Die Rolle der Thusnelda in Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht"


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Charakterisierung der Thusnelda
1.2 Thusnelda in Beziehung
1.3 Thusnelda als Bestie
1.4 Thusneldas Rolle für das Drama

2. Historische Hintergründe des Dramas
2.1 Umriss der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte
2.2 Hermannsschlacht: Ein politisches Drama?

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hermannsschlacht von Heinrich von Kleist, welche „historisch in die germanische Archaik, wo im Jahre 9 n. Chr. ein germanischer Fürst Arminius die römische Übermacht von Varus‘ Legionen im Teutoburger Wald vernichtend geschlagen hatte und so indirekt eine Romanisierung des Nordes, also Germaniens verhinderte“1 verweist, ist ein viel diskutiertes Werk, denn Kleist gibt in diesem Stück ein neues Gesicht von sich zu erkennen. Das Gesicht des Realisten, welches im Michael Kohlhaas um das Recht des Bürgers gegen adelige Willkür kämpft, das Gesicht des rousseauistischen Utopisten im Erdbeben von Chili, welches die Versöhnung der Menschen in Rückkehr zur Naturidylle verwirklicht und das zwischen Kantscher Pflichtenethik und romantischem Individualismus gespaltene Gesicht im Prinzen von Homburg sind allgemein bekannt.2 Doch das Gesicht des wütenden Barbaren deckt Heinrich von Kleist nur in der Hermannschlacht auf.3

„Wie kein anderes Stück Kleists polarisierte dieses blutrünstige Germanendrama die Interpreten bzw. die Leser. Die Hermannsschlacht ist und bleibt Skandalon der Kleist-Rezeption. Von Interpreten abgelehnt oder aber in den Schutz genommen, bildet das Stück immer noch einen Punkt, an dem sich die Geister scheiden. Es handelt von der möglichen Legitimation von Gewalt, des Verrats, der Lüge und der Täuschung unter der Bedingung eines Verteidigungskrieges.“4

Gerade die Motive Gewalt, Verrat, Lüge und Täuschung begegnen dem Leser in der Handlung rund um Thusnelda. Dies ist vor allem deswegen Aufsehen erregend, da die Thusnelda-Handlung auf dem ersten Blick nur im losen Zusammenhang mit dem Hautgeschehen zu stehen scheint.5 Es gilt also zu überprüfen inwieweit die Handlung um Thusnelda wirklich nur Nebenhandlung ist, bzw. inwieweit diese die Haupthandlung beeinflusst. So kann es doch kein Zufall sein, dass gerade diese Motive, die die Gründe für „Reaktionen der Abwehr und der politischen, moralischen oder ästhetischen Distanzierung [sind]“6, dem Leser bei genauerer Betrachtung der Gattin Herrmanns begegnen. Es stellt sich also die Frage, wie wichtig die Rolle der Thusnelda für den Dramenverlauf ist.

Heinrich von Kleist selbst beschreibt, dass seine Thusnelda ein wenig einfältig und eitel sei, wie die Mädchen, denen die Franzosen imponieren.7 Kleist deutet mit dieser Aussage erstens den schwachen Charakter seiner weiblichen Hauptrolle an und zweitens verweist er auf eine inhaltliche Verbindung zwischen seinem Drama und dem zeitlichen Kontext. Ob sich die politische Situation der Entstehungszeit des Dramas, die napoleonischen Kriege und der damit einhergehende Franzosenhass Kleists, wirklich im Drama wiederfinden lässt, bedarf ebenso einer Untersuchung.

Um die Bedeutung der Rolle Thusneldas für den Handlungsverlauf des Dramas genauer zu ergründen, wird eine Charakterisierung Thusneldas vorgenommen, um zu prüfen, ob sie wirklich einfältig und eitel ist, oder aber vielleicht die heimliche Heldin des Dramas darstellt.

Aus diesem Grund werden im Folgenden einerseits die Beziehung zwischen Thusnelda und Herrmann und andererseits die Beziehung von Thusnelda und Ventidius beleuchtet. Zudem wird die Entwicklung Thusneldas zur Bestie hin betrachtet, um sich schließlich der Frage stellen zu können, ob Thusnelda eine Nebenfigur oder doch die eigentliche Heldin des Dramas ist. Abschließend, nach einer kurzen Betrachtung der Entstehung des Dramas, wird die von Kleist selbst aufgebrachten Frage, ob es sich bei der Hermannsschlacht um ein politisches Drama handelt, überprüft.

1.1 Charakterisierung der Thusnelda

Um Thusnelda charakterisieren zu können und damit der Antwort auf die Frage ihrer Bedeutung für den Dramenverlauf näher zu kommen, müssen zunächst ihre Beziehungen zu Hermann und Ventidius beleuchtet werden. Zwar hat Thusnelda auch eigene Charakterzüge, doch hauptsächlich steht sie unter männlichem Einfluss und ist von diesem geprägt.

1.2 Thusnelda in Beziehung

Die beiden einzelnen Beziehungen zu Hermann und Ventidius bilden in summe jedoch eine für das Drama hochbrisante und spannungsaufbauende Dreiecksbeziehung.

„Thusnelda ist […] Teil von Hermanns politischer Intrige, die u.a. darauf abzielt, die Römer zu täuschen, namentlich Ventidius vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Herrmann ist ein Taktiker, ein politischer Stratege und Schauspieler, er sich vor Ventidius als naiv und römertreu präsentiert. Skrupellos instrumentalisiert er sein ‚Thuschen‘ […] im politischen Intrigenspiel […]. Thusnelda verweigert die ihr zugedachte Rolle, den Legaten aus Politkalkül zu umgarnen, vor Herrmann zwar, hält den Flirt mit Ventidius aber weiter aufrecht.“8

1.2.1 Die Dreiecksbeziehung: Thusnelda, Hermann und Ventidius

Thusnelda, die Gattin Hermanns, begeistert sich im Verlauf der ersten Akte für Ventidius und somit für die römischen Umgangsformen. Seine zivilisierte Sprache, sein exquisiter Geschmack und sein schmeichelnd einnehmendes Wesen gefallen der Germanenfürstin. Sie verfällt der römischen Kultur, die sich durch Weltläufigkeit, Großmut und Toleranz auszeichnet.9 Dies zeigt sich vor allem darin, dass sie Hermann mit seinem römischen Namen „Arminius“ anspricht.10 Zudem kritisiert sie Hermanns aus ihrer Perspektive unreflektierten Römerhass mit folgenden Worten:

„Dich macht, ich seh, Dein Römerhaß ganz blind.

Weil als dämonenartig dir

Das Ganz‘ erscheint, so kannst du dir

Als sittlich den einzelnen gedenken.“11

Es wird deutlich, dass für Thusnelda die römische Herkunft eines Menschen kein Grund ist, diesen zu verachten. Vielmehr zählt der einzelne Mensch und es erscheint lohnenswert diesen kennen zu lernen. Thusnelda betont, dass der Einzelne viel wert ist, was gerade in der bevorstehenden Kriegssituation ein bemerkenswerter Gedanke ist. Thusnelda hebt mit dem oben angebrachten Zitat hervor, dass sie Hermanns konstruierte Freund-Feind-Dichotomie nicht übernimmt.12

Dies macht sich Hermann für seine politischen Interessen zu Nutze, indem er seiner Frau anweist, ihre Beziehung zu Ventidius weiter auszubauen.13 Als Vorlage für seine Bitte dient Hermann die Jagdszene, mit der die Thusnelda-Handlung eröffnet wird. Thusneldas Pfeil hat den Ur „mit der Macht des Donnerkeils“14 niedergeworfen, das Tier ist jedoch noch nicht tot, erhebt sich wieder und wird von Ventidius schließlich getötet. Hermann lässt mit listigem Kalkül Ventidius als Sieger über das Tier und als Thusneldas Retter feiern15, indem er die verhöhnenden Worte des Fürstens Wolf, dass ein Ur keine Katze sei und nicht auf den Wipfeln der der Pinien und Eichen gehen könne16, mit lobenden Worten für Ventidius unterbricht. Hermann bereitet hier den Weg für Thusneldas und Ventidius Beziehung. Er befiehlt ihr sich Ventidius anzunähern und nimmt damit in Kauf, dass sich in ihr Sympathie für den Fremden zu regen beginnt.17 Thusnelda empfindet jedoch keine Liebe für Ventidius, aber eben Sympathie, weshalb sie ihn nicht mit vorgespielten Gefühlen täuschen möchte.18 Sie konfrontiert Hermann:

„Wenn irgend dir dein Weib was wert ist,

So nötigst du mich nicht, das Herz des Jünglings ferner

Mit falschen Zärtlichkeiten zu entflammen.“19

Thusnelda drückt damit aus, dass sie sich außerhalb des politischen Zusammenhanges einen privaten Bereich erhalten möchte.20 Die Cheruskerfürstin interpretiert jedoch Ventidius Handlungen als Indizien seiner Liebesgefühle ihr gegenüber21, da sie diese jedoch nicht erwidert, „empfindet sie Mit-Leiden mit seinem Gefühl des Liebenden, dessen Ursache sie sich selbst schuldhaft zuschreiben muß, weil sie Hermanns Anweisung (unreflektiert) folgt.“22 Hermann belächelt Thusneldas Mitleid und macht ihr mit den Worten „Ich glaub, du bildst dir ein, Ventidius liebt dich?“23 deutlich, dass er Thusneldas Gefühle nicht ernst nimmt. Im Gegenteil, er benutzt Thusnelda. Mit Schmuck ausgestattet und „geschirrt“24, einem Nutztier gleich, soll sie als Objekt das Begehren Ventidius steigern, was vortrefflich gelingt.25 Jedoch ist es Thusnelda nicht selbst, die sich als Phallus maskiert, sondern Hermann maskiert sie, indem er ihr die Verkleidung als vornehme Römerin befohlen hat.26

Es ist also festzuhalten, dass Hermann allein seinen Plan kennt, in dem Thusnelda unwissentlich Ventidius vom eigentlichen Geschehen ablenken soll. Er sieht „Thusnelda als [seinen] Planet sowie Ventidius als Thusneldas Mond nur als Himmelkörper in festen Umlaufbahnen seiner Pläne“27. Sie sind also wichtige Bestandteile seines Planes, ohne sie würde die „Umlaufbahn“ nicht vollständig sein. Hermann jedoch ist zugleich Initiator und Lotse dieser Dreiecksbeziehung. Dies zeigt sich vor allem in der „Lockenszene“, weshalb diese beispielhaft im Folgenden im Hinblick auf die eben aufgestellte These fokussiert wird.

1.2.2 Das Motiv der „Locke“

Im dritten bis achten Auftritt des zweiten Aktes spielt sich die „Lockenszene“ ab. Die Folgen dieser Szene und das Motiv der „Locke“ ziehen sich jedoch durch das Drama hindurch.

Ventidius sucht Thusnelda in ihrem Zelt auf. Sie will dieser Begegnung erst entfliehen und bittet Hermann: „Laß mich mit diesem Römer aus dem Spiele.“28, wird von ihm jedoch mit den Worten, „Fort, Herzchen, fort!“29, zurück in ihr Zelt delegiert, wo sie Ventidius kurz darauf besucht.

Der römische Legat erklärt der Germanenfürstin im fünften Auftritt „leidenschaftlich“30 und vor ihr kniend, dass er eine „Locke“ ihres Haares begehre: „Ja Kön’gin, eine Locke laß es sein!“31 Die „Locke“, als ein typisches Merkmal der germanischen Frau, stellt hier ein Objekt des Stellvertretens, des Ersatzes für die von Ventidius erträumte körperliche Nähe dar.32 Ventidius gesteht seinen Wunsch, dass die Locke Thusnelda bei einem nächtlichen Liebesspiel ersetzen soll:

„Die einz’ge Locke fleh ich nur für mich,

Die, in dem Hain, beim Schein des Monds,

An meine Lippe heiß gedrückt,

Mir deines Daseins Traum ergänzen soll!“33

Ventidius stiehlt Thusnelda die Haarsträhne heimlich während sie singt. Da Musik und Gesang in Kleists Dramen nur selten und kurz vorkommen, akzentuieren sie Handlungsgipfel, die mit Sprache nicht mehr darstellbar sind.34 Der Lockendiebstahl scheint also eine große Bedeutung für das Drama zu haben. Dies gilt es im Laufe der Arbeit zu bestätigen.

Indem er die Haarsträhne zusätzlich noch leidenschaftlich an den Mund presst, deutet er einen symbolischen Geschlechtsakt an.35 Die „Locke“ symbolisiert also Thusneldas Körper, „das ganze duftende Gefäß von Seligkeiten“36. Der von Ventidius ersehnte Sexualkörper Thusneldas, steht stellvertretend für den Körper der germanischen Frau allgemein und damit für Germanien selbst.37

Neben der sexuellen Symbolik der „Locke“ findet sich noch eine weitere Bedeutung. Thusneldas „goldnen Locken“38 transportieren neben der sexuellen auch eine politische Konnotation. Denn Gold „ist eine Metapher für all das, was Eroberer und Kolonisatoren [, hier die Römer,] immer schon in Bewegung gesetzte hat, ein Bild nicht nur von Besitz und Eigentum, sondern auch von gewaltsamer Aneignung, seien es fremde Länder, fremde Schätze oder fremde Frauen.“39 Thusneldas Haarsträhne reiht sich folglich in die Reihe römischer Eroberungsgüter neben „das Gold der Afern, [der] Seide Persiens, [den] Perlen von Korinth“40 mit ein. Die „Locke“ stellt also für Ventidius Verlockung in sexueller und ökonomischer Gestalt dar.

[...]


1 Loose, Hans Dieter 1984: Kleists "Hermannschlacht": kein Krieg für Hermann und seine Cherusker; ein paradoxer Feldzug aus dem Geist der Utopie gegen den Geist besitzbürgerlicher und feudaler Herrschaft, S. 60.

2 vgl. Holz, Hans Heinz 2011: Macht und Ohnmacht der Sprache. Untersuchungen zum Sprachverständnis und Stil Heinrich von Kleists, Bielefeld, S. 27.

3 vgl. ebd., S. 27.

4 Eybl, Franz M. 2007: Kleist Lektüren, Wien, S. 208.

5 vgl. Ryan, Lawrence 1981: Die „vaterländische Umkehr“ in der „Hermannsschlacht“, in: Hinderer, Walter [Hrsg.], Kleists Dramen: Neue Interpretationen, Stuttgart, S. 203.

6 Fornoff, Roger 2011: Nation und Psychose. Exzesse des männlichen Genießens in Heinrich von Kleists Hermannsschlacht, in: Fornoff, Roger; Schaller-Fornoff, Branka [Hrsg.]: Kleist. Relektüren, Dresden, S. 137.

7 vgl. Ryan 1981, S. 204.

8 Heuer, Caren 2008: „Du Furie, gräßlicher als Worte sagen!“. Thusnelda und die Nation in Hermannsschlacht-Dramen, in: Wagner-Egelhaaf, Martina; Blumentrath, Hendrik [Hrsg.]: Hermanns Schlachten: Zur Literaturgeschichte eines nationalen Mythos, Bielefeld, S. 89.

9 Fischer, Bernd 2001: Fremdbestimmung und Identitätspolitik in Die Hermannsschlacht, in: Lützeler, Paul Michael; Pan, David [Hrsg.]: Kleists Erzählungen und Dramen, Würzburg, S.173.

10 vgl. Heuer 2008, S.93.

11 Holzinger, Michael [Hrsg.] 2013: Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht. Ein Drama, Berlin, S. 28.

12 vgl. Heuer 2008, S. 93.

13 vgl. Holzinger 2013, S. 21, 22.

14 Holzinger 2013, S. 7.

15 vgl. Ryan 1981, S, 205.

16 vgl. Holzinger, S. 8.

17 vgl. Holz 2011, S. 25.

18 vgl. Ryan 1981, S. 197.

19 vgl. Holzinger 2013, S. 27.

20 vgl. Ryan 1981, S.197.

21 vgl. Loose 1984, S. 117.

22 ebd., S.117.

23 Holzinger 2013, S. 27.

24 ebd., S. 48.

25 vgl. Heuer 2008, S.94.

26 vgl., ebd.

27 Blumenrath, Hendrik 2008: Politische Meteorologie. Zu Kleists und Grabbes Hermanns-Dramen, in: Wagner-Egelhaaf, Martina [Hrsg.]; Blumentrath, Hendrik: Hermanns Schlachten: Zur Literaturgeschichte eines nationalen Mythos, Bielefeld, S. 75.

28 Holzinger 2013, S. 22.

29 ebd.

30 ebd., S. 23.

31 ebd., S. 24.

32 vgl. Fornoff 2011, S. 159.

33 Holzinger 2013, S.24.

34 vgl. Kreutzer 2011, S. 69.

35 vgl. Fornoff 2011, S. 160.

36 Holzinger 2013, S.24.

37 vgl. Fornoff 2011, S. 159.

38 ebd.

39 Holzinger 2013, S. 45.

40 ebd., S. 25.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Thusnelda in Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V465432
ISBN (eBook)
9783668935662
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, thusnelda, heinrich, kleists, hermannsschlacht
Arbeit zitieren
Karolin Kreutzer (Autor), 2018, Die Rolle der Thusnelda in Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465432

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