Diese Arbeit wird hierzu kurz auf die zunehmende Einflussnahme des Deutschen Reiches im Osmanischen Reich um die Jahrhundertwende sowie auf die Aspekte der klaren Mitschuld eingehen. Um weiterführend einige Akteure und deren spezifische Einstellung zu beleuchten, werden die deutsche Botschaft sowie das deutsche Militär, welches im Osmanischen Reich stationiert war, behandelt. Es soll herausgestellt werden, ob einzelne Personen neben den ideologischen und personellen Differenzen zu den Jungtürken auch in einem politischen Konflikt zu „ihrer“ Institution standen oder sich gar gegen diese aufgelehnt haben.
Die Frage nach Schuld und Mitverantwortung des Deutschen Reiches am Genozid der Armenier zur Zeit des Ersten Weltkrieges ist in der Geschichtswissenschaft auch im 21. Jahrhundert noch eine Thematik mit andauernder Relevanz. Nach der Anerkennung des Völkermordes der deutschen Bundesregierung als einheitliche Instanz Anfang Juni 2016 bleibt nun zu untersuchen, welche Rollen einzelne deutsche Akteure zur Zeit der Massakrierungen der christlichen Armenier durch die Jungtürken einnahmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beurteilung der Rolle der Akteure in der Forschung
3. Darstellung zunehmender Einflussnahme und wirtschaftlicher Interessen
4. Die eindeutige deutsche Mitverantwortung am Genozid der Armenier
5. Die Deutsche Botschaft in Konstantinopel und ihre Akteure
6. Deutsche Militärs im Osmanischen Reich
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle einzelner deutscher Akteure, insbesondere Diplomaten und Militärs, während des Genozids an den Armeniern im Ersten Weltkrieg und geht der Frage nach, ob diese Akteure im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchten, das Handeln der Jungtürken zu mildern, oder ob sie durch ihre Handlungen oder ihr Schweigen eine Mitverantwortung tragen.
- Rolle des Deutschen Reiches und seiner Akteure während des Genozids an den Armeniern.
- Spannungsfeld zwischen politisch-wirtschaftlichen Interessen und humanitärem Handeln.
- Analyse der Handlungsspielräume deutscher Diplomaten, exemplarisch am Beispiel von Botschafter von Wangenheim.
- Untersuchung der Beteiligung deutscher Militärs an Planung und Durchführung von Deportationen.
Auszug aus dem Buch
6. Deutsche Militärs im Osmanischen Reich
Die Betrachtung deutscher Militärs gibt einen präzisen Einblick in die Vorgänge des Genozids an den Armeniern, da der Kontakt zu den türkischen Einheiten, welche maßgeblich die Deportationen und Erschießungen durchführten, sehr eng war. Im Allgemeinen war ein gewisser „Anti-Armenismus“ zu verzeichnen, welcher aber meist kein Indiz für die aktive, intendierte Teilnahme an Erschießungen und Verschleppungen ist. Vielmehr verschleierten militärische Interessen die Folgen dieser. So äußerte sich Graf von Lüttichau, der Botschaftsprediger, „daß leider zum wiederholten Male höhere deutsche Offiziere, ohne sich der politischen Konsequenzen bewusst zu sein, ausschließlich aus strategisch-militärischen Gesichtspunkten stattgebend, Äußerungen getan haben, die schweren Schaden anrichteten“.
Nur in einzelnen Fällen lassen sich klare Ambitionen gegen das armenische Volk ausgehend von deutschen Offizieren verzeichnen. So berief Friedrich Bronsart von Schellendorf, Chef des Generalstabs des osmanischen Heeres, im Dezember 1914 einen geheimen Kriegsrat zwischen Mitgliedern der jungtürkischen Regierung und der deutschen obersten Militärebene. In diesem Treffen äußerte Bronsart, dass es angeblich Beweise für armenische Massakrierungen und Sabotageakte an der türksichen Bevölkerung gebe. Bronsart sagte zudem: „In dieser kritischen Lage fasst das Gesamtministerium den schweren Entschluss, die Armenier für staatsgefährlich zu erklären und zunächst aus den Grenzgebieten zu entfernen.“
Auch Colmar Freiherr von der Goltz stimmte diesem Vorhaben zu. Er ist, ähnlich wie Botschafter Wangenheim, ein Beispiel für die Gespaltenheit einzelner Akteure im Osmansichen Reich. So lehnte von der Goltz die Vernichtungsmaßnahmen klar ab und setzt auf Umsiedelung. Als er jedoch auf einer Reise durch Aleppo am 22. November 1915 seiner Gattin schreibt, sieht er das Elend der vertriebenen Armenier und empfindet Mitleid für sie. Zudem würde er helfen wollen, empfindet die Befehlsmacht aber als zu groß, als dass er sich gegen die Maßnahmen auflehnen könne. Neben der oben genannten Gespaltenheit lässt sich Colmar von der Goltz jedoch auch eine gewisse Naivität zuschreiben. Da er zur oberen militärischen Ebene im Osmanenreich gehörte und damit Zugang zum Informationsfluss hatte, hätte er sich über die Folgen der von ihm zugestimmten Deportationen bewusst sein müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, welche die Rolle und Mitverantwortung deutscher Akteure am Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg untersucht.
2. Beurteilung der Rolle der Akteure in der Forschung: Das Kapitel thematisiert die divergierenden wissenschaftlichen Ansichten über eine aktive Teilnahme versus moralische Mitverantwortung einzelner Deutscher am Genozid.
3. Darstellung zunehmender Einflussnahme und wirtschaftlicher Interessen: Hier wird erläutert, wie das Deutsche Reich seine wirtschaftliche Präsenz und strategischen Interessen im Osmanischen Reich vor dem Krieg ausbaute.
4. Die eindeutige deutsche Mitverantwortung am Genozid der Armenier: Dieses Kapitel liefert Beweise für die Mitverantwortung deutscher Akteure und zitiert Zeitzeugen, die deutsche Ratschläge bei den Deportationsmaßnahmen belegen.
5. Die Deutsche Botschaft in Konstantinopel und ihre Akteure: Am Beispiel von Botschafter von Wangenheim wird die Rolle der diplomatischen Vertretung und deren Konflikt zwischen Bündnispolitik und humanitären Bedenken analysiert.
6. Deutsche Militärs im Osmanischen Reich: Dieses Kapitel untersucht die enge Verflechtung deutscher Militärs mit den jungtürkischen Einheiten und deren Beteiligung an den Deportationen.
7. Schluss: Der Schluss resümiert, dass individuelle Ansätze zum Schutz der Armenier oft an der kaiserlichen Autorität und der Priorisierung militärischer Interessen scheiterten.
Schlüsselwörter
Genozid, Armenier, Osmanisches Reich, Deutsches Reich, Erster Weltkrieg, Deutsche Botschaft, Hans von Wangenheim, deutsche Militärs, Mitverantwortung, Deportationen, Jungtürken, wirtschaftliche Interessen, Diplomatie, Colmar von der Goltz, Völkermord.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle deutscher Diplomaten und Militärs im Osmanischen Reich während des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die deutsche Außen- und Bündnispolitik, das Spannungsfeld zwischen ökonomischen Interessen und humanitärer Verantwortung sowie die Handlungsspielräume einzelner Akteure vor Ort.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob deutsche Akteure lediglich Befehlen folgten, das Handeln der Jungtürken aktiv unterstützten oder ob es Versuche gab, sich der Vernichtungspolitik zu widersetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Quellenanalyse, die Dokumente aus türkischen Staatsarchiven, Akten des Berliner Auswärtigen Amtes sowie private Schriftstücke der Akteure auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die zunehmende wirtschaftliche Einflussnahme des Deutschen Reiches, die Rolle der Botschaft in Konstantinopel unter von Wangenheim sowie die Aktivitäten deutscher Militärs bei der Planung und Durchführung der Deportationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Genozid an den Armeniern, deutsche Mitverantwortung, diplomatische Akteure, militärische Beteiligung und Bündnispolitik.
Welche Rolle spielte Botschafter von Wangenheim?
Wangenheim wird als zwiespältige Figur dargestellt, die zwar humanitäre Reformen in Ostanatolien unterstützte, sich jedoch letztlich der kaiserlichen Bündnispolitik unterordnete und die Deportationen teilweise rechtfertigte.
Warum wird das Verhalten deutscher Militärs als naiv bezeichnet?
Obwohl einige Militärs über die Gräueltaten schockiert waren, stimmten sie den Deportationen aus strategischen Gründen zu, ohne die vollen politischen Konsequenzen oder die tatsächlichen Absichten der Jungtürken zu durchschauen.
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- Karl Huesmann (Author), 2017, Die Rolle deutscher Akteure am Genozid der Armenier, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454653