E.T.A. Hoffmann: "Das Fräulein von Scuderi" - Kriminalerzählung und Künstlerthematik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriminalistische Elemente der Erzählung
2.1 Die Verbrechen und ihr Schauplatz
2.2 Rene Cardillac – der „Überverbrecher“
2.3 Olivier Brusson – der unschuldige Verdächtige
2.4 Madame de Scudery – die Detektivin?
2.5 Detektivische Momente bei la Regnie und Miossens

3. Die Künstlerproblematik
3.1 Das Künstlertum Rene Cardillacs
3.2 Das Künstlertum Madame de Scuderis

4. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ erschien erstmals 1819 in dem Almanach „Taschenbuch für das Jahr 1820. Der Liebe und Freundschaft gewidmet“ und war einer seiner größten Erfolge beim Lesepublikum.

Nach Richard Alewyn hat Hoffmann mit dieser Erzählung sogar die erste Detektivgeschichte geschaffen – eine These, die in der germanistischen Forschung ausführlich diskutiert und mehrheitlich bestritten wurde[1]. Einig ist man sich jedoch darüber, daß das „Fräulein von Scuderi“ deutliche Züge der Kriminalerzählung aufweist, in deren Zentrum zwei Künstlerfiguren stehen. Im Folgenden soll untersucht werden, in welchem Maße es sich um eine Kriminalerzählung handelt und in welcher Verbindung diese zu der Künstlerthematik steht. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt hierbei auf den beiden Protagonisten Scuderi und Cardillac, sowohl hinsichtlich ihrer Einordnung in den Kriminalfall als auch in ihrem Künstlertum.

2. Kriminalistische Elemente der Erzählung

2.1 Die Verbrechen und ihr Schauplatz

Schauplatz der Erzählung ist die Stadt Paris, der Untertitel „Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten“ verweist auf die Handlungszeit, welche noch präzisiert wird: „es mochte im Herbste des Jahres 1680 sein“ (H 3).[2]

Die Handlung beginnt wie eine echte Detektivgeschichte mit einem unheimlichen und rätselhaften Vorfall: um Mitternacht klopft ein Unbekannter an die Haustür der Hofdichterin Madame de Scuderi[3], verschafft sich Einlaß und versetzt durch sein bedrohliches Verhalten die Angestellte der Dichterin in Angst und Schrecken; schließlich übergibt er ein geheimnisvolles Kästchen und flieht er vor der nahenden Polizei.

An diese Eingangsszene fügt Hoffmann sogleich eine Beschreibung der Pariser Zustände und erläutert damit die Besorgnisse und den Schrecken der Angestellten der Scuderi über den nächtlichen Besucher: „Gerade zu der Zeit war Paris der Schauplatz der verruchtesten Greueltaten, gerade zu der Zeit bot die teuflischste Erfindung der Hölle die leichtesten Mittel dazu“ (H 8). Dem Gehilfen des deutschen Apothekers Glaser, Exili, gelang die Herstellung eines Giftes, „das ohne Geruch, ohne Geschmack, entweder auf der Stelle oder langsam tötend, durchaus keine Spur im menschlichen Körper zurückläßt [...]“ (H 9). Über den Hauptmann de Sainte Croix gelangt die Marquise de Brinvillier[4] an das Gift, „ein entartetes Weib“ und „Ungeheuer“ (H 9), welche ihre gesamte Familie damit ermordet. Der Leser erfährt, daß „Verbrechen der Art zur unwiderstehlichen Leidenschaft werden“ und „ohne weitern Zweck, aus reiner Lust daran“ verübt werden (H 9), d.h. die Morde entziehen sich sowohl der physischen Nachweisbarkeit als auch der Nachvollziehbarkeit einer psychologischen Motivation. Desgrais, einem Beamten der Marechaussee gelingt es zwar, die Brinvillier durch eine List zu verhaften, doch nach ihrer Hinrichtung beginnt der eigentliche Schrecken – ihre Mordmethode hatte Nachahmer gefunden: „wie ein unsichtbares tückisches Gespenst schlich der Mord sich ein in die engsten Kreise, wie sie Verwandtschaft – Liebe – Freundschaft nur bilden können“, „das grausamste Misstrauen trennte die heiligsten Bande“ (H 11).

Zur Bekämpfung dieser Verbrechen richtet der König eigens einen Gerichtshof ein, die „Chambre ardente“, der la Regnie als Präsident vorsteht. Die Urheberin des Übels wird jedoch wiederum von Desgrais entdeckt: die la Voisin, „ein altes Weib“, das „sich mit Wahrsagen und Geisterbeschwören abgab“ (H 12). Bei ihr wird eine Liste mit den Namen ihrer Kunden gefunden, welche von der Chambre ardente gnadenlos verfolgt werden, auch geachtete Personen hohen Ranges sind davon nicht ausgenommen: „das Tribunal nahm ganz den Charakter der Inquisition an, der geringste Verdacht reichte hin zu strenger Einkerkerung, und oft war es dem Zufall überlassen, die Unschuld des auf den Tod Angeklagten darzutun“ (H 13). Der Präsident la Regnie wird als „von garstigem Ansehen und heimtückischem Wesen“ (ebd.) beschrieben, der mit seinen Methoden ebensolchen Schrecken unter der Bevölkerung verbreitet wie die eigentlichen Verbrecher. „Der Erzähler zeichnet eine Angsthysterie, die sich über die gesamte Stadt Paris verbreitet und sich sowohl aus den Modalitäten der Verbrechen als auch aus der organisatorischen Form der Bekämpfung ergibt“.[5] Der Leser wird hier bereits die Möglichkeiten einer logisch fundierten Verbrechensaufklärung durch die rechtlichen Organe in Frage stellen.

Vor diesem Hintergrund werden nun die, für die Erzählung zentralen Morde geschildert: eine vermeintliche Juwelenbande überfällt nachts Galane auf dem Weg zu ihren Geliebten, tötet sie durch einen gezielten Dolchstich ins Herz und beraubt sie des Schmuckes, den sie als Geschenk bei sich tragen (in einzelnen Fällen ereilt sie nur ein betäubender Faustschlag).

Bei diesem Fall scheint der Scharfsinn des Desgrais zu versagen, verschiedene Methoden scheitern (dazu mehr bei der Beschreibung Cardillacs) und schließlich scheint ihn der Fall an die Grenzen des Rationalen zu führen: nach einer wilden Verfolgungsjagd verschwindet einer der Verbrecher vor Desgrais´ Augen durch eine Mauer, an der sich „keine Spur einer Türe, eines Fensters, einer Öffnung“ befindet (H 16). Desgrais findet keine vernünftige Erklärung für den Vorfall und trifft die Aussage „der Teufel selbst ist es, der uns foppt“ (ebd.) – eine Aussage, die sich unter der Bevölkerung schnell verbreitet und dem existierenden Schrecken eine dämonische Prägung verleiht. Das Unerklärbare findet hier endgültig Einlaß in die Erzählung: „das realistische Zeitkolorit der Erzählung wird für das Dämonische transparent“.[6]

Beendet wird die Mordserie nicht durch die Entdeckung des Täters, sondern durch die Ermordung des angesehenen Goldschmieds Rene Cardillac und der Verhaftung seines Gesellen Olivier Brusson.

2.2 Rene Cardillac – der „Überverbrecher“

Durch seine Ermordung scheint Cardillac zunächst frei von jedem Verdacht zu sein; kurioserweise handelt es sich hierbei aber um die Ermordung des Mörders. Durch das „Bandenmotiv“ wird der Leser eingangs auch auf eine falsche Fährte gesetzt, er vermutet nicht gleich einen Einzeltäter.

Versteckte Hinweise auf seine mögliche Schuld lassen sich schon zu Beginn der Juwelenmorde finden, dies beginnt bereits mit den einführenden Sätzen zu seiner Person: „Rene Cardillac war damals der geschickteste Goldarbeiter in Paris, einer der kunstreichsten und zugleich sonderbarsten Menschen seiner Zeit“ (H 22). Er ist muskulös gebaut und besitz „Kraft und Beweglichkeit eines Jünglings“, eine „Kraft, die ungewöhnlich zu nennen „ (ebd.). Sein dickes, krauses und rotes Haupthaar und die grünen Augen haben etwas diabolisches, und wäre er nicht als Ehrenmann angesehen, „sein ganz besonderer Blick aus kleinen, tiefliegenden und grün funkelnden Augen hätten ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen können“ (ebd.). Der aufmerksame Leser wird aufgrund dieser zwiespältigen Beschreibung vermuten, daß sich hinter der ehrenhaften Fassade des Goldschmiedes mehr verbergen könnte – ein Eindruck, der durch die folgende Beschreibung seines Geschäftsgebarens noch verstärkt wird. Mit unvergleichlicher Kunstfertigkeit kann er selbst minderwertige Steine zu herrlichen Schmuckstücken verarbeiten und nimmt dafür nur eine geringe Bezahlung an. Sobald er den fertigen Schmuck jedoch abliefern soll, wird er „verdrießlich, grob, trotzig“ und weigert sich, den Schmuck herauszugeben. In einem Fall warf er den Kunden sogar eine Treppe hinunter und wünschte ihm, daß der Satan drei Zentner an den Halsschmuck seiner Braut hänge, „damit er [sie] erdroßle!“ (H 25). Dieses gewaltsame Betragen erhält auch wieder eine diabolische Prägung, Cardillac lacht währenddessen „wie der Teufel“ (ebd.).

Manche Personen bittet er sogar „unter Schluchzen und Tränen“ darum, keine Aufträge von ihnen annehmen zu müssen, darunter auch der König.

[...]


[1] Alewyn, Richard: Ursprung des Detektivromans. In: (ders.): Probleme und Gestalten. Frankfurt am Main 1974. S. 341-360

[2] Zitiert wird nach: E.T.A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi. Reclam Stuttgart 1986. Nachfolgend „H“.

[3] Madeleine de Scudery (1607-1701), als Dichterin von Heldenromanen historisch belegt.

[4] Die Figuren der Brinvillier und ihrer Komplizen entstammen einer französischen Sammlung von Kriminal- und Rechtsfällen (Gayot de Pitaval: „Causes célèbres et intéressantes“, 1737ff.).

[5] Conrad, Horst: Die literarische Angst. Das Schreckliche in Schauerromantik und Detektivgeschichte. Düsseldorf 1974. S. 105-113, hier: S. 107

[6] Dohm, Burkhard: Das unwahrscheinliche Wahrscheinliche. Zur Plausibilisierung des Wunderbaren in E.T.A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi. In: DVS 73 (1999).S. 289-318, hier: S. 296.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
E.T.A. Hoffmann: "Das Fräulein von Scuderi" - Kriminalerzählung und Künstlerthematik
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Kriminalerzählungen des 19. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V46978
ISBN (eBook)
9783638440509
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmann, Fräulein, Scuderi, Kriminalerzählung, Künstlerthematik, Kriminalerzählungen, Jahrhunderts, Thema: Das Fräulein von Scuderi
Arbeit zitieren
Sandra Anger (Autor:in), 2003, E.T.A. Hoffmann: "Das Fräulein von Scuderi" - Kriminalerzählung und Künstlerthematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46978

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