Implizite Homosexualität und Sex-Gender-Ambivalenz in Konrads von Würzburg "Trojanerkrieg"

Achill und seiner Freundschaft zu Patroclus. Warum kein Platz für die Minne zweier Männer war


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gender Studies in der Mediävistik?

3. Die Achill-Deidamia-Episode
3.1 Konrads Konzeption von manheit, wîbheit und minne
3.2 Implizierte Homosexualität

4. Freundschaftsgeschichte der Waffenbrüder Achill und Patroclus
4.1 Gemeinsame Erziehung beim Zentauren Schyron
4.2 Erfundene Begrüßungsszene vor Troja
4.3 Die Totenklage des Achill um Patroclus

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Sowohl der 2004 erschienene Film „Troy“ mit Brad Pitt als auch die in diesem Jahr veröffentlichte gleichnamige Netflix-Serie und ebenso der von Madeline Miller verfasste Roman „Das Lied des Achill“ sind Beispiele dafür, dass die antike Trojasage auch heute noch insofern ‚aktuell‘ ist, dass ihre Rezipienten Gefallen an ihr finden.Vor allem die beiden letzteren Beispiele behandeln eine Thematik, die im alten Griechenland als selbstverständlich aufgefasst wurde, nämlich die Liebe zwischen zwei Männern. Viele antike Autoren, darunter Plato und Aeschylus, nahmen eine romantische Beziehung der antiken Waffenbrüder Achill und Patroclus an. Dass eben jene Beziehung, sowohl in der Serie „Troy“, als auch in Millers Roman thematisiert wird, ist in einem Zeitalter, in dem ‚Gender-Studies‘ so sehr wie noch nie zuvor im Fokus der Forschung und der Öffentlichkeit stehen, nicht verwunderlich. Innerhalb der mediävistischen Forschung ist der Blick auf die Geschlechterkonstellationen und die Geschlechterrollen nichts Neues. Während zuvor meist das durch Literatur vermittelte Frauenbild im Vordergrund stand, konzentrieren sich aktuelle Arbeiten immer häufiger auf literarisch vermittelte Konzepte von Männlichkeit.1 Konrads von Würzburg Trojanerkrieg ist einer der am häufigsten untersuchten, aus dem deutschen Mittelalter stammenden, Trojatexte und wahrscheinlich auch der größte: 40424 Reimpaarverse umfasst das Werk, wobei Konrad die Geschichte nicht mehr selbst beenden konnte und noch weitere 9412 Verse von einem anonymen Fortsetzer hinzugefügt wurden. Im Verlauf der Arbeit soll untersucht werden, wie Konrad die Beziehung zwischen Achill und Patroclus inszeniert und ob eine Form der homosexuellen Liebe implizit oder explizit ausgedrückt wird. Ebenfalls wird Augenmerk auf Konrads Konzeption von Männlichkeit und Weiblichkeit gelegt, welche insbesondere in der Achill-Deidamia-Episode zum Ausdruck kommt. Zunächst werden im folgenden Kapitel Begriffe aus der Geschlechterforschung, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit benutzt werden, kurz definiert und erläutert.Daraufhin wird die Achill-Deidamia-Episode, mit Blick auf Konrads Konzeption von manheit, wîbheit und minne, analysiert und auf Andeutungen von impliziter oder expliziter Homosexualität überprüft. Danach wird der erste gemeinsame Auftritt von Achill und Patroclus in Konrads Versroman untersucht, so dass distinktive Besonderheiten der Inszenierung der Freunde offenbart werden. Die von Konrad erfundene Begrüßungsszene zwischen Achill und Patroclus vor Troja wird dann, rückblickend auf die zuvor erbrachten Ergebnisse, prüfend betrachtet. Abschließend wird Achills Totenklage um Patroclus analysiert und die Inszenierung der Freundschaft wird resümierend zusammengefasst. Im darauffolgenden Fazit werden die in der Arbeit formulierten Thesen wiederholt und die ursprüngliche Frage, wie Konrad Achill und Patroclus in seiner Erzählung darstellte und wieso er dies tat, wird beantwortet.

2. Gender Studies in der Mediävistik?

Im Bereich der Mediävistik herrscht inzwischen ein Konsens darüber, dass die Begriffe aus der Geschlechterforschung (Gender Studies) ein sinnvolles Analyseinstrumentarium bilden, da in den mittelalterlichen Texten, trotz fehlender Vorstellung von sex und gender im heutigen Sinne, ein theoretischer Diskurs über das Verhältnis zwischen Körper und dessen Soziabilität vorhanden sei.2 Der Begriff Gender lässt sich, bei aller definitorischer Unschärfe und theoretischer Komplexität, pragmatisch als ‚sozial-kulturelles Geschlecht‘ übersetzen. Diesem ist das biologische Geschlecht (sex) gegenübergestellt. Die Grundannahme der Geschlechterforschung ist, dass geschlechtstypisches Verhalten nicht biologisch determiniert, sondern durch Sozialisation, der Erziehung und der Erfahrung, angeeignet und somit sozial konstruiert sei. Die Gendertheorie negiert damit die Behauptung von biologisch prädeterminierten geschlechtsspezifischen Voraussetzungen und Verhaltensweisen.3 Dass geschlechtsspezifische Verhaltensnormen und Rollenerwartungen ihre Wurzeln in mittelalterlichen Verhaltensstandards haben, zeigt Trude Ehlert in ihrem Aufsatz:„ Ein vrowe sol niht sprechen vil: Körpersprache und Geschlecht in der deutschen Literatur des Hochmittelalters.“4. Vor allem die Körperlichkeit von literarischen und historischen Figuren, wobei hier nicht der physische Körper, sondern vielmehr der Körper in seiner Funktion als Zeichenträger betrachtet wird, zeigt eine Etablierung und Spiegelung komplexer gesellschaftlicher Strukturverhältnisse.Zu beachtende Elemente sind dabei vorrangig Kleidung, Schmuck, Mimik und Gestik, aber ebenso das Ausüben von Praktiken der Sexualität oder Gewalt.5 So scheint auch das Crossdressing Achills in Konrads von Würzburg Trojanerkrieg prädestiniert zu sein, die binäre Konstruktion der Geschlechter in Frage zu stellen.6

3. Die Achill-Deidamia-Episode

Der Begriff „Geschlecht“ ist in der mittelhochdeutschen Literatur ein essenzielles Element für die innere und äußere Motivierung des Erzählten und wird genau dann explizit thematisiert, wenn die Verhaltensweise einer einzelnen Figur dem antizipierten Verhaltensmuster des gesamten Geschlechts widerspricht und gegenübergestellt wird. Sowohl männlichen als auch weiblichen Handlungsträgern der Minnelyrik sind geschlechtstypische Zuschreibungen beigeordnet, die auf geschlechterstereotypischen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit basieren. Somit wird ein geschlechtsabhängiges Normen- und Rollenverständnis konstituiert, welches dem Leser auch in Konrads Trojanerkrieg immer wieder in Erinnerung gerufen wird.7 Insbesondere während der Achill-Deidamia-Episode (~V. 13900-17400)8 wird die Konzeption von manheit und wîbheit explizit thematisiert.

3.1 Konrads Konzeption von manheit, wîbheit und minne

Die Episode beginnt damit, dass Achill, der zuvor zusammen mit Patroclus beim Zentauren Schyron lebte, im Schlaf von seiner Mutter Thetis entführt wird. Diese plant ihren Sohn auf der Insel Scyros unter den Töchtern des Königs Lycomedes zu verstecken, um zu verhindern, dass Achill in den Krieg nach Troja zieht. (V. 13972-14215).

Damit der Plan aufgeht, ist es notwendig, dass Achill Frauenkleider trägt und sich als Jocundille, Achills erfundene Schwester, ausgibt.

Da dies jedoch seiner, aus der Erziehung bei Schyron hervorgehenden, Vorstellung von manheit widerspricht, weigert sich Achill dem Plan seiner Mutter Folge zu leisten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Insbesondere die Ideen von êre und muot werden von Achill mit dem Konzept der manheit in Verbindung gebracht. An mehreren Stellen werden die Scham und der Spott betont, die Achill durch das Tragen der Frauenkleider erleiden würde. Er führt sogar weiter aus, dass er lieber allein gegen ein ganzes Heer kämpfen würde, als „ […] daz ich würde z’einer maget / und als ein wîp gebârte mich“ (V. 14358-14361). Männlichkeit wird hier zunächst im klassischen Rahmen des Mittelalters konzeptioniert. Die körperliche Ausübung von Gewalt gehört zum etablierten Verhaltensmuster des Ritters und Helden.9 Auch wenn Thetis ihren Sohn in dem folgenden Streit, der circa 300 Verse lang weitergeht, nicht überzeugen kann, ändert Achill seine Meinung selbst, als er die Tochter des Königs Lycomedes, Deidamia, zum ersten Mal sieht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In dieser Szene zeigt sich das Konzept der minne, der höfischen Liebe, welches konstitutives Element der Minnelyrik ist. Sie fungiert als beziehungsstiftendes Moment zwischen den Geschlechtern und steuert somit auch den Gang der Handlung.10 Im Trojanerkrieg wird das Konzept der minne sogar als autonomes Naturgesetz inszeniert, das im Rahmen der Handlung auf alle Figuren wirkt und deren Schicksale prädeterminiert. Konrad erzählt von Liebesbeziehungen, bei denen die Männer ihren Frauen notorisch untreu werden und wegen ihres Liebesverrats direkt oder indirekt den Tod erleiden. So wie Jason Medea betrügt (V. 11302-11390) und Paris zu Beginn des Romans Oenone verlässt, weil ihm Helena versprochen wird (V. 1611 – 2862, V. 4617-5776), so wird auch Achill Deidamia verraten11. Die minne ist bei Konrad ein Liebeskonzept, welches durch eine unvermeidbare Untreue, aber ebenso die anfängliche Intensität der Gefühle zu charakterisieren ist.12 Wie auch in der Szene, in der Achill das erste Mal Deidamia erblickt, ist der Auslöser der minne in der Regel die äußerliche Attraktivität des Partners. Je größer das geschlechtsspezifische klischeehafte Idealbild der jeweiligen Figuren ist, desto stärker wirkt die minne.13 Von der minne beeinflusst und bewegt, lässt sich Achill also schließlich von seiner Mutter einkleiden, um Deidamia nah sein zu können. Die minne überwiegt gegen die manheit, die Achill noch kurz zuvor verteidigte und sorgt dafür, dass Achill nun einer zweiten Erziehung unterzogen wird.14 Thetis unterweist Achill in einer weiblich-höfischen Tugendlehre, damit dieser seine Verkleidung beibehalten kann und seine versteckte Identität nicht offenbart:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die im Text formulierte Konzeption von wîbheit referiert primär auf oberflächliche Eigenschaften und Verhaltensweisen, die von höfischen Frauen zu beachten sind.Auffallend ist, dass das äußere Erscheinungsbild des Helden, Kriegers und Mannes Achill kein Problem darzustellen scheint, im Gegenteil: Nachdem sein Haar geflochten (V. 14946) und mit einer Borte15 samt Gold geschmückt wurde (V. 14947-14949)und er ein Kleid angelegt bekommt (14957), so dass „ nâch frouwelicher wîpheit / geschepet wart sîn bilde.“ (V. 14958f.), wird berichtet, dass ihm all dies so gut stehen würde wie noch keiner Frau zuvor (V. 16466-68).16 Das Attribut der Schönheit wird bei Konrad geschlechtsneutral, beziehungsweise sowohl als weibliches als auch als männliches Attribut inszeniert, so dass die Ideale männlicher und weiblicher Schönheit nah aneinanderrücken. Abgesehen von der ironischen und gar komischen Situation, die durch die vermeintliche Ähnlichkeit von Held und Mädchen hervorgerufen wird17, birgt die inszenierte Geschlechterdivergenz noch eine weitere Implikation:Die Eigenschaften und Attribute der Konzeptionen von wîbheit und manheit sind nicht durch das biologische Geschlecht voneinander getrennt, sondern können gleichzeitig in einem Individuum auftreten. So ist es bei Achill der Fall, dass er einerseits, gemäß der Konzeption der manheit, als wilder, mutiger und starker Held und Krieger inszeniert wird, während er bei dem Zentauren Schyron aufwächst, aber gleichzeitig, gemäß der Konzeption der wîbheit, während seiner Zeit auf der Insel Scyros zum schönsten aller Mädchen deklariert wird: „ sîn schœner lîp und sîn gebâr / der schein den frouwen allen obe / an liehter clârheit unde an lobe.“ (V. 16452-16454). Konrad vereint in der Figur des Achill die Attribute der manheit und wîbheit, so dass schon früh im Trojanerkrieg die Idee einer Sex - Gender -Ambivalenz thematisiert wird.18 Das Aufgreifen einer solchen Thematik, trotz des christlichen Rahmens in dem Konrad seine Trojageschichte erzählt 19, wirft die Frage auf, ob ebenfalls das Konzept einer gleichgeschlechtlichen Liebe im Trojanerkrieg behandelt wird. Im folgenden Kapitel wird geprüft, ob eine Form der homosexuellen Liebe implizit oder explizit im Trojanerkrieg thematisiert wird.

[...]


1 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. Akademie Verlag. Berlin 2010. S. 181

2 Vgl. Sieber, Andrea: daz frouwen cleit nie baz gestuont. Achills Crossdressing im „Trojanerkrieg“ Konrads von Würzburg und in der „Weltchronik“ des Jans Enikel. In: Bennewitz, Ingrid / Kasten, Ingrid (Hrsg.): Genderdiskurse und Körperbilder im Mittelalter. Eine Bilanzierung nach Butler und Laquer. LIT. Münster 2002. S. 66

3 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. S. 181

4 Ehlert, Trude (Hrsg.): ein vrowe sol niht sprechen vil: Körpersprache und Geschlecht in der deutschen Literatur des Hochmittelalters. In: Chevaliers errants, demoiselles et l‘Autre: höfische und nachhöfische Literatur im europäischen Mittelalter. Festschrift für Xenja von Ertzdorff zum, 65. Geburtstag. Kümmerle Verlag. Göppingen 1998. S. 145-171

5 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. S. 181f.

6 Vgl. Sieber, Andrea: daz frouwen cleit nie baz gestuont. S. 49

7 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. S. 178-180

8 Alle Versangaben im Text werden aus der folgenden Ausgabe entnommen: Thoelen, Heinz / Häberlein, Bianca: Konrad von Würzburg Trojanerkrieg. Und die anonym überlieferte Fortsetzung. Wiesbaden 2015

9 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. S. 185

10 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. S. 179

11 Wobei es in Konrads Erzählung nie dazu kam, weil er das Werk nicht selbstständig beenden konnte.

12 Vgl. Kraß, Andreas: Achill und Patroclus. Freundschaft und Tod in den Trojanerromanen Benoîts de Sainte-Maure, Herborts von Fritzlar und Konrads von Würzburg. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 114 (1999). S. 94f.

13 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. S. 180

14 Vgl. Lähnemann, Henrike / Linden Sandra (Hrsg.): Manheit und minne. Achills zweifache Erziehung bei Konrad von Würzburg, in: Dichtung und Didaxe. Berlin 2009. S. 189-204

15 Ein gewebtes oder gemustertes Band, das meist als Verzierung verwendet wird.

16 Vgl. Sieber, Andrea: daz frouwen cleit nie baz gestuont. S. 55

17 Vgl. Jackson, Timothy R.: Außen und Innen bei Konrad von Würzburg. Die Achill-Deidamia-Episode im Trojanischen Krieg. In: Brall, Helmut / Haupt, Barbara / Küsters, urban (Hrsg.): Personenbeziehungen in der mittelalterlichen Literatur. Droste Verlag. Düsseldorf 1994. S. 238f.

18 Vgl. Sieber, Andrea: daz frouwen cleit nie baz gestuont. S. 67

19 Die Inszenierung der Trojasage Konrads innerhalb eines christlichen Rahmens wurde ausführlich von Olga Seus untersucht; nachzulesen in: Seus, Olga: Heilsgeschichten vor dem Heil? Studien zu mittelhochdeutschen Trojaverserzählungen. Hirzel Verlag. Stuttgart 2011

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Implizite Homosexualität und Sex-Gender-Ambivalenz in Konrads von Würzburg "Trojanerkrieg"
Untertitel
Achill und seiner Freundschaft zu Patroclus. Warum kein Platz für die Minne zweier Männer war
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Konrad von Würzburg: Trojanerkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V454822
ISBN (eBook)
9783668880412
ISBN (Buch)
9783668880429
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trojanerkrieg, Konrad von Würzburg, Gender Studies, Mediävistik, Achill, minn
Arbeit zitieren
Kevin Kiy (Autor), 2018, Implizite Homosexualität und Sex-Gender-Ambivalenz in Konrads von Würzburg "Trojanerkrieg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454822

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