Wallersteins Konzept des modernen Welt-Systems


Seminararbeit, 2005

17 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einführung in das Konzept des "modernen Welt-Systems"
2.1 Drei Zonen
2.1 Historie
2.1 Rolle der politischen Konstitution
2.2 Bedeutung der französischen und russischen Revolution
2.3 Nationalismus, Rassismus und Sexismus
2.4 Ausbreitung des Liberalismus
2.5 Kapitalistische Produktionsweise
2.6 Das moderne Welt-System ein Auslaufmodell?

3. Vergleich: Marx meets Wallerstein
3.1 Überschneidungen
3.2 Diskrepanzen

4. Kritik am "modernen Welt-System"
4.1 Wissenschaftliche Unschärfe
4.2 Voraussetzung für die Entwicklung der Kerne
4.3 Die Welt-Systeme-Theorie ist eurozentrisch

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem 1974 erschienenden ersten Band (1980 folgte der zweite und 1988 der dritte) des "Modern World-System" bot der einflussreiche amerikanische Sozialwissenschaftler Immanuel Wallerstein mit seiner historischen und polit-ökonomischen Makrotheorie eine sehr kontroverse diskutierte Alternative zu gängigen Globalisierungstheorien[1]. Zu verorten ist Wallersteins Welt-Systeme-Theorie unter den Einflüssen der Dependenztheorie[2], der marxistischen Kapitalismusanalyse und der französischen "Annales"-Schule[3] um Fernaud Braudel und als Gegenbewegung zur Diffusionstheorie und ihrer speziellen Fassung, der Modernisierungstheorie.

Wallerstein gehört zu den Weltsystemtheoretikern, die zwei Ansätze gemein haben: Es existiert ein Weltsystem außerhalb nationalstaatlicher Grenzen, das aus sich selbst heraus erklärt werden kann und dieses System hat Auswirkungen auf die Entwicklung bzw. Unterentwicklung der untereinander abhängigen Nationalstaaten.[4] Nach Wallerstein gibt es Welt-Systeme und Mini-Systeme.[5] Welt-Systeme haben eine Arbeitsteilung und können aus mehreren Kulturen bestehen. Sie müssen nicht die ganze Welt umfassen. Mini-Systeme haben nur eine kulturelle Bindung und sind relativ kleine, sehr autonome Subsistenzwirtschaften mit vollständiger Arbeitsteilung.

Im folgenden skizziere ich Wallersteins Konzept des "modernen Welt-Systems", stelle dieses Konzept dem marxistischen gegenüber und lasse die Kritiker zu Wort kommen.

2. Einführung in das Konzept des "modernen Welt-Systems"

Bereits zwischen 1450 und 1640, so die These von Immanuel Wallerstein, hat sich als Reaktion aus der Krise des Feudalismus ein modernes und kapitalistisches Welt-System herausgebildet.[6] Angetrieben von den Bauernrevolten und der Agrarkrise entwickelte sich ein auf Expansion, endloser Kapitalakkumulation und einer Arbeitsteilung basierendes System. Anfänglich, hauptsächlich in Europa und Teilen der westlichen Hemisphäre, hat sich dieses System in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geografisch global ausgeweitet und andere Weltsysteme wie die russischen oder osmanischen verdrängt. Seit dem 20. Jahrhundert schließt dieses System auch entlegende sich dem Zugriff bis dahin entzogene Weltregionen ein. Wallerstein nennt das Inkorporierung.[7] Zu unterscheiden sind Weltreiche mit einem gemeinsamen politischen System einerseits und andererseits ökonomische Einheiten, die Weltwirtschaften ohne gemeinsames politisches System. Bei dem "modernen Welt-System" handelt es sich um eine ökonomische Einheit ohne eine gemeinsame politische Instanz – um eine Weltwirtschaft, ein kapitalistisches System. Politik spielt sich in diesem System auf nationalstaatlicher Ebene ab. Weiteres Kennzeichen ist der ökonomische Konsens: größtmöglicher Profit, Arbeitsteilung über Staatsgrenzen hinaus, endlose Kapitalakkumulation mit der Auswirkung der Konkurrenz zwischen Staaten um Arbeitskräfte, Rohstoffe und Märkte und der Expansion in noch nicht integrierte Wirtschaften, ungleich entwickelte Zonen und Krisen.

2.1 Drei Zonen

Im "modernen Weltsystem" macht Wallerstein in Anlehnung an das "Zentrum-Peripherie-Modell" in der Dependenztheorie eine hierarchische Struktur der Weltgesellschaft auf. Das Zentrum (Wallerstein nennt das "Core" bzw. "Kern") dieser Struktur bilden die höchstentwickelten Industrienationen und die Peripherie die Entwicklungsländer.[8] Dieses Modell fasst die Existenz von Entwicklungsländern und die Interaktion zwischen Kern und Peripherie zusammen, die Voraussetzung für die Entwicklungsdynamik der Industrienationen. Gleichzeitig werden dadurch Entwicklungsländer unterentwickelt gehalten. In diesem Abhängigkeits-Modell gibt es auch eine nationale Ebene, auf die ich aber nicht weiter eingehen will, da sie für die Einführung keine entscheidende Rolle spielt. Wichtig dagegen ist Wallersteins Ergänzung des "Zentrum-Peripherie-Modells". Zwischen dem Kern und der Peripherie zieht er eine dritte von ihm so genannte "Zone" ein, die Semiperipherie.[9] Diese Semiperipherie besitzt weniger wirtschaftliche, sondern politische Funktion. Diese Zone soll verhindern, dass die Polarisierung der Kern- und Peripherie- Zone zu einer Gefährdung oder gar Zerstörung des Systems führt. Die Semiperipherie soll politische Spannung abfedern, sie hat eine Puffer-Funktion.

2.1 Historie

Die Entwicklung der kapitalistische Weltwirtschaft hat sich nach Wallerstein in vier Stadien vollzogen:

1. Stadium[10]: Im 16. Jahrhundert entstand nach dem Scheitern der Habsburger ein Weltreich aufzubauen[11] der Kern der europäischen Weltwirtschaft, vor allem England und die Niederlande gehörten dazu. Adlige gingen dazu über ihre Ländereien mit dem Ziel der Geldgewinnung zu bewirtschaften und nicht mehr mit dem Ziel der Subsistenz. Spanien und die norditalienischen Stadtstaaten sanken auf die Semiperipherie ab. Nordosteuropa und Hispano-Amerika wurden zur Peripherie. Außerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft bewegten sich zu der Zeit noch Russland, Afrika, Indien und China.

2. Stadium[12]: England behauptet sich in der Mitte des 17. bis Anfang des 18. Jahrhunderts gegen die Niederlande und Frankreich.

3. Stadium[13]: Zunächst in England entsteht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Industriekapitalismus und weitet sich global aus. Mit dem Einzug des 19. Jahrhunderts hat die kapitalistische Weltwirtschaft alle Mini-Systeme vereinnahmt , und es gibt nach Wallerstein außer der kapitalistischen Weltwirtschaft (auch) keine anderen Welt-Systeme mehr. Russland zieht in die Semiperipherie um, Asien und Afrika werden zur Peripherie. In den Kerngesellschaften brodelt eine Krise. Auf der einen Seite gewinnen die Arbeiter an Einfluss, indem sie sich organisieren, und auf der anderen Seite kann die Kaufkraft nicht mit der gestiegenen Produktivität mithalten.

4. Stadium[14]: Russland verhindert mit der russischen Revolution 1917 den Abstieg in die Peripherie und England wird von den USA in Vormachtsstellung abgelöst. Die Welt wird zweigeteilt in eine sowjetisch-sozialistische und eine westlich-kapitalistische Einflusssphäre. Es findet eine Entkolonialisierung statt. Als Lösung für die oben erwähnte Krise im 3. Stadium und auf dem Nährboden der Zweiteilung errichtet die Sozialdemokratie den Wohlfahrtsstaat in den kapitalistischen Kernländern. Bis zu den sechziger Jahren kann die USA die Hegemonialmacht unbestritten halten, danach sind die immensen millitärischen Ausgaben der USA und die wirtschaftliche Erstarkung Westeuropas grund für erste Erosionserscheinungen dieser Vormachtsstellung.

2.1 Rolle der politischen Konstitution

Für die Existenz des modernen Welt-Systems hat es keine Bedeutung, in welcher politischen Konstitution sich die einzelnen Staaten befinden - ob z.B. feudalistisch oder sozialistisch. Sie spielen in diesem System keine autonome, sondern eine institutionalisierte Rolle.[15] Da das moderne Welt-System nach Wallerstein auf kapitalistische Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet ist, pendeln sich politische Regimes prozesshaft auf diese Zielsetzungen ein. Selbst Revolutionäre sind diesem System unterworfen. Revolutionäre wollen auf der Weltbühne wichtige Akteure sein. Das funktioniert jedoch nur, wenn sie die Fähigkeit besitzen, sich den Gesetzmäßigkeiten, die auf dieser Bühne herrschen, zumindest annähern zu können.

[...]


[1] Vgl. Wirtschafts- & Sozialgeschichte Modul 7, 21.05.2004, S.17

[2] Vgl. Onlineverbindung 2005 : www.lateinamerika-studien.at

[3] Vgl. Onlineverbindung 2005: www.klett-franzoesisch.de

[4] Vgl. Imbusch, Peter 1990, S. 13

[5] Vgl. Wallerstein 1979, S. 35

[6] Vgl. Wallerstein 1974, Band I, S. 100

[7] Vgl. Wallerstein 1989, Band III, S. 184 f.

[8] Vgl. Wallerstein 1974, Band I, S. 450

[9] Vgl. Wallerstein 1980, Band II, S. 205 ff.

[10] Vgl. Wallerstein 1980, Band II, S. 81 ff. :Phase 1 von 1651-1689

[11] Vgl. Wallerstein 1974, Band I, S. 247 ff.

[12] Vgl. Wallerstein 1980, Band II, S. 283 ff. :Phase 2 von 1689-1763

[13] Vgl. Wallerstein 1989, Band III, S. 80 ff. :Phase 3 von 1763-1815

[14] Vgl. Matis, Herbert & Bachinger, Karl 2001-2004, S. 20

[15] Vgl. Wallerstein 1998, S. 17 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wallersteins Konzept des modernen Welt-Systems
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V45845
ISBN (eBook)
9783638431798
ISBN (Buch)
9783638750585
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wallersteins, Konzept, Welt-Systems
Arbeit zitieren
Gunnar Vollering (Autor), 2005, Wallersteins Konzept des modernen Welt-Systems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45845

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wallersteins Konzept des modernen Welt-Systems



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden