Das Frühe Christentum und das Neue Testament

Ein Lerntagebuch


Studienarbeit, 2016
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Frühe Christentum 2
2.1 Voraussetzungen und Kontexte des Frühen Christentum
2.1.1 Griechisch – römische Welt
2.1.2 Das Judentum
2.2 Der historische Jesus
2.3 Anfänge des Christentum
2.4 Die ersten Gemeinden
2.5 Verbreitung des Christentum
2.6 Das Apostelkonzil und der Antiochenische Zwischenfall
2.7 Die Kirche bis zum Ende des 1. Jahrhunderts
2.8 Zusammenfassung: Frühes Christentum

3. Das Neue Testament
3.1 Die vier Evangelien und die Apostelgeschichte
3.1.1 Ostern in den vier Evangelien
3.1.2 Himmelfahrt als Beispiel für das lukanische Doppelwerk
3.2 Zusammenfassung: Neues Testament

4. Paulus
4.1 Der Rechtfertigungsgrundsatz
4.2 Der antike Brief
4.3 Die paulinischen Briefe
4.4 Die deuteropaulinischen Briefe
4.5 Zusammenfassung: Paulus

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Ausarbeitung geht es um das Frühe Christentum und das Neue Testament. Dabei beziehe ich mich auf meine Mitschriften aus der Vorlesung „Frühe Christen und ihre Schriften“, sowie das dazugehörige Seminar „Frühe Christen in ihrer Zeit und Welt“ bei Herrn Prof. Dr. Weiß aus dem Sommersemester 2016. Darüber hinaus werde ich mit Hilfe der empfohlenen Literatur die von mir gelegten Schwerpunkte tiefergehend erarbeiten. Das Frühe Christentum, das Neue Testament und Paulus stellen die drei Schwerpunkte meiner Ausarbeitung dar. Den größten Teil dieser Ausarbeitung wird die Entstehung des Frühen Christentums einnehmen. Für mich ist es, auch mit Blick auf meine spätere Tätigkeit als Religionslehrerin, besonders wichtig zu wissen, wieso das Christentum entstanden ist, in welchem Kontext es entstand und welche Faktoren die Ausbreitung begünstigte. In diesem Zusammenhang werde ich einen kurzen Einblick in die Forschung des historischen Jesus geben. Nachdem ich die wichtigsten Merkmale des hellenistisch geprägten römischen Reiches, des damaligen Judentums und letztendlich die Entstehung und Verbreitung des Christentums herausarbeiten werde, ist der erste meiner drei Themenschwerpunkte abgeschlossen. Als nächstes widme ich mich der Entstehung und den Inhalten des Neuen Testaments. Da ich dies bereits mehrmals im früheren Schulunterricht bearbeitet habe, bildet dieses Thema einen kleineren Teil meiner Ausarbeitung, da für mich vor allem das Erlangen neuen Wissens im Vordergrund steht. Bevor ich auf die Inhalte des Neuen Testaments eingehe, werde ich kurz die Entstehung des Neuen Testaments erläutern. Im weiteren Verlauf werde ich anhand des Osterereignis auf die vier Evangelien eingehen und mit der Himmelfahrt die Apostelgeschichte näher betrachten. Aus dem Themenkomplex des Neuen Testaments werde ich Paulus und seine Briefe hervorheben und gesondert betrachten. Somit ist das letzte Thema der Hausarbeit Paulus, seine Person und seine Briefe. Dabei geht es mir darum einen Überblick zu verschaffen. Zunächst werde ich (rückblickend auf das erste Thema) Paulus in den historischen Kontext einordnen. Nachdem ich den Rechtfertigungsgrundsatz kurz darlegen werde und über den Antiken Brief berichte, widme ich mich als letztes den einzelnen Briefen, unterteilt in paulinische und deuteropaulinische Briefe.

In meinem Lerntagebuch geht es mir vor allem darum Verknüpfungen zwischen den einzelnen Themen zu erstellen, damit ich am Ende ein in sich geschlossenes „Wissen“ habe. Deshalb werde ich nicht zwischen den Inhalten aus Seminar und Vorlesung unterschieden, da es für mich mehr Sinn macht das Thema als ein Ganzes anzusehen. Um einen besseren Lerneffekt zu erzielen werde ich nach jedem der drei Themenschwerpunkte die wichtigsten Informationen zusammenfassen. Den Abschluss der Ausarbeitung bildet ein Fazit. Mit dem Lerntagebuch setze ich mir zum Ziel, die gelernten Inhalte aus dem Modul zu festigen und zu vertiefen.

1. Das Frühe Christentum

Das Frühe Christentum ist ein sehr komplexes Thema über welches es unzählige Bücher gibt. Möchte man einen Überblick verschaffen muss man sich überlegen wie genau vorgegangen werden soll. Im Folgenden werde ich chronologisch die wichtigen Merkmale zur Entstehung und Verbreitung des Frühen Christentum erläutern. Angefangen bei den historischen Voraussetzung, über das Auftreten von Jesus Christus bis hin zur Ausbildung und Verbreitung einer neuen Religion.

1.1 Voraussetzungen und Kontexte des Frühen Christentum

Um die Entstehung des Christentums nachvollziehen zu können, ist es wichtig einen Einblick in die Geschichte des Judentums und der griechisch-römischen Welt zu bekommen, da das Frühe Christentum in beide gleichermaßen eingebunden ist.1 Nur mit diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund ist das Christentum, sowie das Neue Testament zu verstehen.2

1.1.1 Griechisch – römische Welt

Die griechisch – römische Welt war aufgrund des Hellenismus ein überwiegend einheitlicher Kulturraum, da jedes Gebiet gleicherweise unter dem hellenistischen Einfluss stand. Hellenismus bezeichnet die Übernahme der griechischen Kultur (Sprache, Religion, Kunst, Architektur, Sitten etc.) in den Lebensalltag, also die Verschmelzung griechischer und orientalischer Kultur.3 Schon vor der Zeit des römischen Reiches war dieses Phänomen vertreten und der Einfluss hielt trotz des Aufstiegs des Imperium Romanum weiter an. So wurden Kulturen durch das griechische Leben und Denken transformiert, die bestehenden National- bzw. Regionalkulturen allerdings nicht aufgelöst. Besonders deutlich war dies an der Verbreitung der griechischen Sprache zu sehen, welche sowohl von Gebildeten als auch von Sklaven beherrscht wurde.4

In der Zeit der griechisch-römischen Kultur gab es verschiedene religiöse Strömungen. Zum einen die griechische Religion, welche charakterisiert war durch die zahlreichen olympische Götter. Die offizielle Religion des gesamten Römischen Reiches war die römische Religion, welche ebenfalls von einer Vielzahl an Göttern bestimmt wurde. Eine Besonderheit der römischen Religion war die Verehrung von Hausgöttern, wie zum Beispiel der Laren (weiterlebende Geister von Familienmitgliedern) und Penaten (Götter der Vorratskammer).5 Außerdem kam die Verehrung der verstorbenen Herrscher hinzu. Eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Christentums spielte die religiöse Toleranz, denn die offizielle römische Religion wurde nicht als Reichsreligion festgelegt und ließ somit die Ausübung verschiedener Religionen zu.6

In der Antike gehörten Philosophie und Theologie fest zusammen. Jede Religion hatte philosophisches Potenzial und umgekehrt hatte jede Philosophie theologisches Potential.7 Die vier zeitgenössischen Hauptströmungen waren der Platonismus, die sich auf Sokrates beziehende Schule, die Stoa und der Epikureismus. Zu den Hauptthemen gehörte in allen vier Schulen unter anderem die Frage nach der richtigen Lebensgestaltung des Einzelnen.8 Aber auch Gottesbilder waren Teil der Philosophie. So entstand das Konzept göttlicher Mittlergestalten und die Idee des Monotheismus. Diese Erkenntnis ist darum wichtig, da dies unter anderem erklärt, warum Menschen aus der griechisch-römischen Kultur später einen Zugang zu dem Christentum fanden.9

Die Gesellschaft der griechisch-römischen Welt war sehr starr strukturiert. An der Spitze stand die Führungsschicht, welche in alle Bereiche ständig eingreifen konnten. Die Oberschicht war durch Herkunft, Besitz und Vermögen privilegiert. Anders als bei der Oberschicht entschied nicht die Herkunft über Zugehörigkeit zur Mittelschicht, sondern der Fleiß und Erfolg. Die Unterschicht war von den oberen Schichten abhängig und konnte sich nicht selbst ernähren. Vor allem Sklaven gehörten zu dieser Schicht, aber auch kleinere Dienstleister. Der Unterschied zwischen Herrscher und Beherrschten war grundlegend für das römische Reich.10

1.2 Das Judentum

Das babylonische Exil und die Deportationen im 6. Jh. v. Chr. sorgte für die Entstehung der jüdischen Diaspora (Zerstreuung). Vor allem aufgrund der Verteilung der Juden traten der Monotheismus, das Bewusstsein der Erwählung, die Tora und der Tempel in das Zentrum der jüdischen Religion. Denn das Zusammenbrechen der gewohnten Strukturen musste überwältigt werden, die Religion war in dieser Situation der Halt für die Juden.11 Der exklusive Bund mit Gott, sowie das Einhalten der Gesetze bildeten den Mittelpunkt dieser Religion. Trotz dieses Leitgedankens konnte man das Judentum zu dieser Zeit nicht mehr als eine einheitliche Größe beschreiben.12 Unter den Ptolemäern und den Seleukiden kam es zu einem massiven Hellenisierungsdruck, welcher für die Entstehung verschiedener Bewegungen und Gruppen sorgte.13 Eine dieser Bewegungen war die Apokalyptik, in der angenommen wurde, dass bestimmte Personen der jüdischen Geschichte Einblick in Gottes Plan erhielten. Die Hoffnung auf Gottes baldiges Eingreifen wurde dadurch erhöht. Auch die Idee der Weisheit spielte zu dieser Zeit eine große Rolle. Quelle der Weisheit war in diesem Fall die Tora. Die Erkenntnis Gottes als Garant und Schöpfer der Weltordnung war hierbei ein Grundthema.14 Kultisch wurde das gesamte Volk in die Gruppen Priester, Leviten, Israeliten und Proselyten unterteilt. Innerhalb des palästinischen Judentums wurde außerdem in die religiösen Gruppen Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten und Essener, sowie die Samaritaner unterschieden, welche unterschiedliche religiöse und politische Vorstellungen hatten.15 Auch diese Gruppenbildung war eine Folge der Hellenisierung.

Das Judentum stand augenscheinlich unter dem Einfluss des Hellenismus und war sowohl politisch als auch kulturell ein Teil davon. Vor allem die Diaspora-Juden waren von dem Hellenismus beeinflusst, aber auch in Palästina war dieser Einfluss allgegenwärtig. Als Beispiel für das ausbilden einer jüdisch-hellenistischen Literatur ist die Septuaginta (LXX) zu nennen, die griechische Übersetzung des Alten Testament. Durch den Hellenismus veränderte sich die eigene Sichtweise des Judentums. Die Identität der Juden wurde nicht aufgehoben, allerdings lernten die Juden sich als Teil einer Globalkultur zu verstehen.16 Gegen den Versuch den Juden die griechische Kultur aufzuzwängen, gab es ständige Gegenbewegungen, denn der Herrscherkult und der jüdische Monotheismus schlossen sich gegenseitig aus.17 Eine der größten und wichtigsten Aufstände war der Makkabäeraufstand. Dieser war eine Art Antwort auf das Bestreben der Seleukiden den Jerusalemer Tempel als Ort des griechischen Gottes Zeus umzufunktionieren. Doch trotz der Bemühungen blieb Jerusalem weiterhin hellenistisch, nur der Kult blieb streng jüdisch.18 Mit dem Aufstand der Makkabäer setzte die Segmentierung der Juden vollständig ein.19

Unter Caesar hatten die Juden besondere Privilegien, so brauchten die Juden beispielsweise nicht am Herrscherkult teilnehmen. Doch unter dem römischen Kaiser Caligula wurde diese Sonderstellung missachtet, dessen Plan eine Statue von sich im Jerusalemer Tempel aufzustellen missglückte. Schon vorher kam es unter dem Statthalter Pontius Pilatus es zu immer mehr Konflikten zwischen Rom und der jüdischen Bevölkerung. Diese Spannungen nahmen immer weiter zu, bis es im Jahr 70 n. Chr. zum jüdischen Krieg kam und Palästina zu einer normalen römischen Provinz wurde.20

2.2 Der historische Jesus

In einer Situation voller Aufständen, Spannungen und Konflikten sorgte das Auftreten von Jesus von Nazareth für Aufsehen und Unruhe und muss darum unbedingt als Teil dieser Entwicklung verstanden werden.21 Aber was können wir überhaupt über Jesus wissen? Welche Quellen liegen vor? Dies soll Thema des folgenden Kapitels sein.

Bei der Arbeit mit Quellen wird grundsätzlich in Primär- und Sekundärquellen unterschieden. Anders als z.B. von Paulus gibt es von Jesus keine Primärquellen, da er aus eine Kultur stammt die Taten und wichtige Ereignisse vor allem mündlich weitergab. Es liegen also nur Sekundärquellen vor.22 Diese werden in christliche und nichtchristliche Quellen unterschieden.

Nichtchristliche Quellen

Zu der Zeit, in der Jesus lebte, konnten nur wenige Menschen lesen und schreiben. Lediglich die Oberschicht konnte sich Schreibmaterial leisten, weshalb die Antike Geschichtsschreibung auch als eine Geschichtsschreibung „von oben“ bezeichnet wird. Somit wurden nur Ereignisse aufgeschrieben, welche in einem Zusammenhang mit Herrschern und einflussreichen Personen standen. Von der Unterschicht wurde nur berichtet, wenn diese zum Beispiel in einem Konflikt mit den Einflussreichen standen, wie auch im Fall von Jesus.23 Im Seminar haben wir uns mit nichtchristlichen Quellen über Jesus von Flavius Josephus, Tacitus, Sueton und Plinius dem Jüngeren beschäftigt. Als Beispiel soll im Folgenden der jüdische Schriftgelehrte Flavius Josephus betrachtet werden. In seinem Werk „Antiquitates Iudaice“ über die Weltgeschichte des Jüdischen Volkes, welches um 93 n. Chr. erschien, berichtet er zweimal über Jesus. Über eine der beiden Textstellen kann mit Sicherheit gesagt werden, dass der Text von Josephus stammte. In Ant 20,200 wird Jakobus als Bruder Jesu eingeführt, die Echtheit ist nicht angefochten.24 Anders ist die Situation bei der Textstelle Ant 18,63f, dessen Echtheit umstritten ist. In diesem Teil, welcher auch als Testimonium Flavianum bekannt ist, berichtet Flavius:

„ Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Thaten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündigt hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.“25

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es starke Diskussionen um die Echtheit dieser Quelle. Denn obwohl Josephus ein Jude war, gibt es eindeutige christliche Aussagen (kursiv gedruckt).26 Es gibt drei verschiedene Theorien, welche versuchen diese Unstimmigkeiten zu erklären. Dabei geht es um Echtheit, Interpolation und Überarbeitung.27 Im Seminar haben wir das Problem mit der Überarbeitungshypothese gelöst. Dabei sind wir davon ausgegangen, dass die ursprüngliche Textstelle von Christen überarbeitet wurde und mit christlichen Meinungen bestückt wurde.

Bei dem Umgang mit alten Quellen, egal aus welchem Themengebiet, muss also immer darauf geachtet werden, ob die Quelle echt ist und in den historischen Kontext passt. Am Beispiel wird das deutlich, denn als Jude würde Josephus Jesus nicht so hoch loben und sich zu ihm bekennen.28 Trotzdem folgt daraus nicht, dass der ganze Abschnitt gefälscht ist. Neben der Erwähnung Jesu bei Josephus sind uns weitere drei kurze Erwähnungen von römischen Schriftstellern überliefert worden. Tacitus, Sueton und Plinius der Jüngere schreiben über Christus eher beiläufig, anscheinend ohne Kenntnisse über die messianische Bedeutung des Titels.29

Alle Quellen berichten also ohne Zweifel und wie selbstverständlich von der Existenz Jesu.30 Durch Flavius erfahren wir, dass es zur Kreuzigung unter Pontius Pilatus und jüdischen Vornehmenden kam. Tacitus, Sueton und Plinius berichten über die Situation der Christen.

Christliche Quellen

Christliche Quellen werden in kanonische und nicht kanonische Quellen unterschieden. Dabei ist wichtig, dass den kanonischen Quellen grundsätzliche keine größere Bedeutung zugeschrieben wird. Eine bedeutende Quelle zeichnet sich durch eine geschichtliche Nähe zum historischen Jesus aus und nicht etwa durch die Aufnahme in den christlichen Kanon.31 Für historische Rückfragen kommen vor allem die vier Evangelien in Frage. Als nichtkanonische Quelle kommt im Grunde nur das Thomasevangelium für die Frage nach dem historischen Jesus in Betrachtung. Alle anderen außerkanonischen Texte sind so bruchstückhaft, dass sie nicht in Frage kommen.32

Nachdem wir uns im Seminar mit den verschiedenen Quellen auseinander gesetzt haben und die Schnittmengen herausgearbeitet haben sind wir uns über folgende Fakten sicher. Jesus war mit Sicherheit Jude. Er wurde durch Johannes den Täufer getauft und war für eine bestimmte Zeit sein Schüler. Jesus war Wandercharismatiker in Galiläa, trieb Dämonen aus und heilte. In seiner Verkündigung, welche er ausschließlich an Israel richtete, ging es um das Reich Gottes und Gottes Herrschaft. Mit der Zeit berief er Jünger und hatte einen Jüngerkreis um sich. Unter Pontius Pilatus wurde Jesus gekreuzigt, wahrscheinlich auch unter Beteiligung jüdischer Protagonisten. Nach seinem Tod bildeteten seine Jünger eine Bewegung innerhalb der jüdischen Gemeindegruppen. Aus dieser Bewegung entwickelte sich das Frühe Christentum.

2.3 Anfänge des Christentum

Wann beginnt das Christentum? Wieso spricht man vom Frühen Christentum? Wer sind die Frühen Christen? Und was macht eigentlich den einzelnen Frühen Christen zum „Christen“? Dies sind die Überlegungen der nachfolgenden Kapitel.

Aus welchen Quellen haben wir überhaupt unser Wissen über das Frühe Christentum? Wie auch bei den Erforschungen zu Jesus wird in christliche, sowie nicht christliche Quellen unterschieden. Hierbei sind die außerchristlichen Quellen von geringerem Ausmaß, da nur wenig überliefert ist. Josephus erwähnte die christliche Kirche gar nicht, Sueton berichtete von Unruhen, Tacitus beschrieb die Verfolgung der Christen unter Nero und Plinius d. J. berichtete über das Vorgehen der Römer gegen die Christen. Neben diesen Quellen gibt es keine weiteren Quellen, in denen wir etwas über die Geschichte des Urchristentum erfahren.33 Die wichtigsten Quellen bilden die neutestamentlichen Schriften, wobei die Paulusbriefe, als einzige Quellen aus erster Hand, eine Sonderstellung einnehmen. Als wichtige außerkanonische Quellen gelten die Schriften der „Apostolischen Väter“ zu denen zum Beispiel der „Clemensbrief“ zählt.34

Wer behauptet das Jesus das Christentum gegründet hat liegt falsch.35 Denn Jesus war kein Religionsstifter, sondern ein Verkünder des Reich Gottes. Nachdem Jesus gekreuzigt wurde, wurden seine Jünger nicht verfolgt. Zunächst waren sie eine kleine Gruppe innerhalb des Judentums, der wenig Beachtung zuteilwurde.36 Historisch gesehen ist das Christentum durch den Glauben der Jünger an die Auferstehung Jesu durch Gott entstanden.37 Als Anfang des Christentums lässt sich deswegen die österliche Erscheinung Jesus benennen, denn nach neutestamentlich-theologischer Sicht ist das Christentum auf der Osterbotschaft begründet.38 Das Jesus für unsere Sünden gestorben ist wurde zur zentralen theologischen Einsicht. Durch die Auferstehung ist das Fundament für die Entstehung des Christentum gegeben. Besonders deutlich wird dies im 1. Korintherbrief:„Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist auch unsere Verkündigung leer, und auch euer Glaube ist leer.“ ( 1Kor 15,14).39

Die Frühen Christen entwickelten keinen neuen Gottesgedanken. Sie waren Juden und blieben zunächst Juden.40 Nach dem Ostergeschehen musste allerdings das Verhältnis zwischen Jesus und Gott neu verstanden werden. Dafür griffen die Frühen Christen auf jüdische und hellenistische Traditionen zurück und erweiterten diese um neue Glaubensinhalte. Aus dem Judentum wurde als Grundlage weiterhin der Monotheismus, der Glaube an den EINEN Schöpfergott, welcher sein Volk erwählt hat, übernommen. Die Inkarnationsvorstellungen, dass Gott in Jesus Mensch wurde ist eine griechische Anschauung.41 Dass ein Gekreuzigter als Messias angesehen wurde gehörte zum neuen Denken der Christen. Die Menschwerdung Gottes fand im Judentum kein Verständnis, während die exklusive soteriologische Stellung Jesu der griechisch-römische Tradition widersprach, da sie wie bereits erwähnt unterschiedliche Götter für unterschiedliche Bereiche hatten. Bereits hier zeigten sich erste Diskrepanzen zwischen den frühen christlichen Verständnissen und den davor bestehenden Glaubensinhalten. Schon im Keim war zu erkennen, dass sich hier eine eigenständige Bewegung entwickeln wird.42

2.4 Die ersten Gemeinden

Wörter wie „Urgemeinde“ sind irreführend, da sie suggerieren, dass sich das Christentum aus einer Gemeinde heraus entwickelt hat. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es bereits von Anfang an eine ursprüngliche Vielfalt gab.43

Die Jerusalemer Gemeinde war judenchristlich, das heißt, dass es Juden waren die an Jesu Auferstehung glaubten und sich trotzdem weiterhin zu den Juden zugehörig fühlten. Nach dem traditionellen Bild wurde die Jerusalemer Gemeinde von den „zwölf Aposteln“ geleitet. Historisch gesehen sollten diese zwei Wörter allerdings unabhängig voneinander angesehen werden.44 Weit verbreitet ist dabei die These, dass die Zwölferzahl eine symbolische Bedeutung hat und an die zwölf Stämme Israels angelehnt war. Das bedeutet, dass die Gruppe nicht zwangsläufig aus 12 Personen bestanden haben muss.45 Zu den Aposteln gibt es verschieden Konzepte. Zusammenfassen lässt sich sagen, dass ein Apostel ein Berufener Gottes ist, ein Gesandter des gekreuzigten Auferstandenen, sich durch Zeichen und Wunder ausweist und Unterhaltsrecht gegenüber den Gemeinden hat.46

Die Christen verstanden sich zwar am Anfang noch als Teil der Juden, es kristallisierte sich aufgrund ihrer Selbstbezeichnung als „die Erwählten“ oder „die Heiligen“ jedoch schnell heraus, dass sie sich eine Sonderstellung zuschrieben. Die christliche Gemeinde verstand sich kurzum als eschatologische Gemeinschaft.47

Zu Beginn des Frühen Christentums gab es noch keine festen Formen und Strukturen. Mit der Zeit entwickelten sich erste Sakramente. Durch die Taufe erfolgt die Aufnahme in die Gemeinde und die Vergebung der Sünden. Diese Tradition hat die Johannestaufe zum Ursprung, Jesus selbst hatte sich von ihm taufen lassen. Die christliche Taufe erfolgt „auf den Namen Jesu“ und verleiht den heiligen Geist. Charakteristisch für die ersten Gemeinden ist außerdem die Feier des Abendmahls.48

In Jerusalem bildete sich ein weiterer Kreis, welcher aus Hellenisten bestand und sich vor allem aufgrund der unterschiedlichen Sprache entwickelte. Diese Gruppe wurde nicht von „den Zwölf“, sondern von „den Sieben“ angeführt und traf sich in ihren jeweiligen Synagogen.49

Unter anderem wurde in dieser Gruppierung das Kultgesetz verworfen. Diese Sonderstellung wurde von den Außenstehenden früh erkannt und negativ zur Kenntnis genommen, weshalb die Hellenisten in Jerusalem früh verfolgt wurden. Historisch gesehen hat dies den Beginn der Missionierung außerhalb Juddäas zur Folge.50

Den Hellenisten ist eine wichtige Rolle zuzuschreiben, denn neben dem Beginn der außerjudäaischen Missionierung waren sie vermutlich diejenigen, die die Jesusbotschaft ins griechische Übersetzten und der griechischen Welt zugänglich machten.51

[...]


1 Vgl. Schnelle, Jahre, 29.

2 Vgl. Köhlmoos, Testament, 132.

3 Vgl. ebd., 135.

4 Vgl. Schnelle, Jahre, 29-31.

5 Vgl. Schnelle, Jahre, 35-39.

6 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, S. 167.

7 Vgl. Schnelle, Jahre, 45.

8 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 207-208.

9 Vgl. Schnelle, Jahre, 57-59.

10 Vgl. ebd., 80-91.

11 Vgl. ebd., 73.

12 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 184-185.

13 Vgl. Schnelle, Jahre, 60.

14 Vgl. ebd., 75-78.

15 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 184-185.

16 Vgl. Schnelle, Jahre, 32-33.

17 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 164.

18 Vgl. ebd., 170.

19 Vgl. Schnelle, Jahre, 62.

20 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 172 f..

21 Vgl. Schnelle, Jahre, 78.

22 Vgl. Strotmann, Jesus, 35.

23 Vgl. ebd., 35.

24 Vgl. Theißen / Merz, Lehrbuch, 74.

25 Zit. Nach: Strotmann, Jesus, 37.

26 Vgl. Strotmann, Jesus, 37.

27 Vgl. Theißen / Merz, Lehrbuch, 75.

28 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 442.

29 Vgl. Theißen / Merz, Lehrbuch, 86.

30 Vgl. Strotmann, Jesus, 39.

31 Vgl. ebd., 40.

32 Vgl. ebd., 47 f..

33 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 517.

34 Vgl. Conzelmann, Geschichte, 13-14.

35 Vgl. Conzelamann / Lindemann, Arbeitsbuch, 521.

36 Vgl. Schnelle, Jahre, 95.

37 Vgl. Conzelamann / Lindemann, Abreitsbuch, 521.

38 Vgl. Vouga, Geschichte, 24.

39 Vgl. Schnelle, Jahre, 97.

40 Vgl. Conzelmann, Geschichte, 31.

41 Vgl. Schnelle, Jahre, 104-105.

42 Vgl. ebd. 106-108.

43 Vgl. Vouga, Geschichte, 25.

44 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 526 ff..

45 Vgl. Vouga, Geschichte, 26.

46 Vgl. Schnelle, Jahre, 121.

47 Vgl. Conzelmann, Geschichte, 35.

48 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 530 f..

49 Vgl. Vouga, Geschichte, 41.

50 Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 534 f..

51 Vgl. Schnelle, Jahre, 147.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Das Frühe Christentum und das Neue Testament
Untertitel
Ein Lerntagebuch
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V465964
ISBN (eBook)
9783668924284
ISBN (Buch)
9783668924291
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das Frühe Christentum, Neues Testament, Paulus, Entstehung des Christentum, Evangelisten
Arbeit zitieren
Carina Schwantje (Autor), 2016, Das Frühe Christentum und das Neue Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465964

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