Rekonstruktion von Erving Goffmans "Techniken der Imagepflege" und "Über Ehrerbietung und Benehmen"


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1) Goffman’s Forschungsprogramm

2) Techniken der Imagepflege
a. Hermeneutische Rekonstruktion
b. Problemidentifikation und Zusammenfassung

3) Über Ehrerbietung und Benehmen
a. Hermeneutische Rekonstruktion
b. Problemidentifikation und Zusammenfassung

4) Folgeprobleme und Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat den Anspruch Erving Goffman’s Aufsätze Techniken der Imagepflege – Eine Analyse ritueller Elemente in sozialer Interaktion und Über Ehrerbietung und Benehmen, welche beide in Deutschland erstmals 1971 in Interaktionsrituale – Über Verhalten in direkter Kommunikation erschienen sind, inhaltlich zu rekonstruieren. Als erstes werde ich Goffman’s Forschungsprogramm kurz darstellen, um sowohl seinen Gegenstandsbereich zu definieren, als auch den Kontext, in dem sich seine Arbeiten bewegen, zu skizzieren. Im Anschluss daran werden die beiden Aufsätze hermeneutisch rekonstruiert und es werden einige zentrale Begriffe näher erläutert. Daran anknüpfend werden die zentralen Probleme, die Goffman in seinen Ausführungen behandelt, identifiziert, um sich abschließend den sich daraus ergebenden Folgeproblemen, im Zuge einer Schlussbetrachtung, zu widmen.

1) Goffman’s Forschungsprogramm

Untersuchungsgegenstand in Goffman’s Aufsätzen ist die direkte Interaktion in alltäglichen Zusammenhängen, sogenannte face-to-face-Situationen, d.h. „jene Ereignisse, die im Verlauf und auf Grund des Zusammenseins von Leuten geschehen“ (Goffman 1971: 7). Was in diesem Zusammenhang als Ereignis, als „natürliche Interaktionseinheit“ (ebd.) gilt, kann deutlich variieren: Von der kleinsten Einheit natürlicher Interaktionen, „dem flüchtigen Mienenspiel“, „bis hin zu solchen Ereignissen wie wochenlangen Konferenzen, Interaktionsmonstren, die an der äußersten Grenze dessen liegen, was man als soziale Gelegenheit bezeichnen kann“ (ebd.). Damit sind alle Situationen angesprochen, in denen sich Individuen in Kopräsenz befinden, unabhängig davon, um welche Art von Zusammenkunft es sich dabei handelt.

Die direkte Interaktion, oder auch Interaktionsordnung, stellt für Goffman einen eigenen Gegenstandsbereich dar, der vor ihm noch keiner hinreichenden Analyse unterzogen wurde. Grundelemente des Verhaltens von Menschen in diesen Interaktionszusammenhängen sind „Blicke, Gesten, Haltungen und sprachliche Äußerungen, die Leute ständig in die Situation einbringen, unabhängig davon, ob diese Situation erwünscht ist oder nicht“ (ebd.). Durch die Untersuchung dieser Handlungen von Teilnehmenden in sozialen Interaktionen erfährt man etwas über die Struktur sozialer Organisation, die als Blaupause für diese Handlungen dient und die wiederum durch die Ausführung dieser Handlungen bestätigt wird.

Das selbsterklärte Ziel dieser Unternehmung ist die Aufdeckung der normativen Ordnung, die jeder Interaktionseinheit zu Grunde liegt (Goffman 1971: 8). Diese basiert auf allgemeinen Verhaltensregeln, die den Teilnehmenden als Richtschnur für die Regulierung ihres Verhaltens dient, damit diese erfolgreich an Interaktionen teilnehmen können, „unabhängig davon, ob es sich um öffentliche, halb-öffentliche oder private Orte handelt und ob diese unter den Auspizien einer sozialen Gelegenheit oder den lockeren Zwängen eines einfachen routinierten sozialen Rahmens stehen“ (ebd.). Goffman spricht in diesem Kontext auch von „Verkehrsregeln sozialer Interaktion“ (Goffman 1971: 17).

Als eigentlichen Gegenstand der sozialen Interaktion erachtet er deswegen auch nicht das Individuum und seine ihm eigentümliche Psychologie, sondern die Sinnzusammenhänge die zwischen den Handlungen verschiedener, gleichzeitig anwesender Personen bestehen (Goffman 1971: 8). Das bedeutet allerdings nicht, dass das Individuum bei seiner Untersuchung keine Berücksichtigung findet, schließlich liefert es das „Grundmaterial“ (ebd.: 9) für soziale Interaktion. Anders als Blumer, geht es Goffman dabei aber nicht um die Bedeutung, die ein Individuum einem Ding im Laufe der sozialen Interaktion mittels eines interpretativen Prozesses zuschreibt und auf dessen Basis es sein Verhalten reguliert, sondern lediglich um die Beschaffenheit, die ein Individuum haben muss, damit es erfolgreich an Interaktionen teilhaben kann. Die individuelle Bedeutung die Teilnehmende den Handlungen im Zuge einer sozialen Interaktion zuschreiben, spielt, so Goffman, für den ordentlichen Ablauf der Interaktion keine Rolle. Die Erfahrungswelt wird nicht vom Individuum erschaffen, sondern sie liegt bereits vor, also fragt er: „Welches Grundmodell des Handelnden ist erforderlich, wenn wir ihn aufziehen, seinen Mitmenschen aussetzen sollen und das Ergebnis eine geordnete Interaktion sein soll?“ (ebd.) Dieses Grundmodell finden wir in den Menschen nicht fertig ausgestaltet vor, sondern es muss zunächst durch Sozialisation vermittelt werden. Soziale Interaktion ist demnach ein voraussetzungsvoller Prozess, der einer bestimmten Vorbereitung bedarf, um dessen oben bereits benannte Spielregeln zu erlernen. Dies fasst Goffman in folgendem Satz zusammen: „Es geht hier also nicht um Menschen und ihre Situationen, sondern eher um Situationen und ihre Menschen“ (ebd.).

2) Techniken der Imagepflege

Mit Techniken der Imagepflege bezeichnet Goffman jene Handlungen, die von Teilnehmenden in sozialen Interaktionen ausgeführt werden, um all das, was diese tun, in Übereinstimmung mit ihrem Image zu bringen (Goffman 1971: 18). Diese Handlungen sind deshalb nötig, da soziale Situationen immer fragil und zu einem gewissen Teil unvorhersehbar sind und somit die Gefahr bergen, dass das Image einer der anwesenden Personen durch »Zwischenfälle«, „das sind Ereignisse, deren effektive, symbolische Implikationen das Image bedrohen“ (ebd.), gefährdet wird.

Das, was dort einer Gefährdung ausgesetzt wird, ist die Idee, die ein Mensch von sich hat und Ideen können nur durch Kommunikationen verletzt werden (ebd.: 51). Schaut man sich die Struktur von Kommunikation und sozialen Systemen näher an, dann erhält man Aufschluss darüber, warum es in sozialen Situationen – welche ich in diesem Fall als flüchtige soziale Systeme fasse, die aus Kommunikation bestehen – regulativer Elemente bedarf, um solchen Zwischenfällen vorbeugen zu können: Psychische Systeme und Bewusstseinssysteme, das sind in diesem Fall die Individuen, die an sozialen Interaktionen teilnehmen, gehören zur Umwelt sozialer Systeme (Preyer 2012: 34). Das Bewusstsein der Teilnehmenden ist diesen untereinander kommunikativ nicht zugänglich und diese Intransparenz macht es nötig, dass Kommunikationen strukturdeterminiert sind (ebd.: 37). Des Weiteren, ist das Bewusstsein eine Voraussetzung, Goffman verwendet hier den Terminus „Grundmaterial“ (siehe 1)), aber kein Bestandteil von sozialen Systemen und Kommunikationen, weshalb die Beziehung zwischen sozialen Systemen und Bewusstsein auf Irritation angelegt ist (ebd.).

Dort setzen die Techniken der Imagepflege an, indem sie Teilnehmenden in sozialen Interaktionen ein Repertoire an Praktiken zur Hand geben, um die einmal aufgetretenen Irritationen, wieder in Einklang mit der rituellen Ordnung (siehe Punkt v.) zu bringen oder sie überhaupt nicht erst auftreten zu lassen. Damit ist auch der strukturdeterminierende Charakter angesprochen, dem Kommunikation unterliegt. Teilnehmende an sozialen Interaktionen, die nicht dazu in der Lage sind Techniken der Imagepflege anzuwenden, stören den ordentlichen Ablauf von Kommunikation, d. h. der Interaktion und behindern somit den Fortgang. Sie müssen ihr Verhalten also entsprechend regulieren, sie müssen ein bestimmtes „Grundmodell des Handelnden“ (siehe ebenfalls 1)) mitbringen.

a. Hermeneutische Rekonstruktion

i. Das Image

In einer Welt sozialer Beziehungen treten Menschen in direkten oder indirekten Kontakt miteinander und machen dabei, ob bewusst oder unbewusst, von einer bestimmten Strategie in ihrem Verhalten Gebrauch und bringen damit ihre Beurteilung der Situation, die Einschätzung der anderen Teilnehmenden und eine Einschätzung von sich selbst zum Ausdruck (Goffman 1971: 10). Die Einschätzung, die durch ein bestimmtes Verhalten eines Teilnehmers/einer Teilnehmerin zum Ausdruck gebracht wird, ermöglicht es anderen Teilnehmenden wiederum ihr Verhalten und ihre Einschätzungen entsprechend zu regulieren und anzupassen. Das Image definiert Goffman als den positiven sozialen Wert, den jemand für sich durch die gewählte Verhaltensstrategie erwirbt und von der die anderen annehmen, sie werde in einer bestimmten Interaktion verfolgt. Das Image ist somit ein Selbstbild, welches auf eine bestimmte Art und Weise präsentiert wird und das von anderen übernommen werden kann (ebd.).

Das Image steht in engem Zusammenhang zu den Emotionen eines Individuums: Wird das Image bestätigt, dann ruft dies in der Regel Gefühle von Vertrauen und Sicherheit hervor und es ist wahrscheinlich, dass diese Bestätigung in offenem und unbefangenem Verhalten anderen Personen gegenüber resultiert, was allerdings ebenfalls der Fall ist, wenn das Image nicht stimmig ist, dieser Sachverhalt aber erfolgreich verborgen wird (Goffman 1971: 13).

Ebenso wird ein falsches oder gar kein Image (davon ist die Rede, wenn die gewählte Verhaltensstrategie nicht in Einklang mit den sozialen Eigenschaften, dem sozialen Wert des Individuums gebracht werden kann), mit großer Wahrscheinlichkeit Verwirrung bei demjenigen/derjenigen hervorrufen, dessen/deren Image es betrifft, weil das abgegebene Selbstbild, an das er/sie wahrscheinlich emotional fixiert war, nicht bestätigt wird und damit der Ruf als Teilnehmender der Interaktion in Gefahr geraten kann (ebd.). Wird dies bemerkt, dann können zu den negativen Gefühlen, aufgrund des falschen oder nicht vorhandenen Images, zusätzlich Gefühle der Scham hinzutreten.

Der Ausdruck »das Gesicht verlieren« bedeutet, ein falsches oder gar kein Image zu haben oder beschämt zu sein (Goffman: 1971: 14). Das gilt es in jedem Fall zu vermeiden. Um diesem Tatbestand vorzubeugen, gibt es eine Reihe von Techniken, von denen Individuen Gebrauch machen können (siehe 2)). Neben der Kenntnis dieser Techniken und Erfahrung in ihrem Gebrauch, müssen Individuen auch bestimmte Eigenschaften mitbringen: „So wie vom Mitglied jeder Gruppe erwartet wird, Selbstachtung zu zeigen, so wird von ihm erwartet, einen bestimmten Standard von Rücksichtnahme aufrecht zu erhalten“ (ebd.: 15). Diese Eigenschaften sind deshalb notwendig, da das Image nur eine Anleihe der Gesellschaft ist und nur durch Dritte bestätigt werden kann. Verhalten sich Individuen ihres Images nicht würdig, dann kann es ihnen entzogen werden (ebd.). Auf diese Weise ist sichergestellt, dass Individuen im Umgang miteinander kooperieren, da nur so das Image bestätigt werden kann. Die Aufrechterhaltung des Images ist damit eine Bedingung für erfolgreiche Interaktion (Goffman 1971: 17) und wird mittels bestimmter Praktiken sichergestellt, die im Folgenden genauer dargestellt werden.

ii. Der Vermeidungsprozess

„Der sicherste Weg, Bedrohungen des Images zu vermeiden, ist Kontakten aus dem Weg zu gehen, in denen solche Bedrohungen leicht geschehen können“ (Goffman 1971: 21). Damit kann zum Beispiel gemeint sein, sich von jenen Orten und Zusammenkünften fernzuhalten, von denen man weiß, dass man dort unerwünscht ist oder sich sicher ist, dass eine Begegnung mit großer Wahrscheinlichkeit in einer unangenehmen Konfrontation mündet. Wenn die Begegnung bereits eingegangen ist, dann kommen andere Vermeidungspraktiken zur Anwendung: Es wird sich beispielsweise von Themen und Tätigkeiten ferngehalten, die Informationen enthalten könnten, die nicht mit der verfolgten Strategie konformgehen (ebd.). Diskretion ist ebenfalls ein effektives Mittel um Bedrohungen des Images aus dem Weg zu gehen, in dem man bestimmte Sachverhalte einfach unausgesprochen lässt und sollte sich ein »Zwischenfall« (siehe 2)) nicht vermeiden lassen, dann besteht immer noch die Möglichkeit so zu tun, als sei das bedrohliche Ereignis überhaupt nicht passiert (Goffmann 1971: 23).

iii. Der korrektive Prozess

Ist ein Ereignis, welches mit gültigen sozialen Werturteilen nicht vereinbar ist, nicht zu übersehen oder kann dieses nicht vermieden werden und ist das Ereignis als wirkliche Bedrohung ratifiziert, dann ist das rituelle Gleichgewicht (jener Zustand, in dem das Image aller Anwesenden intakt ist) gestört und es wird eine Ausgleichshandlung vollzogen, um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen (Goffman 1971: 24f). „Die Handlungssequenz, die durch die anerkannte Bedrohung des Images in Bewegung gesetzt wird und mit der Wiederherstellung des rituellen Gleichgewichts endet, werde ich Ausgleichshandlung nennen“ (Goffman 1971: 25; Hervorhebung im Original).

Goffman benutzt einige Beispiele, um zu illustrieren, auf welche Art und Weise eine Ausgleichshandlung vollzogen werden kann, der Übersichtlichkeit halber, werde ich mich im Folgenden aber auf die grundsätzliche Funktionsweise beschränken: Eine Ausgleichshandlung besteht, laut Goffman, aus vier klassischen Schritten: 1) Herausforderung, 2) Angebot, 3) Akzeptieren und 4) Dank (ebd.: 28). Die Herausforderung besteht darin, dass darauf aufmerksam gemacht werden muss, dass die expressive Ordnung (rituelles Gleichgewicht und expressive Ordnung werden von Goffman synonym verwendet, d. h. wenn die expressive Ordnung durch die Ausgleichshandlung wiederhergestellt ist, dann kann man auch von einem rituellen Gleichgewicht sprechen) verletzt wurde und nun, beispielsweise dem „Missetäter“, anbietet, diese wiederherzustellen, in dem dieser seine „Schandtat“ einsieht und gewissermaßen Buße tut. Wurde das Angebot, von der Person, der es angeboten wurde, angenommen und ist die expressive Ordnung damit wiederhergestellt, kann sich der „Missetäter“ in einem abschließenden Schritt für seinen Freispruch bedanken und die Ausgleichshandlung gilt als abgeschlossen (Goffman 1971: 26ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Rekonstruktion von Erving Goffmans "Techniken der Imagepflege" und "Über Ehrerbietung und Benehmen"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Insitut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Grundbegriffe & Theorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V458057
ISBN (eBook)
9783668898387
ISBN (Buch)
9783668898394
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffman, Imagepflege, Image, Interaktionsordnung, soziale Systeme, face-to-face, Ehrerbietung, Benehmen, Ritual, soziale Netzwerke, normative Ordnung
Arbeit zitieren
Marco Tonioni (Autor), 2017, Rekonstruktion von Erving Goffmans "Techniken der Imagepflege" und "Über Ehrerbietung und Benehmen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458057

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