"Die Wanderhure" zwischen Fakt und Fiktion. Eine Analyse nach Hayden White


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
29 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Wanderhure als historischer Roman?
2.1 Die Wanderhure zwischen Fakt und Fiktion – eine Analyse nach Hayden White
2.2 Die Ideologie Hayden Whites
2.3 Fiktionale Matrix der Geschichtsschreibung: Untersuchung der Tropen
2.3.1 Die Romanze
2.3.2 Die Tragödie
2.3.3 Die Komödie
2.3.4 Die Satire
2.3.5 Fazit zu den Tropen
2.4 Das Frauenbild nach Iny Lorentz im Vergleich mit dem wissenschaftlichen Frauenbild des Spätmittelalters
2.5 Die Prostitution in der Wanderhure im Vergleich mit der wissenschaftlichen Darstellung der damaligen Zeit

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In unserer modernen Medienwelt gibt es einige Gattungsarten, die sich stereotypischer Darstellungen des finsteren Mittelalters bedienen, wie Gewalt, Krieg, Frauenverachtung und qualvollen Einzelschicksalen der Menschen. Immer mehr Dokumentationen, Sachbücher und historische Romane versuchen sich von dieser sensationellen Darstellung zu distanzieren und bemühen sich um eine historisch korrekte Darstellung ihres Inhalts. Jedoch bleibt der Fokus auf dem Unterhaltungsfaktor der Leser*innen, weshalb dieser Spagat nicht immer gelingt.

Im Jahr 2004 etablierte das Autorenpaar Iny Lorentz im deutschsprachigen Raum die Buchreihe umDie Wanderhure. Mittlerweile befindet sich der erste Teil dieser Buchreihe in der 28. Auflage und erhielt eine eigene Buchverfilmung. Dementsprechend kann das Autorenpaar Iny Lorentz zu den erfolgreicheren Autoren des Genres gezählt werden, deren Schreibstil und Thematik ein breites Publikum anspricht.

Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, ob das BuchDieWanderhureein historischer Roman ist. Dazu wird zunächst die Grundlagenliteratur von Hugo Aust herangezogen, ergänzt durch aktuelle Forschungsarbeiten zum historischen Roman von Hasberg, Rüsen und Rauen, sowie eine Tropenanalyse zum BuchDie Wanderhurenach Hayden White. Diese Analyse bezieht sich explizit auf den ersten Teil der Wanderhuren-Reihe, um einen explorativen Rahmen in die Analyseproblematik zum historischen Roman zu geben. Schlussendlich soll deutlich werden inwieweit sich Hugo Austs Kriterien für einen Historienroman und Hayden Whites Tropenanalyse auf das Buch anwenden lassen und inwiefern die Autoren sich an historischen Tatsachen orientierten. Dies geschieht in erweiterter Form anhand der Betrachtung des historisch gesicherten Frauenbildes und dem Umgang mit Prostitution im Spätmittelalter, welches anhand der Forschungsliteratur von Rossiaud, Duby und Jewell erarbeitet wird. Der Vergleich der tatsächlichen Historizität des Konstanzer Konzils mit dem im Roman dargestellten Ereignis, am Beispiel Jan Hus, wird zum einen durch die editierte Fassung der zeitgenössischen Konzilschronik von Ulrich Richental und aktueller Forschungsliteratur durch Illgner und Maurer dargestellt.

2 Die Wanderhure als historischer Roman?

Im Folgenden wird eine Romananalyse nach Hugo Aust vorgenommen, welche durch Kommentare aus dem aktuellem Forschungsstand ergänzt wird. Aust stellte diverse Geschichtssignale zur Analyse eines Romans auf, welche die Historizität belegen sollen. Diese lauten: Im ersten Satz werden Ort und Zeit der Handlung genannt,1es gibt ein Happy-End oder ein tragisches Ende,2Daten, historische Persönlichkeiten sowie geschichtliche Ereignisse werden genannt und Sitte und Bräuche beschrieben.3Zuletzt nutzt das Buch Worte aus dem zeittypischen Wortschatz.4

Inwiefern diese Punkte zutreffen, wird sich in der nun anschließenden Analyse zeigen.

Der Roman „Die Wanderhure“ beginnt unmittelbar mit dem historischen Verweis „Konstanz, im Jahre des Herrn 1410“.5Nach Aust obliegt dem ersten Satz eines historischen Romans eine spezielle Bedeutung. Dem Leser werde Zeit und Ort der Haupthandlung mitgeteilt, sodass dieser sofort einen historischen Gesamtkontext ziehen kann.6Der Anfang eines Romans sei durch Eröffnung, Erweckung, Begrüßung und Einführung gekennzeichnet. Der Leser weiß, wann er sich wo befindet. Dieses Kriterium für einen historischen Roman ist demnach, nach Austs Definition, erfüllt.

Der im letzten Kapitel des Buches behandelte Abschied der Protagonistin Marie von Michel7stellt ein Gespräch zwischen ihr und ihrem Ehemann dar. Hier wird deutlich, dass ein Happy-End nachdem eigentlichen Ende des Buches für die Protagonistin bevorsteht. Trotz der beschriebenen Konflikte im Buch findet Marie einen Ehemann und sie resümiert über die bevorstehende Eheschließung: „Doch als sie über diese Worte nachdachte, hatten sie einen recht angenehmen Klang.“8Marie und Michel unterhalten sich im Folgenden über potentielle Heiratspartner ihrer ungeborenen Kinder. Ein Bild von Familienidylle entsteht bei dem Leser und lässt ihn entspannt die letzte Seite zuschlagen. Hiermit ist auch das zweite Kriterium Austs erfüllt.

Für die Untersuchung des dritten Kriteriums, soll auf die Arbeit von Raue hingewiesen werden. Raue analysierte den Handlungsverlauf von „Die Wanderhure“ und erkennt die Absicht der Autoren eine mitreißende Geschichte zu erzählen, stellt jedoch fest, dass der versöhnliche Ausgang in Gefahr gerät, da man am Ende keine Änderung der vorherrschenden Gesellschaftsstruktur erkennt.9

Betrachtet man den Aufbau des Romans, lassen sich die durch Aust genannten Geschichtssignale erkennen, welche ein weiteres Indiz für einen historischen Roman darstellen. Dazu gehören die Nennung von Daten, Namen von geschichtlich relevanten Personen sowie Ereignissen. Des Weiteren das Erwähnen von amtlichen Dokumenten, typischen Sitten oder Bräuchen der damaligen Zeit.10In der Wanderhure werden Personen wie Friedrich der IV,11Eberhard Graf von Württemberg,12Kaiser Sigismund,13Papst Benedikt XIII.14und Orte wie die Burg Arnstein erwähnt.15Hinzu kommen historische Ereignisse wie der Prozess gegen Papst Johannes XXIII., welcher sein Amt unrechtmäßig erwarb.16Dieser wurde in den Kardinalsstand zurückversetzt und wollte den neuen Papst Gregor XII. absetzen. Des Weiteren wird hier an den Prozess gegen Jan Hus angeknüpft.17Die fiktive Protagonistin wird in den tatsächlich stattgefunden Prozess gegen Jan Hus eingebunden. Auf seinem Weg zum Scheiterhaufen wird Jan Hus von diversen Hübschlerinnen begleitet, zu dem auch die Protagonistin Marie zählt. Diese Bereitstellung von Hübschlerinnen sollte eine letzte Demütigung gegenüber Jan Hus darstellen.18

Folglich kann über diese Buchstelle sowohl Kriterium vier und fünf nachgewiesen werden. Das WortHübschlerinstammt aus dem zeitgenössischen Wortschatz und bezeugt somit ebenso ein bereits genanntes Kriteriun Austs für einen historischen Roman.19Die Autoren gehen in ihrer Recherche und ihrem Bedürfnis eines historisch stimmigen Romans so weit, dass auch ihre Charaktere der Region und der Zeit entsprechende Sprache nutzen. Die Wanderhure Marie spricht zwar mit keinem Dialekt, jedoch finden sich zeittypische Äußerungen wie „Verzeih' Vater, wenn ich Euch störe.“ wieder.20Eine Entschuldigung, beginnend mit den Worten „Verzeih“, entspricht nicht mehr dem Sprachregister und Lesegewohnheiten des Lesers, ebenso wie eine Ansprache „Euch“. Auch der Tod Jan Hus‘ und dessen überlieferten letzten Worte finden sich im Roman wieder.21

Dieser authentische, historische Rahmen wird im Epilog des Buches hervorgehoben. Hier nimmt das Autorenpaar Stellung zu der Wahl von historischen Referenzen und Inspirationen aus der Vergangenheit. Diese Erläuterung beginnt mit der Beschreibung des Konflikts zwischen Sigismund und Jobst von Mähren. Ersterer gehe als Sieger aus dem Streit hervor und wird auch in dem Roman wiedergegeben. Interessanterweise greift das Autorenpaar im Epilog die zukünftigen Ereignisse voraus und deutet an, dass Sigismund dennoch nicht den Streit der Geschlechter beenden konnte22, obwohl dies noch nicht in dem Roman geschehen war. Weiter gehen die Autoren auf die religiöse Problematik ein, indem sie von dem Streit der Päpste und deren Konflikt mit Jan Hus berichten.23

Das Grundlagenwerk Austs wurde hier in kondensierter Form genutzt, um eine mögliche Beurteilung des Romans anzubieten. Nach seinen Kriterien ist dieWanderhureein Historienroman. Anhand der fiktiven Protagonistin Marie, welche aus Konstanz stammt, fokussieren sich die Autoren in ihrem Epilog auf die Geschehnisse in Konstanz und vernachlässigen die anderen Handlungsorte des Buches. Das Konzil von Konstanz steht im Mittelpunkt, da dieses eine Vielzahl Prostituierter anzog und sich dadurch exzellent in die Geschichte um Marie einbetten ließ. Auch die langfristigen Folgen und das entstandene Unwort „Konziliumskind“ finden im Epilog Erwähnung.24Damit wollen sie ihren Roman als historisch korrekt darstellen. Somit kann die Arbeit exemplarisch aufzeigen, dass die Wanderhure die Kriterien von Aust für einen historischen Roman besitzt. Doch ist die Allgemeingültigkeit dieses Ansatzes kritisch zu hinterfragen, da die Tropen von Hayden White auch andere Narrationsschemata zulassen. Deshalb ist es von Interesse, welche Narrationsangebote noch in der Erzählstruktur vorhanden ist, da Rekonstruktion des historisch Vergangenen standortgebunden ist. Diese theoretische Problematik wird zunächst diskutiert, bevor eine Bearbeitung des Romans im Sinne der Tropenanalyse nach White stattfindet. Aust bietet lediglich ein Handwerkszeug an, dessen Allgemeingültigkeit jedoch nicht gegeben ist.

2.1 Die Wanderhure zwischen Fakt und Fiktion – eine Analyse nach Hayden White

Ohne literarische Muster lässt sich Geschichte nicht schreiben. Dies stellen die Analysen nach Aust und auch Rüsen fest, die beide einen Kriterienkatalog zur Analyse literarischer Texte erstellten. Dabei unterscheiden sich die Untersuchungsinstrumente voneinander, da die Forschung sich nicht einig ist und zwischen Methodologie und Literarizität schwankt.25Um einen durchaus kontroversen Einblick in die Methodologie, bezüglich der Faktizität oder Fiktion von Geschichte zu erhalten, wird im Kapitel 3.2 eine Tropenanalyse nach Hayden White vorgenommen.

Zwei prägende Merkmale der Konzeption und Gestaltung von Historienromanen sind das Wissen um die narrative Verfasstheit von Geschichte und das Bewusstmachen, dass es die historischeWahrheitnicht geben kann, da es niemandem möglich ist, vergangene Ereignisse definitiv belegbar zu machen. Die Vergangenheit existiert in Form von Überresten. Dadurch wird diese ein lückenhaftes und subjektiv zu verstehendes Konstrukt bleiben. Eine Annahme die Hayden White maßgeblich geprägt hat.26

White erarbeite eine Theorie über die narrative Verfasstheit von Geschichten, anhand der Plotstrukturen Komödie, Tragödie, Romanze und Satire, um der älteren Forschung einen neuen Blickwinkel zu offerieren.27

Nicht selten steht der Historiker vor der Untersuchungsproblematik, ob es sich bei dem vorliegenden Ereignis um ein tatsächliches Vergangenes handelt oder um eine Fiktion. Beispielsweise könnte ein Gerücht über ein historisches Ereignis X kursieren zu dem es sogar Aufzeichnungen gibt. Auf diesen Weg kann eine Fiktion durchaus den Weg in die Historiografie finden, ohne eine faktische Richtigkeit inne zu halten. Deswegen muss ein Gerücht zunächst erwiesen werden, um es als Fakt anzuerkennen. Zum einen geschieht dies durch die Überprüfung der Quellenlage, wo es nicht nur darum geht möglichst viele Quellen zu finden, die von Ereignis X sprechen, sondern vielmehr um ihre Datierung. Je näher die Quelle zeitlich dem Ereignis entspricht, desto wahrscheinlicher ist ihre faktische Triftigkeit. Gibt es neben der Quantität der Berichte weitere die nicht von Ereignis X sprechen, sollte ihre historische Triftigkeit ebenfalls überprüft werden.28

Hayden White erläutert in seinen WerkenMetahistoryundAuch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen, dass die Historiografie eine Fiktion von Fakten sei. Die allgemeine Forschung ist sich uneins, bezüglich dieser Annahme und bestätigt lediglich, dass die Fiktionalität den historischen Ereignissen natürlich anhaftet. Geschichte wird immer aus der Sicht desjenigen, der sie niederschreibt oder mündlich weitergibt erzählt und an ihr haftet dadurch automatisch ein subjektiver Eindruck an. Somit kann die vergangene Wirklichkeit objektiv nicht mehr rekonstruiert werden, sondern nur auf individuelle Substitutionen zurückgegriffen werden. Hasberg zeigt in seiner Untersuchung auf, dass Verve, Landwehr und Rüsen das Problem des historischen Wahrheitsgehaltes nicht lösen können. Jedoch weist Rüsen auf den Glaubwürdigkeitsfaktor einer vergangenen Narration hin. Auf dieser Grundlage sind historische Erzählungen wahr, wenn die Adressaten der Erzählung an die Wahrheit der Erzählung glauben. Jedoch löst diese Verschiebung des Blickwinkels nicht die Grundproblematik, da über das Verständnis des Adressaten nicht die Wahrheit des vergangenen, historischen Ereignisses abgeleitet werden kann.29Dementsprechend übernimmt diese Arbeit die Einschätzungen von Hasberg, dass eine klarere Definition der BegriffeWahrheitundWirklichkeitbenötigt wird. Die Vergangenheit ist ein konstruktives Gebilde und somit lediglich eine Vorstellung der vergangenen Wirklichkeit, ausgehend vom Betrachter. Wirklichkeit ist individuell und geprägt von Standortgebundenheit. Dementsprechend kann die vergangene Wirklichkeit nie vollständig rekonstruiert werden, sondern durch neue Zeugnisse über das vergangene Ereignis nur erweitertet werden. Dementsprechend kann die vergangene Wirklichkeit auch nur aktiv anhand von Quellenvergleichen herausgefiltert werden. Dabei muss sich der Forschende immer vor Augen führen, dass er demnach die Wirklichkeit der Zeitgenossen, was sie als ihre Wirklichkeit annahmen, überprüft.30

Wenn die vergangene Wirklichkeit also nur subjektiv zugänglich ist, trifft dies auch für die Wahrheit zu. Gadamer beschreibt die Wahrheit als das Lesen eines Textes unter dem Ausblenden der persönlichen Vorurteile und die Überprüfung dessen, was man weiß und der möglichen Ergänzung oder Revision des Vorwissens. Da dieser Ausblendungsvorgang für Menschen nicht umsetzbar ist, entstehen unterschiedliche Wahrheiten. Diese Wahrheiten setzen sich nach dem Schema von Rüsen, denn sie orientieren sich nach Plausibilität für den Adressaten und nicht an der vergangenen Wirklichkeit.31

White ist durchaus bewusst, dass seine Behauptung Historiografie sei eine Form von Fiktionsbildung auf Gegenwehr, sowohl bei den Historikern als auch bei den Literaturwissenschaftlern stößt, da letztere beide sich einig sind, Historiografie und Geschichtsdarstellung in fiktionalen Werken, wie Romanen, seien genuin kontrastär. Laut White entstünde ein Gegensatz zwischen der Darstellung historischer Ereignisse und fiktionaler Literatur.32

Wenn Wahrheit und Wirklichkeit subjektiv sind, ist es nicht möglich den historischen Roman an festen Kriterien, wie nach Aust, zu analysieren. Sie benötigen ein flexibles Schema, was sich den verschiedenen Narrationen anpasst, wie das nach Hayden White.

2.2 Die Ideologie Hayden Whites

Nach Hayden White seien historische Ereignisse von fiktionalen Ereignissen zu unterscheiden. Historiker haben es mit Ereignissen zu tun, die an einen bestimmten Ort gebunden sind, beobachtbar sind und wahrgenommen werden können oder konnten. Fiktionale Ereignisse wiederum fußen auf Annahmen oder Erfindungen einer nicht vorhandenen Wirklichkeit.33Durch den vorherigen Theorieabriss sind wir schon einen Schritt weiter: Hasberg sagt, dass die vergangene, historische Wirklichkeit nicht wiederbeleben werden kann. Folglich ist die Unterscheidung die White hier aufmacht überholt. Die Theorie wird dennoch genutzt, weil durch sie ein Zugang zu den vielen, potenziellen Analyseangeboten des Romans erfolgen kann. Whites Interessenschwerpunkt gilt den Überschneidungspunkten des historischen mit dem fiktionalen Diskurs. Betrachtet man Romane und Geschichtsdarstellungen formalistisch als Kunstwerke, kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Außerdem stellen beide, Autor und Geschichtsschreiber, ihre, bereits im vorherigen Kapitel erklärte,Wirklichkeitdar. Auch die bereits erläuterteWahrheittritt nicht in einen Konflikt der beiden Parteien, da beide sich auf eine Wirklichkeit, wie sie sich beim Leser manifestieren soll, berufen. Es werden menschliche Erfahrungen angesprochen, die für beide Adressaten plausibel erscheinen.34

Unter diesen Aspekten sei für die Leseart von Hayden White auf die Erklärungsansätze von Paul zu verweisen. Als erstes stellt er heraus, Whites Geschichtsphilosophie sei nur zu verstehen, wenn es aus dem Kontext seines GesamtwerksMetahistorygelesen wird. Des Weiteren sei Whites Blick auf die professionelle Historiographie immer Teil einer vielseitigen Philosophie, bei der es um existentielle Einstellungen gegenüber der Vergangenheit, dem Gebrauch und Missbrauch von Traditionen, dem paralysierenden Effekt der Bourgeoisie auf den Realismus und der moralischen Dimension historischen Wissens ginge. Um dies nochmal in deutlichere Worte zu fassen: Es ginge White nicht um Historizität im Allgemeinen, sondern darum, was es bedeutet in einer historischen Welt zu leben, in ihrer Gegenwart zu handeln und eine moralisch vertretbare Zukunft zu schaffen. Whites Überlegungen seien von existenzialistischen Gedanken geprägt: Der Mensch kann sich von Traditionen, Konventionen und politischen Mächten lösen, um moralisch zu handeln.35Diese Annahme hat Hasberg bereits in Einklang gebracht. Hayden White hat zurecht den Finger in die „Historiker-Wunde“ gelegt, dass ihre Erzählungen nicht anders oder besser als Fiktionen seien, weil die vergangene Wirklichkeit nicht rekonstruiert werden kann. Jedoch hat der Historiker das Argument der Plausibilität auf seiner Seite, weil bestimmte Ereignisse wahrscheinlicher sind als andere. Hier kommt der Wahrheitsbegriff ins Spiel, der demnach von der Darbietung des Textes abhängig ist. Laut White kann man dies überprüfen, da bestimmte Textformen bestimmte Wahrheitsrückschlüsse zulassen, welche anhand der Tropenanalyse aufgezeigt werden.

[...]


1Vgl. Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart, Weimar 1994, S. 27.

2Vgl. ebd., S.29.

3Vgl. ebd., S. 22.

4Vgl. ebd., S. 24.

5Iny Lorentz: Die Wanderhure. München 200828, S. 6.

6Vgl. Aust: Roman, S. 27.

7Auf die Beziehung der beiden wird im späteren Verlauf dieser Arbeit noch eingegangen.

8Lorentz: Wanderhure, S. 604.

9Vgl. Christoph Rauen: Spektakuläre Geschichtsverbesserung. Iny Lorentz, Die Wanderhure (2004). In:Hans-Edwin Friedrich (Hrsg.): Der historische Roman. Erkundung einer populären Gattung. Frankfurt am Main 2013, S. 229–243, hier S. 235.

10Vgl. Aust: Roman, S. 22.

11Vgl. Lorentz: Wanderhure, S.223.

12Vgl. ebd., S.534.

13Vgl. ebd., S. 539.

14Vgl. ebd., S.568.

15Vgl. Lorentz: Wanderhure, S. 230.

16Vgl. ebd., S. 539.

17Vgl. ebd., S. 553.

18Vgl. ebd., S. 555.

19Vgl. Aust: Roman, S. 24.

20Lorentz: Wanderhure, S. 27.

21Vgl. ebd., 562 f.

22Vgl. ebd., S. 605.

23Zu finden im Roman S. 553 f. & S.555-563. Dieser endet mit der Verbrennung Hus‘ auf dem Scheiterhaufen.

24Ebd., 606 f.

25Vgl. Jörn Rüsen: Wahrheit, Sinn und Konstruktion. Über diewahreGeschichte, über Grenzen und Möglichkeiten moderner Historiographie, Globalisierung und Ethnozentrismus. In: Ina Ulrike Paul/Richard Faber (Hrsg.): Der historische Roman zwischen Kunst, Ideologie und Wissenschaft. Würzburg 2013, S. 43–60, hier S. 51f.

26Vgl. Lisa Häfner: Familiengeheimnisse, Herrenhäuser, Spurensuchen. Populäre metahistorische Frauenromane im Kontext der Geschichtskultur der Jahrtausendwende. Bamberg 2017, S. 96f.

27Vgl. ebd., S. 97.

28Vgl. Wolfgang Hasberg: Von Chiavenna nach Gelnhausen. Zur Fiktionalität historischen Denkens und Lernens. In: Wolfgang Hasberg (Hg.): Geschichtszeichen. Analekten zur Theorie und Didaktik der Geschichte. Frankfurt a.M. 2018, S. 1–51, hier 5-7.

29Vgl. ebd., S. 22f.

30Vgl. ebd., S. 24.

31Vgl. ebd., S. 26f.

32Vgl. Hayden V. White/Brigitte Brinkmann-Siepmann/Thomas Siepmann: Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses. Stuttgart 1991, S. 146.

33Vgl. ebd., S. 145f.

34Vgl. ebd.

35Vgl. Herman Paul: Hayden White. The historical imagination. Cambridge 2011, S. 10f.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
"Die Wanderhure" zwischen Fakt und Fiktion. Eine Analyse nach Hayden White
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
29
Katalognummer
V457719
ISBN (eBook)
9783668890442
ISBN (Buch)
9783668890459
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wanderhure, fakt, fiktion, eine, analyse, hayden, white
Arbeit zitieren
Alina Willkomm (Autor), 2019, "Die Wanderhure" zwischen Fakt und Fiktion. Eine Analyse nach Hayden White, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457719

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Die Wanderhure" zwischen Fakt und Fiktion. Eine Analyse nach Hayden White


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden