Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus


Hausarbeit, 2018
29 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Okzident: Grundlage des Kapitalismus?

Eine kurze Biografie: Max Weber

Der „Geist des Kapitalismus“

Die Ethik des Protestantismus und deren Facetten

Der asketische Puritanismus als „Geist des Kapitalismus“?

Der Geist des modernen Kapitalismus im Okzident als Folge des Einflusses der protestantischen Ethik?

Fazit

Literaturverzeichnis.

Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich versuchen, die Beziehung zwischen der Ethik des Protestantismus und dem Kapitalismus anhand Max Webers Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ darzustellen und zu analysieren. Zudem werde ich überprüfen, inwieweit der sogenannte „Geist des Kapitalismus1 “ Webers noch in unserer heutigen Zeit anzutreffen ist, oder ob sich dessen Beziehung zum heutigen Gesellschaftsbild eher reduziert hat und was stattdessen nun den „modernen Kapitalismus2 “ heute ausmacht und prägt.

Auch werde ich im Einzelnen auf die „protestantische Ethik3 “ an sich und dessen Entstehung durch die kulturgeschichtliche Entwicklung des „Okzidents4 “ eingehen und dies in einem Vergleich mit der heutigen Gesellschaft und Globalisierung hervorheben.

Vorher ist jedoch zunächst festzuhalten, dass Weber den Standpunkt eines Soziologen vertritt und sich dieser nicht unbedingt mit dem eines angehenden Theologen wie mir decken wird. Daher sollte bei jeglicher Analyse und Interpretation auch sowohl die Biografie desjenigen im Blick behalten werden, welcher es sich zur Aufgabe macht, ein solch komplexes Thema zu zerlegen und zu erforschen, als auch desjenigen, der die ursprüngliche Quelle verfasst hat. Daher werde ich im Verlauf dieser Arbeit auch zum Verständnis eine kurze Biografie Webers verfassen, welche aufzeigen wird, warum dieser welche Meinung vertrat und einiges möglicherweise anders oder möglicherweise genauso sah, wie im Verlauf dieser Analyse und Interpretation dargestellt und vertreten wird.

Die hier durchgeführte Analyse soll somit aufzeigen, dass Kapitalismus und die Ethik des Protestantismus dicht miteinander verwoben, ja gar voneinander abhängig sind.

Am Ende werden wir dann feststellen, inwieweit dies der Fall ist und ob Weber mit der Definition vom kapitalistischen Geist im protestantisch-ethischen Sinne Recht behält.

Der Okzident: Grundlage des Kapitalismus?

Der Okzident, oder auch „das Abendland“ genannt, ist das wissenschaftliche Zentrum zur Zeit Webers. In ihm gibt es „Empirische Kenntnisse, Nachdenken über Welt und Lebensprobleme, philosophische und auch … theologische Lebensweisheiten tiefster Art, Wissen und Beobachtung von außerordentlicher Sublimierung5 “, was im Einzelnen zwar auch in anderen Ländern anzutreffen ist, jedoch fehlen hier die verschiedensten „rationalen Grundlagen6 “ um den Entwicklungen und Errungenschaften ein Fundament zu bieten.

Auch die politischen Entwicklungen und Wendungen, bedingt durch Fortschritt und nicht zuletzt der Einfluss der Renaissance, spielten eine große Rolle im Erreichen des momentanen Standes der westlichen Welt.

Diese Art der fortschrittlichen und kontinuierlichen Entwicklung macht Weber für das Aufkommen des Kapitalismus im Zusammenhang mit der Entwicklung des Protestantismus und dessen ethischen Grundprinzipien verantwortlich. Doch, welcher Faktor genau ist dafür verantwortlich zu machen?

Hier ist Weber recht deutlich: Der Trieb und das Streben nach vollendeter Verwaltung, nach Perfektion, das Streben nach Fortschritt und Technologie sind nur Indizien für das damit einhergehende Streben nach Gewinn, dem sogenannten Erwerbstrieb7. Dies ist die von ihm definierte „ schicksalsvollste Macht unseres modernen Lebens 8 “: Der Kapitalismus.

Ein jeder erwerbsfähiger Mensch habe laut Weber das Streben nach Gewinn in jedem Land und jeder Epoche der Weltgeschichte. Es ist der älteste aller Triebe und von jeher einer der Hauptbeweggründe für Konflikte aller Art. Jedoch gilt es hier, nicht plumpe Erwerbsgier mit dem reinen Geist des Kapitalismus gleich zu setzen. Aber, was ist der Geist des Kapitalismus, auf den Weber hier anspielt? Dazu aber später mehr.

Kapitalismus selbst wird von ihm definiert als eine reine „Bändigung9 “ des Erwerbstriebes und dem unendlichen Streben nach kontinuierlichem Gewinn. Daher ist der Handel mit Gütern die höchste Form des Gewinnerstrebens, sofern es sich um den Austausch von Gütern mit einer Wertbezifferung handelt und eine entscheidende „Kapitalrechnung in Geld10 „ aufgemacht wird.

Doch zurück zu den kapitalismusunterstützenden Eigenschaften des Okzidents: Eine durch den Wandel der Gesellschaft und die industrielle Revolution ausgelöste Trennung von Haushalt und Beruf schuf eine ganz neue Arbeits- und Wirtschaftsdynamik im vorher traditionell festgefahrenen Europa. Es war nun möglich, größer und effizienter zu produzieren und ein vollkommen anderes Arbeitsumfeld zu schaffen. Fortschritt und der damit zusammenhängende traditionell-kulturelle Wandel schufen somit ideale Bedingungen zur Entwicklung und Festigung eines modernen kapitalistischen Denkens und zielgerichtetem Ausüben der Vermehrung des Gewinns. Es war somit eine ungehemmte Entwicklung des Erwerbstriebes allein auf der gesellschaftswissenschaftlichen Ebene möglich.

Doch warum geschah all dies nur in Europa? Nun, darauf antwortet Weber nicht nur mit der zu Anfangs genannten Rationalitätsferne anderer Kulturen, sondern auch mit dem Fehlen jeglicher Kommerzialisierung11, welche auf das Vermehren von Gewinn abzielt. Je nach Land und der damit verbundenen Kultur war dies eben durch die kulturellen Eigenschaften gar nicht möglich, ein solches System zu entwickeln. Nehmen wir als Beispiel doch nur mal den Buddhismus: Das Ziel der Religion ist es, sein Karma, also den Wert von Geist und Seele, so hoch wie möglich zu halten, bevor dieser beim Ableben bemessen wird. Zudem gestatten die buddhistischen Lehren der Wahrheiten kein Streben nach „Gier“ und Selbstbereicherung. Der Kreislauf des Lebens mit der Wiedergeburt am Ende eines jeden Zyklus ist den Buddhisten das Höchste und Allerheiligste, da sie nur aus dem Kreislauf des Leidens austreten können, wenn sie vollkommen rein sind. Erst dann ist es ihnen gestattet, den ewig währenden Kreislauf von Leben und Sterben zu durchbrechen und ihr Heil im Nirvana zu finden12. Somit ist es verständlich, dass der Buddhistische Glaube eine Entwicklung und Entfaltung eines kapitalistisch orientierten rationalen Denkens nicht gerade fördert oder gar unterstützt.

Daher wäre die zu Anfang gestellte Frage nach dem Grund für den so kapitalistisch ausgereiften Okzident in der Theorie und Annahme Webers zutreffend, da nur hier „ Rationalisierungen der Wirtschaft, der Technik, des wissenschaftlichen Arbeitens, der Erziehung, des Krieges, der Rechtspflege, und Verwaltung 13 “ vorliegen. Daher stand laut Weber jedes andere Kulturgebiet auch „ im Gegensatz zur okzidentalen Kulturentwicklung 14 “ wodurch eine „wirtschaftlich-rationale Lebensführung15 “ im wirtschaftlich-kapitalistischen Sinne gar keine Option zur Entwicklung hatte.

Somit liegt es doch sehr nahe, dass die kulturelle Entwicklung des Okzidents maßgeblich von der Entwicklung des Christentums beeinflusst worden sein muss und somit vorab schon einmal die These aufgestellt werden kann, dass die religiöse Glaubenskultur des Abendlandes ihren Teil zur kapitalistischen Wirtschaftsausrichtung beigetragen hat und dies nach Webers Analyse sogar die Grundlage für den modernen Kapitalismus geboten haben könnte. Dazu jedoch später mehr.

Um nun die Fragestellung aus der Überschrift dieses Kapitels eindeutig zu beantworten, ob der Okzident selbst der Ursprung des Kapitalismus ist: Ja, man könnte diese Meinung vertreten. Einerseits, da Europa durch seine zeitgeschichtliche Entwicklung und der kulturellen Vielfalt und den somit entstandenen Einfluss verschiedenster ethnischer Völker die Möglichkeit besaß, verschiedenste Gesellschafts- und Wirtschaftsformen zu entwickeln und quasi auszutesten und andererseits, da, wie Max Weber schon feststellte, beispielsweise dem Orient16 aus religionskultureller Sicht einfach die Freiheit und somit die Möglichkeit fehlte, eine kulturelle Akzeptanz und Verwendung für rein rationalen Kapitalismus zu entwickeln.

Inwieweit die christliche Kultur und Religion in die Entwicklung, die Struktur und das Wirken des Kapitalismus verstrickt sind und was die Ethik des Protestantismus mit kapitalistischen Werten zu tun hat, werde ich im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung analysieren und so noch eindeutiger die Frage nach dem Ursprung des okzidentalen Kapitalismus beantworten.

Eine kurze Biografie: Max Weber

Da Max Weber und dessen Schriften der Hauptausgangspunkt dieser Abhandlung sind, kommt hier zum allgemein besseren Verständnis der Person und dessen Argumentation eine kurze Biografie17.

Am 21. April 1864 wurde Max Weber in Erfurt als Sohn des Juristen und späteren Abgeordneten der Nationalliberalen Partei Max Weber Senior und dessen Frau Helene geboren.

Er besuchte bis 1882 das Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Charlottenburg, welches er mit dem Abitur abschloss. Im Anschluss begann er mit dem Studium der Rechtswissenschaft an der Universität in Heidelberg. Nebenher studierte er zudem auch noch Philosophie und Ökonomie, wobei er ein Jahr „stumpfsinnigen“ Militärdienst in Straßburg absolvierte. Danach führte er sein Studium in Berlin und Göttingen fort, wo er dann auch 1886 sein Referendarexamen zum Abschluss des Studiums erhielt.

1889 folgte dann sein Dr. jur. magna cum laude an der Universität Berlin durch die Dissertation „Entwicklung des Solidarhaftprinzips und des Sondervermögens der offenen Handelsgesellschaft aus den Haushalts- und Gewerbegemeinschaften in den italienischen Städten.“. Zudem erreichte er dann 1892 die Habilitation für Römisches und Deutsches Handelsrecht an der Universität Berlin durch seine Habilitationsschrift „Die römische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung für das Staats- und Privatrecht.“. Auch erstellte er im gleichen Jahr im Auftrag des Vereins für Sozialpolitik die Studie "Die Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland", die seinen wissenschaftlichen Ruf begründete und ihm deutschlandweit zu Ansehen verhalf.

1893 heiratete er die spätere Frauenrechtlerin und Soziologin Marianne Schnitger, mit welcher er aber keine Kinder hatte. Zudem arbeitete er in diesem Jahr als Rechtsanwalt.

Die Berufung zum Professor für Nationalökonomie an die Universität Freiburg kam 1894 welche den Grundstein für sein später entwickeltes Postulat der Werturteilsfreiheit der Wissenschaften legte und ihm 1897 verhalf, Professor für Nationalökonomie an der Universität Heidelberg zu werden. Er musste aber auf Grund psychischer Erkrankungen seine Lehrtätigkeit aufgeben. Daher war er für die nächsten knapp sieben Jahre eingeschränkt in seiner Stellung tätig und unternahm mehrere Reisen durch Europa und die USA, auf denen er allerhand Erfahrungen und Eindrücke sammelte, welche er später in all seine Werke einfließen ließ.

Als Mitbegründer der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie" 1909 trat Weber wieder aus dem Schatten seiner Krankheit und konnte vom Ruhm und der Anerkennung für seine Werke wie beispielsweise die 1904/05 veröffentliche Abhandlung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ profitieren. Dies führte auch dazu, dass er 1911 mit religionssoziologischen Studien begann, in welchen er den Zusammenhang von Wirtschaftsform und religiöser Gesinnung untersuchte.

1913 begann er schließlich an der Arbeit seines soziologischen Hauptwerks "Wirtschaft und Gesellschaft" (welches erst nach seinem Tod 1922 erschien), in dem er den Idealtypus18 als soziologischen Unterscheidungsbegriff einführte.

Während des Ersten Weltkriegs äußerte sich Weber zunehmend kritisch zur Tagespolitik und zum allgemeinen „Kriegstreiben Deutschlands“ durch die Befehle des Kaisers. Jedoch trat Weber für ein Durchstehen des Krieges ein, forderte aber gleichzeitig die Parlamentarisierung.

Nach Kriegsende 1918 war Weber Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei19 (DDP) wobei er im selben Jahr auch eine Lehrtätigkeit in Wien innehatte. 1919 folgte die Berufung nach München wo er als Sachverständiger der deutschen Delegation bei der Konferenz zum Versailler Vertrag anwesend war. Im gleichen Jahr erschienen seine letzten beiden Werke "Wissenschaft als Beruf" und "Politik als Beruf".

Von 1919 bis zu seinem Tod 1920 lebte und arbeitete er in München, wo er eine Stelle als Ordentlicher Professor der Nationalökonomie an der Universität München innehatte. Am 14.6.1920 starb Max Weber an einer Lungenentzündung in München.

Weber war in erster Linie ein Soziologe, der sich mit dem Wandel und der Struktur der Gesellschaft beschäftigte. Er beschrieb die Soziologie als „Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will20 “. Der Begriff des sozialen Handelns markiert in dieser Definition den zentralen Tatbestand, der für die Soziologie als Wissenschaft konstitutiv ist. Weiter sah Weber in der Soziologie eine werturteilsfreie Wissenschaft, wobei er selbst bei all seinen Theorien und Arbeiten eine werturteilsfreie Meinung vertrat. Seine Begriffsbildungen werden bis heute in der Soziologie und der Politikwissenschaft als Grundlage weiterer Forschungen genommen, beispielsweise seine Definitionen von Macht und Herrschaft, der Begriff des Idealtypus sowie Einteilung des moralisch vertretbaren Handelns des Einzelnen und der Gesellschaft in Gesinnungs- und Verantwortungsethik21. Selbst in der Politikwissenschaft werden beispielsweise Webers Hinweise auf die Bedeutung des Berufspolitikers oder des staatlichen Gewaltmonopols behandelt.

Darüber hinaus hat er zudem sehr wichtige Erkenntnisse zur Ökonomie beigesteuert. Webers zentrale Forschung befasste sich mit den Gründen für die spezifischen Eigenarten des Kapitalismus im Okzident22, welche wir im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch genauer analysieren und interpretieren werden. Auch bei seinen soziologischen Arbeiten ging er letztendlich von einem sozialökonomischen Erkenntnisinteresse23 aus. Ein zentrales Thema waren dabei Gründe und Erscheinungen des sich in der westlichen Welt als kulturelle Basis von Wirtschaft und Gesellschaft entwickelnden „okzidentalen Rationalismus“. Die besondere Entwicklung des Okzidents zeigt sich danach in einer großen Zahl von gesellschaftlichen Bereichen und hat Auswirkungen auf die Entwicklung einer okzidentalen Stadt, die rationale Betriebsgestaltung und Verwaltungsorganisation mit einer „methodischen“ Gestaltung des Alltags der Gesellschaftsmitglieder.

Webers größte Errungenschaft in Form einer Analyse ist „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ (1904/05; überarbeitet 1920) in welchem er nachwies, dass eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die Entstehung des modernen, betriebswirtschaftlichen Kapitalismus besteht, wenn bestimmte ökonomische Komponenten mit einem religiös „fundamentierten“, innerweltlich-asketischen Berufsethos zusammentreffen. Er hat die These einer Art Verwandtschaft zwischen Protestantismus und Kapitalismus durch den Gedanken der Berufspflicht vertreten und äußerte den Gedanken, dass die Entwicklung des „Berufsmenschentums“, eine Komponente des „kapitalistischen Geistes“ war und im 17., 18. und auch noch im 19. Jahrhundert hochwirksame religiöse Motive bedingt habe. In dem er den von der Prädestinationslehre geprägten Calvinismus mit weiteren protestantischen Richtungen, dem Methodismus, dem Quäkertum, dem täuferischen Sektenprotestantismus und auch dem Pietismus vergleicht, stellt Weber die These einer entwicklungsverantwortlichen strukturierenden Methodik auf. Der Vergleich zeigt auf, dass der Gläubige sich sein Seelenheil also nicht durch die Befolgung der Berufspflicht und die so gelisteten Dienste im Auftrag Gottes verdient, sondern er tut es zur eigenen, persönlichen „Seelenheilsbefriedigung“. Das Konzept der rationalen Lebensführung ist nach Weber ein wesentlicher Faktor in der Entstehungsgeschichte des modernen okzidentalen Kapitalismus wie überhaupt der westlichen Kultur, doch dazu später mehr24.

Die von Weber aufgewiesenen Zusammenhänge sind Gegenstand einer äußerst intensiv geführten Diskussion, da es sich überhaupt um die am meisten erörterte wissenschaftliche These im Bereich von Soziologie, Geschichts- und Kulturwissenschaft handelt. Einige Kritiker werfen Weber vor, seine „These“ so formuliert zu haben, dass sie methodisch „unwiderlegbar“ sei25.

Jenseits der Kritik ist Webers Analyse der religions-geschichtlichen Prägung der Moderne ein substantiell fundiertes Werk, welches wesentliche Aspekte der politischen, ökonomischen und kulturellen Gegenwart einigermaßen verständlich erfasst und noch in der Gegenwart als elementare Grundthese („Protestantismus-Kapitalismus-These“) fungiert, welche für viele soziologische, kulturwissenschaftliche, theologiegeschichtliche oder philosophische Ansätze der neuesten Zeit als wichtige Grundlage dient und den Prozess der „Rationalisierung“ der neuzeitlichen Herrschaft26 näherzubringen versucht.

Auf Grund dieser kurzen Biografie und der kurzen Aufzählung und Erläuterung der Errungenschaft von Max Weber lässt sich sagen, dass dessen Thesen und Analysen noch heute eine sehr große wissenschaftlich relevante Rolle bei der Betrachtung der Entwicklung der westlichen zivilisierten Welt und deren Wandel zur heutigen Moderne in der Gesamtheit der verschiedenen Partikularkonstellationen und Verhältnisse wie beispielsweise die Beziehung zwischen religiöser Erziehung/Kultur und wirtschaftlicher Ausrichtung spielen.

Da nun Webers Geschichte ein wenig durchleuchtet und dessen Arbeit kurz angerissen wurde, konnte hoffentlich eine Grundlage zum Verständnis der folgenden Analyse im Hinblick auf die Suche nach dem Zusammenhang zwischen der Ethik des Protestantismus und dem Kapitalismus geschaffen werden, welche die zu Beginn gestellte Frage klären soll, ob der moderne Geist des Kapitalismus aus der Ethik des Protestantismus entstand.

[...]


1 Definition des „Geistes des Kapitalismus“ nach Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934.

2 Definition des „Modernen Kapitalismus“ vgl. ebenda.

3 Definition der „protestantischen Ethik“ vgl. ebenda.

4 Als Okzident oder auch christliches Abendland wurde ursprünglich der westliche Teil Europas (Deutschland, England, Frankreich, Italien und die Iberische Halbinsel) bezeichnet. Damit sind im Wesentlichen die ehemaligen Westprovinzen des Römischen Reiches in Europa gemeint. Vgl. www.lexas.de/regionen/abendland.aspx (Zugriff erfolgte am 19.03.2018).

5 Erklärung des wissenschaftlichen Standes und der fortschrittlichen Entwicklung des Okzidents in der Vorbemerkung in Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934

6 Definition und Beispiele für „rationale Grundlagen“ in Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934.

7 Max Weber geht davon aus, dass die stetige Entwicklung der Gesellschaft in Europa zu einer Perfektion des Strebens auf allen Gebieten geführt hat und somit die Ausprägung eines zielgerichteten Erwerbstriebs begünstigt hat. Vgl. ebenda.

8 Zitat aus Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934, Seite 4

9 Weber sieht den Erwerbstrieb als eine animalische, im Menschen verankerte irrationale Kraft, welche erst durch entsprechende Auseinandersetzung und „Zähmung“ zu dem eigentlich rational ausgelegten Kapitalismus wird, welche sich zur kontinuierlichen Gewinnvermehrung des Verstandes bedient und somit ein gedanklich greifbares Ziel verfolgt. Vgl. ebenda.

10 Weber spricht hier von den Grundlagen eines jeden Handels. Ein Handel muss eine gewinnbringende, vorher kalkulierte Bilanz erfüllen und darf zumindest für die eigene Handelsseite nicht zum Verlust führen. Kalkulation sei somit alles um den Gewinn eines jeden ausstehenden Handels so maximal wie möglich zu halten. Vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934, Kapitel: Vorbemerkung.

11 In diesem Fall steht Kommerzialisierung für die Entwicklung eines Handelssystems, welches auf das Vermehren von Gewinn abzielt und nicht nur das reine Überleben sichern soll.

12 Grundlage der buddhistischen Praxis und Theorie sind die „Vier Edlen Wahrheiten“: Die „Erste Edle Wahrheit“, dass das Leben in der Regel vom Leid über Geburt, Alter, Krankheit und Tod geprägt ist; die „Zweite Edle Wahrheit“, dass dieses Leid durch die „Drei Geistesgifte“ Gier, Hass und Verblendung verursacht wird; die „Dritte Edle Wahrheit“, dass zukünftiges Leid durch die Vermeidung dieser Ursachen nicht entstehen kann bzw. aus dieser Vermeidung Glück entsteht und die „Vierte Edle Wahrheit“, dass die Mittel zur Vermeidung von Leid, und damit zur Entstehung von Glück, in der Praxis der Übungen des Edlen Achtfachen Pfades zu finden sind. Diese bestehen in rechter Erkenntnis, rechter Absicht, rechter Rede, rechtem Handeln, rechtem Lebenserwerb, rechter Übung, rechter Achtsamkeit und rechter Meditation, wobei mit recht die Übereinstimmung der Praxis mit den „Vier Edlen Wahrheiten“, also der Leidvermeidung gemeint ist. Im Buddhismus wird Nirvana als Zustand völligen Friedens bzw. des Freiseins von Leid erfahren. Nach dieser Anschauung muss man zur Erfahrung des Nirvana alle Fesseln an Samsara, an die Welt der bedingten Existenz, abschneiden. Daher zielen ihre Meditationen auch darauf, alle Ursachen weiterer Wiedergeburten zu vermeiden. Definition zum Teil wörtlich übernommen aus www.buddhismus-schule.de (Zugriff erfolgte am 19.03.2018).

13 Zitat aus Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934, Seite 11.

14 Zitat aus Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934, Seite 13.

15 Gemeint ist hier die Tatsache, dass der Mensch des Okzidents entwicklungs- und religiös bedingt dem Menschen des Orients in seinem wirtschaftlichen Denken und Handeln voraus war und nur daher der Gedanke des kapitalistischen Wirtschaftsdenkens insofern ausgebaut werden konnte, sodass er relevant für die Entwicklung der modernen Gesellschaft war. Zitat aus Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934, Seite 10.

16 Der Orient ist wie schon bei Weber der beste Vergleichspartner, da Okzident und Orient, der zivilisierte und industrialisierte Westen und der kulturell und entwicklungstechnisch vollständig verschiedene Osten der Welt die beiden größten Gegensätze zur Jahrhundertwende (vom 19. in das 20. Jhdt.) waren.

17 Quellen der Biographie: www.dhm.de/lemo/biografie/max-weber und agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/weber (Zugriff erfolgte am 19.03.2018).

18 Der Idealtypus ist ein theoretisches Konstrukt, das bestimmte, für relevant gehaltene Aspekte der sozialen Realität bewusst überzeichnet und in einen Zusammenhang bringt. Er ist stets auf logisch-gedankliche Perfektion hin angelegt und wird über Beobachtung sozialer Phänomene, Abstraktion und auf der Grundlage von allgemeinen Erfahrungsregeln gewonnen. Ziel der idealtypischen Konstruktion sind trennscharfe Begriffe, mit denen empirische Phänomene unter dem Gesichtspunkt ihrer Kulturbedeutung verstanden werden können. Weber spricht sich eindeutig gegen eine normative Betrachtung des Idealtypus aus, die Inbezugsetzung von Wirklichkeit und Idealtypus mit dem Ziel des Vergleichs dürfe nicht verwechselt werden mit deren Bewertung. Definition nach Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1968, Seite 200.

19 Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) war eine linksliberale Partei in der Weimarer Republik, welche 1918 aus der Fortschrittlichen Volkspartei hervorging. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sie im Rahmen der Gleichschaltung am 28. Juni 1933 aufgelöst.

Definition wörtlich übernommen aus www.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Demokratische_Partei . (Zugriff erfolgte am 19.03.2018)

20 Soziales Handeln wird von Weber dadurch definiert, dass es nach dem subjektiven Sinn der Handlung und faktisch, in dessen Ablauf, an dem Verhalten anderer orientiert ist. Er unterscheidet zudem vier Idealtypen des sozialen Handelns, je nach Art der Gründe, die dafür geltend gemacht werden können: zweckrationales, wertrationales oder traditionelles Handeln. Für die beiden rationalen Handlungstypen gilt, dass die Gründe auch als Ursachen des Handelns aufgefasst werden können. Die Handlungstypen dienen schließlich der empirischen Forschung als kausale Hypothesen und als Kontrastfolien für die Beschreibung des tatsächlichen Verhaltens. Vgl. Gert Albert: Hermeneutischer Positivismus und dialektischer Essentialismus Vilfredo Paretos. VS, Wiesbaden 2005, S. 161 ff.

21 Vgl. Max Weber: Der Sinn der 'Wertfreiheit' der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1922, 7. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 1977, 467ff. Vgl. Max Weber: Politik als Beruf, in: Gesammelte Politische Schriften, hrsg. von J. Winckelmann, 5. Auflage Mohr Siebeck, Tübingen 1988.

22 Gemeint ist hier der gesonderte Umstand, dass laut Weber der Kapitalismus nur im Okzident hätte entstehen und wirken können auf Grund der dort herrschenden speziellen Begebenheiten.

23 Vgl. Bernhard K. Quensel: Max Webers Konstruktionslogik. Sozialökonomik zwischen Geschichte und Theorie. Baden-Baden 2007.

24 Vgl. Dirk Kaesler, Hrsg.: Antikritisches Schlusswort zum ‘Geist des Kapitalismus’ von 1910, in: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus., München 2004, S. 396.

25 Vgl. Heinz Steinert: Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Campus, Frankfurt am Main 2010, S. 20 f.

26 Laut Weber beruht das Prinzip der rationalen Herrschaft auf dem „Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen“, was ein grundsätzlich rationales Denken und Handeln eines jeden Einzelnen voraussetzt. Vgl. www.uni-muenster.de/FNZ-Online/recht/prozesse/unterpunkte/herrschaft.htm (Zugriff am 19.03.2018).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,6
Autor
Jahr
2018
Seiten
29
Katalognummer
V462736
ISBN (eBook)
9783668910126
ISBN (Buch)
9783668910133
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethik, geist, kapitalismu, max, weber
Arbeit zitieren
Lennart Haarmann (Autor), 2018, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462736

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