Die Moralvorstellungen und Schuldgefühle von Lafcadio und Tullio in Gides 'Les caves du Vatican' und d'Annunzios 'L'Innocente'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Lafcadio
2.1 Herkunft und soziales Umfeld
2.2 Moralvorstellungen und Charakter
2.3 Der Mord an Amédée
2.4 Lafcadios Reaktion und Schuldgefühle nach dem Mord

3 Tullio
3.1 Soziales Umfeld und Moralvorstellungen
3.2 Tullios Leid nach Julianes Ehebruch
3.3 Der Mord an Raimund
3.4 Tullios Reaktion und Schuldgefühle nach dem Mord

4 Schlussbemerkung

5 Bibliographie

1 Einleitung

Moral ist die sittliche Haltung eines Einzelnen oder einer Gruppe[1], so steht es im Brockhaus. Doch was ist eigentlich Moral? Ist sie immer für eine ganze Gesellschaft gültig oder kann auch ein Mensch alleine eine eigene Moral aufstellen? In zahlreichen weiteren Lexikonartikeln und philosophischen Schriften kann man über dieses Thema lesen. Klar ist, dass es nicht nur eine einzige Moral gibt. Sie unterscheidet sich je nach Zeit, nach Gesellschaft, nach kulturellem Kreis, vielleicht aber auch je nach Individuum.

Die von den meisten Gesellschaften am schärfsten moralisch verurteilte Tat ist die Tötung eines Menschen. Ist es möglich einen Mord ohne Motiv und ohne jegliche moralische Bedenken zu begehen? Und ist es möglich eine auf den ersten Blick moralisch verwerfliche Handlung zu rechtfertigen? Das sind Fragen, die sich bei der Lektüre von Gides „Les caves du Vatican“ und D’Annunzios „L’Innocente“ aufdrängen.

In dieser Seminararbeit möchte ich untersuchen, inwieweit bei den Morden in den beiden Romanen moralische Bedenken im Vorfeld und Schuldgefühle nach der Tat bei den handelnden Personen eine Rolle spielen. Ist Lafcadio wirklich frei von jeglicher Moral, wie es zu Beginn scheint? Und wie steht es mit Tullio?

Zunächst werde ich untersuchen, in welchem gesellschaftlichen Umfeld sich Lafcadio bewegt und welches seine Wertvorstellungen und Charakterzüge sind. Danach werde ich mich damit beschäftigen wie es zu dem Mord kommt und ob für den Protagonisten moralische Bedenken und Schuldgefühle eine Rolle spielen.

Im nächsten Kapitel möchte ich die Herkunft und die Moralvorstellungen von Tullio darstellen und anschließend herausarbeiten welche Gründe ihn zum Mord führen. Als letztes werde ich auf den Mord an Raimund und Tullios moralische Bedenken und Schuldgefühle eingehen.

2 Lafcadio

2.1 Herkunft und soziales Umfeld

Lafcadio Wluiki ist 19 Jahre alt. Geboren ist er 1874 in Bukarest. Er ist der uneheliche Sohn von Justus de Baraglioul und dessen Geliebter Wanda. Lafcadio wächst auf ohne zu wissen wer sein Vater ist. Neben seiner Mutter haben auch die häufig wechselnden Lebensgefährten der Mutter, die er Onkel nennt, einen erheblichen Einfluss auf Lafcadios Erziehung und Entwicklung. Diese Onkel, alles Vertreter höherer Gesellschaftsschichten, stammen alle aus verschiedenen Ländern und sind in ihrem Charakter sehr unterschiedlich. Allerdings sind sie alle Exzentriker mit ausgeprägten Neigungen. Mit dem „Onkel“ Wladimir Bielkowski leben Lafcadio und seine Mutter drei Sommer lang in Ungarn. Hier erfährt der Junge ein Leben, das geprägt ist von „plaisir“, durch Bielkowski wird auch das Dasein von Lafcadio und seiner Mutter zu einer „fête éperdue“ (Les caves du Vatican, Seite 84). Ardengo Baldi bezeichnet der Sohn Wandas als „jongleur, escamoteur, prestidigitateur, acrobate“ (Les caves du Vatican, Seite 84). Mit Fabian Taylor, Lord Gravensdale, von Lafcadio Onkel Faby genannt, ziehen Mutter und Sohn nach Duino. Dort lebt Lafcadio sehr frei und ungebunden, „en sauvage“ (Les caves du Vatican, Seite 86). Mit 16 Jahren wird der Junge schließlich nach Paris geschickt um dort zur Schule zu gehen. Der strenge Unterricht im Gegensatz zu der zuvor genossenen Freiheit fällt Lafcadio sehr schwer. Etwas Erleichterung verschafft ihm die Bekanntschaft mit Protos. Dieser wird für den Sohn Wandas zu einer Art Vorbild. Er ist älter und reifer, Lafcadio sagt dass, er von ihm eine Befreiung erhoffte: „(...) je me tournais vers lui comme s’il avait dû m’apporter la délivrance.“ (Les caves du Vatican, Seite 87).

Lafcadio flüchtet schließlich aus Paris und findet seine Mutter mir ihrem neuen Lebensgefährten, dem Marquis de Gesvres, in Baden-Baden. Dieser bringt ihn wieder zurück nach Paris und weckt dort seine Begeisterung für Kleidung und Mode und das sorglose Geldausgeben. Als schließlich seine Mutter stirbt, bleibt Lafcadio alleine und ohne Geld zurück. Auch die Onkel kümmern sich nicht mehr um ihn. Er lebt nun in ärmlichen Verhältnissen in einem verwahrlosten Haus in Paris.

2.2 Moralvorstellungen und Charakter

Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, ist Lafcadio nicht in geregelten Familienverhältnissen aufgewachsen. Der Leser erkennt schnell, dass der Junge keine gesellschaftliche Verwurzelung und keine einheitliche Erziehung hat. Die Lebensgefährten der Mutter haben ihm zwar viel beigebracht (Sprachen, Mathematik etc) und ihm einiges von der Welt gezeigt, doch alle standen im Gegensatz zu bürgerlichen Wertvorstellungen. Sie alle waren sehr exzentrisch und mit jedem Partnerwechsel erfuhr der kleine Lafcadio große Veränderungen im Lebens- und Erziehungsstil.

Rückhalt und Sicherheit hat er nie erlebt und auch innerhalb der Kirche hat er keine Verankerung gefunden. Er ist oft umgezogen, hat keine Heimat, gehört nirgendwo richtig hin und ist haltlos. Es stellt sich also die Frage, ob Lafcadio überhaupt ein Wertesystem und Moralvorstellungen hat. Nachdem der Leser Lafcadios Herkunft erfahren hat, ist er geneigt dies zu verneinen, da ihm durch seine Erziehung keine Moral vermittelt wurde. Ob dies so stimmt, ist anhand des Textes zu untersuchen.

Seine uneinheitliche Erziehung und seine Haltlosigkeit zeigen sich auch in Lafcadios gespaltenem Charakter und seiner Wechselhaftigkeit. Er rettet Leben (selbstlos befreit er Kinder aus einem brennenden Haus), sagt aber explizit, dass das Leben des Menschen nicht viel wert wäre: „Que peu de chose la vie humaine“ (Les caves du Vatican, Seite 187) und stellt sich vor wie es wäre eine alte Frau umzubringen.

An manchen Stellen scheint es, als wäre Lafcadio mit sich unzufrieden und wenig selbstbewusst. Er verstümmelt sich mit einem Messe,r um sich zu bestrafen. Als er die Kinder aus dem Feuer gerettet hat und ihm die Leute zujubeln, wird er rot und denkt, die Menschen würden ihn für einen Clown halten: „On me prend pour un clown“ (Les caves du Vatican, Seite 65). An anderen Stellen wirkt er sehr selbstbewusst und auch arrogant. Er zeigt beispielsweise Julius gegenüber keinerlei Respekt, scheint ihn sogar von oben herab zu behandeln. Auch scheint er sich anderen überlegen zu fühlen: Zusammen mit Protos hat er bereits zu Schulzeiten die Menschen in zwei Klassen eingeteilt: die „subtils“, zu denen sie beide gehören, als die Schlauen, die sich zu verstellen wissen, und die „crustacés“, die niedrigere Klasse.

Lafcadio, der sehr frei und ohne die Wertvorstellungen des Bürgertums aufgewachsen ist, scheint diese Gesellschaftsschicht zu verachten. Mehrmals mokiert er sich über Julius, der ein Vertreter dieser Klasse ist. Auf der anderen Seite genießt er es anscheinend Geld zu haben und freut sich über die neuen Kleider, die er sich dank der Erbschaft leisten kann. Auch erwähnt Protos an einer Stelle, Lafcadio würde gerne in eine andere Gesellschaftsschicht wechseln: „(...)qu’on pouvait si simplement que ca sortir d’une société, et sans tomber du même coup dans une autre“ (Les caves du Vatican, Seite 230). Lafcadio ist glücklich, als er erfährt, dass Juste-Agénor sein Vater ist und er somit auch mit dieser Schicht verbunden ist: „Une joie insolente éclata dans son coeur“ (Les caves du Vatican, Seite 62). Als er seinem Vater zum ersten und einzigen mal gegenübertritt ist dies eine der wenigen Stellen im Roman an denen Lafcadio Gefühle zeigt, als der Graf ihn umarmt, beginnt er zu weinen:

[...]


[1] http://www.brockhaus.de

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Moralvorstellungen und Schuldgefühle von Lafcadio und Tullio in Gides 'Les caves du Vatican' und d'Annunzios 'L'Innocente'
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V46003
ISBN (eBook)
9783638432887
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralvorstellungen, Schuldgefühle, Lafcadio, Tullio, Gides, Vatican, Annunzios, Innocente
Arbeit zitieren
Christina Döpfert (Autor), 2005, Die Moralvorstellungen und Schuldgefühle von Lafcadio und Tullio in Gides 'Les caves du Vatican' und d'Annunzios 'L'Innocente', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46003

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