Aspekte der Identitätsstiftung bei italienischen Gastarbeitern in Deutschland


Bachelorarbeit, 2018
56 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Thematik
2.1 Das „Gastarbeitersystem“
2.2 Italienische Gastarbeiter
2.2.1 Historische Entwicklung
2.2.2 Italienische Einwanderung in Deutschland
2.2.3 Migrationsmotive von Italienern
2.2.4 Kulturelles und soziales Profil von italienischen Gastarbeitern

3. Theoretischer Teil
3.1 Migrationssoziologie
3.1.1 Migrationstheorie von Hartmut Esser
3.1.2 Migrationstheorie von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny
3.2 Bildung von Identitäten
3.2.1 Modell I: Identitätstheorie von Georg Mead
3.2.2 Modell II: Identitätsproblematik von Erik Erikson
3.2.3 Modell III: Identitätsstatus Modell von James Marcia
3.3 Identität und Migration
3.4 Übersicht über aktuelle Studien
3.4.1 Studie I: Rieker, Y. „Ein Stück Heimat findet man ja immer“
3.4.2 Studie II: Philipper, I. „Biographische Dimension der Migration“

4. Lebenswirklichkeiten italienischer Gastarbeiter
4.1 Erste Generation italienischer Gastarbeiter
4.1.1 Wohnung
4.1.2 Familien
4.1.3 Soziale Kontakte und Netzwerke
4.1.4 Kulturelle und politische Orientierung
4.1.5 Bildung und Arbeit
4.2 Ankommen in der Gesellschaft –Deutschland als Zweite Heimat-
4.3 Aktuelle Situation Italienischer Migranten

5. Rollen und Aufgaben der sozialen Arbeit

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Danksagungen

„Ich bin die Summe all dessen, was vor mir geschah, all dessen, was unter meinen Augen getan wurde, all dessen, was mir angetan wurde.

Ich bin jeder Mensch und jedes Ding, dessen Dasein das mein beeinflusste oder von mir beeinflusst wurde.

Ich bin alles, was geschieht, nachdem ich nicht mehr bin, und was nicht geschähe, wenn ich nicht gekommen wäre.“ Salman Rushdie

Diese schriftliche Ausarbeitung ist durch die Unterstützung zahlreicher Menschen zustande gekommen, daher möchte ich mich bei folgenden Personen bedanken:

- Meinem Erstgutachter Herr Papaioannou sowie meiner Zweitgutachterin Frau Ucan.
- Meinem Ehemann Achim
- Meinem Vater und Irene, sowie Tante Pina und Günter
- Meinen Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen aus Kettenbach und Michelbach
- Den Bingels
- Opa Mario, Oma Domenica und Oma Lina
- Den Menschen, die meine Arbeit auf Rechtschreibung und Nachvollziehbarkeit geprüft haben, sowie immer wieder mit mir über einzelne Inhalte gesprochen haben: Marco, Katrin, Benni, Conny, Andi, Claudi, Henning, Patrick, Ulrike

1 . Einleitung

Im Zuge des Wirtschaftswachstums gab es in den 1950 er Jahren in Deutschland einen hohen Bedarf an Arbeitskräften. Da dieser nicht von deutschen Arbeitern gedeckt werden konnte, wurden Arbeitskräfte aus dem Ausland, die sogenannten Gastarbeiter, nach Deutschland angeworben. Ziel dieser Anwerbung war es, den erhöhten Bedarf an Arbeitskräften für einen kurzen Zeitraum abzudecken. Die Absicht dahinter war es, für einen bestimmten Zeitraum (ein Jahr), die Arbeitsleistung der Arbeiter zu nutzen und sie dann wieder auszutauschen, um einem neuen Arbeiter die Arbeit zu überlassen, daher der Begriff des Gastarbeiters. Diese Vorstellung ist in vielen Fällen nicht aufgegangen, denn ein großer Anteil an Gastarbeitern ist in Deutschland geblieben. Sie haben ihren Arbeitsplatz behalten, ihre Familien nachgeholt und sind im Laufe der Jahrzehnte Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Als erste Generation italienischer Gastarbeiter werden die Personen bezeichnet, die in den Jahren zwischen 1955 und 1975 als Arbeiter nach Deutschland gekommen sind. Max Frisch schrieb bereits im Jahr 1961 den wohl bekanntesten Satz in Bezug auf Gastarbeiter: „Wir riefen Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen.“1 Dieser bis dahin unbeachtete Fakt und Folgen, zeigte den zu dieser Zeit mangelnden Integrationsgedanken in Deutschland. Durch dieses Versäumnis wurde es den Menschen an vielen Stellen erschwert in Deutschland Fuß zu fassen, denn auch in ihren Gedanken war der Aufenthalt in Deutschland zeitlich begrenzt. Selbst als im Laufe der Jahrzehnte deutlich wurde, dass die ehemaligen Gastarbeiter Teil der deutschen Gesellschaft sind, wurde der Diskurs über Integration nur minimal geändert. Bis heute ist das Thema Migration mit einer gewissen negativen Prägung besetzt. Dies zeigt die andauernd anhaltende Diskussion über Migration und Integration in Deutschland. (Vgl.: Butterwege)

Der Zugang zu diesem Thema erfolgt aufgrund von eigenem Interesse beziehungsweise eigener Betroffenheit. Ich selbst zähle zu der dritten Generation italienischer Migranten. Mein Großvater ist im Jahr 1960 aus einer Gemeinde (Frattaminore) bei Neapel mit damals ca. 8000 Einwohnern zum Arbeiten in ein Dorf in der Nähe von Frankfurt (Aarbergen-Kettenbach, ca. 1500 Einwohner) gekommen. Er arbeitete in einer Eisengießerei und holte im Jahr 1963 seine Ehefrau mit den vier Kindern nach Deutschland. Die Fragestellung erstand aus dem Interesse, wie sich Identitäten im Zuge der Migration verändern beziehungsweise wie dieses sich auch im Zuge der Generationen wandelt. Auch ich werde hin und wieder gefragt, ob ich mich eher als Italienerin oder als deutsche fühle. Meine Standardantwort lautet in den meisten Fällen, dass ich in Bad Schwalbach geboren wurde und kein Italienisch spreche. Meist wechseln die Fragenden dann irritiert zu einem anderen Thema. Es ist für viele schwer nachzuvollziehen, warum sie auf diese Frage keine zufriedenstellende Antwort erhalten. Die Fragstellung des Wandels der Identitäten über Generationen hinweg scheint zu umfangreich, daher erfolgt in dieser Arbeit eine Bearbeitung des Themas im Zuge der ersten Generation.

In dieser Bachelorarbeit wird der Blickwinkel auf die Gastarbeiter gerichtet, die ab dem Jahr 1955 aus Italien nach Deutschland gekommen und geblieben sind. Insbesondere wird der Fokus darauf gelegt, wie sich persönliche Identitäten im Zuge der Migration verändern beziehungsweise wie sich die Erfahrung der Migration auf Identitäten auswirkt. Es wird versucht nach dem Titel der vorliegenden Arbeit: Aspekte der Identitätsstiftung bei italienischen Gastarbeitern in Deutschland, auf die Fragestellung einzugehen: Wie wirkt sich die Migration auf die Identität der italienischen Gastarbeitern aus? Und welche Aspekte beeinflussen die Identitätsstiftung?

Diese Arbeit ist eine Zusammenfassung von wissenschaftlichen Texten und in fünf Gliederungspunkte unterteilt. Im ersten Kapitel erfolgt eine Einführung in die Thematik der Gastarbeiter mit besonderem Blickwinkel auf die italienischen Gastarbeiter. Es wird dargelegt, welche historischen Entwicklungen und Migrationsmotive es gab, sowie auf das kulturelle und soziale Profil eingegangen. Das zweite Kapitel beinhaltet den wissenschaftlich-theoretischen Teil. Es erfolgt eine Beschreibung der Migrationssoziologie, sowie von zwei Migrationstheorien. Im Anschluss wird auf die Bildung von Identitäten eingegangen. Es werden drei Theorien zur Bildung von Identitäten skizziert und aufgezeigt, welche Aspekte Migration und Identitätsbildung haben. Nachfolgend werden zwei aktuelle Studien von Rieker und Philipper zum Migrationsprozess von italienischen Gastarbeitern beschrieben. Im dritten Kapitel erfolgt eine ausführliche Beschreibung der Lebenswirklichkeit der ersten italienischen Gastarbeitergeneration. Es werden einzelne Aspekte (Wohnung, Familie, soziale Kontakte und Netzwerke, Kulturelle und politische Orientierung sowie Arbeit/Einkommen) beschrieben und verglichen vor und während der Migration. Im Anschluss erfolgt eine Beschreibung des Ankommens in der deutschen Gesellschaft, sowie die aktuelle Situation der italienischen Migranten. Danach wird auf die Rolle und Aufgaben der Sozialen Arbeit in diesem Spannungsfeld eingegangen. Im letzten Kapitel wird ein Fazit gezogen, mit einer abschließenden Betrachtung sowie der Beantwortung der Fragestellung.

2 . Einführung in die Thematik

2.1 Das „Gastarbeitersystem“

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich ein hohes wirtschaftliches Wachstum in Deutschland und der Weltexport stieg an. In den Jahren von 1950 bis 1973 wuchs die Weltwirtschaft um 8,6 %. Damit stieg auch der Bedarf an Arbeitskräften in bestimmten Beschäftigungsbereichen (Industrie, Bau und Bergbau) an, der allerdings durch deutsche Arbeitskräfte nicht mehr gedeckt werden konnte. Den erhöhten Bedarf an Arbeitskräften wollte man, durch Anwerbung und Zuwanderung decken. (Vgl.: Oltmer 2012 S. 9) So schrieb Holjewilken (1976 S. 14) :„ Di e Gründe für die Notwendigkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer sind vor allem darin zu suchen, dass das anhaltende wirtschaftliche Wachstum in der Bundesrepublik Deutschland über das verfügbare inländische Arbeitskräftepotential hinausging und das dadurch bedingte Spannungsverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage durch Rationalisierungs- und Technisierungsmaßnahmen in den Betrieben nicht ausgeglichen werden konnte. Als Gründe für den Arbeitskräftemangel sind vor allem zu nennen die ungünstige Altersstruktur der deutschen Erwerbsbevölkerung, der Aufbau der Bundeswehr, die längere Schulausbildung.

Am 20. Dezember 1955 schloss die Regierung der Bundesrepublik Deutschland das erste Anwerbeabkommen mit der Regierung der italienischen Republik ab, die „Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften in die Bundesrepublik Deutschland.“ In dieser Vereinbarung wird in § 1 beschrieben, dass die Bundesrepublik Deutschland im Falle eines Arbeitskräftemangels, diesen der italienischen Regierung mitteilt und darlegt, welche Berufe oder Berufsgruppen benötigt werden. (Vgl.: Amtliche Nachricht der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung 1956) Die Bundesrepublik Deutschland hat in den nachfolgenden Jahren noch weitere Anwerbeabkommen abgeschlossen. Im Jahr 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und 1968 mit Jugoslawien. (Vgl.: Geissler 2014 S. 41) Die Organisation und Umsetzung des Anwerbeabkommens wurde bei der Bundesanstalt für Arbeit angesiedelt. Damit eine reibungslose und unbürokratische Durchführung der Vermittlung und eine Partnerschaft mit den zuständigen Dienststellen in den jeweiligen Ländern erfolgen konnte, wurden Dienststellen in den jeweiligen Ländern eingerichtet. Die Bundesanstalt hatte in Italien einen Sitz in Verona, in Griechenland eine Außenstelle in Athen, Spanien (Madrid), Türkei (Istanbul), Portugal (Lissabon), Jugoslawien (Belgrad), Marokko (Casablanca) und Tunesien (Tunis). (Vgl.: Holjewilken 1976 S. 15) Als ein weiteres Ziel beschreibt Holjewilken (1976 S. 19): „ E s soll in den Herkunftsländern Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung abgebaut werden. Die Durchführung dieser Vereinbarungen, die bei der Bundesanstalt für Arbeit liegt, soll dazu beitragen, das Ungleichgewicht zwischen Arbeitskräfteüberschuß in den Herkunftsländern und dem Arbeitskräftedefizit in der Bundesrepublik Deutschland ausgeglichener zu machen.“ Weiterhin beschreibt er „ E s muss allerdings auch gesagt werden, daß sich die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Herkunftsländer,..., auf Dauer nicht durch Arbeitskräfteexport lösen lassen. Wenn auch eine Arbeitsaufnahme möglichst vieler ausländischer Arbeitnehmer in der BRD für die Herkunftsländer kurzfristig eine Entlastung bringt,…

Die Arbeiter wurden in der Regel für un- und angelernte Tätigkeiten, mit hohen körperlichen und gesundheitlichen Belastungen und Beanspruchungen in der industriellen Produktion eingesetzt. Die Art der Arbeit und die Lohnbedingungen wollten viele einheimische Arbeiternehmer nicht mehr akzeptieren. Im Jahr 1970 betrug der Ausländeranteil in der Bundesrepublik ca. 2,7 Millionen, im Jahr 1961 lag dieser noch bei 686 000 Menschen. Dies ist ein Anstieg um 5,2 % von 1,2 % (1961) auf 6,4 % (1970) der ausländischen Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. (Vgl.: Statistisches Bundesamt 2012) Es sollte der kurzfristige Bedarf an Arbeitskräften während der Hochkonjunkturphase überbrückt werden. Die Gastarbeiter erhielten voneinander abhängige Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse, die zunächst für ein Jahr Gültigkeit hatten, dies wurde als Rotationsprinzip2 bezeichnet. So kamen nur Arbeiter ohne Familien, da die Bundesregierung davon ausging, dass die Arbeiter wieder in ihre Heimat reimigrieren. Im Jahr 1965 wurden die bisher gültigen Verordnungen in ein Ausländergesetz zusammengeführt. So wurde die Ausländerpolitik als Arbeitsmarktpolitik beschrieben. Die Rückwanderung der Gastarbeiter wurde als deutlich spürbar beschrieben, dass Rotationsprinzip machte den Anschein, als ob es greifen würde. Der Bedarf an Arbeitern stieg an, so dass die Bundesanstalt um jeden Arbeiter warb, auch Familienangehörige wurden gezielt angesprochen. Das Rotationsprinzip wurde ausgesetzt, nachdem die meisten Unternehmen ihre eingearbeiteten Arbeitskräfte nicht mehr gehen lassen wollten. So erfolgte eine jährliche Verlängerung der Arbeitserlaubnis. Nach fünf Jahren ununterbrochenen legaler Arbeit, erwarben die Arbeiter eine drei- oder später auch fünfjährige Arbeitserlaubnis. Nach Ermessen der Bundesanstalt für Arbeit konnte eine Arbeitserlaubnis auch unbefristet erlassen werden. Der Familiennachzug wurde nach und nach politisch geduldet und unterlag einer „Wohlwollenden Prüfung“ der Bundesanstalt für Arbeit. (Vgl.: Pagenstecher 1995, S. 720-725)

Im Jahr 1973 hat der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Walter Arendt, eine Anweisung an seine Auslandsdienststellen der Bundesanstalt für Arbeit erlassen. In dieser Anweisung erlässt er, dass aufgrund der gegenwärtigen Energiekrise keine weiteren ausländischen Arbeitnehmer in die Bundesrepublik zu vermitteln sind, da diese Energiekrise sich ungünstig auf die Beschäftigungsverhältnisse der Bundesrepublik Deutschland auswirken wird. (Vgl.: Bpb 2011) Diese wird als sogenannter Anwerberstopp beschrieben und damit endete die Arbeitsmigration und die einzige Form der Migration war in Form von Familiennachzug möglich.

2.2 Italienische Gastarbeiter

2.2.1 Historische Entwicklung

Wenn man auf die Historie der italienischen Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland schaut, so beschreibt Sala (2006, S. 101), dass es bereits seit dem späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert erste Arbeitsmigrationsbewegungen von Saisonarbeitskräften gab. Es waren Arbeitskräfte aus der norditalienischen Region, die nach Süddeutschland und in industrielle Ballungsgebiete kamen. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg befanden sich ca. 200.000 Italiener im Deutschen Reich. Es wurde jedoch beschrieben, dass im Zuge der Weltkriege es auch immer wieder zu starken Rückwanderungswellen kam.

Wenn der Fokus auf die Herkunftsregionen gerichtet ist, so ist der überwiegende Teil der italienischen Gastarbeiter, die in den Jahren ab 1956 nach Deutschland gekommen sind, aus dem Süden von Italien. Es herrscht ein großes soziales Spannungsfeld zwischen dem Norden und dem Süden Italiens. Der Süden Italiens wird als Mezzogiorno3 bezeichnet. Um diesen sozialen Gegensatz genauer zu beschreiben, werden nachfolgend die süditalienischen sozio-ökonomischen

Verhältnisse betrachtet. Schmid (2014, S. 127) beschreibt: „ Die Herausbildung der mächtigen Handelsmetropolen ab dem Spätmittelalter haben in Norditalien bereits dazu beigetragen, dass sich politische Strukturen herausbilden konnten, sie sich in ihrer Entwicklung auf die Stadt hin ausgerichtet haben, während für die politische Organisierung im Süden durch klassisch feudale Strukturen das Land dominiert haben.“ Es wird weiterhin beschrieben, dass die bereits vorhanden Industrialisierung und die Nähe zu den Nachbarstaaten, eine weiteren Vorteil für Norditalien hatten. Weitere politische Entscheidungen werden als „ Pakt zwischen den politischen Eliten des Nordens und dem Großgrundbesitz des Südens “ (ebd. S. 129) beschrieben. Es wird als Ruhigstellung und der Konstituierung des sozialen Friedens des Südens bezeichnet. Weiterhin beschreibt Schmid (2014, S.129): „ Damit war im Süden eine aristokratische, konservative bis reaktionäre Schicht an der Macht, die kein Interesse an sozialen Veränderungen oder auch nur einer modernisierenden wirtschaftlichen Entwicklung zeigte.“

Es kam bereits vor dem ersten Weltkrieg zu einer ersten italienischen Auswanderungswelle, die durch die mangelnden Existenzsicherungsbedingungen der italienischen Wirtschaft begründet wird. Es waren überwiegend Wanderarbeiter, Bergarbeiter und Industriearbeiter, die mehrheitlich aus dem Norden Italiens kamen. Der Anteil von Arbeitern aus dem Mezzogiorno nahm kontinuierlich zu. Im Jahr 1880 lag der Anteil aus dem Mezzogiorno bei 17,6 %, im Jahr 1890 37,6 % im Jahr 1901 waren es bereits 42,6 % der Personen, die aus Süditalien ausgewandert sind. Als Ursache wird beschrieben, dass es kaum technische oder kollektive Produktionsformen gab und das Kleinbauernsystem immer tiefer in eine Krise geriet.

Kleinbauern, nicht die Tagelöhner, stellten nun den Hauptteil der süditalienischen Auswanderung. Ihnen alleine war es neben dem akademischen Kleinbürgertum möglich, die erforderlichen Mittel für eine Ausreise zu beschaffen. Durch den Wegfall dieses selbstständigen Teils der Agrarwirtschaft wurden die Großgrundbesitzer begünstigt und die bestehenden Besitzverhältnisse zusätzlich verschärft.“ ( Vgl.: Schmid 2014, 133)

Das politische System in Italien reagierte zögerlich auf die gesellschaftliche Entwicklung. Das Bürgertum entwickelte in diesem Prozess keine Parteien, da diese sehr skeptisch den neuen Entwicklungen gegenüber waren. Es gab Forderungen, die den Mezzogiorno als eine eigene Nation, weg von der reinen Verwaltung, sahen. Diese Stimmungsbildung hatte wenig Auswirkung auf das politische System. Denn die Großgrundbesitzer reagierten, bei Infragestellung ihrer Position, immer wieder mit Sezessionskämpfen4. In den darauffolgenden Jahren wurde die noch formal bestehende Regierung Italiens ausgehöhlt und eine Diktatur errichtet. Das faschistische System hat sich an die bestehenden Strukturen des Mezzogiorno gehalten, jedoch musste eine deutliche Unterordnung an das bestehende Regime erfolgen. Die Teilung des industriell geprägten Nordens und des landwirtschaftlich geprägten Südens, wurde damit weiter vorangetrieben. (Vgl.: Schmid S. 141-142)

Ab dem Jahr 1936 kam es zu einer zweiten Auswanderungswelle von Italienern nach Deutschland. Dies Unterlag der staatlichen Planung als Basis der Zusammenarbeit der faschistischen Regime5 von Deutschland und Italien. „ Italiener waren u.a. die einzigen als „vertrauenswürdig“ eingestuften Migranten, die deshalb auch in der Waffenindustrie tätig waren. “ beschreibt Schmid (S. 142-143). Weiter beschreibt Schmid (S. 143): „ Die Situation des Mezzogiorno im Faschismus wird verschiedentlich mit einem Dampfkochtopf verglichen, dem mit Zwang ein Deckel aufgedrückt wurde.“ Damit beschreibt er den gesellschaftlichen Druck auf die Menschen im Mezzogiorno, der als weiterer Antrieb des Wunsches nach Veränderung in der Nachkriegszeit zu sehen ist.

Die Regionen Italiens, hatten in den Nachkriegsjahren unterschiedliche Bedingungen. Italien galt im europäischen Vergleich als unterentwickelt, so hatten im Jahr 1951 landesweit nur 7,4 % der Bevölkerung einen eigenen Elektrizitäts- oder Trinkwasseranschluss. In den darauffolgenden Jahren stieg die wirtschaftliche Entwicklung Italiens stark an und wurde zu einer der größten Volkswirtschaften in Europa (1958 bis 1963). Dies geschah im Norden von Italien im sogenannten industriellen Dreieck (Genua, Mailand und Turin). Im Mezzogiorno kam im es Jahr 1950 zu einer Landreform, die jedoch in weiteren Enttäuschungen mündete, da die Bodenqualität des Landes ungleich verteilt wurde. Der Großgrundbesitz hatte weiterhin überhand in der Region. Die vorhandenen Kleinbetriebe dienten der Selbstversorgung und weitere Schritte, die eine Industrialisierung in Gang hätten bringen können, wurden nicht vorangetrieben. Durch den wirtschaftlichen Boom im Norden, kam es zu einer Massenmigration aus dem Mezzogiorno in den Norden. Dies führte zu einer Anhebung des Existenzniveaus und zu einer Zunahme des Ungleichgewichts zwischen Nord und Süditalien. Diese Verschärfung der Situation, zwang die italienische Regierung zu weiteren Handlungen, denn sie mussten einsehen, dass das Wachstum im Norden nicht ausreicht, um die gesamte italienische Arbeitsbevölkerung einzubinden. (Vgl. Schmid 2014, S. 141-151)

Die Migration aus Italien nach Deutschland wurde vom Staat gefördert und angestoßen. Bereits seit dem Jahr 1952 kam es zu deutsch-italienischen Wirtschaftsverhandlungen. Knortz (2016, S. 164) beschreibt: “Die italienischen Defizite resultierten vor allem daraus, dass Italien zu diesem Zeitpunkt bereits seine gesamte Wirtschafts-, Finanz- und Handelspolitik auf die europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit ausgerichtet hat und seine Einfuhr in zunehmendem Maße von mengenmäßigen Beschränkungen befreit hatte.“ Im Jahr 1954/55 beantragte Italien einen Sonderkredit bei der Europäischen Zahlungsunion (EZU), um „ seinen hohen Stand der Handelsliberalisierung gegenüber dem EZU-Raum beibehalten zu können “ (ebd. S. 165) In diesem Zusammenhang wurde der italienischen Regierung verdeutlicht, dass sie sich um die hohe Zahl von Arbeitslosen kümmern muss. Die italienische Handelsbilanz entwickelte sich weiterhin defizitär, so dass die italienische Regierung unter massiven Druck stand, um eine Rückkehr zur restriktiven Handelspolitik zu verhindern. Im weiteren Verlauf kam es immer wieder zu Verhandlungen und Gesprächen zwischen der deutschen und italienischen Regierung bis das Anwerbeabkommen im Jahr 1955 geschlossen wurde. (Vgl. Sala 2006, S. 103)

2.2.2 Italienische Einwanderung in Deutschland

Seit dem 13. Jahrhundert gibt es dokumentierte Einwanderungen von Italienern in Deutschland. Im 20. Jahrhundert werden drei große Auswanderungswellen aus Italien nach Deutschland beschrieben. Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914, eine weitere zwischen den Jahren 1937 bis 1943. Die nächste Einwanderungswelle wird ab dem Jahr 1956 beschrieben. (Vgl.: Schmid S. 263) Nach dem am 20.Dezember 1955 geschlossenen Anwerbeabkommen, meldete der deutsche Staat einen Bedarf an 31.000 Personen an. Die Aufteilung sollte wie folgt erfolgen: 13.600 Personen im Bereich der Landwirtschaft, 7500 Personen für die Baubetriebe, 3500 Personen im Bereich der Gastronomie, 6000 Personen in der Industrie und 1000 Personen in sogenannten andere Sektoren. Es wird weiterhin beschrieben, dass in den Jahren von 1956 bis 1959 die Anzahl von italienischstämmigen Personen in Deutschland von 18.597 auf 48.809 Personen anstieg. Im Jahr 1973 lebten 423.000 italienischstämmige Personen in Deutschland. (Vgl. Schmid S. 266-267)

Es waren zum größten Teil Männer, die alleine nach Deutschland ausgewandert sind. Ihre Familien blieben in Italien, da es sich zunächst um eine zeitlich begrenzte Auswanderung handeln sollte. Da die Arbeitsverträge sich immer wieder verlängerten, wuchs der Wunsch nach einem Familiennachzug. Die Familienzusammenführung beinhaltete eine große Veränderung für die italienischen Arbeiter. Es war nicht einfach geeigneten Wohnraum für Familien zu finden, da es ein hohes Maß an Diskriminierungen der deutschen Bevölkerung gab. Es gab verschiedene Formen des Familiennachzuges. So kamen in einigen Fällen vorerst nur die Ehefrauen und die Kinder blieben in Italien bei Verwandten oder in Internaten, in den überwiegenden Fällen aber kam die ganze Familie. (Vgl. Schmid S. 171)

2.2.3 Migrationsmotive von Italienern

Wenn die Motivation und Hintergründe für italienische Migranten beschrieben werden, dann „ wird der Topos „Emigrazione“ als ein fester Bestandteil der historischen Ikonographie Italiens “ schreibt Rieker (2003, S. 27). Weiterhin wird erläutert, dass die sozioökonomische Lage des Mezzogiorno als Grund für die Migration gesehen wird. Dies beschreibt Rieker jedoch nicht als ausreichende Bedingung den Heimatort zu verlassen. Sie gibt an, dass „ die Weigerung, diese Armut zu akzeptieren, als ein zentraler Wanderungsgrund festgehalten werden kann.“ (2003, S. 27) Armut wird als ein Auswanderungswunsch gesehen, dieser ist jedoch nicht primärer Faktor. Einzelne Faktoren für sich lassen die Menschen nicht ihre Heimat verlassen, sondern die Bündelung von mehreren Faktoren. Dazu zählen die sozialen Verhältnisse und geringer Lohn für schwerste Arbeit, sowie Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen und familiären Verhältnissen. (Vgl.: ebd. S. 41)

2.2.4 Kulturelles und soziales Profil von italienischen Gastarbeitern

Der größte Anteil an italienischen Personen, die in Deutschland leben, stammt aus dem Mezzogiorno. Sie kommen aus den ländlichen Gebieten der Regionen und haben dort meist als Hilfsarbeiter oder Landarbeiter ohne eigenen Grundbesitz gearbeitet. Im Bereich der Schulbildung ist zu beschreiben, dass viele keinen Schulabschluss haben und die Schulzeit ohne einen Mindestabschluss von fünf Jahren beendet haben. Bei einer Erhebung aus dem Jahr 1967 hatten 20,4 % der italienischen Gastarbeiter in Deutschland einen Berufsabschluss. Im Vergleich lag er bei spanischen Gastarbeitern bei 37,5 % und 25,5 % bei türkischen Gastarbeitern in Deutschland. Bei italienischen Gastarbeitern lag der Bildungs- und Ausbildungsstandard somit weit unter dem aus anderen Ländern, sowie dem deutschen Bildungs- und Ausbildungsstandard. (Vgl.: Rieker S. 114)

Auf der sprachlichen Ebene haben die italienischen Gastarbeiter bei ihrer Ankunft in Deutschland kein Hochitalienisch gesprochen, sondern ihre lokalen Dialekte. Diese haben sich zum Teil sehr stark voneinander unterschieden. Sie konnten nicht die deutsche Sprache und haben sie auf unterschiedliche Art und Weise gelernt. (Siehe dazu auch 4.4.4) (Vgl.: ebd S. 115)

Im Anwerbeabkommen wurde beschrieben, dass die deutschen Arbeitgeber sich dazu verpflichten eine angemessene Unterkunft für die Gastarbeiter zur Verfügung zu stellen. Die neuen Arbeitskräfte wurden in barackenähnlichen Unterkünften untergebracht. Es gab eine hohe Anzahl an Zimmerbelegungen, schlechte Einrichtung und minimalste sanitäre Einrichtungen. Da der Widerstand über diese Wohnzustände wuchs, reagierte die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und stellten finanzielle Mittel zum Wohnungsbau zur Verfügung. Die Wohnungssituation entspannte sich jedoch nur langsam, da es noch einige Zeit benötigte bis diese Wohnung fertig waren. (Siehe dazu auch 4.1.1) (Vgl.: Asfur 2005)

Das Einkommen von italienischen Gastarbeitern befand sich im unteren Lohnsektor, da die Arbeiten un- oder angelernte Tätigkeiten waren. In einigen Bereichen gelang es den Arbeitern eine Zulage durch die besondere Schwere oder Gefahr der Tätigkeit zu erlangen. Auch die Bereitschaft Überstunden zu machen, war im hohen Maß vorhanden. Die Bundesanstalt für Arbeit beschrieb 1973 (S. 87-88): „ Das Ziel in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen schlug sich jedoch bei den Gastarbeitern in einer ausgeprägten Bereitschaft zu Überstunden nieder. So arbeiteten 36 Prozent der ausländischen Männer bei einer tariflichen Arbeitszeit von 184 Stunden mehr als 200 Stunden und 20 Prozent sogar mehr als 220 Stunden im Monat.“ Durch die Bereitschaft der Überstunden und schwere Arbeiten zu vollrichten, lag im Jahr 1972 das monatliche Einkommen durchschnittlich bei ca. 1.280 DM, welches an den Bruttoarbeitslohn aller Beschäftigten in der Bundesrepublik heranreichte. (Vgl.: ebd S. 96) Es war für die Gastarbeiter besonders wichtig, ein hohes Einkommen zu haben, da dies nicht zur Deckung der eigenen Lebenskosten dienen sollte, sondern auch, um die Familien im Herkunftsland zu unterstützen um die dortige Lebenssituation zu verbessern.

Die Verweildauer von italienischen Gastarbeitern nahm kontinuierlich zu. So stieg die Tendenz sich in Deutschland niederzulassen. Bei einer Umfrage aus 1979 gaben 45 % der Gastarbeiter an, wieder nach Italien zurück zu gehen. Im Jahr 1989 gaben 8 % der italienischen Gastarbeiter an, wieder nach Italien zurückgehen zu wollen. Remigranten hatten bei ihrer Rückkehr in den Mezzogiorno oft nur die Wahl in ihren ursprünglichen Beruf zurück zu kehren oder erneut auszuwandern. (Vgl.: Rieker S. 118)

3 . Theoretischer Teil

3.1 Migrationssoziologie

Die empirische soziologische Forschung befasst sich mit der Migration und Wanderung aufgrund der individuellen und gesellschaftlichen Folgen und Ursachen. Als Ziel der Migrationsforschung wird angegeben, eine Aussage über Funktion von Migration für die beteiligten Gesellschaften sowie die Verhaltensmuster der Migranten zu beschreiben. Den Aufbau und die Verdrängung von Bevölkerungen, sowie die Anordnung und Schichtung von Gesellschaften. (Vgl.: Oswald 2007 S. 19)

Eine einheitliche Definition von Migration ist nicht vorhanden. Der Begriff wird mit „Wanderung“ in Verbindung gebracht. Migration in der theoretischen Definition beschreibt Oswald (2007 S. 13) als: „ Ortswechsel, Veränderung des sozialen Beziehungsgeflechts und Grenzerfahrungen. Migration wird daher im Weiteren verstanden als ein Prozess des räumlichen Versetzung des Lebensmittelpunktes, also einiger bis aller relevanter Lebensbereiche, an einen anderen Ort, der mit der Erfahrung sozialer, politischer und/oder kultureller Grenzziehung einhergeht.“ Migration ist daher als ein Prozess zu verstehen, der alle Lebensbereiche einer Person in Entwicklung bringt. Oswald (2007, S.15) beschreibt die Bereiche und konstitutiven Elemente eines Lebensmittelpunkts wir folgt:

- „ W ohnung: Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein von meldebehördlicher Registrierung, geographische und soziale Einordnung des Wohngebietes, Kontakt mit den Nachbarn
- Familie: rechtlicher Status, Familienform und –struktur, Vorhanden bzw. Nichtvorhandensein von Kindern, Stellung der Familienmitgliedern
- A r beit/Einkommen: Erwerbsstatus (Bezug von Erwerbs-, Transfereinkommen), Ausbildung und Beruf, sozialer Status, Kontakt mit Kollegen, Arbeitszufriedenheit
- S o z i a l es Netz: Kontakt mit Verwandten, Freunde und Bekannte, Nachbarn und Arbeitskollegen, Schulkontakte der Kinder, Versorgung von Kranken und Alten
- K ulturelle und politische Orientierung: Sprachkompetenzen, Religions- zugehörigkeit und -ausübung, ethnische Orientierung, Staatsbürgerschaft und Wahlrecht, Wahrnehmung und Werteinstellungen, Diskursmuster (Darstellung von In und Ausländern, Stereotypenbildung)“

Prozesse der Migration sind komplex und zeitlich schwer einzuordnen, er kann sich aufgrund seiner Vielseitigkeit auch über Generationen hinziehen. H.G. Duncan beschreibt ein Generationensequenzmodell wie folgt:

- 1. Generation: Mehrheit der ersten Generation von Migranten passt sich nur im wirtschaftlichen und sozialen Bereich des Aufnahmelandes an und versucht durch ethnische Gruppen- und Institutionenbildung ihre Herkunftskultur zu bewahren, um dadurch emotionale und Geborgenheit und psychische Sicherheit zu erhalten.
- 2. Generation: versucht in der Familie die Herkunftskultur zu bewahren, während sie sich in der Schule und Beruf die Verhaltensmuster und Kultur des Aufnahmelandes aneignet. Die zweite Generation lebt in zwei Kulturen mit gemischten Wertestandards.
- 3. Generation: gibt die Herkunftskultur ihrer Eltern auf und assimiliert sich in die Kultur des Aufnahmelandes. (Vgl.: Han S. 40)

3.1.1 Migrationstheorie von Hartmut Esser

Hartmut Esser lehnt seine Theorie an der kognitiven Theorie des Lernens und Handelns ausgehendende Orientierung des methodischen Individualismus an. Er beschreibt alle sozialen Prozesse. Systemerfordernisse und Funktionen sind auf das Empfinden, interessengeleitetes Handeln und Lernen von Individuen zurückzuführen. (Vgl.: Esser, S. 187) Er analysiert drei zentrale Aspekte der Beziehung des Migranten zum System der Aufnahmegesellschaft. Akkulturation, Integration und Assimilation. Akkulturation wird beschrieben als Prozess der Angleichung. Dieser Lernprozess des Migranten dient als Übernahme der Eigenschaften und Verhaltensweisen der Aufnahmegesellschaft. Die Integration als Folge eines gelungenen Lernprozesses tritt ein, wenn die innerpsychische Zufriedenheit (Stabilität und Ordnung) vorhanden ist. Diese kann erst eintreten, wenn der Prozess der Akkulturation als Anfang der Eingliederung durchlaufen wird. Als Assimilation beschreibt Esser den „Zustand der Ähnlichkeit“ in Handlungsweisen, Orientierungen und interaktiven Verflechtungen zum Aufnahmesystem. Esser unterscheidet zwischen den absoluten und relationellen Eigenschaften, die Migranten assimilativ erwerben. Esser beschreibt (1980 S. 1982): „ Handeln als alle motorischen und nicht-motorischen Aktivitäten (kognitiver oder evaluativer Art) einer Person, die die faktisch oder vorgestellten Beziehungen zwischen der Person und ihrer Umwelt (irgendwie) verändern.“ Er beschreibt weiterhin, dass diese Handlungstendenzen von einer Kraft verursacht werden, die von weiteren vier Variablen abhängig sind: Motivation, Kognition, Attributation und Widerstand. Han (2010 S.57) beschreibt dies wie folgt: „ Ein Akteur wählt in einer Ausgangssituation, unter Berücksichtigung dieser Variablen, aus allen möglichen Handlungen die Handlung aus, von der er annimmt, dass er die Zielsituation mit dem relativ höchsten Anreizwert am sichersten durch eigenes Handeln bei relativer Kostenminimierung erreichen wird. Somit bestimmt der vermutete Nettonutzen und die vermutete Wirksamkeit des eigenen Handelns die Handlungswahl.“

Esser (1980 S. 80) beschreibt „ I ntegration als eine Folge von Lernvorgängen, die als Zustand der Orientierung gefasst wird, ist Voraussetzung aller langfristigen Assimilationsbemühungen.“ Die Assimilation erfolgt nur, wenn die Person über seine Grundbedürfnisse hinaus weitere Ziele entwickelt.

3.1.2 Migrationstheorie von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny

Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny beschreibt in seiner Theorie der „strukturellen und anomischen Spannungen“ als ersten Schritt ein analytisches Gesellschaftsmodell. Dieses Modell richtet sich an systemtheoretischen Theorien und orientiert sich an der Gliederung der Begriffe Kultur und Struktur. Diese wechselseitigen Aspekte von Struktur und Kultur haben beide eine eigene Eigengesetzlichkeit in Bezug auf das Konstrukt von Gesellschaft. Die Ausgangspunkte dieser Theorie sind soziale und strukturelle Spannungen, die durch nicht balancierte Macht und Prestige Relationen entstehen können. Wenn diese nicht ausgeglichen werden können, entstehen anomische Spannungen.

Hoffmann-Nowotny beschreibt den Begriff Macht „ als Grad, zu dem ein Anspruch des Akteurs auf Teilhabe an zentralen sozialen Werten durchgesetzt werden kann.“ und Prestige als „ der Grad, zu dem der Anspruch von Akteuren auf Teilhabe an zentralen sozialen Werten oder ihr Besitz als legitim angesehen wird.“ (Vgl.: Hoffmann-Nowotny 26+29) Er beschreibt, dass sein Modell auf alle Gesellschaften angewendet werden kann und dass es durch Migration zu einer Dopplung der gesellschaftlichen Bezugspunkte kommt. Hoffmann-Nowotny hat im Jahr 1997 seine migrationssoziologische Theorie zu einer makrosoziologischen Theorie der Weltgesellschaft ausgebaut. Han (S. 53) beschreibt: „ Dabei betont er, dass er die Gegensätze zwischen dem mikro- (z.B. Migration als Individuelle Entscheidung) und makrosoziologischen Forschungsparadigma des Migrationsphänomens (z.B. Migration als Folge kultureller und struktureller Bedingungen) überwinden will… Für seine Theorie ist die Unterscheidung der Fragen wesentlich, unter welchen soziostrukturellen und soziokulturellen Bedingungen der Mensch sesshaft oder mobil wird.“ Er geht davon aus, dass die Welt im Zuge der Globalisierung zu einer Weltgesellschaft wird. Hoffmann-Nowotny beschreibt, dass das internationale Migrationspotenzial von zwei zentralen Charaktermerkmalen bestimmt wird:

[...]


1 Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schrieb diesen Satz in dem Vorwort zu seinem Buch „Siamo italiani – Die Italiener. Ein Gespräch mit italienischen Arbeitern in der Schweiz“ im Jahr 1967

2 Als Rotationsprinzip wurde beschrieben, dass nach einem zeitlich vorher festgelegten Aufenthalt in Deutschland eine Rückkehr in das jeweilige Heimatland erfolgen soll. (Vgl.: Butterwege)

3 Die Region des Mezzogiorno umfasst die Abruzzen, Molise, Kampanien, Apulien, Basilicata und Kalabrien sowie die Inseln Sizilien und Sardinien Der Begriff „Mezzogiorno“ setzt sich zusammen aus den italienischen Wörtern „mezzo“ = halb und „giorno“ = Tag. „Mezzogiorno“ ist das italienische Wort für Mittag und bezeichnet den Süden Italiens. Dies ist abgeleitet vom Stand der Sonne um die Mittagszeit. (Vgl.: http://www.italiener.angekommen.com/Lexicon/Mezzogiorno.html; Zugriff am 26.11.2017)

4 Als Sezessionskämpfe wird die Abtrennung beziehungsweise Verselbstständigung von Staatsteilen beschrieben (Vgl.: Duden – Sezession)

5 Beide faschistische Regime richteten eine Achse Berlin-Rom im Jahr 1936 und 1939 ein Stahlpakt ein. Die deutsche Regierung forderte ca. 270 000 Arbeiter für spezielle Bereiche (z.B. Waffenindustrie) an. Nach Absetzung von Duce (08.09.1973) wurden diese Arbeiter von den Nazis als Geiseln genommen und in Arbeitslager deportiert. (Vgl.: Schmid S. 143)

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Identitätsstiftung bei italienischen Gastarbeitern in Deutschland
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,5
Autor
Jahr
2018
Seiten
56
Katalognummer
V462660
ISBN (eBook)
9783668919907
Sprache
Deutsch
Schlagworte
1. Generation Italienischer Gastarbeiter
Arbeit zitieren
Domenica Schmerer-Verazzo (Autor), 2018, Aspekte der Identitätsstiftung bei italienischen Gastarbeitern in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462660

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Aspekte der Identitätsstiftung bei italienischen Gastarbeitern in Deutschland


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden