Das Vanitas-Motiv in der Lyrik des Barock. Wie unterscheidet sich die Verwendung des Motivs in den Gedichten "Es ist alles eitel" von Andreas Gryphius und "An sich" von Paul Fleming?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1. Vanitas
2.2. Memento Mori

3. Interpretation an ausgewählten Gedichten
3.1. Andreas Gryphius: Es ist alles eitel
3.1.1. Formanalyse
3.1.2. Interpretationsansatz hinsichtlich des Vanitas-Motivs
3.2. Paul Fleming: An sich
3.2.1. Formanalyse
3.2.2. Interpretationsansatz hinsichtlich des Vanitas-Motivs

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Von jeher hat der Mensch sich mit dem Problem des Todes auseinandergesetzt, und es gibt kein Volk, dessen Kultur nicht Zeugnis davon ablegte.“1 „Es würde schwerlich gedichtet werden auf Erden, ohne den Tod.“2

Gerade in der Barocklyrik, welche der Zeit zwischen 1600 und 1720 zuzuordnen ist, gelten diese Gedanken mehr denn je. Blickt man auf das 17. Jahrhundert zurück, so gibt es kaum einen Abschnitt in der europäischen Geschichte, welcher mehr von Spannungen und Gegensätzen geprägt war, wie dieser.

Durch die vorherrschenden Kriege, unter anderem den dreißigjährigen Krieg, waren die Menschen täglich mit den Themen Tod und Vergänglichkeit konfrontiert. Mit den daraus resultierenden Spannungen zwischen dem Verlangen nach einem erfüllten Leben und der Angst vor dem Tod beschäftigte sich auch die Literatur des 17. Jahrhunderts. Dichter und Schriftsteller wie Andreas Gryphius oder Paul Fleming verarbeiteten diese Spannungsverhältnisse in ihren Gedichten. So taucht der Vanitas-Gedanke in der Lyrik des Barock immer wieder auf und wird dabei auf verschiedene Art und Weise und zu unterschiedlichen Zwecken ausgelegt und verarbeitet.

Anhand der zwei Gedichte „Es ist alles eitel“3 von Andreas Gryphius und „An sich“4 von Paul Fleming soll die unterschiedliche Verwendungsweise des Vanitas-Motivs beispielhaft verdeutlicht werden.

Zunächst werden hierfür das Leitmotiv „Vanitas“ und das damit einhergehende „Memento Mori“ definiert und es wird deren Herkunft erklärt. Die Analysen der Gedichte setzen sich zusammen aus der formalen Analyse und des darauffolgenden Interpretationsansatzes hinsichtlich des oben genannten Leitmotivs. Eine Schlussfolgerung soll abschließend die verschiedenen Verwendungsweisen des Vanitas-Motivs klären. Die in der Analyse genutzten Versangaben werden dabei im Fließtext erwähnt.

2. Begriffserklärungen

2.1. Vanitas

Die Leitmotive der Barocklyrik gehören zu dieser zwar genauso dazu, wie die von Martin Opitz vorgegebene Form des Gedichts, trotzdem hat dieser sie nie in seinem Regelwerk, der Poeterey5 festgelegt. Sie haben sich selbstständig als ein fester Motivschatz herausgebildet, der im Bewusstsein der Menschen lebendig war6.

Der Begriff „Vanitas“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Nichtigkeit“, „Eitelkeit“ oder „Vergänglichkeit“. Er lässt sich aber auch aus dem Hebräischen mit dem Wort „Windhauch“ übersetzen.

Der Vanitas-Gedanke bezieht sich auf die Unbeständigkeit des Lebens und die unabänderliche Todverfallenheit des Menschen und prägte vor allem die Lyrik des Barock. Allerdings hat er seinen Ursprung schon im Alten Testament der Bibel. Bereits dort lassen sich Textpassagen finden, welche das Leben als vergänglich darstellen. Beispielsweise heißt es dort von Salomo: „Es ist alles ganz eitel7, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“8

Nach der Auffassung des Vanitas-Gedanken ist das Leben nur die Vorstufe zum ewigen Tod und gilt als eine Art Zwischenstation. Dabei ist nicht nur das Leben des Menschen, sondern die restlose Vergänglichkeit alles Existierenden gemeint9. „Der Tod schont keinen Menschen, sei er jung oder alt, gelehrt oder ungelehrt, reich oder arm.“10 Eine oft gehörte Klage, die die Dichter dieser Zeit beschäftigte war außerdem das schnelle Vergessen der Toten.

Die Bilder und Vergleiche, die bei der Darstellung des Vanitas-Gedanken genutzt werden, beruhen auf der Beobachtung, dass alle Dinge der uns umgebenden Wirklichkeit unter dem Gesetz des Wandels stehen11.

Das Vanitas-Motiv kann zu verschiedenen Zwecken genutzt werden, wie Ferdinandus Jacobus van Ingen in Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik erwähnt. Beispielsweise kann dieses in Verbindung mit der Todesmahnung stehen und als Hinweis für den Menschen dienen, dass auch er ein vergängliches und kurzlebiges Geschöpf ist und dementsprechend immer mit dem Tod rechnen und christlich leben sollte12. Der Vanitas-Gedanke kann außerdem mit einer Aufforderung zum sinnvollen Nutzen des eigenen Lebens einhergehen, oder aber er wird als Hinweis auf die Bedeutung einer ernsthaft beobachteten Sittlichkeit oder als Anleitung zur Buße verwendet13. Im Allgemeinen dient das Motiv nie nur der Vorbereitung auf den belehrenden Schluss eines Gedichtes, sondern ist immer Sinnschwerpunkt von diesem14.

2.2. Memento Mori

„Zu keiner Zeit ist die Todesmahnung, sei sie denkerisch oder dichterisch gefasst, völlig verstummt. […] Denn es gehört zum Wesen des Menschen, dass er sich transzendiert, sich über die eigene Begrenztheit hinauslebt.“15

Mit dem Vanitas-Gedanken zusammenhängend ist das Memento Mori (lat.: „Bedenke, dass du sterben musst“). Es ist ein Aufruf an den barocken Menschen, die Gegenwart bewusst zu leben. Van Ingen bezeichnet es als ein Mittel, um die „Todesmahnung nachdrücklich einzuhämmern“16.

In der Barocklyrik gibt es zwei Aufbauelemente, die in allen Memento Mori-Dichtungen begegnen: das kurze, vergängliche Leben, sowie die Todverfallenheit des Menschen und die Ungewissheit der Todesstunde17.

Auch das Memento Mori hat seinen Ursprung nicht im Barock, sondern ist schon im alten Rom von Bedeutung gewesen. In dieser Zeit war es Brauch, dass ein Sklave seinem Feldherrn während dessen Triumphzug die Worte „Memento moriendum esse“ (lat.: „Bedenke, dass du sterben musst“) zuflüsterte, um seinen Triumphator an seine Sterblichkeit zu erinnern. So sollte verhindert werden, dass sich dieser auf eine gottgleiche Stufe stellte.18

„Wenn die Vanitas- und Memento Mori-Motive in den Dienst der Ethik treten, so heißt das, dass es in der Dichtung nicht an erster Stelle um das Problem des Todes, sondern um das des Lebens geht“19. Die Vermittlung (christlicher) Lebensregeln kann durch die Verbindung mit der Todesmahnung gezielter und eindringlicher geschehen, als es ohne diese Betonung der menschlichen Nichtigkeit möglich wäre20.

3. Interpretation an ausgewählten Gedichten

3.1. Andreas Gryphius: Es ist alles eitel

3.1.1. Formanalyse

Bei dem von Andreas Gryphius im Jahr 1637 geschriebenen Gedicht „Es ist alles eitel“ handelt es sich um ein Sonett, welches den strengen Vorgaben von Martin Opitz aus dessen Buch von der deutschen Poeterey 21 folgt . In dem Gedicht wird das für den Barock typische Motiv der Vergänglichkeit aufgefasst. Es geht um die Nichtigkeit von Menschheit, Menschengeschaffenem und der Natur. Gryphius legt sein Gedicht so aus, dass es als Aufforderung gesehen werden kann, darüber nachzudenken, beziehungsweise sich darüber klar zu werden, dass das Leben und alles um uns herum vergänglich ist.

Das Gedicht besteht aus vierzehn Versen, wobei zwei Terzette bestehend aus Schweifreimen auf zwei Quartette aus Blockreimen folgen. Die deutsche Poesie wurde in der Zeit des Barock auf alternierende Verse verpflichtet 22. So liegt metrisch betrachtet in „Es ist alles eitel“ ein Alexandriner, also ein sechshebiger Jambus mit Mittelzäsur nach der sechsten Silbe vor, welche hauptsächlich Haupt- und Nebensätze voneinander trennt. Die Kadenzen sind vom Reimschema des Sonetts bedingt, sodass die sich reimenden Verse jeweils die selbe Kadenz aufweisen. Die Verse 1,4,5,8,11 und 14 sind hierbei weiblich, alle anderen männlich. Das Gedicht ist klimaxartig aufgebaut und steigert sich von Strophe zu Strophe. Zunächst geht es um die Vergänglichkeit allem von Menschenhand geschaffenen, dann wird über die Vergänglichkeit der Natur gesprochen und zum Schluss über die des Menschen selbst und dessen Bewältigung des Lebens, bevor das letzte Terzett die Grundaussage des Gedichtes zusammenfasst.

[...]


1 Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. J.B. Wolters. Groningen 1966. S. 1

2 Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 4f

3 Gryphius, Andreas: Es ist alles eitel. In: Herbert Cysarz: Barocklyrik II. Hoch- und Spätbarock. Georg Olms Verlag. Hildesheim 1969. S. 185

4 Fleming, Paul: An sich. In: J.M. Lappenberg: Paul Flemings deutsche Gedichte. Erster Band. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1965. S.33

5 Opitz, Martin: Buch von der deutschen Poeterey (1624). In: Jaumann, Herbert (Hg.): Buch von der deutschen Poeterey (1624). Studienausgabe. Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG. Stuttgart 2002.

6 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 58.

7 „Eitel“ bedeutete früher „vergänglich“

8 Kohelet 1,2

9 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 66

10 Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 69

11 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 66f

12 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 89

13 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 76

14 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 353

15 Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 7

16 Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 66

17 Vgl. Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 61

18 Vgl. www.memento-mori.de

19 Van Ingen, Ferdinandus Jacobus: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. S. 307

20 Vgl. ebd.

21 Opitz, Martin: Buch von der deutschen Poeterey (1624). In: Jaumann, Herbert (Hg.): Buch von der deutschen Poeterey (1624). Studienausgabe. Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG. Stuttgart 2002.

22 Meid, Volker: Barocklyrik. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH. Stuttgart 1986. S.20

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Vanitas-Motiv in der Lyrik des Barock. Wie unterscheidet sich die Verwendung des Motivs in den Gedichten "Es ist alles eitel" von Andreas Gryphius und "An sich" von Paul Fleming?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V464295
ISBN (eBook)
9783668919204
ISBN (Buch)
9783668919211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Barocklyrik, Vanitas, Vanitasmotiv, Memento mori, An sich, Es ist alles eitel, Andreas Gryphius, Paul Fleming
Arbeit zitieren
Franziska Gebauer (Autor), 2017, Das Vanitas-Motiv in der Lyrik des Barock. Wie unterscheidet sich die Verwendung des Motivs in den Gedichten "Es ist alles eitel" von Andreas Gryphius und "An sich" von Paul Fleming?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464295

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