionell mit der Flöte begleitet wird).6 Demnach behandelt die Elegie inhaltlich vor allem die Themen der Liebe und der Trauer. Stark subjektzentriert gipfelt dieser Inhalt nicht selten in der Trauer um eine verlorene Liebe.7 Zu jeder Zeit gab es in der literaturwissenschaftlichen Forschung verschiedene Schwerpunkte des Interesses am Begriff der Elegie nach ebenso verschiedenen Gesichtspunkten: „Eine Dichtgattung lässt sich […] nur für eine bestimmte Zeitlage nach ihren Merkmalen beschreiben.”8 Die Kategorien für diese Merkmale variieren nach Zeitspanne und Gattung.

Ihren Ursprung findet die Elegie in der Antike, bevor sie im Mittelalter und im Zeitalter des Barocks nicht kontinuierlich, jedoch beständig immer wieder Einzug in die Dichtkunst hält und ihren Höhenpunkt mit ihren charakteristischen elegischen Distichen im 18. Jahrhundert findet. Als lyrische Vorgänger Hölderlins sind vor allem Klopstock mit seiner Elegie „Die künftige Geliebte“ (1748) und Goethe mit seinen „Römische[n] Elegien“ (1795) zu nennen.9

Stephan Wackwitz sieht im Wesentlichen einen realgeschichtlichen Ursprung in der Neuentfachung der Elegie: Sie entstünde aus der Enttäuschung des Volkes über die gescheiterten Revolution im 18. Jahrhundert. Das nicht erreichte Ziel einer Einheit von Subjekt und Objekt sei hier Realität einer unglücklichen Gegenwart und wird in der Dichtung verarbeitet und reflektiert.10

Historische Hintergründe sind in diesem Kontext relevant, da sich Hölderlin von Anfang an enthusiastisch für die Ideen der Französischen Revolution und der Aufklärung zu begeistern vermochte. Die Beschäftigung mit Veränderungen in ganz Europa findet sich in Werken wie „Die Völker schwiegen...“ oder „Buonaparte“ wieder.11

Als dritter Vorläufer aus Hölderlins Zeit ist Friedrich Schiller zu nennen. Seine Elegie „Der Wanderer“ wurde im Jahr 1797 in seinen „Horen“ gedruckt.12 Drei Jahre später überarbeitete Hölderlin den Text und hielt sich auch sonst in vielen anderen Punkten an Analysen und Vorgaben aus Schillers theoretischem Werk „Über naive und sentimentalische Dichtung“, das seinerzeit nicht nur auf große Anerkennung, sondern auch auf das Setzen von neuen Maßstäben stieß und laut Johann Kreuzer sogar „normative Geltung beansprucht“.13 Es wurde ebenfalls in Teilen als Schriftenreihe von 1795 bis 1796 in drei aufeinanderfolgenden Heften der „Horen“ gedruckt.14

2.2. Naive und sentimentalische Dichtung

Neben der kontinuierlichen Idealisierung der Antike und ihrer Dichter werden in diesem Text zunächst Abstrakta wie Kunst (die im Grunde mit der menschlichen Kultur gleichzusetzen ist) und Natur gegenübergestellt. Die Begriffe von Ideal und Wirklichkeit werden verglichen: Dabei stellt Schiller einen gegenwärtigen Mangel aufgrund von fehlendem Einklang mit der Natur fest, der unter den antiken Griechen noch nicht vorhanden war.

„Der Dichter, sagte ich, ist entweder Natur oder er wird sie suchen. Jenes macht den naiven, dieses den sentimentalischen Dichter.“15 In diesem Zusammenhang wird der Begriff der Subreption von Kant geliehen, den er dem sentimentalischen Dichter zuschreibt. Subreption meint eine Zuschreibung von Eigenschaften durch den Menschen an die Natur, die im Grunde keine eigenen Eigenschaften besitzt und es somit unweigerlich zu einer menschlichen Bewertung kommt.16 Hölderlin und die Frühromantiker studierten die Kant'schen Schriften ausführlich. In seiner Studie „Über das Gesetz der Freiheit“ greift er Kants Philosophie als Freiheitslehre auf, wobei er drei Dinge als besonders bedeutsam hervorhebt: Der eigenständige Platz der Ästhetik und ihre eigenständigen Prinzipien, das freie Spiel der Erkenntniskräfte und schließlich die Subjektivität der Ästhetik, die unter allen beeinflussenden Faktoren zwingend bleibt.17

Der Naive stellt die Wirklichkeit einfach nach (=Mimesis), während sie der Sentimentalische reflektiert - diese Reflexion ruft die gewollte Rührung hervor.18 Diese Reflexion stellt also unweigerlich eine Bewertung des Geschehens dar. Nicht nur der Dichter selbst, auch das Publikum spürt diese Rührung. Diese Bewegung des Gemüts geht nicht selten einher mit variierenden Gefühlen.

„Setzt der Dichter die Natur der Kunst und das Ideal der Wirklichkeit so entgegen, dass die Darstellung des ersten überwiegt, und das Wohlgefallen an demselben herrschende Empfindung wird, so nenne ich ihn elegisch. Auch diese Gattung hat wie die Satyre zwey Klassen unter sich. Entweder ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beyde sind ein Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste giebt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester Bedeutung.“19

Demnach erhält die Elegie erst poetischen Gehalt, indem die Trauer aus einer durch das Ideal erweckten Begeisterung entspringt. Diese Begeisterung kann das Ideal verlorener Freude, Jugend oder die Trauer über den Verlust der Liebe sein.

2.3. Die Bewegung des Gemüts

„Sie [die sentimentalische Dichtung] hat es daher immer […] mit zwey streitenden Objekten, mit dem Ideale nehmlich und mit der Erfahrung, zugleich zu thun […]. Entweder ist es der Widerspruch des wirklichen Zustandes oder es ist die Uebereinstimmung desselben mit dem Ideal, welche vorzugsweise das Gemüth beschäftigt.“20

Gibt es einen Widerspruch zwischen Ideal und der Wirklichkeit und liegt der Fokus dabei auf der mangelhaften Realität (Satyre), spricht Schiller demnach von einem „inneren Streit“, durch den eine kraftvolle Bewegung entstehe. Handelt es sich dagegen um eine Übereinstimmung der beiden Kontexte, sei der menschliche Gemütszustand voll Ruhe und Harmonie (Idylle). In dieser Art sentimentalischer Dichtung stellt das Ideal, das es zu erreichen gilt, die Wirklichkeit dar.21 Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, das Gemüt zu beeinflussen: Die Ruhe und die Bewegung wechseln sich im Text ab, es entsteht eine Mischung aus dem inneren Streit und der Harmonie (Elegie). Hierbei liegt der Fokus auf dem Ideal, das in der Realität jedoch nicht erreicht wird. Sinngemäß schreibt Schiller: Für

eine Kategorisierung des vorliegenden Gedichts ist es lediglich notwendig, sich an die Stimmung zu erinnern, welche der Text hervorgerufen hat. Die Bewegung ist notwendig, um poetische Wirkung zu erzielen. Deshalb kann der Eindruck entstehen, dass bei der Form der Idylle aufgrund von Harmonie und Ruhe keine Bewegung herrscht. Schiller greift auch diese Problematik auf:

„Aber eben darum, weil aller Widerstand hinweg fällt, so wird es hier ungleich schwüriger, als in den zwey vorigen Dichtungsarten, die Bewegung hervorzubringen, ohne welche doch überall keine poetische Wirkung sich denken lässt.“22

Das Gemüt in Bewegung zu versetzen bedeutet aufgrund der vorherrschenden Harmonie die Schwierigkeit an dieser Form der Dichtung. Schiller erschafft damit eine neuartige Empfindungsweise: Das lyrische Ich reflektiert über diese verschiedenen Gemütszustände und empfindet dabei erstmals.

2.4. Das elegische Distichon

Das elegische Distichon setzt sich zusammen aus dem Wechsel von Hexameter und Pentameter und wird im Folgenden mit Hebungen (-) und Senkungen (u) skizziert.23

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Im Hexameter kann die Zäsur verschiedene Positionen bestreiten - der Pentameter hingegen besitzt lediglich die fixe Zäsur in der Mitte des Verses. Im ersten Vers können einzelne Daktylen durch Spondäen ersetzt werden, dies gilt für den Pentameter nur für den ersten Teil des Verses.24 Wie die meisten Elegien von Hölderlin beginnen nahezu alle Sätze mit einem Hexameter. Einige der wenigen Ausnahmen, wo ein Satz mit einem Pentameter beginnt, befinden sich in der Elegie „Menons Klagen um Diotima“25 in Strophe zwei (v.22 - 24, v.26 - 28) und in Strophe sechs (v.78 - 82). Insgesamt existieren unter seinen Elegien nur zehn Sätze, die im Pentameter beginnen und länger als ein Vers sind. Die anderen Ausnahmen sind in den Elegien „Der Wanderer“, „Stutgard“, „Brod und Wein“ und „Heimkunft“ zu finden.26

[...]


1 Johann Christoph Gottsched: Versuch einer critischen Dichtkunst. Leipzig 1751, S. 657.

2 Dieter Burdorf: Goethes und Hölderlins Liebeselegien. In: Goethes Liebeslyrik. Semantiken der Leidenschaft um 1800. Hrsg. von Carsten Rohde, Thorsten Valk. Berlin/Boston 2013, S. 301.

3 Hans-Heinrich Schottmann: Metapher und Vergleich in der Sprache Friedrich Hölderlins. Bonn 1960.

4 Uta Degner: Bilder im Wechsel der Töne. Hölderlins Elegien und >Nachtgesänge<. Heidelberg 2008.

5 Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. Stuttgart 2002.

6 Anita-Mathilde Schrumpf: Sprechzeiten. Rhythmus und Takt in Hölderlins Elegien. Göttingen 2011, S. 49.

7 Burdorf: Liebeselegien, S. 304.

8 Friedrich Beissner: Geschichte der deutschen Elegie. Berlin 1965, S. 10.

9 Johann Kreuzer: Hölderlin Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2002, S. 320.

10 Stephan Wackwitz: Trauer und Utopie um 1800. Stuttgart 1982, S. 116.

11 Vgl. Kreuzer: Handbuch, S. 14 - 15.

12 Burdorf: Liebeselegien, S. 302.

13 Kreuzer: Handbuch, S. 320.

14 Matthias Luserke-Jaqui: Schiller Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2005, S. 451.

15 Schiller: Dichtung, S. 33.

16 Vgl. Luserke-Jaqui: Handbuch, S. 456.

17 Vgl. Kreuzer: Handbuch, S. 109.

18 Vgl. Schiller: Dichtung, S. 38.

19 Ebd., S. 47.

20 Ebd., S. 67.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 74.

23 Dietrich Eberhard Sattler: Friedrich Hölderlin. Sämtliche Werke. Elegien und Epigramme. Frankfurt a. M. 1976, S. 7.

24 Kreuzer: Handbuch, S. 320.

25 Jochen Schmidt: Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte. Frankfurt a. M. 2014, S. 267 - 272.

26 Schrumpf: Sprechzeiten, S. 160.

Excerpt out of 18 pages

Details

Title
Hölderlins "Menons Klagen um Diotima". Die Bewegung des Gemüts in der sentimentalischen Dichtung
College
University of Salzburg
Grade
2,0
Author
Year
2018
Pages
18
Catalog Number
V451619
ISBN (eBook)
9783668844377
ISBN (Book)
9783668844384
Language
German
Tags
Hölderlin Schiller Diotima Naive Sentimentalische Literaturtheorie
Quote paper
Judith Zimmermann (Author), 2018, Hölderlins "Menons Klagen um Diotima". Die Bewegung des Gemüts in der sentimentalischen Dichtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451619

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