Mädchenarbeit und Gender Mainstreaming. Ist die Gleichberechtigung der Geschlechter in unserer Gesellschaft erreicht?


Term Paper, 2013
12 Pages, Grade: 2,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mädchenarbeit
2.1 Mädchen als Zielgruppe
2.2 Bedeutung mädchenspezifischer Ansätze in der Jugendhilfe

3. Gender Mainstreaming
3.1 Begriffsdefinition
3.2 Kritik und Gefahren

4. Mädchenarbeit und Gender Mainstreaming
4.1 Mädchenarbeit in Zeiten des Gender Mainstreaming
4.2 Antisexistische Jungenarbeit als wichtiger Bestandteil mädchengerechter Arbeit

5. Resümee

1. Einleitung

Keine vorangehende Frauengeneration ist so selbstbewusst, zielstrebig und durchsetzungsfähig gewesen wie die heutige, das vermitteln zumindest die Medien seit Jahren. Die Gleichberechtigung sei erreicht und eine spezifische Förderung für Mädchen sei somit überflüssig, es gebe ja schließlich Gender Mainstreaming (vgl. Heiliger 2006, Klappentext). Ein Wandel der Geschlechterverhältnisse wird durchaus deutlich und weibliche Biografien sind in der Tat weitaus vielfältiger geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Frauen haben die Männer quantitativ ein- und teilweise sogar über(ge)holt: Sie erreichen im Schnitt bessere Bildungsabschlüsse und auch die Erwebsquoten bei Frauen haben sich erhöht, ebenso wie die Zahl weiblicher Führungskräfte leicht angestiegen ist. In der deutschen und europäischen Gesetzesgrundlage ist die Etablierung der (von der Frauenbewegung geforderten) Gleichberechtigung von Frauen und Männern juristisch untermauert (vgl. www.bpb.de [2]).

Doch entspricht dieses öffentliche und medial vermittelte Bild von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Chancengleichheit durch Gender Mainstreaming der Realität? Ist Mädchenarbeit dadurch tatsächlich unnötig geworden? Mit der Beantwortung dieser Fragen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.

Zunächst soll es unabhängig voneinander betrachtet um die Mädchenarbeit (Kapitel 2) und anschließend um die Bedeutung von und Kritik an Gender Mainstreaming (Kapitel 3) gehen. Daraufhin wird eine Verbindung zwischen Gender Mainstreaming und Mädchenarbeit (Kapitel 4) hergestellt. Hier sollen die Fragen beantwortet werden, ob Mädchenarbeit in Zeiten des Gender Mainstreaming von Nöten ist und wie sich Gender Mainstreaming generell auf die Mädchenarbeit und frauenpolitische Aktivitäten auswirkt.

In dem abschließenden Resümee (Kapitel 5) werden wichtige Hauptaussagen der Arbeit noch einmal kompakt zusammen gefasst und die zu Beginn der Arbeit aufgeworfenen Fragen abschließend beantwortet.

2. Mädchenarbeit

Eine zentrale Aufgabe der Mädchenarbeit ist es, dort anzusetzen und zu handeln, wo geschlechter-stereotype Benachteiligungen entstehen. Hier stellt sich die Frage, ob heute überhaupt Nachteile für Mädchen bestehen, die Mädchenarbeit nötig machen und wenn ja, ob Mädchen von dieser geschlechtsspezifisch ausgerichteten Arbeit profitieren können. Mit diesem Thema beschäftigen sich die folgenden Unterkapitel.

2.1 Mädchen als Zielgruppe

Warum sollte gerade die Unterstützung von Mädchen so wichtig sein? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich dessen bewusst werden, dass Sozialisation geschlechtsspezifisch erfolgt und es ist nötig die geschlechtsspezifische Sozialisation von Mädchen daraufhin zu betrachten. Unterschiede in der Sozialisation von Mädchen und Jungen zeigen sich schon in Untersuchungen zur frühkindlichen Erziehung. Bereits in den ersten Lebensmonaten eines Kindes ergeben sich deutliche Unterschiede im Umgang je nach Geschlecht des Babys bei der Bedürfnisbefriedigung sowie der Reinlichkeitserziehung. So konnte beispielsweise herausgefunden werden, dass Mädchen durch kürzere Stillzeiten weniger Körperkontakt zur Mutter haben. Außerdem werden Mädchen im Kleinkindalter seltener dazu angeregt, eigenständig Aktivitäten auszuüben oder zu experimentieren. Sie werden zeitlich früher und rigider zu Sauberkeit erzogen als Jungen. Auch im Bereich der Sexualität entwickeln Mädchen im Allgemeinen ein weniger selbststicheres Verhalten. Mädchen wird schon früh vermittelt, dass sie dem männlichen Geschlecht unterlegen sind und dass der weibliche Körper durch sexuelle Übergriffe bedroht wird. Die Angst davor wird oft von besorgten Eltern durch übertriebene Beaufsichtigung, starke Kontrolle und Verbote noch forciert. Es werden erkennbar Grenzen gesetzt, die für gleichaltrige Jungen nicht gelten. Dies hat in der Folge negative Auswirkungen auf das Durchsetzungsvermögen, das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein von Mädchen. Daraus risultiert häufig in der Pubertät eine negative Einstellung der Mädchen zu ihrem eigenen Körper und den natürlichen Körpervorgängen (vgl. http://www.maedchenarbeit.de und Möhlke/Reiter 1995, S. 18). Es lässt sich also feststellen, dass Mädchen von Geburt an anders behandelt und erzogen werden als Jungen. An sie werden andere Erwartungen gestellt und andere Maßstäbe angelegt. Mädchen werden von klein an in ihrer Identitätsentwicklung sowie in ihrer sexuellen als auch sozialen Selbstbestimmung gehemmt und blockiert (vgl. Möhlke/Reiter 1995, S. 18). Bei der Sozialisation von Mädchen wird deutlich, dass auch heute noch alte Rollenbilder weiter wirken. „Je nach Schicht, Ethnie, Wohnort, Religion etc. werden Mädchen weiterhin auch mit konservativen Rollenvorstellungen und -bildern konfrontiert“ (http://www.claudia-wallner.de). Das heutzutage verbreitete gesellschaftlich-medial vermittelte Mädchenbild, nach dem das Mädchen von heute „[...] stark, selbstbewusst, schlau, schlank, sexy, sexuell aktiv und aufgeklärt, gut gebildet, familien- und berufsorientiert, heterosexuell, weiblich auch auch cool, selbstständig aber auch anschmiegsam [...]“ (http://www.claudia-wallner.de) ist, stellt einen krassen Bruch zur Realität dar. Diese Rollenanforderungen sind in sich widersprüchlich und damit nicht erfüllbar. Durch diese Erwartungen an sie werden viele Mädchen stark verunsichert. In der Realität müssen sich die Mädchen mit diesen verschiedenen Rollenbildern und Erwartungen auseinandersetzen und sich orientieren, um ihren individuellen Platz zu finden. Viele werden mit diesen Irritationen, Ängsten und unbeantworteten Fragen allein gelassen (vgl. Hartwig/Muhlak 2006, S. 102). Bei „[...] der Bewältigung dieser Bilder und der durch sie ausgelösten Widersprüche zu ihrer eigenen Lebensrealität [...]“ (Heiliger 2002, S. 32) erhalten Mädchen nicht immer Unterstützung von ihren Eltern und ihrem Umfeld. Die Mächenarbeit kann besonders solchen, die sonst wenig Rückhalt und Verständnis erfahren, eine Hilfe und eine Stütze sein und ihnen Perspektiven aufzeigen.

„Mädchenarbeit heute bedeutet demnach, Mädchen in den komplexen Prozessen ihres Erwachsenwerdens Unterstützung zu geben, sie in der vordergründigen Chancenvielfalt nicht allein zu lassen und sie bei der Bewältigung individualisierungsbedingter Verschärfungen ihrer Lebens-zusammenhänge zu begleiten“ (Hartwig/Muhlak 2006, S. 103).

2.2 Bedeutung mädchenspezifischer Ansätze in der Jugendhilfe

Es wurde bis hier hin deutlich, dass trotz des gesellschaftlich-medial verbreiteten Bildes, zwischen den Geschlechtern sei mittlerweile Gleichberechtigung erreicht, die Realität eine andere ist. Leider verschließen viele ihre Augen vor dieser Tatsache. Reflektiert man die gesellschaftliche Situation von Mädchen und Frauen, wird sichtbar, dass noch ein erheblicher Handlungsbedarf besteht, Mädchen dabei zu unterstützen und zu begleiten, sich eine selbstbestimmte Identität und eine eigenständige Lebensperspektive anzueignen. Aus diesem Grund kommt der Mädchenarbeit im Rahmen der Jugendhilfe und Jugendarbeit eine erhebliche Bedeutung zu (vgl. Heiliger 2002, S. 49). Durch sie erhalten Mädchen eigene Frei- und Schutzräume, die ausschließlich ihnen vorbehalten sind, in die sie sich zurückziehen und in denen sie unter sich sein können. Dort stehen ihnen Pädagoginnen zur Seite, die sie vorurteilsfrei akzeptieren, anerkennen und Ernst nehmen, ihnen Aufmerksamkeit schenken und sie unterstützen (vgl. Möhlke/Reiter 1995, S. 29 f).

Erst Mitte der 1970er Jahre entstanden erste Ansätze der Mädchenarbeit infolge der Frauenbewegung, vorher tauchten Mädchen als eigene Zielgruppe in der Jugendhilfe noch nicht auf, aber es gab fürsorgerische Tätigkeiten, die sich beispielsweise an sexuell gefährdete Mädchen richteten. Seit den 90er Jahren ist ein gesetzlicher Rahmen für die Mädchenarbeit geschaffen. „Mit Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) ist in § 9 Abs. 3 gefordert, dass Mädchenarbeit bzw. geschlechtsspezifische Jugendarbeit Querschnittsaufgabe aller Felder der Jugendhilfe wird“ (http://www.maedchenarbeit.de). Bis heute ging eine enorme Entwicklung vor sich im Bereich der Mädchenarbeit. Trotz der großen Entwicklung sowohl auf der Theorie- als auch auf der Praxisebene konnte sich mädchenspezifische Arbeit bisher nicht flächendeckend durchsetzen. Die Widerstände gegen die Wahrnehmung der geschlechtsspezifischen Benachteiligung und des damit einhergehenden Handlungsbedarfs sind von vielen Seiten noch immer groß. Sogar in der offenen Jugendarbeit, in der schon vielerorts die Einführung mädchenspezifischer Angebote erreicht wurde, gibt es Widerstände sowohl vonseiten männlicher Kollegen als auch von Jungen und sogar von Frauen selbst. Insgesamt scheint die Mädchenarbeit immer noch nicht als vollständiger und vollwertiger Bestandteil der Jugendhilfe anerkannt und verankert zu sein. Mädchen gehören immer noch nicht zur originären Zielgruppe von Jugendhilfe, stattdessen werden sie häufig als eine „Randgruppe“ betrachtet und behandelt, vergleichbar mit „Problemgruppen“ wie beispielsweise straffällige Jugendliche (vgl. Heiliger 2002, S. 49 f). An der Kritik im 6. Jugendbericht „Jugendarbeit ist Jungenarbeit“ scheint heute immer noch etwas dran zu sein.

Von einigen Seiten wird dahin gehend argumentiert, Mädchen selbst würden eine besondere Förderung gar nicht wollen, da sie sich selbst nicht als gesellschaftlich benachteiligt, sondern als gleichberechtigt sehen würden. Aus diesem Grund sei Mädchenarbeit nicht mehr zeitgemäß, schließlich beziehe sie sich auf Maximen der 80er und 90er Jahre, welche an Gültigkeit verloren hätten. Den Pädagoginnen wird teilweise vorgeworfen, die veränderten Gesellschaftsverhältnisse und theoretischen Diskurse nicht zu reflektieren. Diese Behauptungen sind weder fachlich nachvollziehbar noch berücksichtigen sie die Mädchenforschung der 90er Jahre (vgl. Heiliger 2002, S. 23). Gerade heute benötigen Mädchen eine besondere Unterstützung, wie in Kapitel 2.1 schon deutlich wurde.

3. Gender Mainstreaming

Der Begriff Gender Mainstreaming ist heute nicht mehr nur auf der Expertenebene, sondern auch in der Politik und den Medien ein gebräuchlicher und viel diskutierter Terminus. Er ist inzwischen so weit verbreitet, dass die Redaktion des Duden ihn vor kurzem in die 24. Ausgabe aufgenommen hat (vgl. http://www.spiegel.de). Doch was genau steht hinter diesem Ausdruck?

3.1 Begriffsdefinition

Zunächst ist die Zusammensetzung und Übersetzung des Begriffes von Interesse. Der englische Ausdruck gender bezeichnet das sozial und kulturell hergestellte Geschlecht in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht sex. In das Deutsche übersetzt bedeutet mainstream Hauptströmung.„Assoziativ übersetzt meint der Begriff Gender Mainstreaming [demnach] die Idee, Geschlechterfragen in gesellschaftliche Hauptströmungen zu bringen“ (Bentheim u.a. 2004, S. 13).

Gender Mainstreaming wird eine politische Strategie genannt, die die Gleichstellung der Geschlech-ter und somit das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit verfolgt. Das Konzept soll den Auftrag erfüllen, die unterschiedlichen Interessen und Lebensituationen der Geschlechter möglichst weitgehend zu berücksichtigen (vgl. Bentheim u.a. 2004, S. 13 f). Es bedeutet, dass die Politik sowie Organisationen und Institutionen sämtliche Maßnahmen, die sie umsetzen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern prüfen und bewerten müssen, um gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen zur Erreichung der Gleichstellung zu ergreifen (vgl. http://www.bpb.de [2]). Gemäß Gender Mainstreaming müssen in jedem Bereich und auf allen Ebenen die Ausgangsbedingungen und Auswirkungen auf die Geschlechter berücksichtigt werden, um so auf die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern hinwirken zu können (vgl. Heiliger 2002, S. 19).

Gender Mainstreaming bedeutet jedoch nicht, geschlechtsneutral zu handeln, denn dies würde in der Regel die Übernahme männlich geprägter Sichtweisen bedeuten, was widerum dem Ziel der Herstellung von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern widerspricht. Es ist sogar wichtig, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern überall zu berücksichtigen.

3.2 Kritik und Gefahren

Doch gegen Gender Mainstreaming kommt auch von vielen Seiten Widerstand auf. Ein interessanter Kritikpunkt, der von einigen Seiten laut wird, soll hier ausführlicher beleuchtet werden: Gender Mainstreaming ist überflüssig, weil geschlechtsspezifische Unterschiede naturgegeben sind.

Das Alltagsverständnis von Geschlecht geht von grundsätzlichen Differenzen zwischen den Geschlechtern aus, welche als Begründung für die Ungleichverteilung von Arbeit, Einkommen und Macht angesehen werden können. Es besagt unter anderem, es gäbe nur zwei Geschlechter und diese seien durch äußere körperliche Merkmale eindeutig bestimmt. Die neuere Biologie kennt jedoch mindestens vier Kriterien zur Bestimmung des Geschlechts, nämlich die äußeren Genitalien, die inneren Fortpflanzungsorgane, die Chromosomen und die Hormone. Durch die vielfältigen Bestimmungsmöglichkeiten, die die Biologie heute bietet, wäre es weitaus sinnvoller, anstelle der bipolaren Bestimmung von Mann oder Frau, einer Person in einem mehrdimensionalen Geschlechterraum eine spezifische Situation zuordnen zu können.

Die engstirnige Sichtweise des Alltagsverständnisses, nach dem es nur zwei Geschlechter geben kann, ist nicht in allen Kulturen verankert, wie ethnologische Studien belegen. In anderen Gesell-schaften und in der Geschichte existieren auch andere Geschlechtersysteme. Das zunehmende Wis-sen über Intersexualität führt dazu, dass die binäre Geschlechterrealität in Frage gestellt werden muss. Als Reaktion hierauf hat beispielsweise Australien 2011 eine dritte Geschlechtskategorie in Reisepässen eingeführt. Auch der Deutsche Ethikrat hat 2012 in seiner Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen die Einführung einer dritten Geschlechtskategorie gefordert (vgl. http://www.bpb.de [1]). Zusammengefasst lässt sich sagen, dass „das Alltagsverständnis von Geschlecht [...] nicht nur den Erkenntnissen der Geschlechterforschung [widerspricht], der darin enthaltene Biologismus führt auch dazu, dass die realen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis nicht erkannt werden.

[...]

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Details

Title
Mädchenarbeit und Gender Mainstreaming. Ist die Gleichberechtigung der Geschlechter in unserer Gesellschaft erreicht?
College
Free University of Berlin
Grade
2,0
Author
Year
2013
Pages
12
Catalog Number
V456956
ISBN (eBook)
9783668872530
ISBN (Book)
9783668872547
Language
German
Tags
mädchenarbeit, gender, mainstreaming, gleichberechtigung, geschlechter, gesellschaft
Quote paper
Jennifer Siehms (Author), 2013, Mädchenarbeit und Gender Mainstreaming. Ist die Gleichberechtigung der Geschlechter in unserer Gesellschaft erreicht?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456956

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