Die Christenverfolgung. Darstellung der Christen und Kaiser Neros in Tacitus‘ Annalen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

17 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

Denkt man als Laie an das Römische Reich, so kommen einem häufig die Monumentalfilme der 60er- und 70er-Jahre in den Sinn, die meist zur Osterzeit im Fernsehen wiederholt werden. Jesu Kreuzigung, die Affäre Kleopatras und Caesars und die Bilder vom Harfe spielenden Nero, der genüsslich Arien singt, während seine Reichshauptstadt niederbrennt.1 Diese Skizze des schuldigen Nero, der sich eine kleine Gruppe Menschen zu Staatsfeinden erklärt, um von seiner vermeintlich eigenen Schuld abzulenken, spiegelt das Bild des Tyrannen wieder, das sich noch heute in den Köpfen vieler Menschen eingebrannt hat. Doch woher kommt dieses detaillierte Bild, wer hat es kreiert?

Im Folgenden soll die Quelle, die als Ursprung vieler Geschichten über den römischen Kaiser Nero dient, erläutert und eine Sequenz daraus genauer betrachtet werden. Als Basis liegt ein Auszug aus den Annales, des römischen Historikers Tacitus vor. Tacitus beschreibt in seinem Textwerk die Geschichte römischer Kaiser vom Tod Augustus‘ im Jahre 14 n. Chr. bis zum Tode Neros 68. n. Chr. Die vorliegende Quelle ist ein Auszug aus Tacitus‘ Erzählungen über Nero, in dessen Regierungszeit zwei historisch wichtige Ereignisse fallen: Der große Stadtbrand von Rom und die erste gewaltsame Verfolgung einer damals noch kleinen Sekte, den „Christen“.

Seit ca. 2000 Jahren existiert die Glaubensgemeinschaft der Christen und beinahe ebenso lange ist sie auf der Suche nach Frieden. Heute ist das Christentum die Weltreligion mit den meisten Anhängern. Ca. 32 Prozent der rund 7,5 Milliarden Menschen weltweit gehörten 2015 einer christlichen Gemeinschaft an.2 Länder bauten ihre Verfassung nach Grundsätzen christlichen Lebens auf und Parteien in vielen Ländern, so auch in Deutschland, geben sich selbst das Attribut „christlich“. Die Religion ist ein normaler Bestandteil gesellschaftlichen Lebens geworden. Doch noch heute kommt es in anderen Teilen der Welt zu Verfolgungen. So werden Christen in 50 Ländern dieser Welt regelmäßig und mit verheerenden Folgen, ihres Glaubens wegen, verfolgt.3

Meistens kommt es vor allem dort zu Gewalt gegen Gläubige, wo die Mehrheit der Bevölkerung, und vor allem die Regierung, anderen Religionen oder Kulten angehören.4 Dieses Muster hat in der Geschichte eine lange „Tradition“, so auch in der christlichen, deren Anfang im Folgenden auf Grundlage einer Textquelle erläutert werden soll.

Die vorliegende Hausarbeit zeigt den von Tacitus in seinen Annales beschriebenen Zusammenhang zwischen der Verfolgung unter Kaiser Nero und dem Stadtbrand auf. Dafür soll zunächst in einer Quellenkritik erklärt werden, wer der Autor Tacitus war und vor allem was ihn und seinen Schreibstil ausmacht, denn der ist es, der die Geschichtswerke Tacitus‘ zu etwas besonderem macht.

Desweiteren wird die Quelle mit Hilfe von Sekundärliteratur interpretiert. Da es wegen Tacitus‘ ausgeprägtem Schriftstil teilweise schwierig ist, streng zwischen formaler und inhaltlicher Interpretation zu trennen, sei hiermit erklärt, dass sich die folgende Hausarbeit vor allem inhaltlich kongruent aufbaut und gewisse Geschehnisse oder Besonderheiten immer wieder mit formalen Begebenheiten aus der Textquelle belegt werden.

2. Äußere und formale Quellenkritik

2.1. Der Verfasser: Tacitus

Die vorliegende Quelle wurde vom römischen Historiker Tacitus verfasst. Er wurde zwischen 55 und 57 n. Chr. in eine einflussreiche Familie hineingeboren. Zum Zeitpunkt der Herrschaft Neros, welche auf 54 bis 68 n. Chr. datiert wird, war Tacitus demnach noch ein Kind bzw. Jugendlicher.5

Tacitus‘ priviligiertes Umfeld gab ihm die Möglichkeit eine Karriere als Senator in Rom anzustreben.6 Dazu verhalf ihm auch seine Heirat im Jahre 78 n. Chr. mit der Tochter des Agricolas, zu seiner Zeit Konsul in Rom.7

Tacitus ist, neben Sueton und Cassius Dio, einer der bedeutendsten Historiker römischer Antike. Seine Texte weisen, sowohl historische Fakten, als auch viele stilistische Besonderheiten auf. Franz Römer, Klassischer Philologe aus Wien, nannte Tacitus in seinem Essay daher einen „Geschichtsdenker“8 und charakterisiert ihn als Historiker, der genau die Situation in seinem Umfeld und der Gesellschaft analysierte und seine Schlussfolgerungen in seinen Erzählungen über die römischen Kaiser mit einfließen ließ.

2.2. Das Textwerk

Der zu analysierende Text ist Teil einer von Tacitus verfassten Traditionsquelle, den Annales, dem zweiten großen Geschichtswerk Tacitus’ welches vermutlich zwischen 110 und 120 n. Chr. veröffentlicht wurde.9 Inhaltlich wird in dem Werk die Zeitspanne vom Regierungsantritt Kaiser Tiberius im Jahre 14 n. Chr. bis zum Tod Neros 68 n. Chr. behandelt. Es ist nicht sicher, ob es wirklich an dieser Stelle endete, oder ob es zu den bekannten 16 Teilen noch zwei weitere Teile gab, die allerdings verschollen sind10, wie auch ein Großteil der bekannten Schriften. Fast vollständig erhalten sind lediglich die Bücher eins bis vier und die Teile 11 bis 16.11 Damit kann man davon ausgehen, dass die Quelle tatsächlich echt ist und im Original von Tacitus verfasst wurde.

Der Titel des vorliegenden Textwerkes lautet Annales, was aus dem Lateinischen übersetzt „Chronik“ bedeutet. Demnach, handelt es sich um eine chronologische Wiedergabe historischer Ereignisse, also ein Geschichtswerk. Dabei ist wichtig zu beachten, dass Tacitus nicht als reiner objektiver Historiker gilt, sondern seine Weltanschauung und Beurteilung in seine Schilderungen einbezieht und dadurch das historische Bild etwas verzerrt.12 Denn Tacitus hatte die Ambitionen mit seinen Schriften etwas mehr, als bloße Geschichtsreproduktion und Ereignisdarstellung zu vermitteln. In der Einleitung seiner Annales beschreibt er sein Schreiben zwar als „ohne Parteilichkeit für und wider“13, allerdings lässt er an vielen Stellen seine Sicht auf die thematisierten Kaiser und ihre Politik deutlich hervortreten, so auch in dem vorliegenden Text, Annales 15, 44 1-5, die zu Tacitus‘ Geschichtsschreibung über Kaiser Nero gehört.

Thematisch gliedert sich die Textstelle in die Regierungszeit Neros ein, die wohl die allgemein bekannteste Episode darstellt: den großen Stadtbrand in Rom.

Zunächst werden im ersten Sinnabschnitt die von Nero angeforderten Sühnemittel zur Besänftigung der Götter nach dem Brand beschrieben.

1 Diese fürsorglichen Vorkehrungen waren jedenfalls das Ergebnis menschlicher Planung. Dann suchte man nach Sühnemitteln für die Götter und befragte die sibyllinischen Bücher. Nach ihrer Weisung wurden Gebete an Volcanus, Ceres und Proserpina gerichtet, und Iuno wurde durch die Matronen versöhnt, zuerst auf dem Kapitol, dann an der nächstgelegenen Stelle des Meeres; mit dem dort geschöpften Wasser besprengte man Tempel und Götterbild; auch feierten Frauen, deren Ehemänner noch lebten, Speiseopfer und nächtliche Feste.

2 Aber nicht durch menschliche Hilfeleistung, nicht durch die Spende des Kaisers oder die Maßnahmen zur Beschwichtigung der Götter ließ sich das böse Gerücht unterdrücken, man glaubte, vielmehr fest daran: befohlen worden sei der Brand.

Dann kommt es zu einem ersten Wendepunkt. Tacitus beschreibt die vorangegangen Maßnahmen als eine Art Schuldbekenntnis Neros für den Brand verantwortlich zu sein. Dieser präsentiere dann, um von sich abzulenken, die Christen als Schuldige.

Daher schob Nero, um dem Gerede ein Ende zu machen, andere als Schuldige vor und belegte die mit den ausgesuchtesten Strafen, die wegen ihrer Schandtaten verhasst, vom Volk Christen genannt wurden.

Im dritten Absatz erklärt Tacitus wer die Christen sind und gibt hier indirekt zu verstehen, dass sie durchaus Menschen waren, die „Übel“14 in die Stadt Rom brachten.

3 Der Mann, von dem sich der Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden; und für den Augenblick unterdrückt, brach der unheilvolle Aberglaube wieder hervor; nicht nur in Judäa, dem Ursprungsland dieses Übels, sondern auch in Rom, wo aus der ganzen Welt alle Greuel und Scheußlichkeiten zusammenströmen und gefeiert werden.

Im Folgenden stellt der Autor dann detailliert die Verfolgung der Christen dar, die Nero in Auftrag gegeben hat.

4 So verhaftete man zunächst diejenigen, die ein Geständnis ablegten, dann wurde auf ihre Anzeige hin eine ungeheure Menge nicht so sehr des Verbrechens der Brandstiftung als einer hasserfüllten Einstellung gegenüber dem Menschengeschlecht schuldig gesprochen. Und als sie in den Tod gingen, trieb man noch Spott mit ihnen in der Weise, dass sie in Felle wilder Tiere gehüllt, von Hunden zerfleischt umkamen oder, ans Kreuz geschlagen und zum Feuertod bestimmt, sobald sich der Tag neigte, als nächtliche Beleuchtung verbrannt wurden.

[...]


1 Hier sind Filme wie Ben Hur, Cleopatra und, auf Nero bezogen, vor allem Quo Vadis gemeint.

2 Ohm, Lena, Diese Religion haben die Menschen heute – und diese 2060!. Auf: https://www.evangelisch.de/inhalte/144299/16-06-2017/diese-religion-haben-die-menschen-heute-und-diese-2060 (Stand: 17.09.2018).

3 N.N., Wo Christen am stärksten verfolgt werden. Auf: https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex (Stand: 17.09.2018).

4 Hier wird bewusst von „Gläubigen“ gesprochen, da es nicht nur gegen Christen zu Verfolgungen kommt, sondern auch gegen Anhänger anderer Religionen.

5 Römer, Franz, Tacitus. In: Schütze, Oliver [Hrsg.] Kleines Lexikon römischer Autoren. Stuttgart 2015. S. 140.

6 Ebenda.

7 Groot, Heleen, Zur Bedeutung der öffentlichen Spiele bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio. Wien 2008. S.25.

8 Römer, Tacitus, S.120.

9 Ebenda

10 Römer, Tacitus, S.143.

11 Ebenda

12 Hausmann, Michael, Die Leserlenkung durch Tacitus in den Tiberius-und Claudiusbüchern der Annalen. Berlin 2009. S.2.

13 Tacitus, Annales, 1,1. Auf: http://www.gottwein.de/Lat/tac/ann0101.php (Stand: 19.09.2018).

14 Vgl. Tacitus, Annales 15, 44, 3. (Schröter, Jens; Zangenberg, Jürgen K. [Hg.] Texte zur Umwelt des Neuen Testaments; S. 29f.)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Christenverfolgung. Darstellung der Christen und Kaiser Neros in Tacitus‘ Annalen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V458702
ISBN (eBook)
9783668896178
ISBN (Buch)
9783668896185
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tacitus, Nero, Kaiser, Annales, Annalen, Quellenkritik, Christenverfolgung
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Christenverfolgung. Darstellung der Christen und Kaiser Neros in Tacitus‘ Annalen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458702

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