Text und Sprache. Text und Handeln.

Eine Untersuchung des Textbegriffs bei Konrad Ehlich und Karlheinz Stierle.


Hausarbeit, 2015
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textbegriff nach Konrad Ehlich: „Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überlieferung“
2.1 Textlinguistischer Ansatz
2.2 Der Text: Sprachliche Handlung und ihre Überlieferung
2.3 Mündliche Überlieferung und schriftliche Überlieferung

3. Textbegriff nach Karlheinz Stierle: „Text als Handlung und Text als Werk“

4. Vergleich der beiden Textbegriffe in Bezug auf grundlegende Kriterien
4.1. Die sprachliche Handlung
4.2. Die Überlieferung versus der Text als Handlung
4.2.1 Mündlichkeit .
4.2.2 Schriftlichkeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir leben mit und in Texten. Wir werden mit Texten sozialisiert, unsere Welterfahrung ist weitgehend durch Texte bestimmt. (…) Alles Text, nur Text – außer was in unserem Kopf ist, damit wir die Texte verstehen. Und wie ist es da hinein gekommen? Über Texte.“1

Texte sind ein Abbild unserer Welt und doch beeinflussen sie in gleichem Maße rückwir- kend unser Weltbild. Ein Verständnis und auch Verständigung ohne Texte ist aus unse- rer Kultur nicht weg zu denken. Der Begriff Text ist in unserem Wortschatz fest verankert und hat seinen Platz im alltäglichen Wortgebrauch, gleichzeitig bildet er die Grundlage aller Geisteswissenschaften. Auffallend ist dennoch, dass Text nicht immer gleich Text ist, anhand des Mediums von dem er getragen wird oder auch je nachdem, in welchem Kontext er verwendet wird. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass vielfältige An- sätze zur Begriffsbestimmung existieren, die nach ihren Kriterien grundverschieden sind und definitiv keine homogene Einheitsdefinition zulassen. Es existieren semiologische, philologisch/medientheoretische, kulturwissenschaftliche und hermeneutische Textmo- delle. Zu letzterem zieht diese Arbeit die Modelle zweier Theoretiker heran: Konrad Eh- lich und Karlheinz Stierle. Beide fokussieren zunächst die Handlung in Bezug auf das Entstehen von Texten und bilden das Konzept einer „hermeneutische[n] Tradition als Instanz gesellschaftlicher Kommunikations- und Interpretationsprozesse.“2 Allerdings sind diese beiden Modelle sehr unterschiedlich. So hat sich beispielsweise Ehlich die Frage gestellt, ob es möglich ist „den Terminus Text in einer solchen Weise zu gebrau- chen, dass die alltagsweltliche Vorkategorisierung sinnvoll aufgehoben und zugleich eine schärfere Bestimmung des Text-Begriffs möglich wird“3. Um genau in dieser Frage mehr Aufschluss geben zu können, zieht diese Arbeit die Texte von Ehlich „Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überliefe- rung“ und Stierles „Text als Handlung und Text als Werk“ unabhängig voneinander und im Vergleich zueinander heran. Diese Arbeit soll denn Ausschnitt eines Teilbereiches zum Textbegriff abbilden und nicht nur erörtern ob es sinnvoll ist einen solchen zu bilden,sondern auch, ob dies überhaupt möglich ist.

2. Textbegriff nach Konrad Ehlich: „Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überlieferung“

2.1 Textlinguistischer Ansatz

Der Textbegriff in der Linguistik befasst sich nicht nur ausschließlich mit der Analyse, Struktur oder ihrem Sinn, sondern ebenso mit der Gesprächs- und Diskursanalyse.4 Da- bei stellt der Text weitaus mehr dar als ein Schriftstück, er verweist hierbei vor allem auch auf menschliche Kommunikation. Die Textlinguistik hat deswegen einen anderen Textbegriff als die Literaturwissenschaft. Dennoch ist Literatur diesem Wissenschaftsge- genstand neben beispielsweise Bild, Melodie, Grafik und Sprache im Allgemeinen mit inbegriffen.5

Bei dem Begriff ‚Text‘ handelt es sich um einen Fachausdruck der sprachbezogenen Wissenschaften, der ursprünglich aus unserer Alltagssprache stammt und selbstver- ständlich sowie selbstredend in ihr integriert ist. Problematisch ist dies für die Wissen- schaft, da die Einbeziehung dieses Terminus in den alltäglichen Sprachgebrauch nicht ohne semantische Zuschreibungen verläuft, welche innerhalb der Fachterminologie keine Auswirkungen haben sollten. Bei näherer Betrachtung kristallisiert sich dennoch heraus, dass es dem Begriff des ‚Texts‘ auch innerhalb der Wissenschaften an definito- rischer Genauigkeit und Einigkeit fehlt. So verfügt der Terminus ‚Text‘ wissenschaftsin- tern über drei gänzlich unterschiedliche Ansichten zur Betrachtung seiner Eigenschaften und Auslegungen.6

Die naheliegendste Auslegung, und durch den alltäglichen Sprachgebrauch zuge- schrieben, ist die unreflektierte Assoziation von Text mit Schriftlichkeit. Geradezu selbst- verständlich wird Text mit Literatur verbunden, da sich diese aus Texten zusammensetzt, die den Gegenstand und Objektbereich bilden. Literatur wird als alles allgemein schrift- liche, eben literale betrachtet und „Texte sind eo ipso schriftlich“7. Für den Literaturwis- senschaftler genügt nach Ehlich dieses Verständnis von Text, da es eine feste Grund- lage für die literaturwissenschaftliche Arbeit bildet, die benötigt wird.8

In einem gewissen Widerspruch zu diesem unkomplizierten Anspruch verhält sich die Ansicht, dass ein ‚Text‘ eine satzübergreifende sprachliche Einheit ist, deren Einzeldefinition aus der Spezifik der Verknüpfung abgeleitet wird. Durch die Reflexion der Gegen- standsbestimmung zeigte sich eine Unzulänglichkeit an der Vorstellung von ‚Text‘. Wei- tere Aspekte der Textlinguistik führten zur Ausweitung des Terminus und verallgemei- nerten den Begriff auf sprachliche Äußerungen. Somit umfasst dieser Textbegriff jegliche sprachliche Erscheinung, die sich sprachwirklichkeitsnah zur tatsächlichen Sprachver- wendung verhält. Die Verfasser des Lektürekollegs zur Textlinguistik bezeichneten Text als „Gesamtmenge der in einer kommunikativen Interaktion auftretenden kommunikati- ven Signale“9. Substanzielle Gedanken für diese Auffassung kamen von Weinrich, der behauptete, dass die in Sprechhandlungen vorkommende Sprache ‚Text‘ genannt wird und Sprache uns im Umkehrschluss zunächst in Texten begegnet.10 Ähnlich dazu äu- ßerte sich die ‚Texttheorie‘ nach S. J. Schmidt als „kommunikative Linguistik, abgetrennt von der Textlinguistik, die sich nur aus der Erweiterung der Satzlinguistik ergibt“11. Die Verbindung von allein zwei Sätzen (Textgrammatik) erfüllt somit schon die Vorausset- zung für ‚Text‘. Nicht nur in Bezug auf die Schriftlichkeit wirft diese Definition Zweifel auf: Aspekte des alltäglichen Textverständnisses werden völlig außer Acht gelassen und der Sinn einer zugleich derart abstrahierten und reduzierten Auffassung steht zur Diskussion (Alltagssprache als Metasprache). Für Ehlich „[geht] der Gedanke einer durch bestimmte strukturelle Kennzeichen charakterisierten Einheit verloren, indem die Verknüpfung al- lein übrig bleibt“12.

Noch weiter vom alltäglichen Textverständnis liegt aber die Auffassung, dass alles was mit Sprache im Akt ihres Gebrauchs entsteht zum Text wird. Somit fasst die Textlinguistik alles als Text auf, was länger als ein Satz ist. Forschungsschwerpunkt bildet hier der Ansatz nach von Dijk und Petöfy mit der Bielefelder und der Konstanzer Schule, die sich stark an den Beschreibungs- und Erkenntniszielen der formalisierten Linguistik orientier- ten und von Strukturalismus und Formalismus beeinflusst wurden. Früh entwickelte sich diese textlinguistische Fragestellung in Deutschland in verschiedenen Texten Peter Hartmanns. Begrifflichkeiten, wie ‚kommunikative Handlung‘, ‚sprachliche Handlung‘ o- der ‚Text‘ sind aber nicht mehr differenzierbar, da sich bei dieser definitorischen Breite keine spezifischen Merkmale mehr festlegen lassen.13 Deshalb entwickelt Ehlich einen eigenen Textbegriff, den er durch die sprachliche Handlung und ihre Überlieferung definiert.

2.2 Der Text: Sprachliche Handlung und ihre Überlieferung

Problematisch ist nach wie vor die Ansicht zu Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Bezug auf den Text; um das beantworten zu können, muss jedoch der Zusammenhang zwi- schen Text und sprachlichem Handeln analysiert werden.

Sprachliches Handeln stellt einzelne sprachliche Handlungen zwischen mindestens zwei Aktanten dar, Sprecher und Hörer, die eng aufeinander bezogen sind. Der Sprecher realisiert während seiner sprachlichen Handlung gegenüber dem Hörer drei unterschied- liche Dimensionen (Unterscheidung nach Searle 1969): Äußerungsakt (u), propositiona- ler Akt (p) und illokutiver Akt (i). Dieses Modell gibt vor, dass sprachliches Handeln in der Sprechsituation geschieht (Sprechsituationen sind jene Ereignisausschnitte, die durch die sprachlichen Tätigkeiten bestimmt sind), die die Kopräsenz von Sprecher und Hörer in einem gemeinsamen Wahrnehmungsraum erfordern. Von diesem Wahrneh- mungsraum wird in zweierlei Hinsicht Gebrauch gemacht: für die Dimension der Äuße- rung und für die Konstitution des Zeigfeldes und die Verwendung deiktischer Ausdrü- cke.14

Es ergibt sich folgende Problematik aus diesem Modell sprachlichen Handelns: Der Äußerungsakt ist gebunden an das Medium des Schalls (sprachliches Handeln im Sinne von Schrift ist hier ausgeschlossen), der aber flüchtig und zugleich wesentliche Bedin- gung für die Konstruktion einer Lautsprache ist. Die Flüchtigkeit der Laute ermöglicht erst ihre Vielzahl in einer kurzen Zeit, was Voraussetzung für die Komplexität der Äuße- rungen darstellt um propositionale und illokutive Akte auszudrücken.15 Um sich von der Bindung an den Wahrnehmungsraum zu lösen, gibt es die Möglichkeit der kurzfristigen Speicherung des sprachlichen Handelns im Kurzzeitgedächtnis. Sprachliche Handlun- gen, die ihre Flüchtigkeit überwinden, da sie in praktische Zweckzusammenhänge ein- gebunden sind, werden nach Bühler „empraktische“ sprachliche Handlungen genannt. Wissensverarbeitung, -speicherung und –weitergabe als Aspekte sprachlicher Handlun- gen lösen sich jedoch aus der Bindung an die Sprechsituation als Teil größerer Hand- lungseinheiten und bekommen somit systematische Relevanz, die zu anderen Formen sprachlichen Handelns führen.16

Drei mögliche Szenarien führen zu diesen anderen Formen: die Kopräsenz ist nicht gegeben, die akustische Dimension als Übertragungsmittel ist problematisch, das gemeinsame Zeigfeld als Bezugsfeld entfällt. Die ursprüngliche Grundbedingung einer Sprechsituation kann nicht erfüllt werden. Gründe dafür sind, wenn Gleichzeitigkeit und Gleichräumlichkeit zwischen den Aktanten nicht gegeben sind.17 Wenn der Sprecher die sprachliche Handlung trotzdem ausführen will, muss er den raumzeitlichen Abstand überwinden. Entweder durch die Zurückhaltung der sprachlichen Handlung in der Re- tention, er wahrt also seine Planungsresultate bis zu einem Zeitpunkt an dem die Gleich- zeitigkeit und Gleichräumlichkeit eintritt. Oder er löst die Problematik durch das Institut des Boten: Der Bote tritt als dritter Aktant ein und wird zum Übermittler der sprachlichen Handlung, indem er die Distanz zwischen Sprecher und Hörer überwindet.18 Als letzte Möglichkeit gibt es die diachrone Übermittlung der Sprechsituation: Entweder ein Eigner des zu verbalisierenden Wissens kommt mehrmals in die Lage, dieses Wissen an unter- schiedliche Hörer weiterzugeben oder verschiedene Sprecher verbalisieren verschiede- nen Hörern identisches Wissen.19

In allen Fällen bedarf es der Speicherung der Sprechhandlung eines Sprechers, wel- che zunächst mithilfe des Gedächtnisses geschieht. Somit kann der diatope bzw. dia- chrone Abstand zwischen zwei Sprechsituationen überbrückt werden. Die Sprechhand- lung wird aus ihrer ursprünglichen Sprechsituation herausgelöst, bleibt jedoch in allen Dimensionen und Akten gleich, Sprecher, Hörer und Sprechsituation hingegen variieren. Zusammenfassend kommt Ehlich also zu dem Schluss, dass ein ‚Text‘ eine Sprech- handlung ist, die aus ihrer primären unmittelbaren Sprechsituation herausgelöst und für eine zweite Sprechsituation gespeichert wurde. Kennzeichnend für einen Text ist also seine sprechsituationsüberdauernde Stabilität. Dieser Prozess wird als Überlieferung bezeichnet und stellt ein Kriterium für den Text dar. Ein Text ist also eine zerdehnte Sprechsituation und ein selbstständiges Objekt. Er wird aber lediglich gespeichert um als Vermittler zwischen zwei Sprechsituationen fungieren zu können.20

Dieses sehr theoretische Modell, bei dem der Text eine sehr spezifische Funktion er- füllt, lässt aber völlig außer Acht, dass es fast unmöglich ist, die sprachliche Handlung in jeder Sprechsituation gleich ablaufen zu lassen. Die diachronen und diatopen Proble- matiken, die zu unterschiedlichen Sprechern und Hörern führen, resultieren in einem unbeabsichtigten Interpretationsspielraum.

2.3 Mündliche Überlieferung und schriftliche Überlieferung

Bereits Völker von vor über 5000 Jahren gaben Wissen diachron (also in diesem Sinne hier Texte) von Generation zu Generation weiter, dies waren rein mündliche Kulturen, deren Überlieferungsmöglichkeiten sich dadurch jedoch beschränkten.

[...]


1 Heringer, Hans Jürgen: Linguistische Texttheorie. Eine Einführung. Tübingen, 2015, S. 14.

2 Vgl. Stephan Kammerer u. Roger Lüdeke: „Einleitung“, in: Stephan Kammer; Roger Lüdeke (Hg.): Texte zur Theorie des Textes. Stuttgart 2005, S. 19.

3 Konrad Ehlich: „Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überlieferung“, in: Stephan Kammer; Roger Lüdeke (Hg.): Texte zur Theorie des Textes. Stuttgart, 2005, S. 233.

4 Vgl. Heringer, S. 9.

5 Vgl. ebd. S. 11.

6 Vgl. Ehlich, 2005, S. 228.

7 Ebd. S. 229.

8 Vgl. ebd. S. 228f.

9 Ehlich, 2005, S. 231.

10 Vgl. ebd. S. 231.

11 Ebd. S. 231.

12 Ebd. S. 232.

13 Vgl. ebd. S. 229ff.

14 Vgl. Ehlich, 2005, S. 234.

15 Vgl. ebd. S. 235.

16 Vgl. ebd. S. 236.

17 Vgl. Ehlich, 2005, S. 237.

18 Vgl. ebd. S. 238f.

19 Vgl. ebd. S. 240.

20 Vgl. ebd. S. 241f.

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Details

Titel
Text und Sprache. Text und Handeln.
Untertitel
Eine Untersuchung des Textbegriffs bei Konrad Ehlich und Karlheinz Stierle.
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V465044
ISBN (eBook)
9783668918023
ISBN (Buch)
9783668918030
Sprache
Deutsch
Schlagworte
text, sprache, handeln, eine, untersuchung, textbegriffs, konrad, ehlich, karlheinz, stierle
Arbeit zitieren
Pauline Breitwieser (Autor), 2015, Text und Sprache. Text und Handeln., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465044

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