Gesellschaftskritik im Kunstmärchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff


Seminararbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Hintergrund.
2.1 Gesellschaftliche SituationimJahr 1826
2.2 Das Werk und die Gesellschaft

3 Gesellschaftskritik im Kunstmärchen

4 Wilhelm Hauffs Einflüsse 8
4.1 Derromantische Hauff
4.2 Der realisti sche Hauff

5 Schlussbetrachtung
5.1 Beantwortung der Fragestellung
5.2 Ausblick und weitere Fragen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wie es Aristoteles Onassis – der einst reichste Mann Griechenlands – schon von über hundert Jahren sagte, ist „ein reicher Mann [...] oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld.“1 Peter Munk, der Protagonist des Kunstmärchens „Das kalte Herz“ wird dies an eigenem Leib erfahren. Der Autor Wilhelm Hauff machte „Das kalte Herz“ zum Hauptaugenmerk seines dritten Märchen-Almanachs im Jahre 1826. Die darin behandelte Thematik ist der Gegensatz zwischen Geld und Gefühl. Das Streben nach Wohlstand und Reichtum und die daraus resultierenden Probleme in der Gesellschaft werden anhand des Protagonisten erfahrbar gemacht und es bildet sich ein gewisses Verständnis gegenüber seiner Verzweiflungstaten.

Die Gattung des Kunstmärchens ist so definiert, dass die Inhaltsstruktur komplex und nicht geradlinig verläuft. Weiterhin kommen phantastische und zauberhafte Elemente vor und Sozialkritik wird betrieben.2 Wilhelm Hauff (1802-1827) wurde keine 25 Jahre alt. Er verfasste dieses Kunstmärchen in der turbulenten Zeit zwischen Romantik und Realismus, sowie vor der kurz bevorstehenden Industrialisierung Deutschlands. Dies widerspiegelt sich in der Schreibweise und den situativen Ereignissen. Meine Forschungsfrage lässt sich wie folgt ableiten:

Inwiefern zeichnen sich gesellschaftskritische Meinungen des Autors im Kunstmärchen „Das kalte Herz“ ab?

Im ersten Teil dieser Seminararbeit werden die historischen Hintergründe des Jahres 1826 genauer betrachtet und Aussagen zur gesellschaftlichen Situation dieser Zeit gemacht. Danach werden das Werk und dessen Bedeutung in Relation zur damaligen Gesellschaft gesetzt. In einem nächsten Schritt werden gesellschaftskritische Äusserungen Hauffs herausgearbeitet. Darauf aufbauend werden die zwei Seiten Hauffs – die realistische und die romantische – genauer betrachtet. Im letzten Kapitel werden die Forschungsfrage beantwortet und die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.

2 Historischer Hintergrund

Das Kunstmärchen, das für „Söhne und Töchter gebildeter Stände“ geschrieben wurde, sollte an sich nicht nur unterhaltende oder pädagogische Zwecke erfüllen, sondern auch Akademiker der Gesellschaft ansprechen.3

In diesem Kapitel wird die Zeit um das Jahr 1826 genauer betrachtet. In einem ersten Schritt wird die damalige Gesellschaft als auch der wirtschaftliche, politische und soziale Kontext, in welchem diese eingebunden war, beschrieben. In einem zweiten Schritt wird der Fokus auf das Werk „das kalte Herz“ gelegt und versucht, dieses in ein Verhältnis zur damaligen Gesellschaft zu stellen.

2.1 Gesellschaftliche Situation im Jahr 1826

Die Gesellschaft im Jahr 1826 war von starken sozialen Umschwüngen durchzogen. Dies lag hauptsächlich daran, dass die traditionelle Ständegesellschaft, welche von der Abhängigkeit des gesellschaftlichen Status und der sozialen Herkunft geprägt war, von der modernen Gesellschaft abgelöst wurde.4 Der Begriff der „Moderne“ oder der „modernen Gesellschaft“ ist jedoch etwas unscharf. Überwiegend werden damit die Entwicklungen beschrieben, welche im 18. und 19. Jahrhundert begannen und geistesgeschichtlich mit der Aufklärung, politisch mit der französischen Revolution und ökonomisch mit der Industrialisierung in Verbindung standen.5 Konkret heisst dies, dass Personen in dieser Zeit nicht mehr nur in einen Stand hineingeboren wurden, sondern eine gewisse Autonomie besassen, sich ihr Leben vermehrt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und daraus folgend ihren Beruf selbst aussuchen zu können.

Die aufkommenden feudalistischen und kapitalistischen Denkweisen in Deutschland führten demnach zu neuen Marktmodellen und politischen sowie wirtschaftlichen Veränderungen. Eine der ersten fundamentalen Erfindungen in dieser Zeit war die Eisenbahn und die damit einhergehenden neuen Handelsmöglichkeiten und -wege. Die Bewohner des Schwarzwaldes, welche den Mittelpunkt des Kunstmärchens darstellen, waren davon auch betroffen und fingen an, Holz in grossem Stil und teils bis in die Niederlande zu handeln. Dieser wirtschaftliche Aufschwung zog jedoch nicht nur positive Konsequenzen mit sich, da die ansässigen Menschen nur teils erfolgreich und reich wurden und sich bei den anderen durch dieses soziale Ungleichgewicht Zorn und auch Neid entwickelten.6 Dieser gesellschaftliche Fokus auf die ständige Gewinnmaximierung resultierte in einer verstärkten „Gefühlskälte“ der Menschen im Zusammenleben. 7 Erbarmungslose, unsolidarische und kapitalistische Verhältnisse wurden dadurch immer weiter verstärkt.8 Diese sozialen Umstände werden in Hauffs Werk aufgefasst und folgend anhand von Zitaten aus dem Kunstmärchen verdeutlicht.

2.2 Das Werk und die Gesellschaft

Die Zustände, in welchen sich die Menschen dieser Zeit befanden, nahmen Einfluss auf Wilhelm Hauffs Kunstmärchen. Zu Beginn werden Reichtum (oder Wohlstand), sowie eine gute Reputation als die Grundpfeiler, welche das Märchenglück von Hauff definieren, in den Vordergrund gestellt.9 Peter Munk, der Protagonist der Geschichte, wird als Sohn eines Köhlers im Schwarzwald vorgestellt. Es wird sehr bald ersichtlich, dass dieser mit seinem Stand nicht zufrieden ist:

„Es betrübte ihn etwas, es ärgerte ihn etwas, er wußte nicht recht, was. Endlich merkte er sich ab, was ihn ärgerte, und das war – sein Stand. „Ein schwarzer, einsamer Kohlenbrenner!“ sagte er sich, „es ist ein elend Leben. Wie angesehen sind die Glasmänner, die Uhrenmacher, selbst die Musikanten am Sonntag abends!“10

Darauf folgend wird Peter Munk und sein Alltag im Werk etwas genauer vorgestellt und bald fällt auf, welche Eigenschaften er an anderen sah, bewunderte und selbst so gerne hätte. Es waren drei Männer, deren einzelne Charakterzüge er als erstrebenswert ansah und diese gerne als Summe besitzen würde. Zum Ersten war dies „der dicke Ezechiel“, welcher Reichtum verkörpert. Zum Zweiten „der lange Schlurker“, der Kühnheit ausstrahlt und zum Dritten „der Tanzbodenkönig“, welcher mit Eleganz in Verbindung gebracht wird. Jedoch werden vom Autor auch die negativen Aspekte dieser Personen erläutert, denn „[...] es war [...] ihr unmenschlicher Geiz, ihre Gefühllosigkeit gegen Schuldner und Arme, denn die Schwarzwälder sind ein gutmütiges Völklein; aber man weiß, wie es mit solchen Dingen geht; waren sie auch wegen ihres Geizes verhasst, so standen sie doch wegen ihres Geldes in Ansehen [...]“.11 Peter Munk entsinnt sich der alten Sagen von Waldgeistern. Er entschliesst sich daraufhin, sich entweder von dem Glasmännlein oder dem Holländer-Michel seinen Wunsch nach Reichtum erfüllen zu lassen. Diesen zwei Charakteren verdanken gerüchtehalber der eine oder andere seinen Reichtum.

Nach einem ersten gescheiterten Versuch, das Glasmännlein zu erreichen und nach einem Wunsch zu fragen, traf er unverhofft auf den Holländer-Michel. Dieser soll „jedoch [...] seit hundert Jahren [...] seinen Spuk im Wald [treiben], und man sagt, daß er schon vielen behülflich gewesen sei, reich zu werden, aber – auf Kosten ihrer armen Seele“.12 Durch die Konsequenzen dieses schlechten Rufes wünschte sich Peter zunächst noch nichts bei dem Holländer-Michel. Im nächsten Kapitel wird nun genauer auf die verschiedenen Charaktere und die eindeutige Kritik des Autors eingegangen.

3 Gesellschaftskritik im Kunstmärchen

In Hauffs Märchen werden zwei sehr gegensätzliche und sich konkurrierende Seiten oder konkreter, Gesellschaftsgruppen vorgestellt, welche den Kontrast in der damaligen Gesellschaft wiederspiegeln. Überblickshalber werden diese hier zu Beginn kurz erläutert und danach anhand von Textauszügen verdeutlicht. Die zwei Gruppen werden von den Glasmachern und den Holzfällern, welche an den verschiedenen Enden des Schwarzwaldes leben, dargestellt. Das Glasmännlein und der Holländer-Michel sind die zwei magischen Individuen, in welchen die Werte und Verhaltensweisen dieser Seiten am deutlichsten zum Ausdruck gebracht werden.13

Das Glasmännlein steht für das moralische Handeln, sowie für die traditionsgebundenen-handwerklichen Denkweisen der Glasmacher. Die Glasmacher respektieren die Natur und ihr Verhalten ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Der Holländer-Michel verkörpert die modern-kapitalistische Denkweise und den mit ihm kommenden Drang ein gesellschaftlich gutes Ansehen zu besitzen.14 Die Holzfäller zeichnen sich demnach durch ihr unmoralisches Verhalten, ihre Skrupellosigkeit sowie die eigene Selbstverherrlichung aus, sie sind also „charakteristisch für den Frühkapitalismus“.15

Zurück nun also zum Ende des vorherigen Kapitels, als sich das Glasmännlein nach dem Zusammentreffen von Peter Munk und dem Holländer-Michel zeigt, und dies nur, da er die genauen Bedingungen erfüllt am Sonntag Morgen geboren worden zu sein und auch einen Reim aufzusagen, welcher auswendig gelernt werden musste. Der erste Wunsch ist soviel Geld wie Ezechiel und Tanzkünste wie der Tanzbodenkönig. Das Glasmännlein wird als Reaktion darauf wütend und beschimpft ihn.

„Schämst du dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glück zu betrügen? Was nützt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen kannst? Was nützt dir dein Geld, das nach deinem Wunsch nur für das Wirtshaus ist, und wie das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt. Dann hast du wieder die ganze Woche nichts und darbst wie zuvor. Noch einen Wunsch gebe ich dir frei, aber sieh dich vor, daß du vernünftiger wünschest!“16

und fordert ihn auf, den nächsten Wunsch nicht so zu verschwenden und sich etwas zu wünschen, was ihn und auch seine Mutter langfristig glücklich und erfolgreich machen kann. Der zweite Wunsch ist eine Glashütte mit Pferd und Wagen, damit er nicht mehr Köhler sein muss. Darauf hin wird das Glasmännlein noch wütender und sagt Peter, dass er sich Verstand hätte wünschen sollen mit dem er seine neuen Besitztümer zu verwalten gewusst und auch Profit daraus hätte schlagen können. Als Peter den dritten Wunsch dafür nutzen wollte, diesen Verstand zu wünschen verwehrte ihn das Glasmännlein jedoch mit den Worten „Nichts da; du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh sein wirst, wenn du noch einen Wunsch frei hast; und nun mache dich auf den Weg nach Hause.“17

Nach dem Erhalt des Geldes vom Glasmännlein kehrt Peter Munk zu ersten Mal glücklich und stolz zurück. Zunächst scheint sein Verhalten und dessen Konsequenzen einen guten Weg einzuschlagen, da er mit dem Geld vom Glasmännlein den Armen hilft, die Musikanten mit viel Trinkgeld unterstützt und ebenfalls auch das Wirtshaus mit seinen grosszügigen Spenden und Ausgaben in eine gute Position bringt. Dies nimmt jedoch die vom Glasmännlein verheissene Wendung, als sich Peter Munk nicht mehr vom Spiel und Alkohol lösen kann und Ezechiel sein Geld verliert und dementsprechend Peter auch keins mehr hat, verarmt und sich auch noch verschuldet. Objektiv kann somit gesagt werden, dass er an einem noch tieferen Punkt in seinem Leben steht als zuvor.

[...]


1 Gutzitert: Aristoteles Onassis (Abgerufen: 20.10.2018).

2 Klotz 1987, 8 ff.

3 Polaschegg 2003, 8.

4 Hradil 2005, 110.

5 Lambers 2008, 103.

6 Kittstein 2002, 26.

7 Descourvières 2008, 8.

8 Gruschka 1994, 30f.

9 Kittstein 2002, 23.

10 Hauff 1827, 144.

11 Neuhaus 2002, 131.

12 Hauff 1827, 154.

13 Schwarz 1993, 121.

14 Ebd., 122.

15 Smith 2002, 74.

16 Hauff 1827, 162.

17 Ebd., 163.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftskritik im Kunstmärchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff
Hochschule
Universität Zürich
Note
1,5
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V463763
ISBN (eBook)
9783668927353
ISBN (Buch)
9783668927360
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaftskritik, kunstmärchen, herz, wilhelm, hauff
Arbeit zitieren
Salome Müller (Autor), 2018, Gesellschaftskritik im Kunstmärchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463763

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