Eine gefährliche Freundschaft. Die Bedeutung der Raumsemantisierung in Astrid Lindgrens‘ "Ronja Räubertochter"


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Ronja und Birk - Eine verbotene Kinderfreundschaft
2.1 Ronja Räubertochter– die Besonderheit der kindlichen Eigenart
2.2 Der Sprung über den „Höllenschlund“ - ein Schlüsselereignis

3 Die Doppelsemantisierung der Räume – zwischen Schutz und Gefahr
3.1 Das Leben in der Räuberfestung - behütetes Aufwachsen vs. Gefahr für die
Freundschaft
3.2 Der Wald - Raum der Freiheit und Selbstbestimmung vs. unberechenbare
Naturgewalt
3.3 Die besondere Bedeutung der Bärenhöhle
3.4 Eine unerwartete Wendung

4 Fazit

1 Einleitung

Ronja Räubertochter ist ein 1881 veröffentlichter Text der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Bereits 1982 erschien beim Hamburger Friedrich Oetinger Verlag die deutsche Ausgabe, übersetzt von Anna-Liese Kornitzky. Astrid Lindgren erzählt in ihrem Werk die Geschichte der jungen Heldin Ronja, welche als Tochter des Räuberhauptmannes Mattis geboren wird. Die heftige Gewitternacht, in der die Räubertochter zur Welt kommt, entzweit die Räuberburg und blockiert der Mattissippe den Zugang zum nördlichen Teil der Burg. Durch ihre Freundschaft zu Birk, dem Sohn des verfeindeten Räuberhauptmannes Borka, welcher elf Jahre später ungenehmigt diesen Teil der Burg besiedelt, gerät Ronja zwischen die Fronten der beiden Sippen. Dieser Konflikt führt die Kinder zu dem Entschluss, gemeinsam in den Wald zu ziehen. Dort können sie ein gemeinsames Leben führen und verbringen zusammen einen abenteuerlichen Sommer. Der drohende Wintereinbruch treibt Ronja und Birk jedoch in eine scheinbar ausweglose Situation. Einzig Mattis Entscheidung, die Kinder um die gemeinsame Rückkehr zu bitten, rettet ihnen das Leben.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Analyse der Freundschaft der beiden Kinder, Ronja und Birk, sowie deren Möglichkeiten und Grenzen in den unterschiedlich semantisierten Räumen der dargestellten Weltordnung. Hierbei orientiere ich mich am Raumtopologiemodell sowie an der darin enthaltenen Grenzüberschreitungstheorie von Jurij M. Lotman. Nach diesem Modell sind die Figuren der Handlung mit ihren Merkmalsausprägungen an semantische Räume gebunden.1 „Wichtigstes topologisches Merkmal eines semantischen Raumes ist […] seine Grenze.“2 Die Grenze ist prinzipiell unüberschreitbar aufgrund der Raumbindung der Figuren. 3 Kommt es zu einer Überschreitung einer Grenze, liegt ein Ereignis und damit Handlung vor. In meiner Arbeit werde ich diese Grenzüberschreitungen bezüglich ihrer Bedeutung für die Kinderfreundschaft betrachten.

2 Ronja und Birk - Eine verbotene Kinderfreundschaft

Die beiden gleichaltrigen Kinder Ronja und Birk wachsen bis zu ihrem elften Lebensjahr getrennt voneinander, als je einziges Kind einer der beiden verfeindeten Sippen auf. Ronja gehört zur Räuberbande ihres Vaters Mattis, Birk ist der Sohn des Räuberhauptmannes Borka, Mattis Erzfeind. Im Folgenden gehe ich zunächst vertieft auf die Darstellung und Rolle Ronjas in ihrer Sippe ein und werde anschließend wichtige Szenen, am sogenannten „Höllenschlund“, hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Freundschaft analysieren.

2.1 Ronja Räubertochter– die Besonderheit der kindlichen Eigenart

Als Ronja das Licht der Welt erblickt erwarten die Räuber mit einer Selbstverständlichkeit, dass das Kind des Räuberhauptmannes Mattis in noch unbestimmter Zukunft dessen Platz einnehmen wird (vgl. Lindgren, Astrid: Ronja Räubertochter. Verlag Friedrich Oetinger GmbH, Hamburg 1982. S.6)4. Auch der Räuberhauptmann und Vater des Kindes selbst sieht Ronja in diesem Sinne als Nachfolgerin (vgl. RR, S.7). Die Rolle des Geschlechts bezüglich dieser Rollenübernahme wird indirekt durch die Figurenrede thematisiert. Die Aussage des ältesten Räubers der Bande, welcher dem Leser nur unter dem Spitznamen Glatzen- Per bekannt ist, deutet an, dass unter den Räubern allgemein auf die Geburt eines Jungen gehofft wird: „Es wäre schon gut, einen neuen Räuberhauptmann zu sehen […]“ (RR, S.6). Lovis, die Mutter Ronjas, geht hingegen bereits seit längerer Zeit von der Geburt eines Mädchens aus: „Wenn ich beschlossen habe, dass mein Kind Ronja heißt, dann wird es auch eine Ronja.“ (RR, S.7). Vater Mattis stört sich ebenso wenig am weiblichen Geschlecht seines Kindes. Er sieht Ronja bereits in der Rolle des „neuen Räuberhauptmann[es]“ (RR, S.7) und ist „ganz von Sinnen vor Freude“ (RR, S.6) über ihre Geburt. Augenblicklich verzaubert vom Anblick des Kindes und Stolz über dessen unübertreffliche Schönheit (vgl. RR, S.7) lässt er keine Kritik bezüglich seiner Tochter zu (vgl. RR, S.8, 9). Der Leser bekommt das Geschehen durch eine intern fokalisierte Erzählinstanz vermittelt. Diese beschränkt sich ausschließlich auf das Wissen und Empfinden der Figuren und geht im gesamten Handlungsverlauf nicht darüber hinaus.

Wie stark die väterliche Liebe ist wird mit mit der Formulierung „er erschauerte vor Liebe“ (RR, S.7) ausgedrückt. Das Erschauern ist eine für einen Räuberhauptmann äußerst untypische Regung und steht im Kontrast zu den dem Leser bekannten Eigenschaften eines klassischen Räubers. Die emotional gerührte und weichliche Darstellung der Räuberfigur hinterlässt einerseits einen ironischen Eindruck, andererseits betont sie die außergewöhnliche Stärke der Vater-Kind Bindung, da diese hier selbst ein „Räuberherz“ (RR, S.7) erweichen lässt. Mit dem Vergleich Ronjas mit einem goldenen Ei (vgl. RR, S.7) wird der behutsame Umgang von Mattis mit seinem Kind verbildlicht. Die Eigenschaften des Goldes, Seltenheit und hoher Wert, werden an dieser Stelle auf das Kind übertragen. Ebenso verhält es sich mit der Zerbrechlichkeit des Eis. Als Existenzsicherung der Räuberbande und indirekter Sieg über die verfeindete Borkasippe (vgl. RR, S.10) ist Ronja zusätzlich von besonderer Wichtigkeit und wird entsprechend geachtet. Jeder einzelne der zwölf Räuber, sowie allen voran Räuberhauptmann Mattis, stellen das Kind über die Räuberei. Dass Mattis „alles stehen und liegen lässt und sogar seine Arbeit vernachlässigt“ (RR, S.13) und die Männer „zur Unzeit heimgestürmt kamen, nur weil sie es nicht verpassen wollten, wie Ronja ihren Brei aß“ (RR, S.13) zeigt auf ironische Art die Besonderheit selbst kleiner, alltäglicher Dinge aus dem Leben des Kindes.

Ronja wird als „ungewöhnlich flink“ (RR, S.13) charakterisiert. Sie lernt durch die selbstständige Erkundung ihrer Umgebung sowie durch Beobachtung und Nachahmung der Erwachsenen (vgl. RR, S.14). Sie „guckte es ihnen schnell ab“ (RR, S.15), ganz zur Zufriedenheit ihres stolzen Vaters (RR, S.15). Topographisch befindet sich Ronja bis zu ihrem elften Lebensjahr ausschließlich im Schutz der Mattisburg. Dieser Raum entspricht im Text einem semantischen Raum, „der sich als Menge semantischer Merkmale konstituiert […] [und] in Opposition zu anderen semantischen Räumen“5 steht. Die Mattisburg ist nach Lotman Ronjas Ausgangsraum, an den sie gebunden ist. Dort verbringt sie ihre Zeit in der großen Steinhalle und spielt mit „Tannenzapfen und Steinchen, die Mattis ihr mitbrachte“ (RR, S.15). Während dieser Beschäftigung hält sie sich „geborgen unter der langen Tafel“ (RR, S.15) auf, von wo aus sie auch die Räuber beim Singen und Tanzen beobachtet (vgl. RR, S.15). Hier bleibt sie auch während sich die Männer auf den Bänken der Tafel niederlassen. Räumlich eng mit den Räubern zusammen unterbleibt dennoch die Interaktion zwischen ihnen und dem Kind. Vater Mattis „prahlte […] mit seiner Tochter“ (RR, S.15) und erhält Zustimmung von seiner Bande (vgl. RR, S.15). Ronja sitzt zeitgleich unter der Tafel und spielt „still“ (RR, S.16) mit ihren Zapfen und Steinen. Sie ist gedanklich vertieft in ein Rollenspiel und phantasiert. Hierbei stellt sie sich vor, dass die „zottigen Fellschlappen“ (RR, S.16) der Räuber „ihre bockigen Ziegen wären“ (RR, S.16). Diese Szene macht zum einen deutlich, dass Ronja ihres eigenen Verstandes mächtig ist und in Abgrenzung von den Erwachsenen über eigene Vorstellungen verfügt, zum anderen zeigt ihr Spiel mit den Objekten der Natur ihre Verbundenheit mit jenem ihr noch unbekannten Raum.

2.2 Der Sprung über den „Höllenschlund“ - ein Schlüsselereignis

Durch einen Blitzeinschlag wurde die Räuberburg in der heftigen Gewitternacht, in welcher Ronja zur Welt kam, entzweit. Fortan tut sich eine tiefe Kluft zwischen den beiden Teilen der Festung auf. Mattis befiehlt Ronja, sich vor diesem „Höllenschlund“ (RR, S.17) zu hüten. Dies tut sie, indem sie sich darin übt, keine Angst vor jenem Abgrund zu haben. Sie plant ihre Angst mit einem Sprung über die Kluft zu überwinden, was sie jedoch vorerst unterlässt, als sie Birk, den Sohn des Erzfeindes Borka, auf der anderen Seite erblickt (vgl. RR, S.31). Die Borkasippe hat über Nacht den nördlichen Teil der Burg, in welchem die Mattisräuber sich nicht mehr aufhielten, besiedelt (vgl. RR, S.33). Die Borkasippe und somit auch deren neuer Wohnraum bilden einen oppositionellen semantischen Raum zum Raum der Mattisburg. Diese Opposition ergibt sich durch das Vorhandensein gegensätzlicher Merkmale: Der Raum der Mattisburg ist gekennzeichnet von einer Feindseligkeit gegenüber der Borkasippe, der Raum der Borkafeste hingegen ist gekennzeichnet durch eine Feindseligkeit gegenüber der Mattissippe. Der Höllenschlund, welcher die beiden Burgteile voneinander trennt ist somit auch eine Grenze zwischen den semantischen Räumen. Symbolisch steht der Höllenschlund in diesem Kontext für die Kluft zwischen den beiden verfeindeten Räuberbanden.

Als Ronja den gleichaltrigen Jungen entdeckt freut sie sich. Diese Gefühlsregung wird durch eine Wiederholung beschrieben: „Ronja schaute ihn sich an, wie er dort saß, und sie lachte leise, weil es ihn gab.“ (RR, S.32). Dieser Ausdruck begegnet dem Leser bereits zweifach zu Beginn desselben Kapitels, als die Räubertochter die Neuartigkeiten des Waldes erkundet. Sie sah die Bäume „und lachte leise, weil es sie gab.“ (RR, S.20). Mit denselben Worten wird auch Ronjas Reaktion auf die Entdeckung der Seerosen beschrieben. „Ronja wusste nicht, dass es Seerosen waren, aber sie sah sie lange an und lachte leise, weil es sie gab.“ (RR, S.20). Auch Birk Borkasohn ist für sie eine neue Entdeckung. Sie weiß ebenso wenig, dass der Junge der Sohn Borkas ist, wie sie wusste dass die leuchtenden Blumen Seerosen waren und sieht ihn an, wie sie auch die Seerosen ansah und sie lacht leise, wie sie auch über die Seerosen lachte. Die formale und inhaltliche Ähnlichkeit dieser Sätze stellt einen Bedeutungszusammenhang her. Birk wird hier mit der Natur, insbesondere der Seerose, korreliert. Als Ronja von Birk dessen Herkunft erfährt ändert sich ihre Einstellung ihm gegenüber. Sie wird „fuchsteufelswild“ (RR, S.34) als sie erfährt, dass die Borkaräuber einen Teil der Burg für sich beanspruchen und plant diese schnellstmöglich zu vertreiben (RR, S.36). Ronja übernimmt an dieser Stelle die Ansicht ihres Vaters und dessen Räuberbande und bezeichnet die Borkaräuber als „Hosenschisser“ (RR, S.33). Auch Birk hat selbiges von seiner Sippe über die Mattisräuber vermittelt bekommen. Hier wird deutlich, dass das Denken der jungen Kinder noch stark von deren Eltern beeinflusst ist und ihre Sicht durch Vorurteile getrübt ist. Nach Lotman weisen sowohl Ronja als auch Birk jeweils das für ihren Raum konstitutive Merkmal auf und stehen durch ihre Raumbindung in Opposition zueinander. Birk ist der erste der beiden Kinder, welcher den Sprung über die Kluft wagt, um auf Ronjas Seite zu gelangen und forderte sie dort zu einem Gegensprung heraus (vgl. RR, S.36). Es handelt sich hierbei nach dem Raumtopologiemodell um eine eigentliche Grenzüberschreitung, da die Figurenmerkmale der Person konstant bleiben.6 Vorerst um ihr Können zu beweisen, später „um ihm zu entkommen“ (RR, S.37) springt daraufhin auch Ronja so lange auf die jeweils nicht von Birk besetzte Seite bis dieser abrutscht und im Höllenschlund landet (vgl. RR, S.36-38). Trotz der starken Abneigung gegenüber Birk entscheidet sich Ronja nun, den Jungen aus seiner misslichen Lage zu befreien, denn „er und auch Ronja wusste es, dass er ohne Hilfe nicht herauskommen konnte.“ (vgl. RR, S. 39). Die Hilfsbereitschaft gegenüber dem Borkasohn zeigt, dass Ronja sich in ihrer Merkmalsmenge von ihrem Vater

[...]


1 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft. Textanalyse. Zweite, komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage. Verlag Ludwig, Kiel 2015. S.190

2 Ebd.: S.192

3 Vgl. ebd.: S.192

4 Im Folgenden unter der Sigle »RR« zitiert nach der Ausgabe: Lindgren, Astrid: Ronja Räubertochter. Verlag Friedrich Oetinger GmbH, Hamburg 1982.

5 Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft. Textanalyse. Verlag Ludwig, Kiel 2006. S.296

6 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft. Textanalyse. Verlag Ludwig, Kiel 2006. S.309

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Eine gefährliche Freundschaft. Die Bedeutung der Raumsemantisierung in Astrid Lindgrens‘ "Ronja Räubertochter"
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V460490
ISBN (eBook)
9783668912717
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ronja Räubertochter, Astrid Lindgren
Arbeit zitieren
Sabrina Porsil (Autor), 2018, Eine gefährliche Freundschaft. Die Bedeutung der Raumsemantisierung in Astrid Lindgrens‘ "Ronja Räubertochter", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460490

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eine gefährliche Freundschaft. Die Bedeutung der Raumsemantisierung in Astrid Lindgrens‘ "Ronja Räubertochter"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden