Narrative des Orientalismus in deutschen Islamdiskursen der Gegenwart. Eine postkoloniale Analyse

Orientalismus in neuem Gewand?


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 AUFBAU UND METHODIK

3 ORIENTALISMUS NACH EDWARD W. SAID

4 ANALYSE DES DISKURSBEITRAGS
4.1 AUSWAHL DES KORPUS
4.2 ANALYSE DER AUSGEWÄHLTEN DISKURSFRAGMENTE
4.3 ZUSAMMENFASSUNG

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

In ihrem Buch „... weil ihre Kultur so ist“ analysiert Yasemin Shooman Narrative des antimuslimischen Rassismus. Sie konstatiert:

„Vielmehr reflektieren diese Topoi [des antimuslimischen Rassismus] unterschiedliche Wahrnehmungstraditionen. Eine solche Traditionslinie stellen orientalistische Diskurse des ausgehenden 18. und vor allem 19. Jahrhunderts dar. Sie stehen, wie der Literaturwissenschaftler Edward Said dargelegt hat, in enger Verbindung zum Kolonialismus.“ (vgl. Shooman 2014, S. 29)

Was Shooman hier feststellt soll in dieser Arbeit tentativ anhand der Analyse eines geeigneten Diskursbeitrags im Hinblick auf die deutschsprachige Islamdebatte untersucht werden.

Grundsätzlich ist natürlich anzumerken, dass Diskurse stets als raum- und zeitgebunden anzusehen sind. Der zu untersuchende Islamdiskurs im deutschsprachigen Raum ist so vor einem postkolonialen Hintergrund und im Kontext eines Westeuropas, in dem Musliminnen und Muslime Teil einer Minderheit und überwiegend Migrantinnen und Migranten beziehungsweise deren Nachfahren sind, zu interpretieren (vgl. Shooman 2014, S. 28).

Die zentrale These der Arbeit ist nun angelehnt an Shooman, dass trotz des veränderten Kontextes, Narrative und Stereotype des Orientalismus nach Edward W. Said im deutschsprachigen Islamdiskurs der Gegenwart bedient und reproduz iert werden. Ich gehe davon aus, dass dies jedoch mitunter mit veränderten Begrifflichkeiten geschieht, dass beispielsweise anstatt „Orient“ der Begriff der „Welt des Islam“ verwendet wird. Vor diesem Hintergrund ist die Rede vom „Orientalismus im neuen Gewand?“.

2 Aufbau und Methodik

Um die soeben formulierte These zu erörtern befasst sich die vorliegende Arbeit damit, den in Deutschland geführten Islam-Diskurs der letzten Jahre, beziehungsweise ausgewählte Teile desselben, im Hinblick auf verschiedene Narrative und Topoi, deren Ursprünge im Orientalismus verortet werden können, zu untersuchen. Dementsprechend ist das nächste Kapitel eine Einführung in die Theorie des Orientalismus nach Edward W. Said (vgl. Said 2010). Es handelt sich hierbei um eine Darstellung der grundlegenden Aspekte von Sa ids Werk Orientalism, die sich auf für die nachfolgende Diskursanalyse relevante Punkte konzentriert und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Aufbauend auf dieser Basis folgt die qualitative Analyse eines ausgewählten Diskursbeitrags. Für die Diskursanalyse als solche gibt es keine allgemeingültige Standardisierung. Es handelt sich um eine qualitative Methode, deren Stärke in ihrer Offenheit liegt (vgl. Keller 2011, S. 268). Im Rahmen dieser Methode werden Aussageereignisse oder deren Protokolle interpretativ analysiert. Dazu gehört nach Keller eine analytisch genaue Zerlegung der vorliegenden Daten inklusive einer herme neutisch reflektierten und kontrollierten Interpretation (vgl. Keller 2011, S. 268). In diesem Sinne sollen einzelne Teile des Diskursbeitrags herausgegriffen und vor dem Hintergrund der postkolonialen Theorie des Orientalismus interpretiert werden.

Der Methode der Diskursanalyse liegt der Diskursbegriff von Foucault zugrunde. Dieser geht von der Erzeugung von Wirklichkeit im Diskurs aus. Im Diskurs wird festgelegt, welches Wissen als wahr und damit legitim gelten kann und er ist stets bestimmt durch die vorliegenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse (vgl. Shooman 2014, S. 18). Die besondere Relevanz liegt darin, dass Diskurse „[...] nicht nur die symbolischen Ordnungen und Bedeutungsstrukturen unserer Wirklichkeit [stiften], sondern [...] auch reale Konsequenzen [haben]: Gesetze, Statistiken, Klassifikationen, Techniken, Artefakte oder Praktiken bspw. können als Diskurseffekte analysiert werden.“ (Keller 2011, S. 237)

Jede Sprachhandlung wird sowohl als Produkt, als auch als Produzent von gesellschaftlichem Wissen gesehen. Dies führt zu der grundlegenden Annahme, dass die Analyse von Sprachhandlungen unter Berücksichtigung deren Kontextes Rückschlüsse auf die Wirklichkeitssicht der Handelnden erlaubt (vgl. Shooman 2014, S. 21).

Die Auswertung der ausgewählten Quellen baut auf dieser diskurstheoretischen Grundlage auf. Die besondere Eignung der Diskursanalyse für Forschungsthemen in dem vorliegenden Bereich erklärt Yasemin Shooman wie folgt:

„Aus Sicht der Rassismusforschung ist die Analyse von Diskursen deshalb so bedeutsam, weil diese nicht nur die Wahrnehmung von und Einstellung gegenüber Minderheiten beeinflussen, sondern sowohl auf einer institutionellen Ebene wirksam werden, als auch diskriminierendes Handeln in verschiedenen Formen nach sich ziehen bzw. dieses legitimieren können.“ (Shooman 2014, S. 25)

Aus Ressourcengründen wird lediglich ein Diskursbeitrag eines besonderen Akteurs des deutschen Islam-Diskurs beispielhaft vor dem Hintergrund des Orientalismus analysiert. Dafür habe ich den Politologen Prof. Dr. Bassam Tibi ausgewählt, was im weiteren Verlauf der Arbeit erläutert wird.

Auf diese Analyse folgt schließlich ein Fazit, das über die zentralen Ergebnisse der Arbeit resümiert und weitere Forschungsanstöße gibt.

3 Orientalismus nach Edward W. Said

Der Literaturwissenschaftler Edward Wadie Said wurde 1935 als Sohn einer christlich- palästinensischen Familie in West-Jerusalem geboren. Zu dieser Zeit stand Jerusalem noch unter der Mandatsherrschaft Großbritanniens. Seine Familie zog später nach Kairo, wo Said den Großteil seiner Jugend leben sollte. So verbrachte er seine prägenden Jahre als Teil der christlichen Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land. Die US-amerikanische Staatsbürgerschaft seines Vaters ermöglichte es ihm schließlich, sein Studium zunächst an der Princeton University und anschließend an der Havard University zu absolvieren. An letzterer promovierte er im Jahre 1963 bevor er eine Stelle an der Columbia University in New York annahm. Hier unterrichtete er bis zu seinem Tod im Jahr 2003. Später wird Said berichten, dass er sich trotz seines Ansehens während seiner gesamten akademischen Laufbahn wiederholt Anfeindungen aufgrund seiner arabischen Herkunft ausgesetzt sah (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 91f).

1978 erschien sein wohl meist rezipiertes von 20 Büchern: Orientalism, zu deutsch Orientalismus (vgl. Said 2010). Edward Said schrieb dieses Buch vor dem Hintergrund seiner Exilerfahrung und dem Ausbruch des arabisch-israelischen Kriegs im Jahre 1967, in dessen Folge er sich in den USA mit antiarabischen Feindseligkeiten konfrontiert sah und Palästina besetzt wurde. Das Werk wird von anerkannten Wissenschaftlern der Disziplin heute als das Gründungsdokument der postkolonialen Studien bezeichnet und löste eine bis in die Gegenwart reichende Debatte aus (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 93). Die zentralen Themen der systematischen Kritik am Eurozentrismus, Imperialismus und dem westlichen Konstrukt des Orients waren zwar nicht völlig neu, doch bleibt Said der erste, der in Anlehnung an die Diskurstheorie Foucaults eine koloniale Diskursanalyse durchgeführt hat. Damit gelang es ihm, eine neue Methode zu schaffen, die in der Lage ist, Kritik an eurozentrischen Epistemologien in systematischer und produktiver Weise auszubuchstabieren (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 94f). In selbige Tradition reiht sich auch die vorliegende Arbeit ein.

Der Begriff des Orientalismus bezieht sich nicht nur auf die wissenschaftliche Disziplin der Orientalistik, die ihre Hochzeit im ausgehenden 18. sowie 19. Jahrhundert hatte, auch wenn die Dokumente, die diese hervorbrachte, einige der zentralen Untersuchungsobjekte Saids bilden. Er ist vielmehr als „[...] ein Diskurs, der eine Art westliche Projektion darstellt, die an eine willentliche Unterwerfung des Orients gebunden ist“ (Castro Varela und Dhawan 2015, S. 96f), zu verstehen. Said beschreibt ihn auch als „[...] Denkweise, die sich auf eine ontologische und epistemologische Unterscheidung zwischen „dem Orient“ und (in den meisten Fällen zumindest) „dem Okzident“ stützt“ (Said 2010, S. 11). Diese Ost-West- Polarisierung sieht er bei einer Vielzahl von Schriftstellern und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen aufgegriffen (vgl. Said 2010, S. 11).

Durch diese Betrachtung des Orientalismus als Diskurs wird erkenntlich, dass „der Orient“ eine europäische Idee, ein Konstrukt des Westens für den Westen ist. Es wird deutlich, dass er keineswegs natürlicherweise besteht und entdeckt wurde, sondern von europäischen Intellektuellen gleichwohl erschaffen wurde (vgl. Said 2010, S. 11-13). So ist häufig die Rede vom „orientalisierten Orient“ (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 91).

Said identifiziert nun mehrere zentrale Aspekte des Orientalismus:

„Der Orient“ entsteht zunächst durch eine „imaginäre Grenzziehung“. Eine solche Grenzziehung kann als eine Vorgehensweise zur Bestimmung der Identität einer Gesellschaft gesehen werden. Hierbei zieht das „Wir“ eine Grenze um sein Land und bestimmt damit alles außerhalb dieser Grenzen als „den Rest“, „das Andere“, „das Fremde“. Zwar beruht diese Abgrenzung in gewissem Maße auf tatsächlichen sozialen, ethnischen und kulturellen Unterschieden, kann aber dennoch als willkürlich beschrieben werden (vgl. Said 2010, S. 69f). Letztlich entsteht eine vage Vorstellung von dem „Anderen“, die die Grundlage für die Zugehörigkeit zum „Wir“ bildet. Auf diese Weise entfaltet die Konstruktion des fremden Orients seine identitätsstiftende Wirkung für den ihn gegenüber gestellten Okzident, den Westen, Europa (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 100). So konstatiert Said schließlich, „[...] dass die europäische Kultur erstar kte und zu sich fand, indem sie sich vom Orient als einer Art Behelfs- und sogar Schattenidentität abgrenzte“ (Said 2010, S. 12).

Für diese Konstruktion des Orientalen als Gegensatz zum Europäischen sind vor allem drei Eigenschaften charakteristisch. Erstens wird die dichotome Einteilung verfestigt, indem dem Orient alle möglichen Vermutungen, Fiktionen und Eigenschaften zugeschrieben werden (vgl. Said 2010, S. 70), die zumeist im diametralen Gegensatz zu den vermeintlichen Markmalen Europas stehen. So wird ersterer als feminin, irrational und primitiv beschrieben, während der Westen als maskulin, rational und fortschrittlich gilt (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 99). Daran schließt sich direkt der zweite Punkt an. Zeitunabhängig wird im Orientalismus stets die Überlegenheit des Okzidents bekundet (vgl. Said 2010, S. 13). Dem in der Tradition der Aufklärung stehenden, zivilisierten und emanzipierten Westen wird den Stereotyp des exotischen, körperlichen Orientalen, der unfähig zu geistiger Leistung ist gegenübergestellt. Dabei wird häufig der Islam für die Rückständigkeit verantwortlich gemacht (vgl. Shooman 2014, S. 43f). Drittens wird der Orient üblicherweise als monolithischer Block dargestellt. Eine breite Vielfalt kultureller, sprachlicher und historischer Gegebenheiten wird in einem Begriff zusammengefasst und beschrieben. Je nach zeitlichem und regionalem Kontext wurden unterschiedlich große geographische Räume in den sogenannten Orient miteingeschlossen, zuweilen erstreckte sich seine „imaginäre Geographie“ vom Mittelmeer bis nach China und schloss so beinahe die halbe Welt ein (vgl. Said 2010, S. 65f).

Der Orientalismus ist des Weiteren in engem Zusammenhang mit dem Kolonialismus und dem westlichem Imperialismus zu sehen. Erst die oben beschriebene Konstruktion des Orients als Abweichung und minderwertig schuf die Legitimation für die gewaltvolle territoriale Beherrschung der Kolonien durch Europa. Er rationalisierte die koloniale Herrschaft nicht nur, sondern ermöglichte sie erst (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 100). So beschreibt Said die historische Seite des Orientalismus als einen „institutionellen Rahmen für den Umgang mit dem Orient“. Als solcher diene er seither als Legitimation für die westliche Beherrschung des Orients (vgl. Said 2010, S. 11). Sein Beitrag liegt nicht zuletzt auch darin, dass er es vermochte, seine Muster der Darstellung ebenso in die Selbstdarstellung kolonisierter Subjekte einfließen zu lassen, was zu einer langfristigen Manifestation der kolonialen Herrschaftsverhältnisse beitrug (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 100f).

Auf diesem Weg schafft es Said zu zeigen, wie kulturelle Beschreibungssysteme von Strategien der Macht durchdrungen sind. Er deckt auf, wie unter anderen die Orientalistik und Literaturwissenschaften die Diskurse, die die hegemonialen Wissenschaftstheorien, die Konstrukte der westlichen Überlegenheit sowie manifeste Herrschaftsverhältnisse strukturieren und legitimieren, (re-)produzieren. Damit beraubt er diese wissenschaftlichen Disziplinen ihrer vermeintlichen Unschuld und bringt sie in direkten Zusammenhang mit der Politik des westlichen Imperialismus und Kolonialismus (vgl. Castro Varela und Dhawan 2015, S. 97).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Narrative des Orientalismus in deutschen Islamdiskursen der Gegenwart. Eine postkoloniale Analyse
Untertitel
Orientalismus in neuem Gewand?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V469733
ISBN (eBook)
9783668946569
ISBN (Buch)
9783668946576
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postcolonial Studies, Islamdebatte, Migrationsdiskurs, Orientalism Orientalismus
Arbeit zitieren
Felix Sailer (Autor), 2019, Narrative des Orientalismus in deutschen Islamdiskursen der Gegenwart. Eine postkoloniale Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469733

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