Die Rolle des Islam bei der Bildung des Nationalstaats Indonesien


Hausarbeit, 2012
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Indonesien – ein multiethnischer und multireligiöser Staat

3 Die Herkunft des Islam und seine Auswirkungen

4 Bildung der indonesischen Nation
4.1 Die Pancasila als Staatsideologie
4.2 Politische Hintergründe der Nationalen Einheit

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Indonesien hat die größte muslimische Bevölkerung der Welt. Die Zählung vom Jahr 2000 ergab, dass 177,5 Mill. (Fealy et al. 2006: 39) der 240 Mill. Einwohner (Friend 2006: 19) in Indonesien Muslime sind. Das sind 88,2 Prozent der gesamten Bevölkerung und 13 Prozent der 1,3 Mrd. Muslime der Welt (Fealy et al. 2006: 39). Doch wie kann es sein, dass Indonesien dennoch kein muslimischer Staat, sondern ein multiethnischer „Pancasila- Staat“ ist? Ist die Tradition der Vielfalt der Kulturen stärker, als das verbindende Band des Islam? Und was hat die verschiedenen Völker mit einer unterschiedlichen Geschichte und Kultur dazu bewegt, sich zu vereinen? In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Rolle des Islam während der Bildung der indonesischen Nation nach der jahrhundertelangen Herrschaft der niederländischen Kolonialmacht, sowie mit dem Pancasila- Prinzip als nationaler Ideologie des neuen Staates. In dieser Arbeit möchte ich den Schwerpunkt auf die Untersuchung der Pancasila vs. Islam- Staat Debatte legen, auf die Hintergründe, weshalb in einem demographisch islamisch dominiertem Staat die Pancasila- Ideologie die Grundlage des Staates bildet und wie diese mit den islamischen Prinzipien vereinbar ist. Zunächst möchte ich einen Einblick in die ethnische und religiöse Vielfalt Indonesiens geben, um Indonesiens charakteristischstes Merkmal nahe zu bringen. Dannach gebe ich einen kleinen Einblick in die Ursprünge des Islam in Indonesien, bevor ich mich mit der Politik Indonesiens und deren Problemen zur Zeit der Bildung des indonesischen Nationalstaates und der Pancasila als einheits-tragendem Element der indonesischen Politik beschäftige. Im Fazit lege ich noch einige eigene Überlegungen zu diesem Thema dar.

2 Indonesien – ein multiethnischer und multireligiöser Staat

Indonesien ist kein homogener Staat. Seine Vielfalt erklärt sich schon bei der Betrachtung der geographischen Gegebenheiten der Region. Das Staatsgebiet umfasst 17.508 Inseln, welche sich über 5.400 km von West nach Ost erstrecken. Die demographischen und die ökonomischen Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Regionen sind gewaltig und bestimmen auch die nationale Politik. Die nationale Einheit zu erhalten, ist damit die höchste Priorität der indonesischen Politik. Die inneren Inseln Java, Bali, Madura sind dicht besiedelt, die äußeren Inseln dagegen teilweise fast menschenleer. Diese Unterschiede spiegeln sich auch im Bruttosozialprodukt der verschiedenen Landesteile. So erscheint Indonesien als Land mit einem weit entwickeltem, ökonomisch starkem Zentrum und unterentwickelten, dünn besiedelten äußeren Gebieten (Schmitz 2003: 39). Die größte muslimische Konzentration liegt auf den West- und Zentralinseln des Archipels. Das am dichtesten besiedelte Gebiet ist Java, wo 94,1 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind, darauf folgen Sumatra mit 91,2 Prozent und Sulawesi mit 78,1 Prozent. Durch die Pancasila- Ideologie erhöhen sich diese Werte erheblich (Fealy et al. 2006: 39), da viele Indonesier sich häufiger der Einfachheit wegen zum Islam bekennen, da die religiöse Zugehörigkeit unter anderem im Personalausweis vermerkt werden muss und werden so zu „Personalausweis- Muslimen“. Die traditionelle Religion kann auch unter diesem Umstand weiter ausgeübt werden. Geschätzte 0,6– 1 Prozent gehören solchen Stammesreligionen an. (Schreiner 2001: 159). Wissenschaftler sind sich einig, dass es mindestens 300 verschiedene ethnische Gruppen gibt, das indonesische Außenministerium nennt 583 verschiedene Dialekte und Sprachen. Die Anzahl der Sprecher verteilt sich ungleichmäßig auf die Ethnien. Es gibt 100 Mio. Javaner, auf den Außeninseln gibt es lediglich kleine Sprachgemeinschaften mit nur einigen Hundert Sprechern. Javaner machen 45 Prozent der gesamten Bevölkerung aus, darauf folgen Sundanesen mit 14 Prozent, Maduresen mit 7,5 Prozent, Küstenmalaien mit 7,5 Prozent und andere Sprachgruppen mit 26 Prozent (Schmitz 2003: 40). All diese Sprachgemeinschaften sind getrennt durch große geographische Entfernungen, ihre Kultur und Sprache und ihren Entwicklungsstand und gleichzeitig vereint im indonesischen Staat (Schmitz 2003: 40-41). Der Islam umfasst mit 88,2 Prozent den größten Anteil der Bevölkerung (Fealy et al. 2006: 39), darauf folgt mit 7,4 Prozent das Christentum, mit 2 Prozent der Hinduismus, 0,9 Prozent gehören dem Buddhismus an, 0,8 Prozent dem Konfuzianismus und 1,4 Prozent einer anderen Religion. Damit ist Indonesien der größte muslimische Staat der Welt. Dennoch ist es keine islamische Nation, da die nationale Identität nicht auf der Religion gründet. Die Muslime bilden keinen einheitlichen Block, da die Formen des Islam sich zu stark voneinander unterscheiden (Schmitz 2003: 45). Die Aufgabe des indonesischen Staatsoberhauptes ist es folglich, eine Nation aus dieser multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft zu formen (Suryadinata 1998: 69).

3 Die Herkunft des Islam und seine Auswirkungen

Die islamische Gemeinschaft ummah Indonesiens ist regional und theologisch sehr vielfältig und keinesfalls als einheitlich zu deuten (Schreiner 2001: 159). Die Vielfalt beruht auf den unterschiedlichen ethnischen Gruppen, äußert sich in den unterschiedlichen sozio- ökonomischen Klassen, politischen Ausrichtungen und den kulturellen Prägungen (Fealy et al. 2006: 39). Theologisch betrachtet sind fast alle indonesischen Muslime Sunniten der syafiitischen Rechtsschule (Schreiner 2001: 159). Es gibt eine kleine, aber wachsende Gruppe der schiitischen Muslime (Fealy et al. 2006: 39). Erste Zeugnisse des Islam gab es bereits im 8. Jahrhundert, Ende des 13. Jahrhunderts berichtete Marco Polo bereits von einer islamischen Gemeinde an der Nordspitze Sumatras. Die Islamisierung erfolgte durch indische Händler, welche sich an den Küsten niederließen, aber auch durch Missionare sufistischer Orden (Schröter 2008: 2). Da diese weder von Arabisierung noch imperialen Bestrebungen begleitet wurde, blieb die ethnische Vielfalt des Archipels erhalten. So waren die meisten muslimischen Indonesier von Beginn an Islam gewohnt, der von Region und Ethnie variierte (Hefner 2006: 40). Diese Entwicklung verlief zunächst friedlich, wenngleich im späteren 15.-17. Jahrhundert die militärischen Expansionen der islamischen Herrscher oft mit einem aggressiven Missionsanliegen verknüpft waren. Viele lokale Fürsten bekannten sich jedoch freiwillig zum Islam, da es ihnen Zugang zu überseeischen Handelsnetzen und einem einheitlich islamischem Rechtsraum eröffnete, welcher ökonomische Transaktionen erleichterte. Wie alle Hochreligionen in Indonesien, verband sich auch der Islam mit den jeweiligen örtlichen Kulturen, übernahm Elemente aus Ahnen- und Geisterkulten und integrierte seine einheimischen arabischen Mythologien. Im javanischen Sultanat Yogyakarta zum Beispiel, gilt der islamische raja als spiritueller Ehemann der Geisterkönigin Ratu Kidul, die in der Unterwasserwelt lebt und die Vermählung mit dieser ist Teil seiner Inthronisation. Solche Verschmelzungen mit Geisterkulten haben dem indonesischen Islam den Ruf gebracht, besonders offen gegenüber anderen Religionen zu sein, was allerdings nur bedingt zutrifft (Schröter 2008: 2). Islamische Gelehrte wandten sich häufig vehement gegen vorislamische lokale Bräuche, konnten sich aber nicht durchsetzen. Ob sich das in der Zukunft genauso bleibt ist ungewiss, da Modernisierung und Urbanisierung die lokalen Besonderheiten durch eine Schwächung der ländlichen Beziehungen in ihrer komplexen Struktur deutlich vermindern (Schröter 2008: 2).

4 Bildung der indonesischen Nation

4.1 Die Pancasila als Staatsideologie

Die Pancasila repräsentiert die religiöse Vielfalt und den nicht-islamischen Staat, womit es sich als bedeutende Grundlage zur Beilegung von Konflikten in einem multiethnischen und –religiösem Staat erwies. Somit kann das Jahr 1945 als ein Jahr mit bemerkenswerten politischen Entscheidungen für die Zukunft des indonesischen Staates gesehen werden. In Sukarnos Rede, kurz vor Ausrufung der Unabhängigkeit hieß es, dass die indonesische Nation auf fünf Grundprinzipien beruhen soll. Erstens der Glaube an einen höchsten Gott, zweitens die Humanität, drittens die Vereinigung Indonesiens (gemeint als ständigen Prozess, nicht schon als Ergebnis der Einheit), viertens die Demokratie und fünftens die soziale Gerechtigkeit. Auf diese Weise versuchte die Pancasila- Philosophie Tradition und Moderne in einem Konsens zu vereinen und eine allgemeingültige Grundordnung zu schaffen (Schmitz 2003: 44). Der Staat erkennt laut dem ersten Pancasila- Prinzip fünf Weltreligionen an: Islam, Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus. Jeder Indonesier ist gezwungen sich mit einem dieser Glaubensrichtungen zu identifizieren und damit auch eine Kategorisierung zu akzeptieren. Die Regierung unternahm eine Vielzahl von Maßnahmen, um die Pancasila durchzusetzen. 1975 musste an Schulen „Pancasila Moral Education“ unterrichtet werden, seit 1979 mussten Beamte, zivile Führer und Staatsbedienstete eine Prüfung in Pancasila ablegen. Später musste jede Verwaltung und private Institution Pancasila anwenden. Das Ziel dieser Politik war es, Pancasila als einzige politische Ideologie für alle Massen- Organisationen (religiöse, politische eingeschlossen) geltend zu machen. Durch die Verbreitung hoffte die Regierung außerdem auf ein Gegenstück zur islamischen Ideologie (Suryadinata 1998: 37-38). Heutzutage sind ethnische und regionale Unterschiede immer noch offensichtlich (Suryadinata 1998: 87), denn der Prozess der Bildung der indonesischen Nation ist auch 66 Jahre nach der Unabhängigkeit nicht abgeschlossen (Schmitz 2003: 41). Die Pancasila- oder Islam- Staat Debatte macht Indonesien einzigartig unter allen Nationen, insbesondere unter allen muslimischen Nationen. Obwohl Indonesien kein islamischer Staat ist, steht es außer Frage dass der Islam die indonesische Politik schon immer mitbeeinflusst hat, die bloße Anzahl der muslimischen Bevölkerung macht diese zur Zielscheibe der Politik (Friend 2006: 20).

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Islam bei der Bildung des Nationalstaats Indonesien
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Orient- und Asienwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V454925
ISBN (eBook)
9783668864467
ISBN (Buch)
9783668864474
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, islam, bildung, nationalstaats, indonesien
Arbeit zitieren
Lidia Tyurina (Autor), 2012, Die Rolle des Islam bei der Bildung des Nationalstaats Indonesien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454925

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