Zwischen Stickvorlage und Sozialkritik. Maria Sibylla Merian


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographische Eckdaten und Einordnung
2.1. Künstlerinnen im 17. und 18. Jahrhundert
2.2. Maria Sibylla Merians Leben

3. Strickvorlagen: Das Blumenbuch
3.1. Werkbeispiel: „Zwei einfache Narzissen“ - Beschreibung
3.2. Das Blumenbuch als Vorlagenwerk für Blumenstücke

4. Naturbeobachtung und Naturerforschung: Das Raupenbuch
4.1. Werkbeispiel: Tafel 37 - Beschreibung
4.2. Das Raupenbuch als popularisierte Naturgeschichte

5. Exotik und Sozialkritik: Das Surinambuch
5.1. Werkbeispiel: Tafel 26 - Beschreibung
5.2. Das Surinambuch als Pionierwerk der modernen Wissenschaften

6. Maria Sibylla Merians Technik und künstlerische Entwicklung

7. Einordnung in die Stillleben ihrer Zeit anhand eines Werkes Marells

8. Zusammenfassung und Fazit

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Literatur-Quellenverzeichnis

1.Einleitung

Der Name Meian ist uns - wenngleich die bekanntesten Träger dieses Nachnamens im 16. und 17. Jahrhundert lebten – noch heute erhalten. Beispiele finden sich unter anderem in der Populärkultur. Wer noch vor Euro-Zeiten mit einer großen Summe Bargeld bezahlte, hatte das Konterfei der Naturforscherin und Blumenmalerin Maria Sibylla Merian wohl mit in der Tasche: Sie war auf dem 500-DM Schein abgebildet. Auf der Vorderseite war ihr Portrait, auf der war Rückseite eines ihrer Werke abgedruckt: ein Löwenzahn, auf dem eine Raupe und ein Falter sitzen.1 Denn die Darstellung von Insekten, Pflanzen, Früchten und Tieren war ihr Lebenswerk. Ein anderes Beispiel ist das Reise-Magazin Merian, das sich nach Maria Sibylla Merians Vater, dem angesehenen Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian (1593-1650)2, benennt, der zu seinen Lebzeiten etliche Stadtansichten gestochen und herausgegeben hat. Auf eine abenteuerliche Reise begab sich, wie wohl viele Leser dieses Magazins, auch die Tochter seines Namensgebers Matthäus Merian. Maria Sibylla Merian beobachtete auf ihrer Reise nach Surinam, einer damaligen niederländischen Kolonie in Südamerika, nicht nur die reiche Flora und Fauna und fertigte Skizzen für ihr Hauptwerk Metamorphosis Insectorum Surinamensium an, sondern hatte auch Kontakt zu den dort lebenden Ureinwohnern und zeichnete deren Wissen über die Flora und Fauna auf, um es später in ihr wissenschaftliches Werk einzubringen.

Wie sich die Künstlerin von einer Blumenmalerin, die Strickvorlagen erstellt, bis hin zur sozialkritischen Herausgeberin eines Werkes über die Insekten und Pflanzen Südamerikas entwickelte, wird in dieser Arbeit unter anderem geschildert. Die Fragestellung besteht zum einen aus der Klärung der Laufbahn der Künstlerin und ihrer künstlerischen Entwicklung, zum anderen aus der Beschreibung und Deutung einiger ihrer Illustrationen, die ihre Darstellungsweise exemplarisch veranschaulichen. Dabei wird der These, dass die Naturforscherin einerseits genau beobachtete und beschrieb, andererseits aber bei der Abbildung ihrer Beobachtungsgegenstände vor allem zu Gunsten der Komposition und der inhaltlichen Aussage des Werkes entschied, verfolgt. Ihr Fokus meist weniger auf einer exakt naturgetreuen Abbildung als auf der kompositionell und ästhetisch ausgeglichenen Gesamtwirkung ihrer Illustrationen, deren Hauptziel in der Visualisierung der Metamorphose eines Insektes und der damit zusammenhängenden Abläufe in der Natur bestand.3 Um die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Künstlerin und ihrem Leben und Werk einzuordnen, wird außerdem auf die allgemeine Situation in ihrer Zeit und ihre Position im gesellschaftlichen Leben eingegangen.

Abschließend folgt ein der Einordnung und des Vergleiches dienender Teil über die Stillleben ihrer Zeit. Über den Vergleich wird Maria Sibylla Merian in die Tradition der Stillleben- und Blumenmalerei eingeordnet, bevor ihre Technik und ihre Errungenschaften und Darstellungsverfahren als Neuentwicklungen für die Gattung des Insektenstückes und Metamorphosenbildes vorgestellt werden.

2.Biographischedatenordnung

Bezeichnet unter anderem als „wissenschaftlicher Pioniergeist“4, „frühe Entomologin“5,„Künstlerin und Naturforscherin in einer Person“6, „Autorin und Verlegerin zugleich“7,sorgt Maria Sibylla Merian auch noch fast 300 Jahre nach ihrem Tod für Gesprächsstoff und lässt Wissenschaftler über ihre Intention nachdenken und über ihre Einordnung diskutieren. 8 Sicher ist, dass sie in vielerlei Hinsicht begabt war und sich sowohl für die Wissenschaft als auch die Kunst interessierte. „Sie war Naturforscherin, Künstlerin, Lehrerin, Händlerin mit Farben und Präparaten, Verlegerin, Hausfrau und Mutter von zwei Töchtern“ 9 und ist somit nicht leicht in eine Kategorie einzuordnen. In ihrem wechselvollen Leben machte sie mit Wissensdurst, Neugier, Begabung und Willensstärke10 Errungenschaften für Kunst und Wissenschaft11,die uns bis heute erhalten sind und mit denen sich diese Arbeit noch im Einzelnen beschäftigen wird. Bevor auf ihre künstlerische Entwicklung genauer eingegangen werden kann, steht eine Verortung der Maria Sibylla Merian in ihrer Zeit und ihrer Rolle als weibliche Künstlerin des 17. und 18. Jahrhunderts aus.

2.1. Künstlerinnen im 17. und 18. Jahrhundert

In Zeiten vor der Zulassung von Frauen in Akademien oder ihrer Anerkennung als eigenständige bildende Künstlerinnen hing die Möglichkeit einer Karriere im Bereich der Kunst oder des Kunsthandwerkes stark mit der sozialen und familiären Herkunft und Stellung der jeweiligen Frau ab. So waren Künstlerinnen schon in der Antike meist Künstlertöchter. 12 Im Mittelalter fanden künstlerische Tätigkeiten in Frauenhand fast immer in Klöstern oder unter anderweitiger religiöser Legitimierung statt.13 Auch später war der einzige Weg für ein Mädchen, im Bereich der Kunst Fuß zu fassen, nahezu ausschließlich der Weg über die Herkunft aus einer Familie von Kunsthandwerkern oder ähnlichem.

Üblich war auf für Frauen eine Ausbildung bei einem Lehrmeister; dieser wurde als Nachweis einer Qualifikation angesehen und dessen Nennung wurde für eine Ausübung des Lehrberufes im späteren Leben oder anderswo als in der Lehrwerkstatt gefordert.14 Die Kombination von beidem – zum einen einer Herkunft aus einer Künstlerfamilie, zum anderen die Verfügbarkeit eines Lehrmeisters – war bei Maria Sibylla Merian gegeben: Ihr Vater war der berühmte Kupferstecher und Herausgeber von Stadtansichten und Stichwerken Matthäus Merian der Ältere (er starb jedoch kurz nach ihrer Geburt und konnte nicht mehr als ihr Lehrmeister fungieren), ihr späterer Stiefvater Jacob Marell war Stilllebenund Ölmaler und gab sowieso auch männlichen Lehrlingen Malunterricht, sodass auch Maria Sibylla daran teilnehmen konnte.15 So lernte Maria Sibylla von klein auf Illustrationstechniken wie das Zeichnen, die Aquarellmalerei und das Kupferstechen16, ihre Mutter brachte ihr das Sticken bei.17 Wie schon erwähnt, spielte schon seit dem Mittelalter, aber auch später im 17. und 18. Jahrhundert die Legitimation durch die Religion bei der Ausübung einer Frau im künstlerischen Sektor mithinein. So waren Frauen von der Gemäldemalerei ausgeschlossen18, „aber das Zeichnen neutraler Naturmotive, wie Blumen oder Tiere, [galt] als eine Form der Gottesandacht und [war] somit für junge Damen durchaus erwünscht.“19 Die Anfertigung von grafischen Darstellungen war ein Haupt-Tätigkeitsbereich weiblicher Künstlerinnen20 und hing besonders im 16. und 17. Jahrhundert mit einer „zunehmenden Nachfrage nach Buchillustrationen überhaupt, vor allem auch der wissenschaftlichen Illustration zusammen.“21 Nicht nur ihre Arbeit als Künstlerin, sondern auch ihre Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themengebieten, war also nicht nur durch die gesellschaftliche Lage und Nachfrage an naturkundlichen Abbildungen bestimmt, sondern enthielt für Maria Sibylla Merian ihre Rechtfertigung auch immer in ihrer von einer christlichen Grundhaltung geprägten Weltsicht: „in jedem noch so winzigen Insekt sah sie die Gegenwart Gottes“.22

2.2. Maria Sibylla Merians Leben

Die Religion nimmt im Leben der Naturkundlerin und Illustratorin einen nicht allzu geringen Teil ein. Nicht nur wurden ihre Tätigkeiten in Wissenschaft und Kunst legitimiert, auch ihre im Folgenden vorgestellten Lebensstationen hängen mit ihren religiösen Ansichten zusammen.

Eine kurze Skizze ihres Lebens soll diese Zusammenhänge erläutern und eine Einführung in ihre Lebensumstände und Gedankenwelt bieten, nicht zuletzt um ihre Beweggründe – beispielsweise die zum Erlernen und Verbessern künstlerischer Techniken und ihrer Verwendung im Gebiet der Pflanzenkunde und Entomologie – und um ihre Entwicklung und ihre Darstellungsweise besser verstehen zu können.

Geboren wurde Maria Sibylla Merian ein Jahr vor Abschluss des Dreißigjährigen Krieges, 1647, in Frankfurt am Main.23 Ihr Vater, der berühmte Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian der Ältere, hatte zu seinen Lebzeiten Stichwerke mit Stadtansichten veröffentlicht und war somit nicht nur aus künstlerischer, sondern auch aus kaufmännischer Sicht ein gutes Vorbild.24 Das Elternhaus bot nahezu perfekte Voraussetzungen für die spätere Tätigkeit der Tochter: So hatte Maria Sibylla Zugang zu Materialien und Unterricht und konnte sich durch die wohl zahlreiche und vielfältige Auswahl an Büchern und Stichwerken weiterbilden und inspirieren lassen.25 Das Lehrlingssystem war für Frauen im 17. und 18. Jahrhundert die beste Gelegenheit, sich wissenschaftliche Kenntnisse anzueignen26 und in bot in Maria Sibyllas Fall auch die Möglichkeit, verschiedene künstlerische und handwerkliche Techniken zu erlernen. Im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern blieb ihr allerdings die in der Lehre typische Wanderschaft verweigert: sie blieb im Haus des Vaters und lernte durchgehend in seiner Werkstatt.27 Das Interesse Maria Merians an der Beobachtung, Erforschung und Darstellung des Verhaltens, der Lebensräume und der Lebensstadien von Insekten kam schon früh auf. Zu ihrer Leidenschaft soll sie gefunden haben, als sie im Alter von dreizehn Jahren eine Seidenraupenfabrik besuchte.28 „In Frankfurt zeichnet sie zum ersten Mal die Entwicklung der Seidenraupe und beschreibt in kurzen Worten, was sie sieht.“29 Die Faszination für das Sammeln und Beobachten von Raupen und Schmetterlingen ist war für eine junge Frau im17. Jahrhundert eine ungewöhnliche Leidenschaft, da Insekten meist als Teufelsgetier betrachtet wurden und man immer noch an die auf Aristoteles zurückgehende Urzeugungstheorie – auch Abiogenese genannt - glaubte, nach der sich Raupen und Würmer spontan aus Schlamm oder faulenden Stoffen bilden.30

Mit achtzehn Jahren heiratete Maria Sibylla Merian einen ehemaligen Schüler ihres Stiefvaters: Johann Andreas Graff.31 Das junge Paar lebte zunächst in Frankfurt, bevor zwei Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter – Johanna Helena – der Umzug in die Heimatstadt Graffs folgte: ab 1670 lebte die Familie in Nürnberg.32

Obwohl beide Maler waren, trat Maria Merian nicht, wie es üblich war, als Teilhaberin in den Betrieb des Mannes ein. Statt dessen gründete sie ihr eigenes Geschäft, in dem sie mit selbstentworfenen Blumenmustern bemalte Seide, Samt und Leinenstoffe verkaufte.33

Durch den Quellenstand entsteht der Eindruck, „dass die junge Frau in nicht unerheblichen Maße zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen hat.“34 In ihrer Zeit in Nürnberg perfektionierte sie ihr handwerkliches Können, übertrug Motive auf Stoffe und verkaufte diese, unterrichtete Töchter bürgerlicher Familien im Malen und Sticken in ihrer „Jungfern- Company“ und handelte mit Insekten, selbst hergestellten Farben und den zum Malen notwendigen Utensilien.35 Aus ihrer Arbeit mit Malschülerinnen ist wohl auch ihre erste Veröffentlichung entstanden36, ihr Blumenbuch, „eine Sammlung von Kupferstichen, auf denen – ohne Begleittext – einzelne Blumen, Kränze und Sträuße dargestellt waren“37 und das in drei Teilen, von 1675 bis 1680 erschein.38 Vermutlich hoffte Maria Sibylla von der damals in Europa herrschenden Blumenbegeisterung zu profitieren39, indem sie „naturgetreue Vorlagen für die unter Bürgersfrauen beliebte Stickerei und Stoffmalerei“40 zu Verfügung stellte.41 In Nürnberg ging Maria Sibylla Merian auch weiterhin ihrer Insektenleidenschaft nach: sie sammelte und verwahrte die Raupen und Puppen, suchte die passende Nahrung für die jeweilige Spezies und fütterte diese, hielt ihre Entwicklungsstadien fest und beschrieb sie in einem Tagebuch, bevor sie das Aussehen der Insekten in Skizzen abzeichnete und anschließend ein Aquarell malte, das als Vorlage für den späteren Kupferstich diente.42 Im Jahre 1678 „wird ihre zweite Tochter, Dorothea Maria Henriette, geboren und unmittelbar darauf gibt Maria Sibylla ihr zweites großes Werk heraus, das den Erfolg des Blumenbuchs noch bei Weitem übertreffen soll.“43

Für ihr Lebenswerk, das sogenannte Raupenbuch, eigentlich Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen-nahrung44, nimmt die Künstlerin einen ungeheureren Arbeitsaufwand auf sich45, um den Prozess der Metamorphose und so die Zusammenhänge in der Natur, die Insekten in ihrem Lebenszusammenhang46 darzustellen.

Eine weitere Station der Maria Sibylla Merian nach dem süddeutschen Nürnberg war das Schloss Waltha im friesländischen Wieuswerd, wo sie von ihrem Mann getrennt lebte und sich mit ihren Töchtern in den Glauben und die strenge Religionsgemeinschaft der Labadisten zurückzog.47 Denn als 1681 ihr Stiefvater Jacob Marell starb und Maria Sibyllas Mutter wieder Witwe wurde, kam die junge Künstlerin auch wieder in engeren Kontakt mit der Familie in Frankfurt und blieb dort ab 1686. Aus der Frage nach dem Erbe entstand eine Familienstreitigkeit.48 Der Kontakt zu ihrem Halbbruder Caspar war nie abgerissen. Dieser hatte sich zuvor der Labadistengemeinde angeschlossen.49 Ebenfalls im Jahre 1686 entschied sich seine Schwester dann, ihm nachzufolgen, und siedelte mit ihren Töchtern in die Religionsgemeinschaft der Labadisten über.50 Der Schlüssel, warum Maria Sibylla sich einem einfachen Leben im Sinne des Urchristentums widmete, lag wohl nicht zuletzt in der dadurch möglichen Trennung und Scheidung von ihrem Mann.51 Nicht nur waren bei den Pietisten alleinstehende Frauen „genauso anerkannt wie als Ehefrau gleichberechtigt“ 52, sondern die Frau hatte „ferner das Recht, sich von ihrem Mann zu trennen. Die Ehe war außerdem automatisch ungültig, wenn nicht beide der Glaubensgemeinschaft angehörten, wie das bei Johann Andreas Graff und Maria Sibylla der Fall [war].“53 Des Weiteren waren die Labadisten „unabhängigen und gebildeten Frauen wohlgesonnen“54, was womöglich einen weiteren Grund für die Anziehungskraft der Gemeinde darstellte. Warum die Naturforscherin und Illustratorin sich von ihrem Mann trennen wollte, und ob die Ehe glücklich war oder nicht, ist nicht überliefert.55 Erhalten ist lediglich, dass Graff versuchte, seine Frau aus der Labadistengemeinde zurückzuholen, dabei aber auf Verweigerung stieß und sich einige Jahre später, 1692, schließlich an den Stadtrat von Nürnberg wandte, um eine Erlaubnis zur Scheidung von Maria Sibylla zu erbitten, die ihm auch gewährt wurde.56

Über den Aufenthalt im Schloss Waltha hinterließ Maria Merian keine Aufzeichnungen57, sie arbeitete lediglich an einem Studienbuch58 und beteiligte sich höchstwahrscheinlich an der Hauswirtschaft.59 Ferner erhielt sie bei der Gemeinschaft der Labadisten wohl die Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen: sie lernte Latein und studierte weiterhin Pflanzen und Tiere, nicht nur die Einheimischen, sondern auch solche, die ihr von der Labadisten-Kolonie im südamerikanischen Surinam geschickt wurden.60

Im Jahre 1688 wird der Schloßbesitzer Sommeldijk, der Gouverneur von Surinam […] ermordet. Geldmangel und Unzufriedenheit machen sich auf Schloß Waltha breit, die Glaubensgemeinschaft zerfällt. Für Maria Sibylla geht die Zeit hier zu Ende. 1690 erwögen alle, ob sie die Kommune auflösen sollen. Es ist das Jahr, in dem die Witwe Merian ihre Augen für immer schließt. Der Tod der Mutter macht Maria Sibylla endgültig frei. Bewußt bricht sie die letzte Brücke zu Deutschland ab[.] […] Sie kündigt ihr Frankfurter Bürgerrecht auf, um mit ihren Töchtern in das weltoffene Amsterdam zu ziehen.61

1691 verlässt Maria Sibylla Merian „mit ihren beiden Töchtern, ihren Bildern und Kupferplatten, ihrer Insektensammlung“62 Schloss Waltha.63

Der Neuanfang in Amsterdam, „der Hochburg naturwissenschaftlicher Forschung“64, dem „blühende[n] Zentrum von Handel, Banken und Gewerbe“65 ist vielversprechend, denn nun kann Merian wieder ihr kaufmännisches und künstlerisches Talent ausüben, um ihren Lebensunterhalt selbstständig zu bestreiten. Sie handelte mit gefärbten Stoffen und produzierte und verkaufte Malerfarben, ihre Arbeit an den Illustrationen für ihr Raupenbuch setzte sie fort.66 Wichtig für die Erweiterung ihrer wissenschaftlichen Kenntnisse waren zu der Zeit auch ihre Bekanntschaften mit Sammlern und Forschern: sie sah die reichen und prächtigen Sammlungen exotischer Pflanzen und Schmetterlinge67, besuchte den botanischen Garten und studierte die naturgeschichtlichen Sammlungen der Stadt.68 Allerdings zeigten die Wunderkammern nur tote Insekten in Schaukästen in ihrer jeweiligen Form, in der sie konserviert wurden.69 Das reichte Merian nicht, denn ihr Interesse galt den Prozessen, „durch die aus der Raupe eine Puppe und aus dieser ein Schmetterling wird. Das veranlaßte sie, ihre eigenen Forschungen fortzuführen.“70

Schon seit ihrer Zeit bei den Labadisten, in der sie Erzählungen von der südamerikanischen Flora und Fauna gehört und einzelne exotische Exemplare, die ihr geschickt wurden gesehen hatte71, wuchs Maria Sibylla Merians Wunsch, diese Tiere in ihrem Lebensraum zu studieren.72 Aufgrund der Blüte der Wissenschaften und dem wachsenden Interesse an fremden Ländern, erhoffte sich die Künstlerin, ihre Illustrationen, die sie auf der Reise nach Surinam anfertigen wollte, später an den Mann bringen zu können und so ihren Aufenthalt ebenso wie die Druckkosten für das nach ihrer Rückkehr zur Veröffentlichung geplante Buch finanzieren zu können.73

Im Juni 1699 – im Alter von 52 Jahren - ging Maria Sibylla Merian schließlich das Wagnis einer Reise nach Südamerika ein und stieg mit ihrer Tochter Dorothea in das Schiff, das sie nach Surinam bringen sollte.74 Zuvor erstellte sie ihr Testament75, ließ ihre Sammlung von Kunsthändlern verkaufen und plante weiterhin, durch den Verkauf von seltenen Insekten, die sie aus der südamerikanischen Kolonie mitbringen würde, ihre Reisekosten zu decken.76 Nach einer mehrmonatigen Anfahrt malte Maria Sibylla im Oktober 1699 die erste Metamorphose eines Insektes und notierte sich dessen Verhalten und Verwandlung.77 In Surinam fertigte die Künstlerin „zusammen mit ihrer Tochter Dorothea […] zwei Jahre lang genaue Skizzen von Käfern, Blüten und Blättern, Raupen, Schmetterlingen und Reptilien“ 78 an und nahm auch Notizen zur Verwendung der jeweiligen Pflanzen auf.79 Die Abreise aus der südamerikanischen Kolonie erfolgte früher als geplant, im Juni 170180, da Maria Sibylla entweder krank oder durch die Hitze zu sehr geschwächt war.81 Nach ihrer Rückkehr nach Amsterdam arbeiten die beiden Frauen an der Erstellung der Publikation und der Verwertung der mitgebrachten Materialien. In dieser arbeitsreichen Zeit werden Finanzierungsmaßnahmen getroffen82, Aquarelle gezeichnet und später in Kupfer gestochen, die Blätter koloriert.83

[...]


1 Vgl. Kriwet/ Meyer 2011.

2 Vgl. Ganske 2013.

3 Vgl. Punkt 4.2.

4 Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 37.

5 Schiebinger 1993, S. 108.

6 Rücker 1980, S. 8.

7 Davis 1996, S. 214.

8 Vgl. Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 37.

9 Wettengl 2004, S. 14.

10 Vgl. Davis 1996, S. 170.

11 Vgl. Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 38f.

12 Vgl. Krull 1984, S. 10.

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Ebd. , S. 8-11.

15 Vgl. Ebd. , S. 114.

16 Vgl. Davis 1996, S. 172.

17 Ebd

18 Vgl. Heeg 2006, S. 26. und Buchholz 2003, S. 30.

19 Ebd.

20 Vgl. Krull 1984, S.51f.

21 Ebd., S. 52.

22 Buchholz 2003, S. 30.

23 Vgl. Rücker 1980, S. 8 und Haberlik/ Mazzoni 2002, S.37.

24 Vgl. Wettengl 2004, S. 6 u. Davis 1996, S. 171f.

25 Vgl. Rücker 1980, S.10f.

26 Vgl. Schiebinger 1993, S. 108.

27 Vgl. Schiebinger 1993, S. 108ff.

28 Vgl. Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 36f.

29 Kerner 1988, S. 19.

30 Vgl. Heeg 2006, S. 15. und Davis 1996, S. 181.

31 Vgl. Schiebinger 1993, S. 110.

32 Vgl. Rücker 1980, S. 11.

33 Schiebinger 1993, S. 110.

34 Vgl. Rücker 1980, S. 11.

35 Vgl. Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 37ff.

36 Vgl. Rücker 1980, S. 12.

37 Davis 1996, S. 12.

38 Vgl. Ebd.

39 Vgl. Schiebinger 1993, S. 112.

40 Vgl. Buchholz 2003.

41 Genauere Ausführungen zum Blumenbuch und seiner Bedeutung siehe Punkt 3.

42 Vgl. Rücker 1980, S. 12.

43 Heeg 206, S. 17.

44 Vgl. Davis 1996, S. 175; Genaueres hierzu siehe Punkt 4.

45 Vgl. Rücker 1980, S. 14.

46 Vgl. Davis 1996, S. 187.

47 Vgl. Davis 1996, S. 190; Schiebinger 1993, S.114; Wettengl 2004, S. 27.

48 Vgl. Davis 1996, S. 190.

49 Vgl. Rücker 1980, S. 14. Und Davis 1996, S. 190.

50 Vgl. Ebd.

51 Vgl. Ebd., S. 16.

52 Kerner 1988, S. 61.

53 Ebd.

54 Schiebinger 1993, S. 115.

55 Vgl. Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 37.

56 Vgl. Schiebinger 1993, S. 115.

57 Vgl. Ebd., S. 116.

58 Vgl. Davis 1996, S. 196f.

59 Vgl. Schiebinger 1993, S. 116.

60 Vgl. Ebd.

61 Kerner 1988, S. 65f.

62 Davis 1996, S. 198.

63 Vgl. Davis 1996, S. 198.

64 Heeg (Hg.) 2006, S. 19.

65 Davis 1996, S. 199.

66 Vgl. Schiebinger 1993, S. 116.

67 Heeg 2006, S. 19

68 Vgl. Schiebinger 1993, S. 116.

69 Vgl. Ebd., S. 117 und Heeg 2006, S. 20.

70 70 Vgl. Schiebinger 1993, S. 117.

71 Vgl. Schiebinger 1993, S. 116.

72 Vgl. Rücker 1980, S. 16.

73 Vgl. Rücker 1980, S. 18 u. 23; Davis 1996, S. 213; Schiebinger 1993, S. 119ff.

74 Vgl. Haberlik/ Mazzoni 2002, S. 38; Davis 1996, S. 204.

75 Vgl. Heeg 2006, S. 20.

76 Vgl. Davis 1996, S. 204.

77 Vgl. Ebd., S. 210.

78 Buchholz 2003, S. 30.

79 Vgl. Rücker 1980, S. 25 u. Heeg 2006, S. 21.

80 Vgl. Davis 1996, S. 212.

81 Vgl .Ebd.; Schiebinger 1993, S. 118;

82 82 Zur Finanzierung nutze Merian neben des Verkaufes von Insekten-Präparaten das Verfahren der Subskription, bei der sich Interessenten im Voraus an den Kosten der Publikation beteiligen, um eine Vorbestellung zu tätigen; des Weiteren ist von einem Darlehen und dessen Rückzahlung die Rede (Vgl. Davis 1996, S. 213.)

83 83 Vgl. Davis 1996, S. 212

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Zwischen Stickvorlage und Sozialkritik. Maria Sibylla Merian
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Kunstgeschichte / Bildwissenschaft)
Veranstaltung
Gender, Genie und Geld – Eine Kulturgeschichte der Künstlerin
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
33
Katalognummer
V462119
ISBN (eBook)
9783668915503
ISBN (Buch)
9783668915510
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst, Kunstgeschichte, Maria Sibylla Merian, Maria Sybilla Merian, Merian, Maria Merian, Stickvorlage, Sozialkritik, Kulturgeschichte, Surinam, Surinambuch, Blumenbuch, Wissenschaftsgeschichte, Stillleben, Künstlerin, Künstlerinnen
Arbeit zitieren
Sophie Lichtenstern (Autor), 2015, Zwischen Stickvorlage und Sozialkritik. Maria Sibylla Merian, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462119

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