Das Syndromkonzept als Orientierungshilfe

Eine Analyse der Containerisierung im Hamburger Hafen


Seminararbeit, 2018
33 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung (Teil 1: J. S.)

2 Mehrperspektivische Raumanalyse
2.1. Systemorientierung
2.2. Die drei Entscheidungsfelder

3 WBGU und die Kernprobleme des GW
3.1. Das Syndromkonzept
3.2. Die Grundelemente des Syndromkonzepts
3.2.1 Symptome des Globalen Wandels
3.2.2 Wechselwirkungen zwischen Symptomen
3.2.3 Syndrome

4 Der Syndromanalyse-Ansatz (praktische Anwendung)
4.1. Die Syndromanalyse am Beispiel des Hamburger Hafen

5 Verwendung des Syndromkonzepts
5.1. Für die Geographie im Allgemeinen
5.2. Für den Geographieunterricht

6 Der Syndromansatz am Beispiel Hafen Hamburg – eine Anwendung (Teil 2: Robin Broksch)

Nachhaltigkeit

7 Globalisierung und deren Auswirkung auf den Hamburger Hafen. Die Bedeutung des zunehmenden Welthandels auf die Schifffahrt.

8 Der Hamburger Hafen
8.1 Die Herausforderungen des Hamburger Hafens

9 Konzeption Syndromkonzept Hamburger Hafen
9.1 Die Bedeutung des Verkehrsausbaus
9.2 Elbvertiefung
9.3 Weitere Probleme der wachsenden Containerisierung

10 Abgleich mit globaler Symptomsammlung
10.1 Das Aralsee-Syndrom

11 Fazit und Ausblick

12 Anhang

13 Abbildungsverzeichnis / Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis

14 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Weder kann die Welt als eine „Box“ beschrieben werden, noch kann sie im Maßstab 1:1 reproduziert werden. Der benötigte Beschreibungsansatz muss flexibel von der globalen bis auf die regionale Ebene anwendbar sein. Die benötigte Auflösung muss ein Modellieren auf einer Ebene zulassen, so dass Ergebnisse von Prognosen vor dem Eintritt der Ereignisse fertiggestellt werden können und politische Handlungsempfehlungen zu Prävention aber auc h zur Lösung bestehender Probleme abgegeben werden können. Diese Aufgabe wird derzeit erfolgsversprechend mit dem Syndromkonzept zu lösen versucht“ (Gerstengarbe, 2001: 31f.).

In dieser Arbeit wird dabei das sogenannte Syndromkonzept als Orientierungshilfe und Methode genutzt, um das relevante Problem, in diesem Fall eine nicht nachhaltige Entwicklung im Raum des Hamburger Hafens, zu identifizieren. Der Hamburger Hafen zeigt eindeutig die Koppelung des Sozial- und Umweltproblems. Doch nun ist die Frage, welche Wechselbeziehungen sich hieraus ergeben können und welche Leitfrage sich daraus erschließen kann, die nicht nur den regionalen und lokalen Aspekt einbringt, sondern global anwendbar ist. Zudem soll der Frage nachgegangen werden, ob der Hamburger Hafen als Raum identifiziert werden kann, der von höchst relevanten und nicht nachhaltigen Entwicklungen betroffen ist. Dabei wird im ersten Teil der vorliegenden Arbeit (Kapitel 1 bis 5) von der Studentin J. S., über das Syndromkonzept im Allgemeinen und die eigenen Herangehensweisen beschrieben. Gefolgt von der Verwendung in der Geographie und in der Schule. Den Übergang zur Globalisierung und dessen Auswirkung auf den Hamburger Hafen folgt im zweiten Teil (Kapitel 6 bis 11), erarbeitet durch den Studenten Robin Broksch. Hierbei liegt der Fokus auf der Containerisierung im Raum des Hamburger Hafens.

2 Mehrperspektivische Raumanalyse

Um das Syndromkonzept und seine Bedeutung für den Geographieunterricht zu verstehen, sollte zunächst kurz auf die Leitprinzipien der mehrperspektivischen Raumanalyse eingegangen werden. Bei der mehrperspektivischen Raumanalyse steht ein klar abgegrenzter Raum im Fokus, welcher anhand von einer Leitfrage und mit Hilfe der vier verschiedenen Perspektiven der Raumkonzepte analysiert wird. Doch es ist schwierig und bleibt oftmals offen, wie Schülerinnen und Schüler den Zusammenhang des Erlernten und ihre neu gewonnenen Erkenntnisse vernetzen können und so der Anspruch der geforderten Systemorientierung berücksichtigt werden kann. Der Schritt mit der mehrperspektivischen Raumanalyse stößt den Weg des deduktiven Einstiegs des Geographieunterrichts ab und ermöglicht eine induktive Herangehensweise. Es werden hierbei die Materialien und Arbeitsaufträge, in Hinblick auf die vier Raumkonzepte gestaltet, doch werden diese nicht vor der Analyse explizit thematisiert,

sondern die Erarbeitung erfolgt am Ende. Um dies zu ermöglichen, muss die Raumanalyse acht Prinzipien gerecht werden, damit sie als mehrperspektivisch und je nach Lerngruppe und Intention auch als systemorientiert bezeichnet werden kann. Dabei liegt für das Systemkonzept der Fokus auf der Systemorientierung. Die acht Leitprinzipien sind:

(1) Problemorientierung,
(2) Berücksichtigung idiographischer Gegebenheiten,
(3) Selbstgesteuertes Arbeiten (bzw. Analysieren),
(4) Systemorientierung (s. Kap. 2.1);
(5) (räumliche) Mehrperspektivität,
(6) Wissenschaftsorientierung bzw. -propädeutik,
(7) Ergebnistransfer und
(8) Schulung der Urteils- und Handlungskompetenz (vgl. Bette, 2014: 22ff.).

2.1. Systemorientierung

Das Prinzip der Systemorientierung ist relevant für das Syndromkonzept. Daher soll kurz erläutert werden, was bei diesem Prinzip präsent ist. Laut der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG) ist das Systemkonzept das Hauptbasiskonzept des Fachs Geographie, weil sich die Geographie als Systemwissenschaft verstehen lässt und betont somit die Systemorientierung. Die Systemkomponenten, siehe Abbildung 1 (im Anhang, S. 24), werden unter Struktur, Funktion und Prozess als Basisteilkonzepte dem Hauptkonzept zugeordnet und verbinden die gesamten Geofaktoren und deren einzelnen Systeme die sich durch die ständig ablaufenden Prozesse ändern (vgl. DGfG, 2017: 10f.). Wie schon erwähnt, erfolgt eine Raumanalyse systemorientiert, wobei einzelne relevante Systemelemente erfasst, ihre (Ursache-Wirkungs-) Relationen identifiziert und charakterisiert werden, um am Ende das Gesamtsystem zu konstruieren. Dies nennt man eine kausalanalytische Diagnose des Problems. Grafische Darstellungsformen, wie zum Beispiel ein Wirkungsgefüge, kommen b ei diesem Prinzip sehr gelegen. Auf dieser Basis des modellierten Systems können dann die Lernenden die Folgewirkungen raumrelevanter Handlungen abschätzen, beurteilen, verknüpfen und bewerten. Dabei ist das Syndromkonzept eine didaktisch-methodische Grundfigur für das Wirkungsgefüge bei einer Raumanalys e, welche erlaubt, eine schulische Sicht auf die Analyse im Kontext der Mensch-Umwelt Forschung zu ermöglichen (vgl. Bette, 2014: 23f.).

2.2. Die drei Entscheidungsfelder

Ein gelungener induktiver Einstieg in eine Raumanalyse entsteht durch eine „gute“ Planung. Dabei sind drei didaktische Entscheidungsfelder notwendig. Der erste Schritt erfolgt bei der Auswahl des Untersuchungsraumes, d.h. bei der Auswahl von Raum und Leitfrage, ggf. mit Hilfe des Syndromansatzes. Dabei wird das relevante Problem, also eine nicht nachhaltige Entwicklung, materiell manifestiert, wobei die ausgewählte Region anhand politischer Grenzen zuzuschneiden ist. Durch die Auswahl des Raumes resultiert eine geeignete Leitfrage, die nach den Ursachen und/ oder Folgen eines Phänomens fragt. Beim zweiten Schritt ist die Konzeption des Unterrichtsmaterials mittels der vier Raumkonzepte zu erschließen. Dabei ist die wichtigste Orientierungshilfe ein regions- und problemspezifisches Wirkungsgefüge, um im Unterricht die Strukturen und Kausalitäten eines Raumes klar hervortreten zu lassen. Ein solches Gefüge sollte theoretisch fundiert sein, das Problem adäquat erfassen und idealerweise relevante Akteure berücksichtigen, wodurch dann ein systemorientierter Erklärungsansatz erfolgt bzw. geboten wird. Als letzten Schritt, und um dem Ziel der mehrperspektivischen und systemorientierten Raumanalyse entgegen zu kommen, ist die Auswahl der Unterrichtsmethoden und -struktur relevant. Das Ziel ist es, ausgehend von einem räumlichen Phänomen, eine problemerschließende Leitfrage, Hypothesen, Erschließungsfragen sowie Ideen zur Untersuchungsplanung zu entwickeln. Wichtig ist es, dass bei den Schülern ein Bewusstsein geschaffen wird, dass die Beantwortung einer Leitfrage komplex ist und soziale sowie naturräumliche Aspekte beinhaltet, die miteinander verknüpft sind. Aus diesem Grund muss die Analyse systemorientiert erfolgen, weswegen auch die Wechselwirkungen zwischen den Geofaktoren, ebenso die Sichtweisen und Handlungen relevanter Akteure zu analysieren sind (vgl. ebd.).

3 WBGU und die Kernprobleme des GW

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) und das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) haben in Mitte d er 1990er Jahre einen Ansatz entwickelt, der auf der einen Seite genau an der Schnittstelle zwischen Analyse und Therapie ansetzt und auf der anderen Seite die schwierige Aufgabe des vernetzenden Wissenstransfers übernimmt (Schindler, 2005: 12). Die Grundzüge des WBGU sagen aus, dass die Forschung zum globalen Wandel (abgekürzt im weiteren Verlauf durch GW) mit der Diagnose, Prognose und Bewertung der globalen Trends, der Vermeidung negativer Entwicklungen, auch Prävention genannt, der sog. „Reparatur“ bereits eingetretener Schäden (Sanierung) sowie der Anpassung an Unvermeidliches, die Adaption, befassen muss. Um dies zu ermöglichen, müssen die bestimmenden Wechselwirkungen zwischen diesen Trend erfasst, beschrieben und erklärt werden, weshalb die oben genannten drei Entscheidungsfelder eine große Rolle bei der Analyse spielen (ebd.: 47). Dabei entschied sich der WBGU mit dem sogenannten Syndromkonzept für eine „empirisch-phänomenologische Systemanalyse auf der Basis kombinierten Expertenwissens und Intuition bei heterogener bzw. schwacher Information“ (ebd. 49). Laut des WBGU ist der GW als Gesamtheit der globalen Veränderungen der Umwelt zu definieren, die vor allem den Charakter des Systems Erde zum Teil endgültig modifizieren und folge dessen, direkt oder indirekt, die natürlichen Lebensgrundlagen für einen Großteil der Menschheit spürbar beeinflussen. Es wird zwischen anthropogenen und natürlichen Ursachen der globalen Veränderung unterschieden, wobei der WBGU sich nur auf die anthropogenen globalen Umweltveränderungen konzentriert, da diese oft ein hohes Tempo aufweisen (vgl. Bäßler, 2006: 9). Die Kernprobleme, die der WBGU zusammengefasst hat, sind:

(1) der anthropogen verstärkte Treibhauseffekt,
(2) die anthropogen verursachte Bodendegradation,
(3) die anthropogen verursachte Süßwasserverknappung,
(4) der anthropogen verursachte Biodiversitätsverlust,
(5) die Zunahme von klimatischen Naturkatastrophen,
(6) die Bevölkerungsentwicklung,
(7) die Übernutzung und Verschmutzung der Weltmeere,
(8) die Gefährdung der Welternährung und Weltgesundheit und
(9) die globalen Entwicklungsdisparitäten (Schindler, 2005: 47f.).

3.1. Das Syndromkonzept

Unter dem Begriff des „Syndroms“ werden die Sozial- und Umweltprobleme verstanden, die gekoppelt auftreten. Diese Probleme oder Phänomene lassen typische, nicht nachhaltige Muster im Mensch-Umwelt-System entstehen. Dieses Muster beschreibt das Syndromkonzept mit seinen internen Wechselbeziehungen. Das Syndromkonzept lässt sich in der Geographie gut nutzen, „um Räume, die von höchst relevanten, nichtnachhaltigen Entwicklungen betroffen sind, mit Hilfe geeigneter Karten […] zu identifizieren (Bette, 2014: 25). Der WBGU und das PIK haben eine Grundthese formuliert: „Der Globale Wandel lässt sich in seiner Dynamik auf eine überschaubare Zahl von Kausalmustern in den Mensch-Umwelt Beziehungen zurückführen. Die nicht-nachhaltigen Verläufe dieser dynamischen Muster werden im Folgenden als Syndrome des Globalen Wandels bezeichnet“ (Gerstengarbe, 2001: 35). Von dieser Grundthese aus soll ein verständlicher Zugang zu den Kernproblemen des globalen Wandelns erfolgen. Dabei bedient sich das Konzept an verschiedenen Elementen. Diese Grundelemente stammen aus der medizinischen Diagnose und die dynamischen Muster ähneln „Krankheitsbildern“. Diese „ärztliche“ Routine ist eine der entscheidenden Besonderheiten dieses Konzepts (vgl. ebd.: 35ff.).

Zusammengefasst sind die Ziele des Syndromkonzepts „einen systemaren, funktional orientierten Überblick der Prozesse des GW auf verschiedenen räumlichen und zeitliche Skalen“ (Gerstengarbe, 2001: 35) zu ermöglichen. Ebenso „das Aufzeigen nicht-nachhaltiger Verläufe von Entwicklungsmuster um somit die Leitplanken für eine „Nachhaltige Entwicklung“ bestimmen zu können“ (ebd.) und „zur Operationalisierung des Nachhaltigkeitskonzepts beizutragen“ (ebd.). Als letztes „die Identifikation der Zerlegung des GW in funktionale Muster welche die beste Entkopplung zwischen den beteiligten Einzelmustern liefert“ (ebd.). Zusammengefasst kann gesagt werden, dass das Konzept dazu beitragen soll, die komplexen Vernetzungen innerhalb einer Forschung zum GW zu entschlüsseln und die Anschlussfähigkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse gewährleisten. Ebenso soll es eine Hilfestellung für die Entwicklung vernetzter Problemlösungsstrategien geben (vgl. ebd.).

3.2. Die Grundelemente des Syndromkonzepts

Um das Syndromkonzept anwenden zu können spielen drei Faktoren eine große Rolle: die Symptome des GW, die Wechselwirkungen zwischen den Symptomen und die Syndrome. Diese lassen sich als die drei Grundelemente des Syndromkonzepts definieren (vgl. Schindler, 2005: 51). Der Umgang und das Verständnis dieser drei Grundbegriffe sind ausschlaggebend für die Funktion des Syndromkonzepts (vgl. Bräßler, 2006: 13). In der Tabelle 1 im Anhang (s. S. 27) werden die Definitionen der Grundbegriffe von Cassel-Gintz detaillierter zusammengefasst (Gerstengarbe, 2001: 37f.).

3.2.1 Symptome des Globalen Wandels

Zu aller Erst werden die sog. Symptome erläutert, diese sind die „Grundelemente der systemanalytischen Beschreibung der Dynamik des Globalen Wandelns im Rahmen des Syndromkonzepts“ (ebd.). Zu beachten ist, dass die genutzten Symptomnamen im allgemeinen Veränderungen beschreiben, d.h. sie dienen eher dem Zweck einer Überschrift für einen Trend, weswegen man auch sagen kann, dass sie umgangssprachlich definiert sind. Ebenso sind sie durch bestimmte Indikatoren messbar (vgl. Kanwischer, 2011: 21). „Diese Indikatoren können sowohl physikalische, chemische oder biologische Beobachtungsgrößen als auch Größen sein, die sich im Rahmen sozialwissenschaftlicher Umfragen ergeben“ (PIK, 2001: 38). Die Syndrome beschreiben komplexe Prozesse, ohne die internen Vorgänge detailliert aufzulösen (vgl. ebd.) Insgesamt sind bisher ca. 80 Symptome von der WBGU identifiziert wurden und deren gegenseitige Wechselwirkungen, welche sich in bestimmten Bereichen bzw. Sphären zuordnen lassen. Im Anhang befindet sich die Tabelle 2 (s. S. 28) in der die einzelnen Symptomen aufgeführt wurden. Diese sind schon in den einzelnen neun Sphären eingeordnet (vgl. Kanwischer, 2011: 21). Es werden im Normalfall immer mehrere Symptome gleichzeitig betrachtet, die dann eine sog. „transdisziplinäre Zusammenschau der wichtigsten Entwicklungen im Rahmen des [GW] darstellen“ (Bräßler, 2006: 12).

3.2.2 Wechselwirkungen zwischen Symptomen

Ein weiterer Faktor für die Anwendung des Syndromkonzepts sind die Wechselwirkungen zwischen den Symptomen, die auch als sog. Verknüpfungselemente dienen. Sie haben ein monokausales Verhältnis der Art „Je mehr x, desto mehr y“ (Kanwischer, 2011: 22). Dabei versuchen diese Wechselbeziehungen die Kausalbeziehungen, zwischen den einzelnen Symptompaaren oder aber auch zwischen mehreren Symptomen, zu verdeutlichen (vgl. Schindler, 2005: 52).

3.2.3 Syndrome

Nach dem medizinischen Sprachgebrauch versteht man unter einem Syndrom ein „Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammentreffen verschi edener, für sich allein nicht charakteristischer Symptome ergibt“ (Kanwischer, 2011: 26). In der Geographie werden die Syndrome für nicht nachhaltige Entwicklungsmuster in der Mensch-Umwelt-Interaktion verstanden, die nur über die Wechselwirkungen der einzelnen oben genannten Elemente erklärt werden können (vgl. Schindler, 2005: 52). Sie stellen also charakteristische Konstellationen von Symptomen da, ebenso wie ihren Interaktionen, die sich in vielen Regionen dieser Welt identifizieren lassen (vgl. Kanwischer, 2011: 27). „Jedes einzelne Syndrom ist das Resultat von charakteristischen Interaktionen verschiedener Symptome. […] Ein Syndrom ist somit ein typisches Muster der Nicht-Nachhaltigkeit, das verschiedene Kernprobleme des [GW] in sich vereinigt“ (Böhn, 2013: 264). Die erste Einordnung der Syndrome erfolgt in drei große Gruppen, die sogenannten Syndromgruppen:

1.) Syndromgruppe „Nutzung“ – Syndrome als Folge unangepasster Nutzung von
Naturressourcen als Produktionsfaktor.
2.) Syndromgruppe „Entwicklung“ – Mensch-Umwelt-Probleme, die sich im
Zusammenhang mit nicht nachhaltigen Entwicklungsprozessen ergeben.
3.) Syndromgruppe „Senken“ – Umweltdegradation durch nicht angepasste zivilisatorische Entsorgungsanforderungen.

Der WBGU hat bisher 16 Syndrome formuliert, welche jeweils in einer Kurzcharakterisierung ihres Mechanismus definiert wurden, diese sind im Anhang, in der Tabelle 3 (s. S. 29) dargestellt (vgl. PIK, 2001: 43). Doch ist es auch, wie bei den Symptomen, mit der Klassifizierung keine finale Einordnung, sondern sie dienen als „ gut überprüfte Hypothesen“ (ebd.: 44). Zusammenfassend wird durch das entstandene Beziehungsgeflecht, welches aus Symptomen, den Wechselbeziehungen und die daraus resultierenden Syndrome entsteht, deutlich, dass erst die entschlüsselten Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Symptomen einen Aufschluss über das Syndrom geben. Somit sind diese Elemente die entscheidenden Faktoren zur Erschließung der Wirkungsmechanismen in einem Syndrom und erst nach dieser Analyse können die problematischen Mensch-Natur- Interaktionen des globalen Wandels entschlüsselt und verstanden werden (vgl. ebd.: 50).

4 Der Syndromanalyse-Ansatz (praktische Anwendung)

Die praktische Anwendung des Syndromkonzepts wird als Syndromanalyse bezeichnet, jedoch können beide Begriffe synonym verwendet werden. Der Ansatz wird als ein lösungs-, anwendungs- und interdisziplinär orientierter Forschungsansatz verstanden, mit dem Fokus, dass der GW nur verstanden werden kann, wenn die Erde als ein System begriffen wird und die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Teilsystemen analysiert werden (s. Kap. 2.1).

Das Ziel des Ansatzes ist es, neben der Beschreibung und Identifizierung der „Krankheitsbilder“, diese auch zu heilen bzw. zu lindern (Böhn, 2013: 263). Dabei werden die Aufgaben der Syndromanalyse in grundsätzlich drei Abschnitte unterteilt. Die erste Aufgabe beginnt mit dem Erstellen eines Beziehungsgeflechts, wobei mit Hilfe von Expertenwissen, Fallstudienanalysen sowie Hypothesen die Kausalmuster der Syndrome formuliert werden. Dabei wird mit einer verbalen Beschreibung begonnen, die sich dann in die „semi-formale Umsetzung“ (PIK, 2001: 47) vertieft und so ein syndromspezifisches Beziehungsgeflecht erfolgt, mit den wichtigsten Symptomen und deren Wechselwirkungen für das Syndrom. Bei dem zweiten Schritt kommt es zur Diagnose. In diesem Bereich erfolgt, basierend auf einer GIS-gestützten Datenanalyse, die geographische Beschreibung und Lokalisierung des Syndrommechanismus. Fokus liegt hier vor allem auf die Untersuchung für die Bestimmung der Anfälligkeit einer Region für ein Syndrom . Ebenso werden mögliche syndromauslösende Faktoren und die Bestimmung der Intensität von Syndromen erforscht. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit der Prognose. Diese wird mit Hilfe einer qualitativen Modellierung gemessen und beschreibt die Dynamik des globalen Wandels, auf der Basis von den Symptomen.Es zeigt sich damit deutlich, dass der Syndromansatz neben der Systematisierung des GW nach Hauptmustern der Umweltdegradation, auch die Möglichkeit liefert, die Interaktionen, die zwischen diesen Mustern bestehen, systematisch formalisiert anzugehen (vgl. PIK, 2001: 53). „Ausgangspunkt bei einer Unterrichtsplanung, die mittels des Sydnromansatzes arbeitet, ist daher die (nichtnachhaltige) Landnutzung“ (Bette, 2014: 25).

4.1. Die Syndromanalyse am Beispiel des Hamburger Hafen

In diesem Kapitel geht es um das Erstellen eines Wirkungsgefüge, im Hinblick auf die Krisen des globalen Wandelns im Bereich des Raumes Hamburger Hafen. Es sollte als erstes nach der Notwendigkeit eines Syndromkonzepts in diesem Raum hinterfragt werden. Dabei stellt sich die Frage, welche Probleme bzw. Phänomene dazu führen, dass eine nicht nachhaltige Entwicklung im Hamburger Hafen stattfindet? Welche Akteure spielen dabei eine Rolle und welche Eingriffe aus der Natur- und Anthroposphäre?

Nun geht es darum, jeder Sphäre ihre relevanten Symptome zuzuordnen und nicht zu vergessen, dass sie in verschiedenen Regionen der Erde angewandt werden können. Denn es ist wichtig für das Syndromkonzept, dass die gleichen Symptome auftreten und sich ihre Wechselwirkungen, Rückkopplungen und Teufelskreise zu den gleichen Folgewirkungen entwickeln. Ebenso relevant ist es, die Kernprobleme des GW am Beispiel des Hamburger Hafens herauszufiltern (vgl. Bräßler, 2006: 49). Dabei sind eines der Kernprobleme die globalen Entwicklungsdisparitäten und ebenso die Bevölkerungsentwicklung. Hinzu kommt das Problem des globalen Klimawandels (s. Kapitel 3). Als nächstes wurde untersucht, welche der 16 Syndrome, aus der Liste in Abbildung 2, die gleichen Kernprobleme bzw. Symptome aufweisen, wie im Hafenbereich Hamburg. Dabei ist die Beschreibung des Aralsee-Syndroms erwähnenswert, die wie folgt lautet: „[…], dass die Umweltschädigung durch zielgerichtete Naturraumgestaltung im Rahmen von Großprojekten auffasst“ (Tabelle 3, im Anhang, S. 29). In dem Hafenraum Hamburg ist es das Großprojekt „Elbvertiefung“ (vgl. Aßmann/Müller, 2018: 3ff). Dementsprechend wird versucht die Wechselwirkungen, innerhalb der Natur- und Anthroposphären, in einem grafischen Beziehungsgeflecht darzustellen. Dabei ist zunächst ein Fehler unterlaufen, nämlich, dass der Fokus auf die Elbvertiefung gesetzt wurde, anstatt die globalen Aspekte in Beziehung zu setzen. Von Beginn an wurde mit dem Problem der Elbvertiefung gearbeitet, anstatt einzeln die Symptome den jeweiligen Sphären einzuordnen. So entstand als erstes das Wirkungsgefüge welches in der Abb. 2 „Beziehungsgeflecht vorher“ (s. Anhang, S. 25) gezeigt wird. Ebenso wurde nicht in Betracht gezogen, dass gerade die Verbindung zwischen den Natur- und Anthroposphären die ausschlaggebenden Zusammenhänge sind. „Denn wenn der Mensch nicht in die natürlichen Prozesse eingreifen würde, würde die Natur nicht mit solch gravierenden Problemen zu kämpfen haben. Daher entstehen globale Krankheiten nur durch das Handeln der Menschen“ (Bräßler, 2006: 58). Damit wird auch einer der wichtigsten Aspekte angesprochen, nämlich die vorhandenen Akteure, die bei der ersten Syndromanalyse nicht bedacht wurden. Aufgrund dessen ist diese Verbindung der Symptome einzelner Sphären relevant. Und so musste das Wirkungsgefüge erweitert werden, z.B. geht es um den „Wettbewerbsgedanken“, der global ausgetragen wird und die globalen Märkte fordern soll. Um diese Ziele der Ertragssteigerung zu erreichen, werden entsprechend die Organisationen, wie die HHLA, unter anderem digitalisiert und gefördert. Es werden alle Zusammenhänge, die neu hinzugefügt wurden, in der Abb. 3 „Beziehungsgeflecht nachher“ (s. Anhang, S. 26) gezeigt. Zuerst wird diese Wechselbeziehung neutral betrachtet und dann in übergeordnete oder untergeordnete Zusammenhänge klassifiziert, die entweder einen positiven oder negativen (häufiger vorkommend) Einfluss haben. Am Ende sollte ein Fazit geschlossen werden, welches eine Leitfrage oder Hypothese beinhaltet. Wie diese in der vorliegenden Arbeit aussieht, folgt in Kapitel 6. Letztendlich macht diese Vorgehensweise deutlich, dass keine Annäherung wirklich falsch ist, sondern versucht werden sollte, sich auf der globalen Ebene zu befinden, anstatt sich auf der regionalen oder lokalen Ebene festzusetzen. Dieses „Weiterdenken“ ist in vielerlei Hinsicht schwierig, besonders bei Schülern, aber auch bei Studenten und erfordert daher die Übung und Konfrontation mit diesem Syndromkonzept.

5 Verwendung des Syndromkonzepts

Die Anwendung und Verwendung des Syndromkonzepts in der Geographie ist von besonderer Bedeutung, denn davor erschwerten oft die regionalen Besonderheiten kultureller, sozialer oder auch naturräumlicher Art, die regional vergleichende Untersuchung. Dies wird durch die aggregierte, funktionale Herangehensweise der Syndromanalyse versucht zu verbessern. Dabei spielt die Einbeziehung qualitativer Elemente eine wichtige Rolle. Zu bedenken gibt es, dass die Resultate dieser Analysen oft von einem eher qualitativen Charakter sind, jedoch geben sie wichtige Erkenntnisse weiter und sind so oft „wahrer oder ehrlicher“ als die vorherigen Berechnungen abstrakter Zahlenwerte. Ohne das Wissen der vorhanden qualitativen Informationen über Änderungen und Zeitverläufe wichtiger Parameter, bleiben die Analysen unvollständig. Ebenso machen die Eingängigkeit und Bildhaftigkeit das Konzept zu einem geeigneten Instrument, welches die Prozesse des GW illustrativ auch an Nicht-Experten zu vermitteln ermöglicht. Diese Eigenschaften stellen das Syndromkonzept auch zu einem interessanten Analysewerkzeug für die Geographie dar (vgl. PIK, 2001: 34).

5.1. Für die Geographie im Allgemeinen

Das Syndromkonzept ist im Gegensatz zu den anderen Ansätzen an die heutigen Methoden und Erkenntnisse angepasst. Es setzt seinen Schwerpunkt in der funktionalen Betrachtung der problematischen Entwicklung, über einzelne sektorale und disziplinäre Grenzen, hinweg und dies ermöglicht die konzentrierte vergleichende Betrachtung von Systemen der Mensch- Umwelt-Interaktion, in verschiedenen Regionen. Die verwendeten Kausalzusammenhänge sind durch ihre komplexere Netzstruktur besser für die kausalanalytische Diagnose (vgl. PIK, 2001: 34). Die WBGU hat den Fokus bei dem Forschungsziel darauf gesetzt, die Entschlüsselung und Vermittlung der Prozesse des globalen Wandels mit den Zielstellungen der Geographie gleichzusetzen, denn die Geographie ist als komplexitätsvermittelnde Erdwissenschaft und Brückenfach gekennzeichnet. Aus diesem Grund, stellt das Konzept für die Geographie ein ideales Instrument dar, welches versucht die Brücke zwischen der Forschung und dem Komplexitätsanspruch der Lehre gerecht zu werden. Dabei können die Eingängigkeit und Verständlichkeit die Synthese geographischer Forschung und Lehre unterstützen, wodurch die Geographie ihrem Anspruch als vermittelnde Instanz gerecht werden würde (vgl. Schindler, 2005: 80).

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das Syndromkonzept als Orientierungshilfe
Untertitel
Eine Analyse der Containerisierung im Hamburger Hafen
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
33
Katalognummer
V462622
ISBN (eBook)
9783668921795
ISBN (Buch)
9783668921801
Sprache
Deutsch
Schlagworte
syndromkonzept, orientierungshilfe, eine, analyse, containerisierung, hamburger, hafen
Arbeit zitieren
Robin Broksch (Autor), 2018, Das Syndromkonzept als Orientierungshilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462622

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