Eine Untersuchung des Films "Irreversibel" von Gaspar Noé

Das Spielen mit der Zeit


Hausarbeit, 2018
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Regisseur

3. Der Film

4. Analyse der Zeitlichkeit
4.1. Zeit
4.2. Kamera und Lautstarke
4.3. Zeittunnel
4.4. Orientierungsfunktionen
4.5. Wissensverteilung
4.6. Rachemotiv
4.7. Figurengebundene Prolepse
4.8. Erzahlende Zeit und erzahlte Zeit
4.9. Happy End

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Filme
6.2. Sekundarliteratur

1. Einleitung.

Extreme Gewaltdarstellung, eine sieben Minuten lange Vergewaltigungsszene und ein Auge-um-Auge-Racheakt pragt den Plot1 des sehr kritisch beurteilten Films „Irreversibel“ des franzosischen Skandal-Regisseurs Gaspar Noe.

Bei Filmstarts schafft es 2017 eine gewisse Szene von diesem Film sogar unter „die 22 unertraglichsten Filmszenen aller Zeiten“ und belegt dort den zweiten Platz.2 Nur die Szene, in welcher ein Vater seinen Sohn unwissend vergewaltigt aus Spasojevics „A Serbian Film“, ubertrumpft anhand von Unertraglichkeit noch diese problematische Szene aus „Irreversibel“.

Doch trotz der umstrittenen Gewaltdarstellung, weswegen bei der Filmpremiere in Cannes 2002 200 Menschen das Kino verlieBen, handelt es sich bei genauer Betrachtung im Bezug auf diesen Film um ein wirklich herausragendes Meisterwerk. Da die Art und Weise, wie diese Geschichte erzahlt wird, bemerkenswert ist und den Rezipienten auf eine moralische Reise mit einem bedingten Wendepunkt nimmt, wird ein Blick auf die harte Realitat geworfen. Durch den Bezug zu einer extremen vorstellbaren Realitat benotigt dieser Film auch eine gewisse problematische Authentizitat.

Diesen Film pragt die Ruckwartserzahlung und geht somit Hand in Hand mit seinem am Anfang wie auch am Ende erwahnten Leitfaden: Die Zeit zerstort alles. Denn der Zuschauer sieht, wie sich eine zerschmetterte Welt Stuck fur Stuck wieder zusammensetzt und zeigt, dass das Geschehene unumkehrbar ist. Auf diesen Aspekt hin werde ich den Film im Rahmen meiner Studienarbeit untersuchen und erlautern wie der Regisseur erreichte, dass dieser Film zu einem beispiellosen Werk des Filmgenres wurde.

Zu Anfang werde ich einige Informationen zum Film und Regisseur geben, dann werde ich anhand der Aspekte des Ruckwartserzahlens, welche in „Irreversibel“ genutzt wurden, den Verlauf und die Handlung des Films wiedergeben.

Begleiten bei dieser Arbeit durften mich die Erzahltheorie von Genette sowie die Publikationen von Kuhn, Eckel, BrUtsch und Hansen u. v. m. und sie orientiert sich selbstverstandlich eng an der im Handel erhaltlichen DVD „Irreversibel“.

2. Der Regisseur.

Der Regisseur von „Irreversibel“ Gaspar Noe ist 1963 in Argentinien geboren worden. Mit zwolf kam er nach Frankreich und studierte funf Jahre spater „Cinema“ an der Louis Lumiere High School.3 Ab 1985 war er bereits im Filmgeschaft aktiv und drehte in den 1990ern Werbeslogans und kurze Clips. 1998 drehte Noe seinen ersten Film mit dem Titel „Seul contre tous“ - auf Deutsch unter dem Namen „Menschenfeind“ veroffentlicht.4 Diesem folgt neben weiteren Kurzfilmen, Werbeclips und Musikvideos der Film „Irreversibel“, welcher 2002 zum ersten Mal bei den Filmfestspielen in Cannes vorgefuhrt wurde. 200 Besucher verlieBen vorzeitig die Vorfuhrung und beinahe in allen Medien wurde Kritik uber diesen Film geauBert.5 „Enter the Void“ war sein dritter Spielfilm, welcher 2009 erschien und die Thematik der Wiedergeburt anhand einer dramatischen Geschichte von jungen Menschen beschreibt. Sowie in „Irreversibel“ halt sich der Regisseur auch bei diesem Film nicht an die klassische chronologische Darstellung. 2015 erschien dann der aktuellste Film „Love“ von Gaspar Noe. Dieser Film bedient sich, wie auch die vorherigen Filme, an sehr vielen sexuell grenzwertigen Szenen. Unveroffentlicht ist der Film „Climax“, welcher in den Startlochern steht und noch 2018 herausgegeben werden soll.6 Gewalt, Sex und Drogen sind in allen von Gaspar Noe publizierten Werken meist sehr ausgepragt vorhanden.

3. Der Film.

Wie erwahnt wurde der Film 20027 in Frankreich unter dem Namen „Irreversibel“ prasentiert, die Dreharbeiten begannen schon 2001. Bei der Produktion von „Irreversibel“ waren neben Gaspar Noe und Christophe Rossignon noch viele weitere Personen tatig, unter anderem auch der Hauptdarsteller Vincent Cassel. Gaspar Noe castete zusatzlich zu dem Schauspielerpaar Cassel und Monica Bellucci, welche im Film „Pakt der Wolfe (2001)“ mitspielten, noch den aus vielen franzosischen Filmen bekannten Schauspieler Albert Dupontel. Die beteiligten Filmvertriebsunternehmen sind Studiocanal, Eskwas, Nord-Quest und Les Cinemas De La Zone.8 Kamera fuhrte Benoit Debie aus, wobei in vielen Szenen Gaspar Noe selbst filmte.9 Das Drehbuch bestand aus nicht mehr als drei Seiten, was bedeutet, dass die meisten Konversationen und Handlungen improvisiert sind, nur die Grundhandlung war fest vorgegeben.10 Der Drehort war die Stadt Paris, in welcher das „Rectum“ ebenfalls ein realer Homosexuellen-Club mit dem Namen „Banque“ ist. Daher waren viele der im Film zu sehenden Gaste Stammkunden dieses Etablissements.11 Gaspar Noe ist ebenfalls in „Irreversibel“ als onanierender Gast im „Rectum“ zu sehen.12 Noe's Werk wurde in Cannes 2002 fur die goldene Palme nominiert und errang mehrere Awards, namlich den „Best film of the decade - CinEuphoria Awards 2010“, auBerdem den „Best Foreign Language Film - SDFCS Awards 2003“ und schlieBlich das „Bronzene Pferd“ beim Stockholm Film Festival.13

Die Lange des Films betragt 97 Minuten und die Altersbeschrankung liegt aufgrund der gewaltvollen Szenen bei FSK18.14

4. Analyse der Zeitlichkeit.

„Der Film ist ein Phanomen der Zeit. Er kann nur in der Zeit bestehen und entlang der Zeit verlaufen.“15

Dieses Zitat, welches von Julia Eckel stammt, beschreibt sehr deutlich, auf welche Art und Weise Gaspar Noe in seinem Film „Irreversibel“ die Zeit genutzt und interpretiert hat, denn die Zeit selbst ist ein wichtiges Werkzeug in der Filmgeschichte.

4.1. Zeit.

„Irreversibel“ beginnt mit einem Abspann, welcher plotzlich anfangt auf die linke Seite zu kippen. Dann folgt eine Aufzahlung von den wichtigen Grundinformationen zum Film, wie Regisseur, Kamera, Musik und vielem mehr. Diese Aufzahlung ist in einfacher Schrift in rot und weiB geschrieben und die Buchstaben flackern stroboskobisch. Als Nachstes sieht man die Kamera umherschwenken, bis diese dann schlieBlich in einem Zimmer, vermutlich in einer Pariser Vorstadt, stehenbleibt. In diesem Zimmer sitzen zwei altere Menschen und reden uber das Schicksal. Bei genauem Hinschauen kann man den einen Mann als den Hauptdarsteller aus „Menschenfeind“ identifizieren. Das Gesprach beginnt mit den Worten: „Die Zeit zerstort Alles“.

Das Thema „Zeit“ spielt bei genauerer Betrachtung die wichtigste Rolle in diesem Film. Nach Genette16 gruppiert man bei einer Analyse der Erzahlung die Zeit in „histoire“, „discours“ und „narration“. Sehr interessant ist der Film „Irreversibel“ im Bezug auf die „histoire“ und den „discours“. Bei der „histoire“ handelt es sich um die reale Anordnung der Ereignisse, das heiBt, was zuerst passiert ist und was daraus resultiert. Die Ordnung bezeichnet nach Genette die Beziehung zwischen der Reihenfolge der Ereignisse und der Reihenfolge der Erzahlung. Die Anordnung der Erzahlung ist der „discours“. Eine „Anachronie“ liegt vor, wenn vereinfacht gesagt der „discours“ nicht der „histoire“ entspricht. Es gibt verschiedene Arten von diesen „Anachronien“. Doch im Bezug auf „Irreversibel“ ist fur uns die Retronarration wichtig. Retronarration bedeutet, dass etwas ruckwarts erzahlt wird. Doch gibt es bei der Retronarration noch weitere Untergruppen. So werden „Four Kinds of Reversal“ in Brutschs Werk „When the Past Lies Ahead and the Future Lags Behind“ aufgelistet. Gegliedert sind diese abhangig davon, ob das ganze Werk ruckwarts erzahlt wird oder nur einzelne Szenen und ob diese „episodic“ oder „sustained“ erzahlt werden. „Sustained“ kann man mit dem Zuruckspulen einer Videokassette vergleichen, das heiBt, dass wirklich das Geschehen im Ruckwartsgang stattfindet.17 Das episodische Ruckwartserzahlen ist im Prinzip eine Aneinanderreihung von Analepsen, also ein rekursiver Ruckgriff auf einen Ruckgriff auf einen Ruckgriff (und so weiter) auf jeweils das, was zuvor Geschehen ist.

In „Irreversibel“ dominiert wahrend der Handlung das episodische Ruckwartserzahlen. Die „sustained reversal“18 Erzahlung ist nur im anfanglichen Abspann zu sehen, denn ebenjener spielt sich entgegengesetzt zu einem klassischen Filmabspann ab, bis er am Titel angekommen ist.

Herausragend und vor allem in diese „Verkehrte-Welt“ einfuhrend sind auch die vielen Buchstaben. So sind im „Abspann“ in allen Wortern der Buchstabe „E“ und „R“ spiegelverkehrt zu lesen. Diese beiden Punkte im „Abspann“ weisen gleich zu Anfang den Zuschauer daraufhin, dass die Handlung dieses Filmes vermutlich nicht in die gewohnte Richtung19 laufen wird.

Als dann schlieBlich in der ersten Szene der alte Mann von der zerstorerischen Zeit spricht, kann der Zuschauer erahnen, dass die Zeit in der folgenden Handlung eine gewisse Rolle spielen wird.

4.2. Kamera und Lautstarke.

Die Kamerafuhrung spielt eine groBe Rolle in der Darstellung von Gefuhlen, Gewalt und der Zeitanderung. Eine Handkamera20 filmt die einzelnen Szenen und steht dabei kaum still. Sie ist aber keiner subjektiven Sicht zugeordnet.21 Im klassischen Kino handelt es sich bei der Kamera meist um eine statische Kamerafuhrung.

Doch Gaspar Noe zeigt durch die unstetige und wackelige Bildaufnahme die Gefuhle der Personen und zusatzlich existieren keine Schnitte, dies suggeriert beim Zuschauer das Gefuhl des Dabeiseins.22

Im Laufe der Handlung wird die Kamera immer stabiler. Diese Handkamera ist ebenfalls ein Spiegelbild des Verstandnisses des Zuschauers. Denn zu Anfang ist der Zuschauer noch deutlich verwirrt, doch am Ende glatten sich die Wogen, und alles wird klar. Jeder Kamerawirbel suggeriert ein Umdenken beim Zuschauer.

[...]


1 Selbe Bedeutung wie der „discours“ von Genette.

2 Vgl. Tifien, Tobias, u. a.: Kaum auszuhalten: Das sind die 22 unertraglichsten Filmszenen aller Zeiten! [online], in: Filmstarts, 16.06.2017, URL: http://www.filmstarts.de/nachrichten/18512913.html?page=22 (Zugriff am 15.09.2018).

3 Vgl. Sterrit, David: „Time Destroys All Things“: An Interview With Gaspar Noe, in: Quarterly Review of Film and Video 24 (2007), S. 307.

4 Vgl. ebd.

5 Siehe hierzu Jachmann, Sven: Das Leben stinkt [online], in: Filmgazette, 10.07.2017, URL: https://filmgazette.de/2017/07/10/irreversibel/ (Zugriff am 15.09.2018), sowie Busche, Andreas: Die Dramaturgie sieht rot [online], in: taz, die tageszeitung, 11.09.2003, URL: http://www.taz.de/i711994/ (Zugriff am 15.09.2018) und vielen mehr.

6 o. A.: Filmography [online], in: Le Temps Detruit Tout, o. A., URL: https://www.letempsdetruittout.net/irreversible-en (Zugriff am 15.09.2018).

7 Anmerkung: Bei '2002' handelt es sich um ein Palindrom, welches vorwarts, wie auch ruckwarts gelsesn die selbe Zahlenkombination ergibt.

8 Vgl.: Irreversibel (R: Gaspar Noe, 2002), Hulle der DVD.

9 Gondouin, Mick: : DISCUSSION AVEC MICK GONDOUIN [online], in: Le Temps Detroit Tout, o. A., URL: https://www.letempsdetruittout.net/mick-gondouin-en (Zugriff am 15.09.2018).

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. o. A.: Irreversible [online], in: Le Temps Detroit Tout, o. A., URL: https://www.lctcmpsdctriiittoi.it.nct/irrcvcrsiblc-cn (Zugriff am 15.09.2018).

14 Vgl.: Irreversibel (R: Gaspar Noe, 2002), Hulle der DVD.

15 Eckel, Julia: Zeitenwende(n) des Films. Temporale Nonlinearitat im zeitgenossischen Erzahlkino, Schuren 2012, S.7.

16 Gerard Genette ist einer der wichtigsten Literaturwissenschaftler im Bezug auf die Erzahltheorie. Siehe hierzu: Genette, Gerard: Die Erzahlung, Munchen 1994.

17 Vgl. Brutsch, Matthias: When the Past Lies Ahead and the Future Lags Behind. Backward Narration in Film, Television, and Literature, in: Eckel, Julia; Leiendecker, Bernd; Olek, Daniela, u. a.: (Dis)Orienting Media and Narrative Mazes, Bielefeld 2012, S. 295.

18 Ebd.

19 „unnatural narratology“ und „natural“. Siehe dazu: Hansen, Per Krogh: Backmasked Message. On the Fabula Construction in Episodically Reversed Narratives, Berlin 2011, S. 163.

20 Sterrit, David: „Time Destroys All Things“: An Interview With Gaspar Noe, in: Quarterly Review of Film an Video 24 (2007), S. 313.

21 Vgl. Kuhn, Markus: Filmnarratologie. Ein erzahltheoretisches Analysemodell, Berlin; New York 2011, S. 206.

22 Vgl. ebd. 246.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Eine Untersuchung des Films "Irreversibel" von Gaspar Noé
Untertitel
Das Spielen mit der Zeit
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V463353
ISBN (eBook)
9783668924741
ISBN (Buch)
9783668924758
Sprache
Deutsch
Schlagworte
retrograde narration, retrograde narrative, Rückwärtserzählung, Rückwärtserzählen
Arbeit zitieren
Timon Bartmann (Autor), 2018, Eine Untersuchung des Films "Irreversibel" von Gaspar Noé, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463353

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