Im August 2004 veröffentlichte der größte Musicalbetreiber in Deutschland, die Stage Holding Deutschland, die Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativumfrage zum Thema Musical. Nach vorangegangenen Meldungen über Rekordvorverkaufszahlen der Musicals „Der König der Löwen“ und „Mamma Mia!“ folgte damit der offizielle Beleg für einen erneuten Aufschwung in der Musicalbranche. Die Besucherzahlen nähern sich demnach wieder den Spitzenwerten der Blütezeit Mitte der neunziger Jahre und über 40% der deutschen Bundesbürger gaben an, innerhalb des nächsten Jahres ein Musical besuchen zu wollen. Zudem wurde auf die enorme wirtschaftliche Bedeutung der Musical-Touristen für die jeweiligen Musicalstandorte verwiesen.
Musicals gehören weltweit zu den beliebtesten Freizeit- und Unterhaltungsangeboten. Nach den klassischen Musicalländern USA und Großbritannien mit ihren berühmten Spielstätten am New Yorker Broadway und im Londoner West End ist Deutschland der drittgrößte Musicalmarkt der Welt. So laufen in der Bundesrepublik derzeit neun Großproduktionen und zahlreiche Tournee- und Kleinbühnenproduktionen. Und gemäß der Stage Holding-Umfrage gibt es alleine in Deutschland 41,2 Millionen Musical-Interessierte. Angesichts dieser Zahlen ist von einer Fülle wissenschaftlich fundierter Arbeiten zum Thema Musical im deutschsprachigen Raum auszugehen. Bei der umfassenden Literaturrecherche zu dieser Arbeit hat sich jedoch herausgestellt, dass bisher sehr wenig Material – größtenteils wurden nur Teilaspekte näher untersucht – veröffentlicht wurde. Dem gegenüber steht eine Flut an Musicalführern, welche neben einer knappen Beschreibung des Inhalts der aktuellen Musicals in Deutschland, häufig Hinweise zu Anreise, Ticketbuchung, nahe gelegenen Hotels und Restaurants beinhalten. Das lässt auf ein großes Interesse von seiten der Bevölkerung an dieser Musiktheatergattung schließen. Und in der Tat existiert im deutschsprachigen Raum eine Reisetätigkeit, welche in dieser Ausprägung weder in den USA noch in Großbritannien zu beobachten ist:
er Musicaltourismus.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Freizeitmarkt in Deutschland
2.1 Erlebnis-Tourismus
2.2 Freizeitgroßanlagen
3. Entwicklung und Definition des Genre Musical
3.1 Entwicklung des Genre Musical
3.2 Definition und Abgrenzung der Gattung
4. Etablierung der Gattung im deutschsprachigen Raum
4.1 Theaterformen in Deutschland
4.2 Entwicklung des Musicals im deutschen Sprachraum
4.3 Musical – Kunst oder Kommerz?
5. Musical-Tourismus
5.1 Besucherstrukturen
5.2 Erfolgsindikatoren
5.3 Vermarktung
5.4 Wirtschaftliche Auswirkungen
6. Fankult und Umfrage zu Musical-Tourismus
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Entwicklung und Etablierung des Musical-Tourismus im deutschsprachigen Raum. Im Fokus steht die zentrale Fragestellung, ob Musicalgroßproduktionen über einen hinreichend hohen Unterhaltungs- und Erlebniswert verfügen, um sich langfristig auf dem deutschen Freizeitmarkt zu behaupten, und inwiefern sie die Tourismusbranche maßgeblich beeinflussen.
- Analyse des deutschen Freizeitmarktes und des Trends zum Erlebnis-Tourismus.
- Historische Entwicklung und Definition der Musiktheatergattung Musical.
- Untersuchung der spezifischen Produktionsformen und Vermarktungsstrategien.
- Analyse soziodemographischer Besucherstrukturen und Reisemotive.
- Evaluierung der wirtschaftlichen Bedeutung für die Musicalstandorte.
- Überprüfung der Ergebnisse durch eine Online-Umfrage unter Musical-Fans.
Auszug aus dem Buch
3.1 Entwicklung des Genre Musical
„Amerikas Originalbeitrag zum Welttheater“ entwickelte sich aus dem Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung. Dieser Unterhaltungsbedarf entstand aus den Entbehrungen, die der amerikanische Bürgerkrieg mit sich gebracht hatte und dem schnellen Wachstum der Städte. Um 1900 hatte New York bereits 3,5 Millionen Einwohner und insgesamt 41 Theater. In den Theatern am Broadway wurde überwiegend musikalisches Unterhaltungstheater geboten und daher kann dieser Straßenzug zweifelsfrei als Wiege des Musicals angesehen werden. Die Wurzeln dieser amerikanischen Musiktheatergattung könnten vielfältiger nicht sein, doch liegen sie zum größten Teil im alten Europa.
Den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung eigener Musiktheaterstücke dürfte die große Beliebtheit komischer Opern und Operetten seit Mitte des 18. Jahrhunderts gegeben haben. Wichtige Bausteine bildeten das Vaudeville und die Burlesque, welche beide eine Ähnlichkeit mit dem europäischen Varieté aufweisen, da sie „in zwangloser Form und loser Folge aus Song und Tanz, Akrobatik und Humor, Dressurakt und Zauberei, Zirkuselementen und Operettenmotiven“ bestehen. Aus der Revue übernahm das Musical die extreme Bandbreite bezüglich Stoff und Thematik sowie den gigantischen Schaueffekt. Diese europäischen Formen wurden mit zwei rein amerikanischen Elementen vermischt: dem Jazz und der Minstrel-Show. In den Minstrel-Shows parodierten weiße Sänger, mit schwarz gefärbten Gesichtern, die Lieder und Tänze schwarzer Sklaven.
Die wohl wichtigste Vorstufe des Musicals war jedoch eine musiktheatralische Unterhaltungsform, die sich Extravaganza nannte. „Die Extravaganza ist ein theatralisches Spektakelstück mit viel Musik, Showteilen und Zirkuselementen.“ Wie der Name schon sagt, waren hierbei extravagante Ausstattung und atemberaubende Bühneneffekte die entscheidenden Faktoren. Bezeichnenderweise wird auch die Extravaganza-Show „The Black Crook“ aus dem Jahr 1866 als erstes amerikanisches Musical bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den Aufschwung der Musicalbranche in Deutschland und identifiziert den Musical-Tourismus als eine spezifische Reisetätigkeit, die wissenschaftlich bisher kaum erschlossen wurde.
2. Freizeitmarkt in Deutschland: Dieses Kapitel erläutert den Strukturwandel zur Erlebnisgesellschaft und die wachsende Bedeutung des Freizeitkonsums, insbesondere in sogenannten Freizeitgroßanlagen.
3. Entwicklung und Definition des Genre Musical: Hier werden die historischen Wurzeln des Musicals in den USA sowie dessen Entwicklung bis zur „Leitgattung der Gegenwart“ dargelegt und eine Definition des Genres vorgenommen.
4. Etablierung der Gattung im deutschsprachigen Raum: Das Kapitel beschreibt das traditionelle Theatersystem, die Einführung des kommerziellen En-Suite-Betriebs und die Entwicklung der Musicalszene in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
5. Musical-Tourismus: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, der Besucherstrukturen, Erfolgsindikatoren, Vermarktungsstrategien und die ökonomischen Auswirkungen des Musical-Tourismus auf die Standorte detailliert analysiert.
6. Fankult und Umfrage zu Musical-Tourismus: In diesem Kapitel werden Erkenntnisse aus einer Online-Umfrage unter Musical-Fans zur Analyse des Fankults und zur Überprüfung des Reiseverhaltens genutzt.
7. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung sowie die Auswirkungen veränderter Marktbedingungen auf den Musical-Tourismus.
Schlüsselwörter
Musical, Musical-Tourismus, Freizeitmarkt, Erlebnis-Tourismus, En-Suite-Betrieb, Stage Holding, Vereinigte Bühnen Wien, Besucherstruktur, Vermarktung, Städtetourismus, Musical-Fankult, Unterhaltungstheater, Tourismuswirtschaft, Wirtschaftsstandort, Musicalgroßproduktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und Entwicklung des Musical-Tourismus im deutschsprachigen Raum und untersucht dessen sozioökonomische Bedeutung als Kultur- und Städtetourismus-Phänomen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Felder sind die Struktur des Freizeitmarktes, die historische Entwicklung des Musical-Genres, die Etablierung professioneller Vermarktungsstrategien im En-Suite-Betrieb sowie die Analyse des Reiseverhaltens und der wirtschaftlichen Auswirkungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es zu klären, ob Musicalgroßproduktionen als erlebnisorientierte Angebote einen ausreichend hohen Unterhaltungswert besitzen, um sich nachhaltig im Freizeitmarkt zu etablieren und Tourismusströme in die jeweiligen Städte zu lenken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine umfassende Literaturrecherche, die Auswertung von Branchenstatistiken sowie eine eigenständig durchgeführte Online-Umfrage unter Musical-Fans zur empirischen Überprüfung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse von Besucherstrukturen (Soziodemographie, Reisemotive), die Definition von Erfolgsindikatoren (Besucherzahlen, Auslastung), die Vermarktung (Ticketvertrieb, Medienpräsenz) und die ökonomischen Auswirkungen für die Städte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Musical, Musical-Tourismus, Freizeitmarkt, En-Suite-Betrieb, Städtetourismus, Vermarktung und Wirtschaftsfaktoren charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Musical-Tourismus in Wien von dem in Deutschland?
In Wien spielte die historisch gewachsene Musiktheater-Tradition und die Nutzung bestehender Spielstätten eine größere Rolle, während in Deutschland vor allem der Neubau kommerzieller Musicaltheater als Event-Destinationen im Fokus stand.
Welche Rolle spielt der Fankult für den Musical-Tourismus?
Der Fankult agiert als wichtiger Multiplikator; Fans sind reisefreudig, besuchen häufig mehrere Produktionen und bilden durch ihre strukturierte Organisation (Fanclubs, Internet-Foren) eine loyale und kalkulierbare Zielgruppe für die Theaterbetreiber.
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- Anna Schmittner (Author), 2005, Entwicklung des Musical-Tourismus im deutschsprachigen Raum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46907